Interview: Märchen & Fantasie, April 2003

geführt von Michael Borlik im April 2003

Michael Borlik: Liebe Nicole, würdest Du uns bitte etwas über Deine Person erzählen.

Nicole Rensmann: Im April diesen Jahres werde ich 33 Jahre alt. Ich bin verheiratet – zum zweiten Mal. Ich habe zwei Kinder (10 und 4 Jahre alt) und zwei Kater, Moritz und Stoker (genau… nach dem guten alten Bram). Mit meiner Familie lebe ich in einem alten Jugendstilhaus in Remscheid und da kommen wir auch schon zu meinen Vorlieben: Ich liebe alte Häuser, Stuck und Fachwerk, antike Möbel, knorrige Bäume, Kerzenschein und Aromadüfte. Ich mag Pflanzen, Bücher, Bilder von Hans Werner Sahm, gute Gespräche.

Michael Borlik: Was bedeutet Dir Deine Arbeit als Autorin und wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Nicole Rensmann: Schreiben ist der Sauerstoff eines Schriftstellers; es ist die Droge, das tägliche Brot, der Atem, das Blut, der Herzschlag! Schreiben ist Leben – mein Leben!
Wie ich zum Schreiben gekommen bin, ergibt sich aus der nächsten Antwort.

Michael Borlik: Gab es Vorbilder, die Dich in Deinem Schreiben beeinflusst haben?

Nicole Rensmann: Vor einigen Tagen sah ich einen kurzen Filmausschnitt, bei dem Richard Thomas mitspielte, der vor Jahren John Boy Walton verkörperte. Vielleicht erinnern sich manche noch an ihn. Nun ja, in diesem Moment sprudelten Erinnerungen hoch: John Boy Walton – ich bewunderte diesen Menschen, wie er allein in seinem Kämmerlein saß, mit einem wunderbaren Ausblick aus dem Fenster, und seine Geschichten mit der Hand schrieb. Irgendwann bekam er in der Serie eine Schreibmaschine geschenkt. John Boy, der Schriftsteller. Wahnsinn! John Boy war mein erstes Vorbild, wenn man es so sieht. Danach folgte Wolfgang Ecke, von dem ich alle Bücher verschlungen habe. „Das willst du auch können!“, dachte ich bei mir. Aber dieser Wunsch wurde von meinem Minderwertigkeitsgefühl in den Keller geschickt. Dann begegneten mir Stephen King und die KRAG (King Readers Association Germany), und das, was sich im Keller über einige Jahre hinweg entwickeln konnte, kroch nun schwerfällig die Stufen hinauf, fest an die Wand gedrückt, zuckte ab und an ängstlich zusammen, zögerte, um sich dann weiter ans Licht zu kämpfen. Selbstbewusstsein und Fantasie waren es, die da zum Vorschein kamen. Am Tageslicht und aufgrund der Mitarbeit des Fanclubs KRAG, den ich später dann führte, hat sich beides recht gut entwickelt und ist nun nicht mehr aufzuhalten. Okay… das Selbstbewusstsein sitzt am Treppenaufgang, schaut mal ins Licht, mal ins Dunkel. Aber die Fantasie sprüht um sich, wächst und wächst. Nach diesem Spurt aus dem Keller hat sich mein Leben privat, wie beruflich und meine innere Einstellung sehr verändert. Das war 1993, als ich endlich zu mir gefunden habe. Es gab dann noch mal ein paar Einbrüche, aber das Gefühl, endlich eine Station weiter gekommen zu sein, war so stark wie nie zuvor.

Michael Borlik: Was für Bücher schreibst Du? Und erzähle uns doch bitte von Deinem neuesten Buch!

Nicole Rensmann: In der Remscheider Presse bin ich die Kinderbuchautorin. In der Tat schreibe ich Bücher und Geschichten für Kinder. Genauso aber auch für Erwachsene. Meist schreibe ich über Randgruppen, dies aber eher unbewusst. Allerdings finde ich „typische“ Randgruppen oder Menschen, die eben anders aussehen, anders leben (müssen), anders denken, sehr interessant und bewundernswert, was vermutlich der Grund ist, warum ich sie zu meinen Protagonisten mache. Die Geschichten für Kinder handeln von den von mir erfundenen Fabelwesen, wie die Staubfee oder das Teufelsmädchen Luzifee, die Hobbijahns oder die Wollmonsterchen.
Für Erwachsene schreibe ich das, was mir gerade in den Sinn kommt, so ist Satire dabei, Lyrik, vermehrt aber Mystery, Horror und Fantasy. Seltener allerdings schreibe ich im Science-Fiction-Genre, wenn auch in meinem neuesten Roman der Kontakt mit der Zukunft die Kerngeschichte ist. Con Anima erscheint demnächst beim WebSiteVerlag. In diesem Roman begleitet der Leser eine Seele durch Parallelwelten. Diese Seele sucht sich die unterschiedlichsten Verkörperungen aus, wie z.B. einen alten Geschichtenerzähler oder einen Computer – der so genannte V-Brainer, um zu einem bestimmten Punkt in seinem Leben zurückzugelangen. Im Grunde handelt das Buch von Reinkarnation, für die Esoteriker und Nachdenklichen. Es geht um Liebe, für die Romantiker unter uns, und um Zukunftsvisionen, wer auf Science Fiction steht. Die Handlung befindet sich mal im 2. Weltkrieg für die Geschichtsliebhaber und natürlich in der Gegenwart zwischen dir und mir und uns. All das macht Con Anima zu einem meiner besten Geschichten (zumindest behaupten das einige), allerdings hat genau diese Vielseitigkeit den großen Verlagen Probleme bereitet. So hat mir der Heyne-Verlag tatsächlich Begeisterung für das Buch entgegengebracht, aber die zuständige Lektorin fand kein Regal, in das Con Anima passte. Das Problem ist ja allgemein bekannt. Und somit erscheint der Roman, worüber ich sehr froh bin, nun bei dem kleineren, aber sehr kritischen Web-Site-Verlag. Vorbestellungen nimmt der Verlag entgegen, signierte Exemplare können direkt bei mir bestellt werden. Ende des Werbeblocks.

Michael Borlik: Wenn Du eine neue Erzählung beginnst, wie gehst Du vor? Kannst Du direkt drauf losschreiben oder erstellst Du zunächst ein Konzept?

Nicole Rensmann: Das ist unterschiedlich. Eine Kurzgeschichte habe ich in der Regel im Kopf, die ich dann „mal eben“ runterschreibe. Bei einem Buch ist es langwieriger. Die Idee entsteht. Ich kritzle sie irgendwohin… Zeitungspapier, Tempo, Schmierzettel, manchmal auf die Hand, Hauptsache schon mal aus dem Kopf, damit dort der Reifeprozess beginnen kann. Manchmal dauert es nur wenige Stunden, es können aber auch Tage oder Wochen vergehen, bis ich die Geschichte in Angriff nehme. Ich bin kein Freund von Exposees. Natürlich mache ich mir Notizen während der Entstehung eines Buches, aber an ein vorgefertigtes Schema halte ich mich nicht. Ich brauche Spielraum in den Geschichten, in denen sich meine Ideen entwickeln können, in denen die Hauptakteure ihre Rollen nach und nach selbst bestimmen und sich eins zum anderen fügt, was das Schreiben – meiner Meinung nach – noch spannender macht.

Michael Borlik: Verrätst Du uns etwas über Dein aktuelles Projekt, an dem Du arbeitest? Und welche Pläne Du für die Zukunft hast?

Nicole Rensmann: Ich arbeite derzeit an mehreren Projekten parallel. Zum einen an einem Roman mit dem Arbeitstitel „Die Widmung“. Diesen begann ich bereits vor zwei Jahren, aber die Arbeit daran musste zwischendurch einige Zeit ruhen. Die lange Zeitspanne entstand aus mehreren Gründen. Die Veröffentlichung des Kinderbuches „Die Staubfee“ kam dazwischen, das ich dafür unbedingt noch einmal überarbeiten wollte. Ebenso gab es ein paar Änderungsvorschläge zu „Con Anima“ seitens des Verlages. Vor allem aber ist „Die Widmung“ sehr Recherche aufwendig. Eine der Hauptrollen wird von einem blinden Mädchen besetzt. Um ihr Leben realistisch darstellen zu können, habe ich mich längere Zeit mit blinden Menschen, darunter auch einige Autoren, unterhalten. Außerdem führte mich „Die Widmung“ in eine Welt der neuen Magie, der Götter und Hexen, in der es viel zu lesen und zu entdecken gab und noch gibt. Nebenbei sitze ich an einem Sachbuch über natürliche Heilkunde. Das macht sehr viel Spaß und ist eine willkommene Abwechslung.
Außerdem bereite ich diverse Interviews vor, die für das Magazin phantastisch! geplant sind. Darunter eines mit Alisha Bionda, eine sehr nette, geheimnisumwobene Frau. Nicht minder geheimnisvoll, aber schwieriger zu kontaktieren ist der amerikanische Autor Dean Koontz, den ich ebenso interviewen möchte. Ob es mir gelingt, ihn dafür zu gewinnen, weiß ich noch nicht. Aber ich habe auch diese Station vor Augen.

Wenn „Die Widmung“ und das Sachbuch fertig gestellt sind, werde ich wohl – während ich natürlich wieder auf Verlagssuche gehe -, entweder an „Luzifee und der Weihnachtsmann“ weiter schreiben – eine Kindergeschichte, als Fortsetzung zu „Luzifee sucht den Weihnachtsmann“ – oder „Mira und der Zuckerzauber“, eine Fantasygeschichte über ein mit Diabetes Typ 1 lebendes Kind, oder aber mit der Geschichte meines Vaters, der als kleines Kind ohne Eltern aus Polen flüchtete, fortfahren. Oder aber… irgendwas ganz Anderes, was plötzlich angeflogen kommt oder sich vor mir aufbaut. Ich bin für alles offen!

Michael Borlik: Gäbe es ein Genre, in welchem Du bisher noch nichts geschrieben hast, in dem Du Dich aber einmal gerne versuchen würdest?

Nicole Rensmann: Wenn ich etwas möchte, dann versuche ich es auch. Allerdings liegt mir persönlich weniger die Region Western, Krimi, Liebesstory und auch nicht die klassische Science Fiction, obwohl es in Con Anima ein Kapitel gibt, das in der weit entfernten Zukunft spielt: eine Ausnahme, die mir zwar Spaß gemacht hat und mir – wie ich denke – auch geglückt ist. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, in diesem Genre intensiver zu arbeiten. Das Problem für mich persönlich liegt darin, dass ich in den meisten SF-Büchern oder Filmen keine Phantasie sehe, sondern Realität, die eines Tages auf uns zukommen wird. Fans und Autoren aus diesem Genre wissen vermutlich, was ich meine. Alle Anderen werden jetzt laut stöhnen. Aber… ihr werdet schon sehen, oder eure Kinder. 😉 Viele Science-Fiction-Autoren halte ich für eine Art Wahrsager. Und dies darf durchaus als Kompliment gesehen werden!

Michael Borlik: Welche Tipps würdest Du anderen geben, die gerne Autor/Autorin werden wollen? Gibt es da eine Strategie?

Nicole Rensmann: Intensives Arbeiten an sich und seinen Werken, immer und immer wieder. Die Hoffnung nicht aufgeben, die Stationen vor Augen halten und diese anvisieren, nicht nur geradeaus gehen, sondern auch mal nach rechts und links, nach oben und unten schauen und offen für alles Neue sein. Und… nicht über Leichen gehen, denn das wird sich eines Tages rächen.

Michael Borlik: Welche Erfahrungen hast Du mit Verlagen gemacht? Hast Du Ratschläge, wie man mit seinem Manuskript am besten an einen Verlag herantritt?

Nicole Rensmann: Positive, wie negative. Mit manchen Verlagen kam es zu interessanten und wichtigen Gesprächen, aber nicht zu Veröffentlichungen. Ratschläge zu geben ist immer sehr schwer. Zumal ich ja (bisher) bei kleinen Verlagen veröffentlicht habe und keiner der alten Hasen bin. Allerdings kann ich sagen: NIEMALS etwas dazuzahlen, weder bei einem Agenten, noch bei einem Verlag. Du bist der Autor, dies ist dein Job, du willst für den Job bezahlt werden, d.h. aber nicht, dass man sein Werk, so wie es ist, verkauft bekommt. Verlage sehen die Manuskripte mit anderen Augen als der Autor und das ist – bis zu einem gewissen Punkt – gut so. Natürlich gibt es noch die Publikations-Möglichkeit des Selbstverlages oder BOD. Den Weg, den der Autor mit seinem Werk gehen will, muss er für sich selbst finden. Viele Tipps gibt Sandra Uschtrin auf ihrer Website (www.uschtrin.de), genauso wie das autorenforum.de in The Tempest und natürlich viele weitere Literaturseiten im Internet. Eins aber muss klar sein: Wer vom Schreiben leben will, der muss mehr als hart arbeiten. J. K. Rowling ist kein Vorbild, sondern eine merkwürdig-reale Illusion. Wir leben hier in Deutschland, das Leben ist hart, Künstler zu sein erst recht. Es gibt wenige Autoren, die tatsächlich „nur“ vom Schreiben leben. Wer von Reichtum und Ruhm träumt, sollte kein Schriftsteller werden.

Michael Borlik: Welche Bücher liest Du selbst gerne?

Nicole Rensmann: Alle… wenn ich den ganzen Tag lang nur Zeit zum Lesen hätte, so aber konzentriere ich mich nach wie vor auf Dean Koontz und Stephen King, lese intensiv viele und zahlreiche Sachbücher, oft aus Recherchegründen, doch da ich in der Regel nur über Themen schreibe, die mich selbst interessieren, ist auch dies erholsam. Ansonsten Bücher der neuen deutschen Autoren aus den Kleinverlagen, Märchen, Gedichte, Phantastische Kurzgeschichten, sehr gern lese ich auch Interviews, allerdings nicht meine eigenen.

Michael Borlik: Liebe Nicole, vielen Dank für dieses Interview. Ich wünsche Dir auch weiterhin viel Erfolg bei Deinem Schreiben!

Nicole Rensmann: Ich danke dir, Michael, und wünsche dir ebenfalls für deine Projekte alles Gute!

Nachtrag zum Interview: Der Roman »Con Anima«, wie oben vorgestellt, erschien letztendlich nicht im Web-Site-Verlag, sondern unter dem Titel »Anam Cara –Seelenfreund« beim Atlantis-Verlag und wurde mehrfach ausgezeichnet.

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