Gelesen: »Der wahre Präsident von Amerika« von Owen King

Cover Owen King

In seiner Familie schreiben beinahe alle: Sein Vater, seine Mutter, der Bruder. Doch während sich Stephen und Tabitha King sowie Joe Hill der fantastischen Literatur verschrieben haben, schlägt Owen King in seinem Debüt völlig andere Töne an.
»Abschließend möchte ich betonen, dass nichts von alldem ohne den Rückhalt meiner Familie möglich gewesen wäre: Mom, Dad, Joe, Leo und Naomi. Ich liebe euch«, so schreibt Owen King in seiner Danksagung.
Geboren wurde er in Bangor, Maine als jüngstes Kind der Kings im April 1977. Heute lebt er mit seiner Frau Kelly Braffet in Brooklyn.

Seine Kurzgeschichten wurden mit dem John Gardner Award ausgezeichnet und für den National Magazine Award nominiert.

Die Titelstory »Der wahre Präsident von Amerika«

George Clairborne ist 15 Jahre alt, sein Vater ein Säufer und schon lange aus seinem Leben verschwunden, seine Mutter hat nach wechselnden Beziehungen endlich den Mann fürs Leben gefunden, den George jedoch überhaupt nicht leiden kann. Freunde hat er keine, was er auf die häufigen Umzüge schiebt. Seine Oma ist erst kürzlich gestorben. Und so verbringt er viel Zeit bei seinem Großvater, für den nichts wichtiger zu sein scheint als George W. Bushs erschlichener Wahlsieg. Als der Großvater glaubt, der Zeitungsjunge habe ihm einen Teil seiner New York Times gestohlen, beginnt ein Kleinkrieg, der jedoch ein vollkommen anderes Ende nimmt, als auf den ersten Seiten der Geschichte zu vermuten ist.
Es ist die Geschichte eines Sommers in Maine. Eine Geschichte, in der ein 15-jähriger auf mehrfache Art und Weise erwachsen wird, was nicht immer ohne Tränen geschieht.

»Der wahre Präsident von Amerika« gibt einen völlig anderen Einblick in das Leben der Amerikaner und kreidet die aktuelle Politik an. Es scheint, als wenn alte Amerikaner grundsätzlich gegen alles sind, Erdnüsse als Hauptnahrungsmittel vertilgen, mit einer Knarre im Arm einschlafen und ständig Joints rauchen. Und dann sind wiederum manche Geschehnisse so alltäglich, dass sie auch bei uns um die Ecke hätten passieren können.
Eine schöne, warme Geschichte, ein bisschen abgedreht, aber mit viel Hingabe und Gefühl geschrieben.

Eiskalt erwischt es einen darum in mehrfacher Hinsicht bei der nächsten Geschichte in diesem Band:

»Eiskalte Tiere« ist die erste der vier Kurzgeschichten. Eine Seite vorher trockneten wir noch unsere Tränen, jetzt befinden wir uns in der Gesellschaft dreier unkultivierter Herrn, die durch eine Schneewüste wandern. Darunter: Ein Zahnarzt. Er soll einer Frau die Zähne richten. Seine Bezahlung ist jedoch etwas befremdlich.
Eine sehr verworrene Geschichte, die einen nach der oben erwähnten Novelle stirnrunzelnd zurücklässt.

Kommen wir zu »Wunder«. Eckstein, ein Baseballspieler, erzählt von seinem kleinen Fehltritt, der ein paar Tage seines Lebens ziemlich durcheinander bringt.

Eckstein mag Filme und geht gern ins Kino. Doch er mag auch die Filmvorführerin, die er während eines langweiligen Films schwängert. Aber dann kommt alles anders und alles wird gut – für den einen oder anderen.
Eine etwas seltsame Geschichte mit skurrilen Typen, die einem Horrorkabinett entsprungen scheinen. Und auf anderer Ebene tiefgründig und brutal, in der politische Themen nur angerissen werden, dies aber so gekonnt, dass die versteckten Mahnungen und Hinweise an Bedeutung gewinnen.

In »Schlange« begegnen wir Frank, einem Jungen der eigentlich das Besuchswochenende mit seinem Vater verbringen sollte, aber da dieser nicht sonderlich zuverlässig ist, schlendert Frank lieber durchs Einkaufszentrum. Am Liebsten geht er ins Mr. Paperback und stöbert in den Büchern.
An diesem Tag trifft er in dem Einkaufszentrum auf einen Fotografen, der seine Kundschaft mit einer Boa schmückt und so fotografiert. Frank unterhält sich mit Mr. Leatherneck und lässt sich schließlich sogar mit Schlange um die Schultern ablichten. Später trifft er nochmal auf den Mann, was ungeahnte, aber keine spektakulären Folgen hat.
»Schlange« deutet die Haltlosigkeit an, die manche Teenager verspüren, aber erzählt auch von Kraft und Fantasie, die sie aus Büchern bekommen und wie wichtig ihnen Ehrlichkeit ist.

In der letzten Geschichte des Buches präsentiert Owen King »Meine zweite Frau«, doch bis der Protagonist seine zweite Frau bekommt, muss er einige Tränen vergießen und neue sexuelle Erfahrungen durchleben.
Eine verrückte – und in diesem Buch die schwächste – Story über die Midlife Crisis, Lügen, fremd gehen, alkoholisierte Bäcker und Inzucht. All das wird aber nur am Rande erwähnt.

Auffallend sind in allen Geschichten die häufigen Rückblicke, die ein konzentriertes Lesen erfordern. Zudem gibt es in jeder Geschichte Joints, Drogen und Alkohol in unterschiedlichen Mengen. Alle Protagonisten denken sehr viel und stellen sich zukünftige Ereignisse oder den nächsten Tag vor, wenn eine bestimmte Situation eintreten könnte.

Owen King gelingt es, in jeder Story einen anderen Ton anzuschlagen, mal sanft und freundlich, dann böse und brutal, schließlich verrückt, ja beinahe wahnsinnig, wobei er in der »Der wahre Präsident von Amerika« alle Attribute wunderbar vermischt – und somit ist die Titelstory nicht nur die längste Geschichte, sondern auch der Favorit.

 

Owen King
»Der wahre Präsident von Amerika«
(Originaltitel: We´re all in this together)
Übersetzung: Thomas Haufschild
313 Seiten
Hardcover, Rütten & Loening, Februar 2006
ISBN-13: 978-3352007309 / 19,90 Euro
Taschenbuch, Aufbau Verlag, Dezember 2007
ISBN-13: 978-3746623634 / 9,95 Euro

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Diese Rezension steht auch auf folgenden Seiten:

© Text: Nicole Rensmann
© Cover: Rütten & Loening Verlag

2 Kommentare:

  1. Pingback: Interview Marianne Eschbach – 2006 – Nicole RensmannNicole Rensmann

  2. @Oliver – Talent haben sie beide. Doch Owen King schreibt völlig anders als Bruder Joe oder Vater Stephen – literarischer, würde ich fast behaupten.
    Ob das mit Owens Frau zusammenhängt glaube ich allerdings nicht. Die Zwei haben sich nur gesucht und gefunden! 😉
    Was nun die Schrift der deutschen Ausgabe betrifft: sie ist sicherlich nicht super klein, aber riesig ist sie auch nicht. Ich fands angenehm zu lesen. Wird schon nicht mehr drin sein, als in der Originalausgabe – das wäre zumindest mal was Neues.

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