Frustration, Resignation und Hoffnung

FrustDieser Artikel erschien am 18.12.2000 beim literaturcafe.de in der Rubrik »Literarisches Leben«Hin und wieder stoße ich darauf und jetzt, in der Umarbeitungsphase meiner beiden Webseiten, musste ich mich entscheiden, wo ich den Artikel archiviere. Die Kategorie »Schreibkolumne« hier im Blog erschien mir am Sinnvollsten. Auf der Webseite des literaturcafés konnte ich den Bericht übrigens nicht mehr finden, dort ist er möglicherweise einer Aufräumaktion zum Opfer gefallen.
Doch obwohl dieser Artikel mehr als 13 Jahre alt ist, trifft die Überschrift noch immer zu, der Inhalt ist an einigen Stellen veraltet. Doch die Kernaussage stimmt.

Frustration, Resignation und Hoffnung

Schon wieder ein Erfahrungsbericht mit wohl formulierten Ratschlägen, der bei Befolgen den sicheren Erfolg verspricht, werden Sie denken. Aber das soll dies hier eigentlich nicht werden, sondern nur mein kleiner persönlicher Erlebnisbericht: Wie bin ich zum Schreiben gekommen? Wie hierher, wo ich derzeit stehe?
Wenn Ihnen etwas davon zusagt, nehmen Sie es für sich an und versuchen Sie es. Ich drücke Ihnen die Daumen. Aber kein Erfahrungsbericht, kein Hinweis, kein Tipp kann immer und auf jeden zutreffend und passend sein. Deshalb müssen Sie sich das für Sie und Ihre Literatur Zutreffende heraus picken. Und auch nur deshalb rede ich im nachfolgenden Text ständig von mir, da es sich bei mir zwar so zugetragen hat und es bei Ihnen ebenso sein kann, aber vielleicht auch anders war oder sein wird. Keine zwei Personen können jemals genau den gleichen Weg einschlagen, um ans Ziel zu gelangen; die Wege unterscheiden sich, weil wir Menschen und unsere Ziele stets unterschiedlich sind. Leider wird das viel zu oft vergessen.

Und was ist überhaupt Erfolg? Wann bin ich am Ziel? Wann ich es bin, werde ich Ihnen gleich erzählen. Wann Sie es sind, müssen Sie mit sich selbst ausmachen!

Mit dem Schreiben begann ich 1993. Nun, Schreiben konnte ich vorher schon, nur das Be-schreiben, der Mut meine Fantasie auszudrücken, fehlte mir noch. Das änderte sich erst, als ich in die King Readers Association Germany, den deutschen Stephen King Fanclub, eintrat. Artikel für das Magazin waren meine ersten Schreibversuche, bis ich dann meine erste Kurzgeschichte – Horror natürlich – verfasste. Und dort begann mein Weg. Denn das Schreiben ließ mich nicht mehr los, verfolgte mich Tag und Nacht. Mein Gehirn produzierte Ideen, an die ich früher nicht einmal im Traum gedacht hatte. Ich ließ es zu, ließ meine Fantasie ihren eigenen Weg suchen und war oft von mir selbst überrascht. Nach zahlreichen weiteren Horror- und Mysterykurzgeschichten begann ich mein erstes Kinderbuch zu schreiben.
Das Interessiert Sie nicht? Sie wollen Tipps? Kommt ja noch!
Mit dem Beginn des Kinderbuches »Die Hobbijahns« verfolgte mich der Wahn, meine Geschichten auch zu veröffentlichen. Zuerst schickte ich meine Gruselstorys an verschiedene Verlage, erhielt aber nur Absagen. Das lag nicht unbedingt an den Geschichten selbst, sondern an deren Aufmachung. Erst ein Jahr später fiel mir auf, wie viele Fehler sich darin eingeschlichen hatten. Doch die Rechtschreibung ist das Kriterium, das der Lektor natürlich genauso beurteilt wie die Geschichte an sich. Ich ärgerte mich über mich selbst. Aber keine Bange, auch Rechtschreibung, Interpunktion etc. werden mit der Zeit wieder besser, auch wenn die Schulzeit schon eine Ewigkeit vorbei zu sein scheint. Ganz fehlerfrei geht es allerdings nie. Das wird jeder Lektor bezeugen können. Selbst nach dem Druck findet der aufmerksame Leser stets noch diverse Fehler. Da der Erfinder diese meist schwieriger entdecken kann, bietet es sich einfach an, einer Person des Vertrauens den Text zur Korrektur zu geben. Dabei erfährt man auch gleich, ob die Story nun Schrott ist, nicht schlecht oder wirklich gut.

Wer keinen PC zu Hause hat, sondern seine Werke mit der Hand schreibt, dem gebührt mein Respekt, aber die Verlage brauchen einen gut lesbaren Ausdruck. Deshalb das Manuskript irgendwo abtippen und die Korrektur nicht vergessen. Die entsprechende Form eines Manuskripts (im Internet auf vielen Literaturseiten zu finden) habe ich mir damals von erklären lassen. Noch heute frage ich ihn um Rat und bin ihm dankbar für seine Erfahrung, die er an mich weitergibt! Anton ist Übersetzter von Dean Koontz, Autor von Perry Rhodan-Geschichten und zahlreicher anderer Bücher und seit Jahren gut im Geschäft. Ich frage lieber einmal mehr, als mich hinterher in den Allerwertesten zu beißen – das gibt immer so schreckliche Verdrehungen im Kreuz. Die Sesamstraße sagt es schon: Wer nicht fragt bleibt dumm! Der Satz, der mich bisher begleitete!
Was hab ich mit den Hobbijahns gemacht? Ich sandte meine Kindernovelle an den Bastei Verlag, da ich den Verlagsleiter durch meine Tätigkeit beim Fanclub kannte. Er ließ den Text – genauso wie die Gruselgeschichten, die ich einfach beilegte – von einer Lektorin prüfen. Die Meinung war gar nicht so übel. Aber auch nicht von Erfolg gekrönt.
Bastei ist eben nicht der richtige Verlag für ein Kinderbuch. Also sandte ich »Die Hobbijahns« an verschiedene Verlage, die ich mir einfach im eigenen Bücherregal raussuchte; Verlage, die Märchen und Kinderbücher heraus brachten. Die Adressen erhielt ich aus dem Frankfurter Buchmesseführer, der mir heute noch hilfreich zur Seite steht. Lediglich ein kleiner aber bekannter Verlag schrieb mir zurück, dass sie »Die Hobbijahns« prüfen würden. Ich wartete Monate ab, fragte mal nach, schrieb weiter und ließ der Zeit alle Ruhe, die sie brauchte. Als ich dann über den Verein »2a« in der Zeitung las, einen gemeinnützigen Verein freier Autoren, die ihre Erfahrungen an »Neulinge« weitergeben, erkundigte ich mich dort, wie lange man normalerweise auf sein Manuskript warten muss. Nach nur kurzer Zeit erhielt ich die freundliche Antwort, dass 1 1/2 Jahre – die in der Zwischenzeit verstrichen waren -, auf jeden Fall zu lang seien. Ich sah das auch so, wollte aber auch nicht Gefahr laufen, meine erste Veröffentlichung zu verpatzen. Denn ich wusste da bereits, dass verschiedene Lektoren des Verlages das Buch gelesen und für gut befanden hatten, aber die Verlagsleiterin noch ihr Okay darunter setzen musste. Machte sie aber nicht, da sie ständig im Urlaub war. Also setzte ich eine Frist und bat um Rücksendung meines Manuskriptes. Das erhielt ich dann auch prompt zurück. Schade, ein Fluss kreuzte meinen Weg den ich überspringen musste. Ich war oft gefrustet, wollte alles schmeißen, schimpfte, weinte, motzte, aber der Drang, die Sucht nach dem Schreiben hat mich immer wieder zurück an den Schreibtisch gebracht. Ich kann nicht ohne sein. Und vielleicht ist das eine wichtige Voraussetzung, um sein Ziel immer vor Augen haben zu können, und – trotz Tiefen – weiter zu machen, Berge zu bewältigen, Täler zu durchqueren, nach Brücken und Hilfen zu suchen.
Ich habe weiter gemacht, eine Kindergeschichte nach der anderen geschrieben, einen Krimi, Thriller, Mystery, Gedichte. Eben alles was raus musste. Einseitigkeit ist nicht meine Tugend. 1998 erreichte ich dann eine erste kleine Lichtung: Meine Story »Begegnung besonderer Art« wurde von Bastei als Horror-Story der Woche in der John Sinclair-Gruselserie von Jason Dark abgedruckt. Ich hab mich ein wenig gefreut, aber da damals viele Leute aus meinem Bekanntenkreis, dort veröffentlichten, war es nicht das Besondere, schien es mir mehr die Suche nach dem Neuen von Seiten des Verlages zu sein. Und dann kam ich vor eine Hürde, die mich lange, lange begleitete und noch heute neben mir thront. Der Bastei-Verlag suchte tatsächlich nach neuen Talenten, und ich schickte einen Text für eine Mystery-Serie hin. Der Text wäre gut, wenn auch für diese Reihe nicht ganz passend. Das Problem war, dass ich kein Exposé verfassen konnte. Ich schreibe nämlich aus dem Bauch heraus und lasse meine Protagonisten mit mir spielen, nicht umgekehrt. Damals konnte ich überhaupt keine knappen Inhaltsangaben verfassen. Heute versuche ich es, weil es gewünscht wird. Und doch bemerke ich immer wieder, wie oft ich diesen Entwurf verändern muss, damit er zu der Geschichte – dem Roman – passt. Zeitverschwendung, aber leider eine, die für die Verlage wichtig und nachvollziehbar ist. Das sehe ich ein und deshalb muss ich mich in dieser Hinsicht fügen.
Frustration brach über mich herein. Ich zweifelte an mir und meiner Arbeitsweise. Aber ich machte weiter!
Uwe Anton war es dann, der mich um eine Kurzgeschichte für eine Anthologie seines Freundes Ronald M. Hahn bat. Ich überarbeitete eine meiner Horrorstorys noch einmal und schickte sie ihm. Herr Hahn lehnte sie aber ab, mit der Begründung, sie passe nicht in die Anthologie, fügte jedoch hinzu, dass ich Talent hätte. Da war er wieder – der auftreibende Wind. Danke. Nach einer Flaute kommt immer ein Böe auf, auch wenn es nur ein Hauch ist.
Wie ich dahin gekommen bin, wo ich derzeit stehe, kann ich kaum sagen. Doch wo stehe ich eigentlich? Ein winziger Stern im Himmel der Literatur, ein bisschen funkelnd und langsam wachsend, weil ich kämpfe, weitergehe, auch wenn es die Verlage einem nicht immer leicht machen. Gerade die Kinderbuchverlage stellten und stellen sich mit meinen Geschichten quer, wollen keine Spinnen, Fledermäuse und Wesen, die eben nicht der Norm entsprechen. Aber genau das ist es, was ich schreiben möchte. Und so erhielt ich – nach vielen Gesprächen mit Lektoren – Absagen, weil ich mich nicht fügen wollte, weil ich mir jeden Morgen im Spiegel freundlich »Hallo« sagen und mir nicht die Augen zuhalten wollte nur um etwas veröffentlicht zu haben. Weil ich eben ich bleiben wollte und das, was ich schreibe, mich mit mir verbindet. Auf die Frage eine Lektorin eines großen Kinderbuchverlages, ob ich eine Geschichte über einen Teddybär schreiben könnte, antwortete ich: »Ja, ich kann über alles schreiben, was Sie mir sagen, aber mein Teddy hätte ein Auge verloren und den Arm an nur einem Faden locker herabhängend. Die Wolle könnte ihm aus dem Bauch quellen – und dennoch wäre es ein Teddy, der Trost und Wärme spendet. Ich erhielt eine Absage.
Schließlich, im Sommer 1999, überschlugen sich die Ereignisse, als ich Marcel Feige bei »Das große Lexikon über Stephen King« helfen durfte. Das Schreiben klappte besser, veränderte sich, wurde zügiger, die Worte formten sich leichter, die Sätze flossen. Aber nicht bei der Sekundärliteratur des Lexikons (denn das war Neuland, aber eine gute Erfahrung), sondern bei meinen Geschichten, und da wusste ich, was ich wollte, was ich kann. Ich spürte es einfach. Dann folgten in diesem Jahr mehrere Winde in Form von Veröffentlichungen, um mir weiteren Auftrieb zu geben und mich über den Fluss zu tragen. Und es geht weiter. Und das ist mein Ziel: Mich weiter tragen zu lassen, egal wohin der Wind weht, möge er nur nicht mehr aufhören und mich über die Hürden bringen, die ein Autor zu überwinden hat. Und wenn es doch mal eine Flaute gibt, dann gehe ich eben zu Fuß. Denn Schreiben und Veröffentlichen, das ist meine Leidenschaft, um meine Geschichten weiterzugeben, damit sie euch und Ihnen gefallen, unterhalten oder zum Nachdenken anregen, das ist mein größter Wunsch und mein Bestreben.

© Nicole Rensmann, 15.12.2000

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