Interview Andreas Bull-Hansen 2003

Ebenfalls erschien in der 12. Ausgabe (4/2003) des Magazins phantastisch! ein sechsseitiges Interview mit Andreas Bull-Hansen. Später traf ich den Autor per Zufall auf der Buchmesse und vor Überraschung vergaß ich mein gesamtes englisches Vokabular. Am selben Tag besuchte ich seine Lesung, die er in Englisch auf dem BuchmesseCon abhielt.

Die Kunst eines Awenyddion – eines inspirierten Menschen

Interview mit Andreas Bull-Hansen vom Juni 2003 von Nicole Rensmann

Der am 18. August 1972 in Oslo geborene, norwegische Autor (B)rian Andreas Bull-Hansen zählt zu den erfolgreichsten Fantasy-Autoren und eroberte mit seiner Nordland-Saga innerhalb kürzester Zeit die Bestsellerlisten seines Heimatlandes. Sein Erstlingswerk »Sieben Geschichten aus dem Westwald« gilt in Norwegen als Kultbuch. Er begann mit vierzehn Jahren aktiv Gewichte zu heben, was ihn von 1993 bis 1995 in die Nationalmannschaft brachte. In dieser Zeit erlangte er fünf Rekorde, gewann mehrere Goldmedaillen und erreichte Bestplatzierungen bei Welt – und Europameisterschaften. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und schrieb nebenbei seine ersten Geschichten. Am 22. Dezember 1995 wurde seine sportliche Karriere durch einen schweren Autounfall gestoppt. Ein Wink des Schicksals, so scheint es, denn nun beschäftigte er sich intensiv mit seinen eigenen Welten – und das mit Erfolg.

In Deutschland erschienen bei Blanvalet/Goldmann die ersten drei Teile der derzeit sechsbändigen Nordland-Saga. Der vierte Band folgt im Januar 2004, der Fünfte ist für Herbst nächsten Jahres geplant, der letzte dann voraussichtlich Anfang 2005.

Manche sagenhaften Helden, Orte oder Sagen der keltischen und altnordischen Mythologie finden sich in seinen Erzählungen wieder und erhalten einen Platz in Andreas Bull-Hansens eigener Welt, die er mithilfe eines Storytellers – Karain, dem Krallenfinger und der Hauptfigur der Saga – dem Leser präsentiert.

Auf die ihm häufig gestellte Frage, was er macht, wenn er nicht schreibt, antwortete er: »Ich glaube, ein Schriftsteller muss leben, bevor er schreiben kann. Ich finde, man muss möglichst vieles von dem, worüber man schreibt, erlebt haben.[…]«
Demnach muss sein Leben ausgefüllt sein von Abenteuern und Gefahr – nichts Anderes schildern die Bücher der Nordland-Saga. Und wer die dreisprachige Website des Autors studiert oder das Interview liest, wird merken, dass zwischen Autor und Karain eine enge Verbindung besteht. Seine Begeisterung zum Segeln und dem Meer bringt der äußerlich wie ein durchtrainierter Wikinger aussehende, jedoch innerlich eher nachdenklich und weise scheinende Mensch detailgetreu mit ein.
Andreas Bull-Hansen versteht es mit dem ersten Teil der Saga »Die Tränen des Drachen«, den Leser in eine Welt fernab von unserer Zeit zu ziehen. Er lässt uns leiden und mitkämpfen, bereitet uns eine Gänsehaut und trotz der schnellen Handlung fühlen wir uns, als seien wir ein Teil der Geschichte geworden – so, als säßen wir in der Felsenburg bei Krallenfinger am Feuer und lauschten gespannt seinen Worten, wenn er von seiner Jugend und seinen Erlebnissen erzählt:

Karain lebt mit seinen Eltern und den jüngeren Brüdern Mira und Arga in Krugant, einem kleinen Ort am Meer. Dort wird er aufgrund seines fremden Aussehens – sein Gesicht ist mit Fell bedeckt, und anstatt Hände besitzt er jeweils drei Krallen – gehänselt. Als ein Gerücht über Dämonen den Ort heimsucht, glauben die Bewohner in Karain einen dieser mordenden Dämonen zu erkennen.

Um dem Tod zu entgehen, muss der dreizehnjährige Karain flüchten. Im Westwald trifft er auf die Waldgeister Loke, Bile, Vile und Bul, die ihn in ihre Mitte aufnehmen und mit ihm gemeinsam die rote runde Wurzel suchen, mit der sie ihren Häuptling Gamle – der sich mit Pilzen übersättigt hat – retten müssen. Denn ohne die Fähigkeiten Gamles kann der Frühling nicht einziehen und die mystische Welt müsste auf ewig unter Eis und Schnee begraben werden. Ein entscheidender Einbruch in Karains Leben ist das Mädchen Kirgit, das er auf dem Scheiterhaufen – auf dem sie alle verbrannt werden sollen – trifft. Aufgrund seiner seherischen Fähigkeiten sieht Gamle die Gefahr und lässt die Sechs mit einer Schar unzähliger Vögel, die in Karain mehr als einen Menschen sehen, aus den Flammen retten.
Nun beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, gegen den Winter und menschlichere Gegner. Das Buch endet traurig, aber mit einer neuen Aufgabe – der Flucht des Felsenvolks – nicht endgültig.

Der zweite Band »Brans Reise« knüpft an den ersten Teil an und schildert ohne Romantik die anstrengende Reise des Volkes, das zuerst am Meer eine neue Heimat findet, jedoch nach dem Tod des alten Häuptlings von dem jungen Bran – aufgrund einer Vision – über das Meer geführt werden soll.

Mit Bran findet eine große Sagengestalt der keltischen Mythologie die Hauptrolle in Andreas Bull-Hansens Geschichten. Bran ist der Held der berühmtesten Seereiseabenteuer und ein keltischer Heldengott, sowie Beschützer der Barden und als Erfinder der Ogham-Schriftzeichen verehrt.

Gemeinsam – wenn auch nicht ohne Verluste – gelingt es dem Felsenvolk schließlich, ihr neues Ziel und somit eine neue Heimat – Tirga – zu erreichen.

Wo Bran im dritten Band »Das verheißenen Land« endlich die Nichte der Skergen von Tirga heiratet, nachdem er einen schweren Kampf an der Seite der Tirgas gegen die Vandaren führen musste. Doch Bran findet keinen Frieden in den Armen seiner geliebten Tir. Wieder sind es seine Träume die ihn zwingen mit seinem Volk aufzubrechen. Ihr Weg führt sie über das Meer nach Westen, ans Ende der Welt – wo wir sie zunächst allein lassen und uns in der Zwischenzeit dem Menschen und Autoren Andreas Bull-Hansen widmen:

Andreas, bitte erzähle den deutschen Lesern und Fans ein wenig über dich.

Ich glaube, ich bin eine von diesen Personen, die nicht gut Urlaub machen können. Es scheint, als beschäftige mich ständig eine Idee oder Geschichte. Für mich ist das Schreiben das Aufregendste, was ich vollbringen kann. Was natürlich bedeutet, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, da ich mit meiner Leidenschaft meinen Lebensunterhalt verdiene.

Außerdem bin ich schon immer ein Beobachter gewesen. Ich weiß, dass dies bereits in meiner Kindheit begann, als ich von den anderen Kindern ausgegrenzt wurde und mich auf meine Gabe verlassen musste, zu beobachten, zu träumen und meine eigene Semi-Realität zu kreieren, nur um mit der Einsamkeit fertig zu werden.

Du bist viele Jahre als Gewichtheber in der Welt umher gereist. Schließlich musstest du den Sport wegen eines Unfalls aufgeben. Vermisst du diese aktive Herausforderung?

Ja, ich vermisse meine Jahre als Gewichtheber. Ich vermisse den Wettbewerb, das Training und die persönliche Herausforderung. Ich vermisse es, schmerzfrei zu sein. Nach dem Unfall haben sich so viele Dinge verändert. Aber es ist zwecklos zurückzublicken. Es ist unsere Pflicht als menschliche Wesen, das Beste aus dem uns geschenkten Leben zu machen.

Durch diese Reisen hast du viele Länder kennen gelernt. Welches davon könntest du dir als Wahlheimat vorstellen?

Das ist eine schwierige Frage. Schottland wird stets einen besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen, aber ich liebe ebenso die Inseln vor der Westküste Schwedens. Ich bin ein Meer-Mensch, also fühle ich mich überall dort zuhause, wo ich segeln oder mich am Ozean aufhalten kann.

Im Mai 2003 befandest du dich in Deutschland – u. a. in Hamburg, Freiburg und Berlin. Wie hat dir das Land, wie haben dir die deutschen Fans gefallen? Gibt es aus dieser Zeit ein besonderes, für dich einprägsames Erlebnis, das Platz in einem deiner nächsten Romane finden könnte?

Ich bin noch nicht besonders viel in Deutschland herumgereist, aber das, was ich bisher gesehen habe, war so faszinierend, dass ich in ein paar Monaten zurückkehren werde. In einem globalen Kontext gesehen, sind sich Norwegen und Deutschland einerseits sehr ähnlich, unterscheiden sich aber andererseits stark voneinander. Besonders fasziniert haben mich das nördliche Küstenland und der Schwarzwald, aber auch die Art, wie eure großen Flüsse – die in Norwegen bekanntermaßen nicht anzutreffen sind – die Landschaft geformt haben. Flüsse sind wahrlich aufregend, und deshalb tendiere ich auch dazu, sie immer wieder in meine Bücher mit einzubauen. Und natürlich ist die deutsche Höflich- und Freundlichkeit sehr wertvoll für jeden Fremden.

Was meinen nächsten Roman angeht, kann ich nicht viel preisgeben. Ich kann nur sagen, dass ich Recherchen in der Gegend um Rostock angestellt und meine Schuhe halb durchgelaufen habe, als ich zwischen diesen alten Gebäuden entlang des Flusses herwanderte.

Wann hast du mit dem Schreiben begonnen? Gab es einen Autor, der dich beeinflusst hat?

Mit 19 begann ich mit der Arbeit an meinem ersten Roman. Ich kann mich nicht daran erinnern, von irgendjemandem beeinflusst worden zu sein, ich verspürte lediglich diesen Drang, all die Ideen und Bilder niederzuschreiben, die während des Großteils meiner Kindheit und Jugend in meinem Kopf herumschwirrten. Das Schreiben begann als Hobby, etwas, womit ich mir die frühen Morgenstunden vertrieb, bevor meine Wirtschaftsvorlesungen begannen. Aber nach ein paar Jahren wurde es immer wichtiger für mich und erforderte mehr Zeit. Mein erstes Buch wurde kurz nach dem Ende meines Studiums veröffentlicht, nachdem mich der Autounfall dazu zwang, einige ernsthafte Entscheidungen darüber zu treffen, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Das war 1996, und ich war soeben 24 geworden. In Norwegen werde ich wiederholt mit der Tatsache konfrontiert, dass ich sehr jung war als mein erstes Buch veröffentlicht wurde, aber die meisten Menschen bedenken nicht, dass ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung meines Debütromans bereits über sechs Jahre damit beschäftigt war, meine eigenen Fantasywelten zu erschaffen.

Wie gestaltest du deinen Schreiballtag? Hältst du dich an ein festes Schreibschema? Schreibst du die Geschichten auf dem Computer?

Ich schreibe so um die vier bis fünf Seiten am Tag, und ja, auf dem Computer. Normalerweise beginne ich so um acht Uhr morgens, und es ähnelt mehr einem Traum als wirklicher Arbeit. Ich verlasse die reale Welt und werde ein Teil meiner Charaktere. Das ist ein tolles Gefühl, aber das Schreiben kann dadurch auch erheblich erschwert werden. Wie dem auch sei, habe ich keine andere Chance. Es erscheint mir so, als leben die Charaktere ihr Leben und treffen ihre eigenen Entscheidungen; und ich schreibe nur auf, was ich sehe.

Und wie oft überarbeitest du dann das Manuskript?

Normalerweise überarbeite und ergänze ich das Manuskript insgesamt zwanzig bis dreißig Mal.

Laut deiner Website liegen bisher acht Bücher in deiner Muttersprache vor und drei in Deutsch. Hast du noch weitere Geschichten veröffentlicht oder ist eine Kooperation mit einem anderen fremdsprachigen Verlag geplant?

Nun, da sind natürlich die Texte, die ich für meine Band »Gate of Kargath« schreibe. Wir haben bisher noch kein Album veröffentlicht, weil wir auf ein gutes Label und einen guten Vertrag warten, deshalb müssten diese Lyrics natürlich als unveröffentlicht gelten. Ich habe im Ausland noch keine Bücher herausgebracht, die zuvor nicht schon in Norwegen veröffentlicht wurden, aber sollte ein fremdländischer Verleger mich bitten, direkt für eine Übersetzung zu schreiben, hätte ich damit auch keine Probleme.

Welchen Part übernimmst du in der Band? In welche Musikrichtung lässt sich »Gate of Kargath« einordnen?

»Gate of Kargath« ist für mich eine anderer Weg meine Geschichten an die Leute zu bringen. Ich bin der Sänger (und natürlich schreibe ich die Texte), der Gitarrist komponiert den Großteil der Stücke, obwohl die eigentlichen Melodien stets in Gruppenarbeit entstehen.
Der Name der Band stammt von einem Ort aus meinen Büchern ab. Mit mir sind wir zu viert. Wir spielen Doom Metal mit einem nordischen Touch.

Deine erfolgreiche Nordland-Saga beinhaltet sechs Bände. Wird es noch weitere Folgen geben?

Momentan arbeite ich an einem neuen Roman mit anderem Thema. Aber mir ist, als höre ich die Charaktere der Nordland Saga täglich rufen und meine Rückkehr fordern. Ich weiß nicht, wie viele Teile es geben wird, aber ich habe das Gefühl, dass es diesmal bei meiner Rückkehr eine andere Herausforderung für mich und die Charaktere geben wird. Möglicherweise ein neuer Mehrteiler mit demselben Hintergrund.

Bitte erzähle uns etwas mehr über diese Saga!

Ich weiß wirklich nicht, wo ich anfangen soll. Da gibt es so viel, vom Dorf des Hufschmieds von Ber-Mar und den nördlichen Ebenen zum Ozean und den Städten von Kanath im Süden. Die Handlung spielt während der Eisenzeit, aber der Grad der technischen Entwicklung variiert in den unterschiedlichen Teilen dieser Welt sehr stark. Die Kanathener, die uns als eine Besatzungsmacht begegnen, stammen aus einer Gesellschaft, die wir als „zivilisiert“ bezeichnen würden, während zum Beispiel Wolf, Bran’s Sohn, aus der Wildnis im entfernten Norden stammt, wo die menschlichen Stämme noch so leben wie sie es seit Anbeginn der Zeit getan haben. Es gibt so viele Städte und Dörfer, mit jeweils eigenständigen Sprachen oder Dialekten, eigenen Kulturen und Lebensweisen, dass ich es hier kaum wiedergeben kann. So wie es aussieht, müsst ihr schon die Bücher lesen. Manche Leser sagen, dass die Nordland Saga ein authentisches nordisches Feeling ausweist. Der Bezug zum Meer und die Mythologie, unter anderem, lassen viele Leser die Bücher mit einem Wikinger Flair assoziieren. Und das sehe ich natürlich als großes Kompliment an.

Wie sehen deine beruflichen Pläne aus? An welchem Projekt schreibst du derzeit, und könntest du uns etwas davon verraten?

Es tut mir sehr leid, dass ich nicht viel vom Inhalt des Romans preisgeben kann, an dem ich momentan schreibe. Das würde mir selbst etwas von der Magie stehlen. Ich bin schlicht noch nicht bereit, es schon mit jemandem zu teilen. Und es wird möglicherweise auch noch ein paar Jahre dauern, weil es ein großes Projekt ist. Ich kann nur sagen, dass es eine sehr düstere Stimmung besitzt, und dass es sich um eine Geschichte über die „Zeit danach“ handelt. Was das jedoch bedeutet, kann ich noch nicht enthüllen.

In deutscher Sprache wurden bisher nur Fantasy-Romane von dir publiziert. Gibt es in deiner Heimatsprache Geschichten, die außerhalb der Fantasy spielen? Könntest du dir vorstellen, mit einem Schriftstellerkollegen zusammenzuarbeiten? Und falls ja, mit wem?

Tatsächlich habe ich bereits in anderen Genres gearbeitet. Mein Roman »Prophetien« handelt von der Zukunft, und ich glaube, dass ich mit der letzten Antwort schon einiges verraten habe. Ich habe allerdings noch keine Coproduktionen gemacht, aber ich denke, dass solche sehr interessant sein könnten, wenn man es richtig anstellt. Ich selbst bin eigentlich kein großer Fantasy-Leser, aber vielleicht wäre es eine nette Idee, meinen eigenen nordischen Stil mit einer eher modern orientierten Fantasy-Schreibweise zu vermischen. Mein eigener Stil und der des anderen Autoren müssten auf irgendeine Weise getrennt werden, um das Ganze funktionieren zu lassen.

Falls eines Tages ein Regisseur zu dir käme und deine Bücher verfilmen wollte, wie sähe dann deine Lieblingsbesetzung aus?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich es außerordentlich gern sehen würde, wenn meine Romane verfilmt würden. Aber die Besetzung auszusuchen ist für mich äußerst schwierig, da ich bereits weiß, wie die Charaktere aussehen. Ich habe dieses innere Auge, verstehen Sie?

Aber natürlich gibt es einige Schauspieler, die perfekt in meine Welt passen würden. Wie dieser Kerl aus der ehemaligen Sowjetunion, der den Anführer der Wikingertruppe in »The 13th Warrior« gespielt hat. Ich kann mich im Augenblick nicht mehr an seinen Namen erinnern, aber der hat mich wirklich beeindruckt. Und Sean Bean, der in »Der Herr der Ringe« gespielt hat, wäre ebenfalls eine gute Wahl. Liam Neeson und Mel Gibson würden auch noch gut hineinpassen. Gabriel Byrne, der in »End of Days« zu sehen war, ebenso. Was jedoch die weiblichen Schauspieler angeht, bin ich mir wirklich nicht sicher. Es scheint, dass die Filmindustrie dazu tendiert, lieber gut aussehende Frauen zu besetzen, anstatt charaktervolle.

Wie kommst du mit dem neuen Bekanntheitsgrad zurecht? Hat sich dein Leben seit dem Erfolg entscheidend verändert?

Ja, insbesondere nachdem ich ein Drei-Jahres-Stipendium der Norwegischen Schriftsteller Vereinigung erhalten hatte und meine Bücher danach auch ins Deutsche übersetzt wurden. Ich genieße nun viele Freiheiten und kann mehr herumreisen. Aber das Wichtigste ist, dass die Gewissheit, meine Bücher werden gelesen, eine riesige Motivation bedeutet, und es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht glücklich schätze, das Ganze beruflich betreiben zu können.

Wenn du die Möglichkeit hättest, in eine andere Welt zu schlüpfen, vielleicht für ewig oder auch nur, um mal “hineinzuschnuppern”, welche würdest du wählen? Eine deiner eigenen erschaffenen Welten oder eine vollkommen andere, die eines Schriftstellerkollegen? Würdest du dort Andreas Bull-Hansen sein wollen oder jemand völlig Anderes?

Ich möchte niemand Anderes sein als ich selbst, jedoch würde ich die reale Welt gerne gegen die Welt eintauschen, die wir in der Nordland Saga antreffen.

Du hast Volkswirtschaft studiert. Arbeitest du auch in diesem Bereich?

Nein, ich habe niemals im wirtschaftlichen Bereich gearbeitet. Tatsächlich hatte ich noch nie einen Fulltime-Job, bevor ich zu schreiben begann. Die Schriftstellerei ist seit 1996, also von Beginn an, mein Fulltime Job. Die ersten zwei Jahre waren hart, aber ich hab’s hinbekommen. Dann, nach dem zweiten Buch (dem ersten Teil der Nordland Saga), das sich in Norwegen sehr gut verkaufte, vereinfachte sich die Lage schließlich.

Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Wasser und ein Messer. Und meine geliebte Segelyacht Vilje (Willenskraft). Ich habe sie gerade neu eingerichtet und das Deck gestrichen, also würde sie einen netten Platz abgeben, sollte ich mal genug von der Insel haben.

In deinen Romanen spielt die keltische und nordische Mythologie eine große Rolle. Inwieweit identifizierst du dich damit?

Das ist eine sehr gute Frage, da ich mich in der Tat stark mit der nordischen und keltischen Mythologie identifiziere. Ich vertrete schon seit meiner Jugend die Auffassung, dass die nordische und keltische Weltsicht sehr viel intelligenter sind als zum Beispiel der christliche oder muslimische Glauben. Man muss nur dem Wind zuhören, um zu erkennen, dass die Natur unsere Vergangenheit und unsere Zukunft bedeutet. Die Ewigkeit ist allumfassend, das Leben nur ein kleiner Lichtschein. Ich habe Freunde sterben sehen und wurde gezwungen, mich mit diesen Angelegenheiten auseinander zusetzen. Keltische und nordische Mythologie dreht sich nur um die Natur und unseren Platz in ihr. Da ich Norweger und sehr stark mit dem Meer verbunden bin, ist es nur natürlich, dass dieser Glauben mein Leben beeinflusst.

Gibt es mythologische Götter oder Orte, die du speziell verehrst?

Ich verehre die See und den Wind, und natürlich ebenso die Berge und Wälder. Die nordischen Götter sind Symbole für diese Mächte, und dementsprechend sehe ich das Meer und den Wind als lebendige Wesen an. Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber ich muss zugeben, dass ich ein paar Tropfen Whisky ins Meer gab, bevor ich letzten Sommer den Golf von Biskaya überquerte. Die Seeleute in meinen Büchern vergießen sieben Tropfen ihres Blutes ins Meer um den Zorn von Manannan zu besänftigen, aber der alte Njörd (der nordische Meeresgott) hat von mir nur Whisky bekommen. Zudem handelte es sich nur um Blend, was möglicherweise der Grund dafür war, dass ich wegen eines Sturms umkehren musste.

(Anmerkung NR: Manannan ist der keltische Meergott, der aus den Himmelszeichen gutes oder schlechtes Wetter lesen kann, sowie der Totengott, der über Tir Tairngire bzw. Mag Mell herrscht.)

Siehst du dich selbst als einen Geschichtenerzähler – als Barde –, der den Alten Weg und den Alten Glauben über seine Bücher an die Leser weiter gibt?

Ich möchte, dass die Leute ihre Augen öffnen und sehen, was los ist. Ich meine nicht die Umweltverschmutzung, darum – und um uns selbst – wird sich Mutter Erde schon selbst kümmern, wenn es an der Zeit ist. Ich rede davon, dass die Menschen ihr Leben leben, ohne jedoch jemals wirklich zu leben. »Alle Menschen müssen sterben, obwohl nicht alle Menschen wirklich leben.« Das ist wirklich wahr. Ich glaube zwar nicht, dass die Menschheit sich damals mehr um ihre Umgebung und ihren Nächsten gekümmert haben, aber sie waren der Natur näher, und deshalb auch dem Leben. Ein Leben zu leben, das durch Betongebäude, TV-Monitore und den Medienzirkus beherrscht wird, lässt uns als menschliche Wesen sinken. Hoffentlich kann ich den Menschen ein wenig der alten Weisheit zurückbringen. Das Alles ist schon oft gesagt worden. Es kommt nur darauf an, es immer wieder zu erwähnen und niemals zu vergessen.

Verwendest du somit gezielt spezielle Personen, Orte und Geschehnisse in deinen Büchern oder streifst du die Themen der Mythologie nur?

Nur sehr wenige der nordisch/keltischen Charaktere (wie Manannan und Cernunnos) finden sich in meinen Bücher wieder. Alles Andere entstammt meiner eigenen Phantasie. Ich möchte nicht kopieren, ich möchte kreieren. Darum finden sich die Verbindungen zur nordischen und keltischen Mythologie in den Themen und ebenso sehr in der Stimmung der Geschichten. Ich habe niemals versucht dies zu erzwingen, es erschien mir stets selbstverständlich, auf diese Art zu schreiben.

(Anmerkung NR: Cernunnos ist der Gehörnte. Er verkörpert den keltischen Furchtbarkeitsgott und ist Herr der Tiere, Gott des Reichtums und der Unterwelt bei den Gallieren.)

Glaubst du an die Anderwelt – Annwn, Avalon -, das keltische Totenreich?

Nein, ich glaube nicht, dass überhaupt irgendjemand weiß, wie es auf der anderen Seite aussieht. Ich hoffe nur, dass es ein Ort sein wird, an dem wir unsere Geliebten wiedertreffen und wo Schmerz und Krankheit verschwunden sein werden.

Gibt es etwas, das du noch sagen möchtest?

Ich möchte gerne all meinen deutschen Lesern danken. Sie sind diejenigen, die mir das Schreiben ermöglichen.Ich danke dir herzlich für die Zeit, die du dir genommen hast, die tolle Kooperation und die informativen Antworten.

Webtipps:

Die offizielle Website des Autors

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(c) Nicole Rensmann / phantastisch!

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