Gelesen: »Schlafes Bruder« von Robert Schneider

Unendlich viele Absagen hat der am 16. Juni 1961 in Bregenz geborene Österreicher Robert Schneider von den Verlagen erhalten bis er sein Debüt »Schlafes Bruder« 1992 bei Reclam unterbringen konnte. Im Nachhinhein hat sich vielleicht der ein oder andere Lektor geärgert, den Roman abgelehnt zu haben, denn »Schlafes Bruder« war und ist in Buchform ein Erfolg und wurde in 24 Sprachen übersetzt. Auch die Verfilmung von 1995 erhielt mehrere Auszeichnungen und wurde für den Golden Globe nominiert. In den Hauptrollen spielten André Eisermann, Ben Becker und Dana Vávrová.

Robert Schneider, der mit zwei Jahren adoptiert wurde, wuchs in Meschach auf. Er studierte Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Komposition an der Universität in Wien. Später arbeitete er als Fremdenführer und Organist. Erst im Alter von 23 Jahren begann er aktiv zu schreiben und erhielt im Laufe der Jahre mehrere Auszeichnungen für seine schriftstellerische Tätigkeit. An seinen ersten Erfolg konnte er jedoch mit den nachfolgenden Romanen nicht mehr anschließen. Mit »Die Offenbarung« erscheint im September 2007 sein neuester Roman.

Doch im Rahmen einer neuen Taschenbuchreihe, in der u.a. Sachbücher, Humor, Werke zeitgenössischer Autoren und Polemisches erscheinen werden, wird Reclam u.a. auch »Schlafes Bruder« neu auflagen.


»Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der 22jährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen.«

So beginnt »Schlafes Bruder« und damit ist eigentlich alles klar. Elias, noch jung, schläft nicht mehr und stirbt. Doch was oder wer treibt einen Mann zu dieser wahnsinnigen Tat?

Johannes Elias wird Ende des 18. Jahrhunderts geboren in eine arme Welt und in eine nicht minder arme Bauernfamilie. Er hat einen älteren Bruder, der für die Geschichte aber unwichtig ist und somit auch nur selten erwähnt wird.

Seine Augen sind es und seine Stimme, die seine Mutter und das Dorf dazu veranlasst dem Baby nichts Gutes zu wünschen. Er hat gelbe Augen und eine gläserne Stimme, mit dem einfachen Bauern nichts anzufangen wissen und sein Talent noch viele Jahre verdammen werden. Dabei hört er den Klang von fallenden Schneeflocken, das Herzschlagen eines ungeborenen Kindes, das Rufen eines Steins und vervielfältigt so sein Gefühl für Töne.

Doch seine Familie verbietet ihm zu singen, sogar zu sprechen, wenn Besuch da ist. Denn das, was seine Umgebung hört, wenn Elias meint, zu singen oder zu sprechen ist ein höhes Pfeifen. Mit fünf Jahren, nach einer Flutwelle von Geräuschen, pubertiert er zu einem jungen Mann heran.

Seine Mutter, die sein Talent und seine äußerliche Erscheinung als Sinnbild des Teufels sieht, sperrt ihn ein. Um ihm das Böse auszutreiben, muss sich das Kind Elias einigen schmerzhaften Folterungen unterziehen. Seine Stimme ist es diesmal die ihn vor weiteren Schändungen rettet, wenn auch nur von kurzer Dauer.

Als er nicht mehr länger eingesperrt bleiben kann, weil der Druck von der Kirche zu stark wird, findet Elias Wege, sich der Faszination zur Musik hinzugehen. Er bringt sich das Singen in unterschiedlichen Höhen und Tiefen bei, lernt die Kopfstimme.

Seine Jugend verlebt er ruhig, mit weniger Gewalt, aber viel Arbeit auf dem Hof des Vaters. Er liebt seinen Vater und der Vater liebt Elias. Bei all dem Hass, dem Leid und der Gewalt ist dies mit eines der schönsten Offenbarungen des Buches.

Dann rettet Elias seine Cousine vor den Flammen und verliebt sich in sie. Doch seine Liebe kann er nie gestehen und als sie heiratet, stürzt er in tiefe Depressionen.

Vorher jedoch ist es das Schicksal, dass ihm dazu verhilft seine musikalische Genialität anbringen zu dürfen und in der Kirche zu spielen. Zum ersten Mal haben die Menschen Respekt vor ihm und zum ersten Mal ist seine Mutter stolz auf Elias. Er wird Lehrer und die Kinder lieben ihn.

Doch wieder ist es der Neid der dummen Bauern, die sein Talent nicht erkennen und an seine Art zu spielen immer etwas auszusetzen finden. Einschneidende Erlebnisse lassen Elias mit seinem Vater brechen und schließlich ist es nicht die Liebe oder sein Talent, sondern der Wahnsinn und vielleicht das Genie in ihm, dass ihn am Ende dazu veranlasst so lange wach zu bleiben, bis er stirbt.

Robert Schneider erzählt die Geschichte über den Musiker Johannes Elias nicht gradlinig und weist zwischendurch immer wieder auf spätere Ereignisse, was es – bei der stark verschnörkelten und archaischen Sprache – nicht immer leicht macht, den Geschehnissen zu folgen.

»Schlafes Bruder« wird in der auktorialen Perspektive erzählt, also aus der Sicht eines Beobachters. Häufig wendet sich der Erzähler direkt an den Leser, bittet um Einsicht oder Geduld, wenn er sich zunächst mit anderen Charakteren beschäftigt, als mit dem für den Leser wichtigen Johannes Elias.

»Schlafes Bruder« lässt die düsteren Elemente des Lebens wie Neid, Gewalt gegen Kinder und Tier, Hass, Herzlosigkeit, Folter und Tod mithilfe der altertümlichen Sprache so bildlich werden, dass die Erzählung stellenweise einem Horrorroman gleicht.

Wer an einer vielfach überzogenen, verfremdeten, geschwollenen, teils schwer verstehbaren Worten und somit sehr alten Sprache kein Gefallen findet, der sollte lieber nicht zu »Schlafes Bruder« greifen. Denn was für Manche gestelzt wirken mag, macht die Geschichte aus. Ab und an hätte ich mir allerdings ein paar glattere Sätze mehr gewünscht und warum der Autor auf S. 69 für knapp zwei Seiten – innerhalb eines Kapitels – von der bisherigen Erzählweise Präsens ins Präteritum wechselt, konnte ich mit meinen bescheidenen Kenntnissen auch nicht herausfinden.

Der häufig verwendete Vergleich zu Patrick Süskinds »Das Parfüm« finde ich – dies soll nur nebenbei erwähnt werden – jedoch nicht nachvollziehbar. Ein besonderes Talent, eine altertümliche Ausdrucksweise und eine historische Kulisse scheinen mir alles zu sein, was »Das Parfum« und »Schlafes Bruder« gemeinsam haben.

 

© Text: Nicole Rensmann

Robert Schneider
»Schlafes Bruder«
Gebundene Ausgabe
Reclam Leipzig
ISBN-13 978-3379007436
18,90 Euro

 

 

 

2 Kommentare:

  1. Ich habe mir so ein paar Sachen von ihm aufgeschrieben. Ein Pageturner ist „Schlafes Bruder“ ja nun auch glücklicherweise nicht. Das muss auch zwischendurch mal sein – finde ich sehr erholsam.

  2. Auch empfehlenswert von Robert Schneider ist „Kristus“, das die Geschichte von Jan Beukels (Jan van Leyden) erzählt, der später in Münster die Wiedertäufer anführt und mit ihnen untergeht. Auch hier sprachlich anspruchsvoll und nicht unbedingt ein Page-Turner, den man so wegliest. Lohnenswert!

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