Interview Dean Koontz – 2004

phantastisch! #13

phantastisch! #13

In der 13. phantastisch!-Ausgabe (1/2004) erschienen gleich drei Artikel aus meiner Feder. Beginnen wir mit Dean Koontz. Dieses sehr lange Interview überarbeitete und kürzte ich später für Mr. Fantastik.

Da das Interview sehr lang ist, eine Splitting aber in diesem Rahmen auch nicht angebracht, empfehle ich den Text bei Interesse auszudrucken und bei einer guten Tasse Tee oder einem heißen Kaffee zu konsumieren.

»Die Welt ist unbegrenzt fremd …«

Ein Interview mit Dean Koontz von Nicole Rensmann

Uwe Anton, preisgekrönter und jahrelanger Übersetzer des amerikanischen Bestsellerautors Dean Koontz, sagte in seinem Artikel »Ein Typischer Fall von Denkste«, der in dem 1996 erschienenen Horror-News-Sonderheft nachgelesen werden kann: »Der Autor hat einen umfassenden Wortschatz, vielleicht den größten der Autoren, die ich bislang übersetzt habe. […] Der Autor versteht es, einen Text zu strukturieren. Seine Anfänge sind wohl durchdacht und fesseln den Leser augenblicklich. […] Hinter Dean Koontz steckt viel mehr, als man auf den ersten Blick erkennt. Bei genauerem Hinsehen – worauf man auch beim Lesen nicht verzichten sollte – , entdeckt man vielleicht einen ´zweiten´ Dean Koontz, der einem viel mehr geben kann als nur immens spannende Romane.«

An einem Montag, dem 09. Juli 1945 wurde Dean (Ray) Koontz in Everett, Pennsylvania geboren. Seine Kindheit wurde von der Tyrannei und den brutalen Übergriffen auf seine Mutter durch seinen alkoholkranken Vater beherrscht. Dean flüchtete sich aus dem rohen Alltag in abenteuerliche Erzählungen und begann mit neun Jahren, selbst erste Geschichten zu verfassen, die er später an seine Freunde verkaufte.

1965 gewann er den »Atlantic Monthly Fiction Competition« – Literaturpreis mit der Kurzgeschichte »Kittens«, die 1966 in »Readers & Writers« veröffentlicht wurde. Am 15. Oktober des gleichen Jahres heiratete er Gerda Ann Cerra, die er bereits auf dem Shippenburg State College kennen gelernt hatte. Nach ihrem gemeinsamen Abschluss ließen sie sich in Mechanisburg im Kohlenpott von Pennsylvania nieder, wo Dean Koontz als Sozialarbeiter an dem »Appalachian Poverty Programm« – einen Regierungsprogramm für sozial benachteiligte Kinder – arbeitete. Zwei Jahre später zogen sie nach Harrisburg. Dort lehrte er Englisch an einer Highschool. Als Lehrer bekam er jedoch Ärger mit den konservativen Eltern, die sich darüber beschwerten, er würde mit Robert A. Heinlein´s »Stranger in a Strange Land« und dem Antikriegsroman von Joseph Heller »Catch 22« seinen Schülern obszöne Literatur zumuten.

Für seine erste Veröffentlichung des Abenteuerromans »Star Quest« im Jahre 1968 erhielt er einen Scheck über 1.000 Dollar, den er und seine Frau zu diesem Zeitpunkt dringend benötigten.
Durch die mentale und finanzielle Unterstützung von Gerda beschloss Dean schließlich im Jahre 1969, als freier Schriftsteller zu arbeiten. Seine erste Nominierung zum Hugo Award erhielt er 1971 für den Roman »Beastchild«, was ihn in seinem mutigen Schritt bestätigte.

Cover: Fluch des zweiten, Gesichts, Dean Koontz

Cover: Fluch des zweiten, Gesichts, Dean Koontz

1972 begann seine Karriere auch in Deutschland: unter dem Pseudonym Deanne Dwyer erschien in der Romantic Thriller Reihe des Heyne Verlags »Der Fluch des zweiten Gesichts«. 1973 und 1974 folgten die ersten Bücher unter seinem Geburtsnamen: »Das Höllentor« und »Der Lebens-Automat« in der Bastei Lübbe –Reihe Science Ficton – Visionen von heute, Welt von morgen.

Da sich sein damaliger Verlag »Ace Books« weigerte, dem Leser unterschiedliche Stile eines Autoren zuzumuten, sah sich Dean Koontz gezwungen, seine Werke unter anderen Namen zu veröffentlichen. Bereits 1975 blickte er auf über 30 in Amerika publizierte Romane zurück. Darunter zahlreiche Exemplare, sowohl in den USA, als auch in Deutschland, unter den Pseudonymen Owen West, Leigh Nichols, Richard Paige, Brian Coffey, K.R. Dwyer, Deanne Dwyer, David Axton, John Hill, Anthony North und Aaron Wolfe.
Ähnlich erfindungsreich, wie bei der Auswahl seiner Pseudonyme, zeigte er sich auch bei den Einleitungen zu seinen Romanen, die den Leser mit Gedichten oder Zitaten von weisen Menschen auf die anstehende Erzählung einstimmen sollten. Dean Koontz wählte diese meist aus »The Book of Counted Sorrows«, nach dem seine Fans ausgiebig forschten. Für den kleineren Geldbeutel erschien 2002 ein ebook dieser gesammelten Werke und für den betuchten Fan und Liebhaber eine signierte und auf 1250 Exemplare limitierte Sammleredition. Der Verfasser war niemand anders als Dean Koontz selbst, der mit den Aphorismen des gezählten Leids seine philosophische Ader bewies.
Auch die Filmindustrie interessierte sich schon früh für die Romane von Dean Koontz. Die Rechte zu seinen Romanen »Unter Beschattung« und »Des Teufelssaat« verkauften sich bereits Anfang 1970 für fünfstellige Summen. Eine französische Produktionsfirma verfilmte 1976 »Unter Beschattung« und gab dem Film den Titel: »L´Homme Qui Nous Suit« (dt.: »Der Schatten, der uns verfolgte«).
Weitere Verfilmungen zu den Büchern »Brandzeichen«, »Flüstern in der Nacht«, »Nackte Angst«, »Todesdämmerung«, »Das Versteck«, »Intensity«, »Unheil über der Stadt«, »Die zweite Haut« und»Survivor«. Zu dem Film »The Funhouse« schrieb Koontz das Buch zum Film, zunächst unter seinem Pseudonym Owen West, später dann erschien die deutsche Ausgabe unter seinem realen Namen mit dem Titel »Geisterbahn. Zu »The Face of Fear« (dt: »Gipfel des Terrors«), basierend auf »Nackte Angst« und »Phantoms« nach dem Roman »Unheil über der Stadt«, sowie zu dem vierten Teil von »Brandzeichen – Watchers Reborn« schrieb Dean Koontz die Drehbücher oder beteiligte sich daran.

In dem 1996 erschienenen Film »Hideaway – Das Versteckspiel« der sich auf seinen Roman »Das Versteck« stützt, spielten Jeff Goldblum und Alicia Silverstone die Hauptrollen. Für die Verfilmung von »Die zweite Haut«, die unter dem Titel »Mr. Murder – Er wird dich finden« auf Video zu sehen ist, sollte zunächst Bruce Willis die Hauptrolle übernehmen, die später jedoch mit Alec Baldwin besetzt wurde.

Dean Koontz´ Bücher werden in über 36 Sprachen übersetzt und erreichen eine Weltauflage von mehr als 100 Millionen Exemplaren. Beinahe 100 Romane und weit über 130 Kurzgeschichten, Essays, Gedichte, Artikel und Vorwörter hat er bereits publiziert. Spekulationen aus dem Fandom zufolge soll Dean weitere Bücher und Geschichten unter weniger bekannten Pseudonymen veröffentlicht haben. So erschienen mehrere Mystery-Romane unter dem Mädchennamen seiner Frau Gerda Ann Cerra. Ob diese Erzählungen tatsächlich von ihr oder doch von Dean selbst stammen, bleibt ein Geheimnis.
Heute lebt er mit seiner Frau in Kalifornien. Gemeinsam unterstützen sie die Gerda & Dean Koontz Stiftung, die Hunde ausbildet, damit diese behinderten Menschen den Alltag erleichtern.
Die Liebe zu Hunden fließt nicht nur in seine Romane mit ein, sondern geht soweit, dass er im Namen seiner Hündin die »Useless News« herausgibt, in der sie über ihr Herrchen und seine Bücher berichtet.
Unter Zusammenarbeit des Randomhouse-Verlags erscheint eine Mailingliste, die auf seiner Website www.deankoontz.com abonniert werden kann.

Cover: Nacht der Zaubertiere, Dean Koontz

Cover: Nacht der Zaubertiere, Dean Koontz

Im September 2003 zog er in ein neues Haus und musste nicht nur über 100.000 Bücher verpacken und sortieren, sondern eine schwere Operation von Trixie und den Verlust eines guten Freundes verarbeiten.
Dennoch lieferte der vielbeschäftigte amerikanische Autor pünktlich ein ausführliches und teilweise sehr privates Interview per Fax, für das ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte.
Viele der Erfolgsautoren schwören darauf, dass sich die Geschichten wie von selbst entwickeln; die Ideen beginnen im Kopf und die Protagonisten nehmen den Faden in die Hand um ihn weiterzuführen. Andere Schriftsteller wiederum benutzen ein exakt eingehaltenes Exposé. Wie handhaben Sie das?
Für mich sind Exposés der Tod der Kreativität – Exposés und Heroinabhängigkeit. Und vielleicht Pyromanie. Du kannst nicht durch die Stadt rennen, bei Tag und Nacht Feuer legen und trotzdem noch die Zeit und Energie finden gute Geschichten zu entwickeln. Gewöhnlich beginne ich einen Roman mit einer Prämisse, manchmal nur mit einer interessanten, dramatischen Situation, und mit mindestens einem Charakter, den ich interessant finde. Wenn der Charakter zum Leben erwacht und die Prämisse die Möglichkeit beinhaltet, eine umfangreiche thematische Struktur zu entwickeln, dann wächst die Geschichte in der Regel durch die Handlungen der Charaktere und führt mich zu erstaunlichen Orten, die ich mir niemals in einem Exposé hätte ausdenken können.

In früheren Interviews nannten Sie John D. MacDonald, Robert A. Heinlein und Charles Dickens als Ihre Vorbilder. Welche der »neuen« Autoren bewundern Sie? Welches Werk hat Sie in den letzten Jahren besonders beeindruckt?

Jim Harrison, Anne Tyler, Dennis Lehane, Ed McBain. In letzter Zeit habe ich ausgesuchte Romane von Herman Wouk erneut gelesen: »The Caine Mutiny«, »Marjorie Morningstar«, »The Winds of War«. Er ist ein Meilenstein der Populären Literatur und hat ungeheuerliche Charaktere erfunden, und dennoch scheint er heutzutage nahezu ungelesen zu sein. In letzter Zeit habe ich größtenteils Sachbücher als Recherchematerial gelesen. Und Strafzettel. Ich fahre gerne schnell.

In Ihren Büchern greifen Sie häufig Themen auf, die dem Leser vor Augen halten, dass unsere Regierungen so wie bei »Dark Rivers of the Heart« (dt. »Dunkle Flüsse des Herzens«) nicht so demokratisch sind, wie sie vorgeben, oder Krankheiten durch Manipulation zu einer tödlichen Gefahr werden können, wie in »False Memory« (dt. »Stimmen der Angst«). Auch die außer Kontrolle geratenen Tierversuche in »Watchers« (dt. »Brandzeichen«) von 1987, das ja u.a. mehrfach verfilmt wurde, sind nicht abwegig. Beschäftigen Sie sich ausgiebig mit dieser erschreckenden Thematik? Sind Sie sich bewusst, dass Sie – ich nenne es mal – Sachliteratur in spannende Romane verpacken?

Generell schreibe ich Phantastische Romane. Selbst in Romanen von psychologischer Spannung wie »Intensity« gibt es einen unterschwelligen Leitfaden des Übernatürlichen; in diesem Buch ist es der Elch, der zwei wundersame Auftritte hat, die der Hauptperson die Erkenntnis bringt, dass sie in ihrem Kampf gegen Edgler Vess nicht alleine ist.

Aber meine Art der phantastischen Literatur wächst aus einer mir bestmöglich realistischen und detaillierten Beschreibung unserer eigenen Welt – wie sie sich anfühlt, aussieht und funktioniert.

In meinen Büchern hast du die Möglichkeit – hoffentlich schmerzfrei – eine Menge geheimnisvoller Informationen über eine große Bandbreite von Themen und Handlungen dahingehend zu erlangen, wie du deine Portion Spannung erhältst. Das rührt teilweise daher, weil ich glaube, dass das Netz an realistischen Details – die Reportage, wenn du so willst – die phantastischen Elemente auch realer erscheinen lässt und deren Wirkung auf den Leser verstärkt.

Aber kurioserweise glaube ich auch, dass der realistische Aspekt des Romans durch die phantastischen Elemente beträchtlich verstärkt wird, da diese Mischung das tatsächliche Feeling der Welt detaillierter porträtiert. In meinem täglichen Leben sehe ich die Welt als einen magischen Ort, mysteriös, mit unergründlichen Tiefen, die wir fühlen, aber nicht sehen können.

Für mich wäre eine standardmäßige Vampirgeschichte oder ein Werwolf-Gähner nicht besonders interessant, es sei denn, ich könnte diese mit genügend Schmutz der realen Welt durchflechten, um all das überzeugend und dadurch verstörender zu gestalten.

In den Romanen »Seize the Night« (dt. »Im Bann der Dunkelheit«) und »Fear Nothing« (dt. »Geschöpfe der Nacht«) haben Sie Christopher Snow, der an einer sehr seltenen Hauterkrankung leidet, zum Helden auserkoren, ohne jemals langweilig oder mahnend zu wirken. Damit zeigen Sie, stellvertretend für viele Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen etc., dass mit Handicaps gelebt werden kann, gleichzeitig aber klären Sie auf, bitten um Toleranz. Was hat Sie dazu animiert, Christopher Snow zum Helden zu ernennen?

Über Jahre hinweg haben meine Frau und ich uns für karitative Zwecke für Schwerbehinderte eingesetzt – doppelseitig Gelähmte, Querschnittgelähmte, Kinder mit Rückenmarksspaltung etc. – und ich habe mich stets von dem Mut und der guten Laune inspirieren lassen, mit denen viele dieser Menschen dem Leben gegenübertreten. Sie lehren uns alle, mit mehr Anmut, Freundlichkeit und weniger Egoismus zu leben. Irgendwann habe ich realisiert, dass Behinderte selten in irgendeinem Genre der Literatur auftauchen, die Unterhaltungsliteratur eingeschlossen, und ich erkannte unverbrauchtes Material! Ich begann in »Midnight« (dt.: Mitternacht«) mit einem an den Rollstuhl gefesselten Protagonisten, dann nahm ich das große Risiko auf mich, einem Jungen mit Down-Syndrom, Thomas, eine Hauptrolle in »The Bad Place« (dt. Ort des Grauens«) zu geben, womit ich eine einzigartige Stimmung für die Szenen aus seiner Sichtweise schuf. Das hat mich dazu geführt, über eine breite Palette von weiteren interessanten Charakteren zu schreiben, nicht nur über Behinderte. Fric in »The Face« , Corky in dem gleichen Buch, Odd Thomas in »Odd Thomas«, Tante Geneva und Micky und Curtis in »One Door away from Heaven« (dt.: »Bote der Nacht«) und so weiter, Charaktere, von denen ich nicht glaube, dass du sie jemals zuvor in der Literatur finden konntest, zumindest nicht in diesem Genre.

Bisher ist der dritte Teil der Geschichten mit Christopher Snow aufgrund anderer Publikationen aufgeschoben worden. Wird das Warten bald ein Ende haben?

»Ride the Storm« wird eines Tages vollendet werden. Manche Bücher entwickeln ihre eigene Geschwindigkeit, und es gibt nichts, was du dem entgegensetzen kannst, du musst aushalten und die Geschichte sich wachsen lassen.

Ich liebe diese Charaktere. Ich möchte sie nicht zwingen, die Geschichte schneller zu erzählen als sie es selbst möchten.

Sie haben sich früher zahlreicher Pseudonyme bedient. Wissen Sie noch, wie viele es tatsächlich waren? Veröffentlichen Sie womöglich auch heute noch unter einem Pseudonym?

Ich habe vor Jahren damit aufgehört, Pseudonyme zu verwenden. Die Polizei suchte nicht mehr nach mir und ich fühlte mich wieder sicher unter meinem wirklichen Namen.

Dan Simmons erzählte uns, dass Sie ihm geholfen haben einen Verlag für »Carrion Comfort« (dt. »Kraft des Bösen«) zu finden. Stehen Sie noch in Kontakt mit Ihrem Schriftstellerkollegen?

Cover: Schattennacht von Dean Koontz

Cover: Schattennacht von Dean Koontz

Ich hörte durch Harlan Ellison, dass Dan wegen Problemen mit seinem Verleger und seinem widerspenstigen Lektor darüber nachdachte, mit dem Schreiben aufzuhören. Ich dachte mir, meine Verlegerin bei Putnam würde seine Arbeit schätzen, wenn sie diese sähe. Also rief ich sie an und stellte die Verbindung für ihn her. Sie war zwar nicht an »Carrion Comfort« interessiert, aber sie gab ihm einen Vertrag über drei Bücher. Als dann der Kleinverlag Dark Harvest »Carrion« verlegte, bekam ich einen Anruf von Mel Parker, dem Chefverleger von Warner Books. Sie dachten darüber nach, es darauf ankommen zu lassen, Dan´s Taschenbuchverleger zu werden, und Mel wollte meine Meinung über sein Potential. Ich war glücklich, über Dan´s Arbeit schwärmen zu können, die ich bis zu diesem Punkt gelesen hatte, und Warner machte schließlich ein ziemlich ernstgemeintes Angebot für »Carrion« und die Putnam Bücher. Es kommt nicht oft vor, dass du eine Verbindung für einen neuen Schriftsteller in den oberen Etagen eines Verlegerhauses herstellen kannst; du musst den Geschmack des Verlegers oder des Lektors so gut kennen, um sicher zu sein, dass sie auf das, was du empfiehlst, einsteigen werden; ihre Zeit ist kostbar, und wenn du mehr als ein– oder zweimal einen Autoren bei ihnen vorbeischickst, der zwar begabt, aber einfach nicht nach ihrem Geschmack ist, werden sie deinem Urteil in der Zukunft nicht mehr trauen können. Ich habe von Dan jahrelang nichts mehr gehört, aber ich weiß, dass er da draußen ist und sein Geschäft gut macht, was eine feine Sache ist.

Könnten Sie sich vorstellen, zusammen mit Dan Simmons oder einem anderen Autorenkollegen einen Workshop für Nachwuchstalente zu führen?

Ich glaube nicht an Workshops oder an die Kritik eines Autors an einem Kollegen, selbst unter dem Deckmantel des Lehrers. Normalerweise resultiert das darin, dass die Mentoren versuchen, die einmaligen stilistischen Ideen ihrer Studenten zu ersticken. Selbst mit den besten Vorsätzen kann viel zerstört werden.

In einem Interview erwähnten Sie, dass Schreiben für Sie eine Droge ist. Tatsächlich gibt es auch Autoren, die nur des Geldes und vielleicht des Ruhmes wegen schreiben. Was halten Sie von dieser Art der Kreativität?

Ich erlaube mir kein Urteil die Motive anderer Schriftsteller. Ich schreibe einfach, weil ich nicht aufhören kann zu schreiben. Ich bin vom Geschichtenerzählen fasziniert, davon, wie die Charaktere lebendig werden, wenn du ihnen einen freien Willen erlaubst, und von der Schönheit der englischen Sprache. Ich schreibe für mich, das habe ich immer so gemacht, und eine Zeile richtig hinzubekommen oder eine Szene singen zu lassen packt mich so sehr wie eh und je, was auch den Grund darstellt, dass ich, nachdem ich beinahe 300.000.000 Bücher weltweit verkauft habe, immer noch 60–Stunden–Wochen einschiebe! Glücklicherweise habe ich 90 % gute Kritiken über die Jahre hinweg erhalten, obwohl es mir wirklich egal ist, was irgendein Kritiker denkt, denn die Person die ich am Schwersten befriedigen kann, bin ich selbst. Ich liebe den Prozess des Schreibens und verabscheue es einen Roman beendet zu haben, denn die Nachwirkungen beinhalten Publicity und eine Berühmtheit zu sein, was ich energisch ablehne. Ich bin der einzige Autor der amerikanischen Bestsellerlisten, der niemals eine nationale Buchtour durchgeführt hat und der Interviews für alle Morning–Network–Shows wie »Today« und »Good Morning, America«abgelehnt hat.

Zahlreiche Ihrer Bücher sind zwischenzeitlich verfilmt worden. Welche dieser Verfilmungen halten Sie für sehr gut umgesetzt?

Ich mag den größten Teil der Miniserie, die auf »Intensity« basiert, die erste Folge der Miniserie von »Sole Survivour«, Teile aus »Phantoms«, Teile aus »Demon Seed«, Teile aus »The Face of Fear« – aber tatsächlich verachte ich alles andere. Immer und immer wieder sind Studios mit neuen, jungen Regisseuren an mich herangetreten und haben gesagt: »Dieser Kerl ist ein Genie, er ist heiß, er wird mal größer als Spielberg werden., und zwangsläufig stellen sich diese Genies als arrogante Dummköpfe heraus, die sehr schnell ausbrennen und von denen wir nie wieder etwas höre – obwohl sie auf ihrem schnellen Rutsch in die Unbekanntheit über meine gesamte Arbeit pinkeln. Ich wünschte wirklich sie würden ein einziges Mal eines meiner Bücher einem achtzigjährigen Filmemacher übertragen, der sich bereits als Genie beweisen konnte!

Wussten Sie, dass Uwe Anton für die beste deutsche Übersetzung 2000 von »Fear Nothing« (dt. »Geschöpfe der Nacht«) einen beliebten Publikumspreis – den Deutschen Phantastik Preis – erhielt? Haben Sie Kontakt mir Ihren europäischen Übersetzern?

Nein, das wusste ich nicht. Herzlichen Glückwunsch, Uwe! Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass meine Bücher im Deutschen sorgfältiger umgesetzt sind als in manchen anderen Sprachen. Dieser Preis scheint meine Annahme zu bestätigen, und ich bin Uwe und meinem Lektor bei Heyne dankbar.

In Deutschland hinken die Verlage mit den aktuellen Büchern hinterher. »Santa´s Twin«, »Paper Doorway« oder »The Book of Counted Sorrows«, um nur wenige zu nennen, wurden leider gar nicht übersetzt. So erschien letztes Jahr »One Door away from Heaven« (dt. »Bote der Nacht«). Der deutsche Fan muss auf aktuelle Romane warten, wenn er die Bücher nicht im Original lesen kann. Könnten Sie, um die Zeit ein wenig zu verkürzen, kurz umreißen, was den Leser in Ihrem aktuellsten publizierten Roman erwartet?

Zu den Büchern, die in Deutschland auf ihre Veröffentlichung warten, zählt »By the Light of the Moon«, eine sehr zügige, übertriebene Geschichte über eine besonders persönliche Anwendung der Nanotechnologie mit einem zwanzigjährigen autistischen Mann als einer der drei Hauptpersonen. »The Face« gehört zu dem mir liebsten halben Dutzend meiner eigenen Bücher. Es ist eine Gespenster–/Schutzengelerzählung, jedoch mit einem einzigartigen Dreh, außerdem spielt die Hälfte seiner Handlung auf einem riesigen Anwesen in Bel Air, das dem größten Filmstar der Welt gehört, was mir enorme Möglichkeiten eröffnet, diese Welt so zu porträtieren, wie ich sie gesehen habe, in all ihrer pompösen Übermütigkeit und kopfleeren Selbsttäuschung. »Odd Thomas« gehört ebenso zu meinem halben Dutzend Favoriten, es ist so ungewöhnlich, dass ich nicht viel darüber sagen möchte. »The Paper Doorway«, »Santa´s Twin«, »Santa´s Droid« (Arbeitstitel) und »Every Day´s a Holiday« sind allesamt humoristische Gedichte für Kinder und Erwachsene, und ich bin mir nicht sicher, dass sie jemals übersetzt werden, weil die Reime und der Humor in anderen Sprachen vollkommen unmöglich wiederzugeben sein werden.

Todeszeit, Dean Koontz

Cover: Todeszeit, Dean Koontz

Kennen Sie die deutschen Ausgaben? Sind Sie zufrieden mit Cover und Übersetzung?

Ich versuche, Autorenexemplare jeder Edition zu erlangen, jedes Mal wenn sich etwas an Cover oder Format ändert. Und mittlerweile stehen knapp 3.000 Editionen in 36 Sprachen in meinen Büroregalen. Aber die Verlage senden mir nicht immer Exemplare, wie es eigentlich gedacht ist, und ich glaube dass mir rund 1.000 Bücher fehlen. Als zum Beispiel manche meiner Titel von Heyne Taschenbüchern zu Ullstein Editionen wechselten, musste ich die neuen Editionen anfordern, und ich habe sie noch immer nicht. Ich denke, dass meine Werke in Deutschland als Billigware vermarktet wurden, aber die Ullstein Cover (die wenigen, die ich gesehen habe), scheinen stilvoller und für ein größeres Publikum konzipiert zu sein.

(Anmerkung: Auf eine Anfrage hin, hat der Ullstein-Verlag versichert die fehlenden Exemplare Dean Koontz umgehend zukommen zu lassen. Vielen Dank an Frau Brachwitz.)

An welchem Roman, welchem Projekt arbeiten Sie derzeit?

An einem Drehbuch zu »One Door away from Heaven« für einen Produzenten, den ich sehr respektiere, und an einem neuen Roman mit dem Titel »The Taking«. Und natürlich am dritten Chris Snow Buch! Das musste ich jetzt sagen, um zu verhindern, dass verärgerte Leser vor meiner Tür erscheinen und mit hoch erhobenen Fackeln die letzte Szene von Frankenstein wiederaufleben lassen wollen.

In »From the Corner of his Eye« (dt. »Der Geblendete«) beschäftigen Sie sich intensiv mit Zwischenwelten und parapsychologischen Eigenschaften. Ein Buch, das sehr nachdenklich stimmt. Glauben Sie an diese oder andere Zwischenwelten?

Ich glaube, dass diese Welt unbegrenzt fremd ist, komplex jenseits unserer Vorstellungskraft und tiefsinnig in ihrer Bedeutung.

Je länger ich schreibe, umso mehr Interesse habe ich am Erforschen dieser Fremdartigkeit, Komplexität, des Tiefsinns und der Bedeutung.

Viele Ihrer Frühwerke sind nie übersetzt worden und sollen auch nicht neu aufgelegt werden. Dabei befinden sich in vielen Ihrer früheren Werke Ansätze zu Ihren aktuellen Büchern. Werden Sie sich von Fans erweichen lassen, doch Bücher wie »Time Thieves« oder »Dragonfly« eines Tages neu aufzulegen?

Ich schrieb eine Menge Bücher in meinen Zwanzigern, als ich dachte ich wüsste alles, aber tatsächlich nichts wusste. Diese Bücher werden nicht wieder aufgelegt werden bevor ich die Möglichkeit hatte, sie umfassend zu revidieren oder ich siebzig Jahre tot bin und mein Copyright ausläuft – was auch immer zuerst eintrifft.

Was sagen Sie zu den Spekulationen über den Roman »Hung«, den sie angeblich als Leonard Chris veröffentlicht haben sollen?

Es ist nicht meiner. Über Jahre hinweg kämpfte ich gegen das Gerücht an, dass ich als Shane Stevens schreiben sollte, und dann als Trevanian, und als diverse Andere. Das alles ist albern. Wenn ich in der Lage gewesen wäre, so gut wie Shane Stevens zu schreiben als ich neunzehn war (in dem Alter, zu welchem ich sein erstes Buch geschrieben haben müsste), warum in aller Welt würde ich mich dann umgedreht haben und eine Serie von schwachen Science-Fiction-Romanen für die Ace Doubles Reihe geschrieben haben? Ich bin in mancher Hinsicht exzentrisch, aber psychotisch bin ich nicht!

Cover: Odd Thomas, Dean Koontz

Cover: Odd Thomas, Dean Koontz

Gibt es ein Buch unter Ihren eigenen, auf das sie besonderes stolz sind?

Nachdem ich so viel geschrieben habe, finde ich es sehr schwer, eines herauszupicken. Die kurze Liste würde »Watchers« beinhalten, »Lightning«, »From the Corner of his Eye«, »Fear Nothing«, »The Face«, »Odd Thomas«, »The Bad Place« und »One Door away from Heaven«, möglicherweise wegen der diesen Geschichten anhaftenden Menschlichkeit.

Als Kind flüchteten Sie sich durch Lesen, und durch Schreiben Ihrer eigenen Geschichten in andere Welten vor dem Alltag, den Ihr Vater zu einem Alptraum verwandelte. Glauben Sie, dass Sie auch Schriftsteller geworden wären, wenn Sie in ruhigen Familienverhältnissen aufgewachsen wären?

Ich glaube nicht. Manchmal sage ich, dass trotz des Schreckens und vieler Arten von Elend, die mein Vater mir zufügte, er mir zur gleichen Zeit meine Karriere verschaffte. Wegen seiner Verrücktheit und Gewalttätigkeit suchte ich Zuflucht in Büchern als meinem einzigen Weg des Entkommens. Schriftsteller wurden zu meinen Helden, nicht nur für die Flucht die ihre Geschichten mir offenbarten, sondern für die Form und die Sinngebung, die die Besten von ihnen meinem Leben gaben – zu einer Zeit als ich mich fragte, ob das Leben überhaupt einen Sinn hatte, außer dem Leiden.

Sie haben keine eigene Email-Adresse, was für diese Zeit ungewöhnlich ist. Mögen Sie diese moderne Art der Kommunikation nicht?

Ich erhalte 20.000 Briefe im Jahr von meinen Lesern. Ich lese jeden dieser 20.000 Briefe, schreibe persönlich kurze Antworten an ungefähr 3.000 von diesen und habe Assistenten, die dem Rest antworten. Ich bin tief berührt von vielen dieser Briefe meiner Leser, die mir sagen, wie sich ihr Leben durch das ein oder andere Buch zum Besseren gewandelt hat, aber für keinen von uns ist die Zeit unendlich, und ich brauche nicht noch leichter erreichbar zu sein.

Ihre Vorliebe für Hunde findet sich in nahezu jedem Ihrer Bücher wieder. Wie heißt Ihr jetziger Hund?

Mein jetziger Hund, ein prächtiger Golden Retriever, ist Trixie. Sie kam bereits mit diesem Namen zu uns. Sie wurde zwei Jahre lang darauf trainiert, ein Begleithund für Rollstuhlfahrer zu sein. (»Canine Companions for Independence« ist eine der Wohltätigkeitsorganisationen, mit denen wir arbeiten.) Zusätzlich zum Erlernen von perfektem Benehmen (sie verrichtet ihr Geschäft nur auf Kommando, bellt niemals etc.) wurden ihr auch 89 spezielle Aufgaben beigebracht, manche davon überraschend komplex, und sie verbrachte sechs Monate im Dienst einer jungen Frau, die beide Beine in einem Verkehrsunfall verloren hatte. Dann begann Trixie selbst zu humpeln, und sie benötigte eine Ellbogenoperation. Nach einer solchen Gelenkoperation muss sich ein Hund zur Ruhe setzen, denn wenn der Rollstuhlantrieb einmal versagen sollte, muss der Hund ihn in einer Notlage ziehen können. Sie kam vor fünf Jahren zu uns, und ich sehe solch Grazie und Mut und Weisheit in ihr, dass sie mich von der Existenz Gottes überzeugt.

Um mit der letzten Frage noch einmal sehr persönlich zu werden: Was ist Dean Koontz für ein Mensch?

Mein Zuhause ist der Mittelpunkt meines Lebens. Ich reise nur selten. Abendessen mit Freunden, Bücher, Filme in meinem Heimkino, und mit dem Hund spielen sind meine liebsten Arten zu relaxen. Meine Frau Gerda und ich teilen eine gemeinsame Liebe für Architektur und Inneneinrichtung (wir haben zehn Jahre dazu benötigt, unser Traumhaus zu entwerfen und zu bauen), und wir genießen es Antiquitäten zu kaufen, hauptsächlich asiatische und Art Deco – und bestimmte europäische Stücke, die jenen ersten Interessen zu Gute kommen, wie französisches Empire und Biedermeier.

Ich liebe die See, den Strand und die Brandung – die nur ein paar Minuten von meiner Tür entfernt sind. Ich mag Cabernet Sauvignons mit vollem Körper, armenische Küche, Kartenspiele und die Möglichkeit von ein oder zwei Stunden der Stille in denen ich eine Landschaft oder die Muster des sich ändernden Himmels bewundern kann. Ich bin der Ansicht, dass jeder von uns mit mindestens einem Talent in dieses Leben kommt, dass dieses Talent ein Geschenk ist und dass unser weltlicher Zweck ist, diese Gabe zu erforschen mit all der Hingabe und Leidenschaft, die wir aufbringen können. Und ich mag vollmundige Cabernet Sauvignons, wie ich zuvor schon erwähnte, vielleicht nicht so sehr wie ein Landstreicher seinen Zwei-Dollar-die-Flasche Ripple, sicherlich nicht so dringend wie er seinen Ripple mag, aber genug um dieses Interview nun zu beenden, eine Flasche zu öffnen und den Sonnenuntergang mit meiner Frau (die schon meine High-School-Liebe war) und unsere Hündin zu betrachten, der uns so nah ist, dass wir manchmal glauben, wir haben sie schon als Person in einem früheren Leben gekannt. Zum Wohle.


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© Nicole Rensmann / phantastisch!