Interview Cornelia Funke – 2005

Als der Erfolg am Größten zu sein schien, ihre Karriere einen weiteren – für eine deutsche Autorin – ungewöhnlich heftigen Aufschwung bekam und sie aus diesem Grund mit ihrer Familie nach Amerika zog, musste sie privat einen herben Niederschlag verkraften. Cornelia Funkes Mann Rolf starb im März dieses Jahres, doch nahm sie dieses tragische Ereignis nicht zum Anlass, um darüber ausgiebig in der Presse zu philosophieren, sondern stürzte sich in die Arbeit.

Der 3. Teil ihrer Tintenherz-Trilogie wird somit voraussichtlich im Herbst 2007 erscheinen.

Ich interviewte sie 2004, kurz vor ihrem Umzug. Das Interview erschien in der 17. Ausgabe (1/2005) von phantastisch!

Vom »Tintenherz« zum »Tintentod«

Ein Interview mit Cornelia Funke von Nicole Rensmann

Jeder Vergleich der Medien eines Autors mit einem anderen zeugt von Oberflächlichkeit und mangelndem Interesse an der Person.So ist auch Cornelia Funke keine deutsche J.K. Rowling, wie die Presse gern immer wieder beteuert, auch wenn die Autorin sich selbst bei diesem Vergleich geschmeichelt fühlt.
Doch während sich J.K. Rowling auf Harry Potter spezialisiert, füllt Cornelia Funkes Bibliographie Seiten, durch ihre künstlerische Vielfältigkeit zudem in mehreren Sparten.
Sie wurde 1958 in Dorsten geboren und zog nach dem Abitur nach Hamburg, wo sie eine Ausbildung als Diplompädagogin absolvierte. Anschließend arbeitete sie drei Jahre lang auf einem Bauspielplatz in Hamburg. Nebenbei studierte sie an der Kunstfachhochschule für Gestaltung und Buchillustrationen.

Bereits seit 1986 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin und Autorin, doch zunächst begann Cornelia Funke als Illustratorin für Kinderbücher. Als ihr die Geschichten, die sie bebildern sollte, nicht mehr gefielen, begann sie selbst zu schreiben, denn der Wunsch ein Ungeheuer für Kinder zu malen wuchs. Ihr erstes Buch »Potilla und der Mützendieb« schrieb sie mit 28 Jahren.

Über 40 Bücher hat Cornelia Funke seit 1986 geschrieben: Bilder – und Erstlesebücher, Kinderbücher sowie Romane für Jugendliche und Erwachsene. Viele ihrer Bücher illustriert sie selbst, so auch die großen Erfolge »Wilde Hühner«, »Drachenreiter« oder »Herr der Diebe«. Ebenso liest sie manche ihrer Bücher als Hörbuch. Außerdem schreibt sie Drehbücher und arbeitet für die ZDF-Reihe »Siebenstein«.
Unzählige ihrer Bücher (eine Auswahlliste findet sich auf der Seite des Verlages) wurden nominiert, zahlreiche ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Corine – Preis 2003 und den Book Sense of the Year Award 2003. »Tintenherz« wurde 2004 mit dem Fantastik-Preis der Stadt Wetzlar gekürt.

Heute lebt Cornelia Funke mit ihren beiden Kindern (Anna, Jahrgang 89 und Ben, Jahrgang 94) und ihrem Mann Rolf – der sich um Haushalt und Büroangelegenheiten kümmert – im idyllischen Hamburg – Duvenstedt. In der Natur, bei ihrer Familie und den Tieren – der Hündin Luna, den Meerschweinchen und den beiden Islandpferden – findet Cornelia Funke Entspannung.

Die großen Erfolge

Mit dem Jugendbuch »Wilde Hühner«, das von einer Mädchenbande und deren Abenteuern gegen die Pygmäen – dem männlichen Gegenpart – erzählt, begann ihr Erfolg.

Über eine Million Mal verkauften sich die Bücher, die als mehrbändige Reihe zu erhalten sind. Der fünfte Band erschien im Jahr 2004. Der sechste Teil ist geplant, wird aber – aufgrund anderer Verpflichtungen – noch auf sich warten lassen. Diese Wartezeit überbrückte die Verfilmung, die Ende 2004 in den Kinos lief und sicherlich demnächst auf DVD und Video erhältlich sein wird.

Die 450 Seiten starke Geschichte »Drachenreiter«, über die spannende Reise des silbernen Drachen Lung und seine Begleiter, erschien 1997 und ging über 160.000 Mal über den Ladentisch. Die deutschsprachige Auflage von »Herr der Diebe«, publiziert im Jahre 2000 – eine phantastische Geschichte über Venedigs Straßenkinder – liegt derzeit bei 210.000 Exemplaren.

Auf eigene Kosten ließ Cornelia Funke »Herr der Diebe« von ihrem zweisprachig aufgewachsenen Cousin Oliver Latsch übersetzen. Eher durch Zufall gelangte das Manuskript zu Harry Potter Entdecker Barry Cunningham, der die Rechte für seinen Verlag The Chicken House kaufte. Die Erstauflage von 10.000 Exemplaren wurde am ersten Tag restlos verkauft. Auch die zusätzlich gedruckten Taschenbücher – 50.000 an der Zahl – waren rasch vergriffen.
Die US-Ausgabe von »The Thief Lord« folgte mit einer Startauflage von 75.000, stand zudem zwanzig Wochen in Amerika auf der Bestsellerliste und wurde mit dem Mildred Batchelder Award und dem Book Sense of the Year Award ausgezeichnet. »Herr der Diebe« wurden mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt.
Die Kinofilme zu »Herr der Diebe« und »Drachenreiter« werden von Comet Film GmbH produziert und von Warner Bros. Film GmbH vertrieben. Die Dreharbeiten von »Herr der Diebe« begannen im Frühjahr 2004 in Venedig.

»Tintenherz«

Mit »Tintenherz« knüpfte Cornelia Funke an ihre Erfolge an. Der Roman erschien am 13. September 2003, zeitgleich in den USA, Großbritannien und Deutschland, hierzulande mit einer Startauflage von 150.000 Exemplaren. Im Herbst 2004 erscheint der zweite Band »Tintenblut« der Trilogie im Cecilie Dressler Verlag erscheinen.

Auch die Verfilmung von »Tintenherz« ist schon in festen Händen: New Line, die Produktionsfirma von »Herr der Ringe« wird sich des märchenhaften Stoffes annehmen.

Die Geschichte über ein Buch mit dem Titel »Tintenherz«, das mutige Mädchen Maggie und ihren Vater Mo, der ein besonderes Talent – das Lebendigmachen der Protagonisten eines Buches – besitzt, welches sich so mancher Leser bei seiner Lieblingslektüre schon gewünscht haben mag. Doch diese – nur bedingt zu kontrollierende – Fähigkeit bringt Mo und Maggie viel Ärger ein und nimmt ihnen das Liebste, was sie besitzen. »Tintenherz« ist ein Märchen für Kinder und Erwachsene, voller wunderschöner Bilder, mit ausgesuchten Zitaten aus den unterschiedlichsten Büchern, wie zum Beispiel Peter Pan. Liebevoll gezeichnete Charaktere und die vorsichtige Art des Ausdrucks, dass Gewalt zwar oft gedacht, aber längst nicht ausgelebt werden darf, lässt das Buch auch als Vorlesebuch für kleinere Kinder geeignet sein.

»Tintenherz« ist ein Buch über die Begeisterung des Lesens und des Geschichtenerzählens, über die Sammelleidenschaft von Büchern und die Achtung zu dem geschriebenen Wort. Aber es erzählt auch von Freundschaft, Liebe und Zusammenhalt, von Mut und schlechtem Gewissen, von bösen Mächten, merkwürdigen Gewohnheiten und seltsamen Wesen.

Viele Ihrer Bücher illustrieren Sie selbst. Komplettieren Sie damit Ihr eigenes persönliches Werk oder fällt es schwer, eine adäquate Illustratorin bzw. einen Illustratoren zu finden?

Bei meinen längeren Büchern übernehme ich die Gestaltung einfach sehr gern. Ich gebe allerdings auch zu, dass mir dafür niemand sonst einfiele, denn ich illustriere in diesen Fällen so, dass die Illustration den Text nur kommentiert und sich ihm unterordnet. Das ist von einem anderen Illustrator doch sehr viel verlangt! Beim Bilder – und farbig illustrierten Kinderbuch bin ich aber jedes Mal sehr glücklich, wenn Kerstin Meyer meine Geschichten illustriert.

In einem Interview haben Sie erzählt, dass sich Ihre Arbeitsweise im Laufe der Zeit sehr verändert habe. Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Erfahrungen im Bereich des Schreibens an junge AutorInnen weiterzugeben, sei es in Buchform oder bei einem Workshop?

Ehrlich gesagt nein, denn meine Zeit ist so knapp bemessen, dass ich sehr geizig damit bin und dann doch lieber schreibe oder etwas mit meiner Familie mache, statt Vorträge zu halten. Außerdem glaube ich, dass jeder Schriftsteller seinen eigenen Arbeitsweg finden muss.

Wie kommen Ihre Kinder mit der erfolgreichen Mama zurecht?

Oh, sie finden das gut. Sie reisen mit mir durch die Welt, lernen Menschen in aller Welt kennen, dürfen auf den Set vom Harry-Potter-Film – und ihre Freunde mögen meine Bücher zum Glück auch.

Die anstehende Verfilmung Ihrer Bücher löste in Fachkreisen Freude aus. So weit das nachzulesen war, haben Sie zwischenzeitlich Mitspracherecht, was die Besetzung betrifft. Verraten Sie uns, welche Schauspielerin/ welcher Schauspieler Ihnen für welche Rolle vorschwebt?

Ich habe mich nur für eine einzige Rolle festgelegt, und das ist die Rolle von Mo bei Tintenherz, denn schon beim Schreiben hatte diese Figur immer nur ein Gesicht und eine Stimme, und das war die von Brendan Fraser.

In Ihrem Werk »Tintenherz« fällt die weiche, liebevolle Erzählstimme auf, die den Leser schon auf den ersten Seiten entzückt. Als ich die ersten Seiten las, entstanden nicht nur die von Ihnen wunderbar beschriebenen Bilder vor meinem geistigen Auge, sondern auch jenes einer sehr zufriedenen, glücklichen und bei der Arbeit lächelnden Autorin. Gibt es auch Momente, in denen Sie wirklich gar keine Lust haben zu schreiben, oder gab es Zeiten, in denen Sie alles hinschmeißen wollten?

Sorry. Nein.

Haben Sie »Tintenherz« von Anfang an als Trilogie geplant? Der zweite Band trägt ja den Titel »Tintenblut«. Wissen Sie schon, wie der dritte Teil heißen wird und ob es tatsächlich bei den drei Bänden bleibt?

Nein, das war gar nicht geplant, und als ich nach dem ersten Band spürte, dass ich mit der Geschichte noch nicht fertig bin, hab ich mir zuerst gesagt – Himmel, nein, nicht noch eine Trilogie! Aber nun sitze ich am dritten Band – und ja, es werden drei! Und der dritte wird vermutlich »Tintentod« heißen. Wenn das am Ende zur Geschichte passt – noch weiß ich das nicht sicher.

Was erwartet den Leser in »Tintenblut«, was – falls Sie schon darüber reden dürfen und möchten – im dritten Band?

Im zweiten Band kehrt Staubfinger nach Hause zurück und die meistern meiner Figuren werden freiwillig oder unfreiwillig ebenfalls in der Geschichte landen, aus der er stammt. Aber mehr lässt sich noch nicht verraten.

Sie lesen selbst sehr gern und viel. Welche Autoren, welches Genre bevorzugen Sie?
Gibt es ein Buch aus Ihren Kindertagen, an das Sie sich noch heute mit Freuden zurück erinnern?

Ich lese alles, Hauptsache es ist gut, möglichst sehr gut geschrieben. Ich lese Shakespeare, Lyrik, (sehr viel) Bücher über Mythologie, Toni Morrison, Michael Ondaatje, Dickens, Kipling, Roald Dahl, Science Fiction – und gern gute Fantasy, die es ja leider nicht allzu viel gibt. Mein Favorit in dem Genre ist G.R.R. Martins »Song of Ice and Fire«.

Musik gehört, wie ich gelesen habe, zu Ihren Vorlieben. Ebenso schauen Sie gerne Filme. Verraten Sie uns, welcher Ihr Lieblingsfilm ist und welche Musik Sie bevorzugen?

Ich höre gern klassische Musik, Barock, Bach – aber auch Neil Young. Und mein Lieblingsfilm heißt »Gods and Monster«.

Sie engagieren sich im sozialen Bereich. In welcher Form?

Ich habe die Patenschaft für zwei Organisationen übernommen. Einmal die häusliche Kinderkrankenpflege in Hamburg, bei der die Mitarbeiterinnen mich sehr mit ihrem Engagement für ihre kleinen Patienten und deren Familien beeindruckt haben, und als zweites Exilio, eine kleine Organisation in Lindau, die sich für Flüchtlinge einsetzt und Folteropfer, – ob Kinder, Frauen oder Männer – betreut. Da ich, seit ich 14 bin, Mitglied bei amnesty international bin, liegt mir diese Arbeit sehr am Herzen. Ich glaube, man kann gar nicht genug darauf aufmerksam machen, welch ein Ausmaß an Not viele Familien durchleiden müssen und wie wichtig es ist und bleibt, dass ein so reiches Land wie das Unsere dort hilft. Denn all unsere derzeitigen Probleme sind nichts im Vergleich zu dem Elend in anderen Ländern.

Informationen aus dem Internet:

Cornelia Funkes Website

Website des Verlages mit ausführlicher Bibliographie der Autorin

Cornelia Funke setzt sich durch

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(c) Nicole Rensmann / phantastisch!

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Mach es wie die Gebrüder Grimm: Erzähl es weiter.

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