Ich schäme mich

Ja, ich schäme mich. Alles redet davon, dass Deutschland zusammen wächst, Fußball das geschafft hat, woran die Politiker seit Jahren arbeiten, alle sind nett zueinander und alle haben sich lieb. Mädchen und Frauen tragen in diesen Tagen deutsche Fahnen als Wickelröcke oder Bikini-Oberteil. Das Make-up kennt nur einen Farbton: Schwarz-rot-gelb. Die männliche Fraktion läuft mit National-T-Shirts herum oder tragen Schirmmützen mit dem Logo des Monats darauf: Die deutsche Flagge.

Nur ich, ich appelliere für mehr Verantwortungsbewusstsein bei den Jubelfahrten, sehe hinter den Spielen eine breit grinsende Macht, Verschwörungstheorien geistern durch meinen Kopf. Mein Enthusiasmus beschränkt sich auf ein müdes Lächeln, wenn die deutsche Nationalelf ein Tor schießt und darauf den „Wir-sind-Deutschland“-Korso zu betrachten, zu kritisieren und auch ein kleines bisschen mich daran zu erfreuen. Aber dieser Jubeltaumel der durchs Land zieht, den empfinde ich nicht.

Im Gegenteil sehe ich die Spiele nüchtern. Deutschland hat noch nicht gewonnen, steht im Achtelfinale – immerhin, doch nur. Und was geschieht nach der WM? Das Make-up wird abgewaschen, Fahnen, Mützen, T-Shirts landen im Müll oder werden auf ebay versteigert. Wer sich ein Autogramm ergattern konnte, hat dann vielleicht noch Chancen auf einen nachträglichen Freudentaumel.

Wird das Nationalgefühl in wenigen Wochen mit dem Schrei des Gewinnerlandes sterben?

Ich fürchte es. Und dafür schäme ich mich.

Mach es wie die Gebrüder Grimm: Erzähl es weiter.

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