Hallo? Ist da jemand?

Ich eile durch ein Labyrinth aus ellenlangen Fluren, meine Schritte auf den blutroten Böden sind die einzigen Geräusche. Nirgends ein Mensch zu sehen. Dort hängt ein Schild, aber kein brauchbarer Hinweis. Ich gehe weiter, immer den Flur entlang, Türen gehen rechts und links davon ab. Doch niemand scheint dahinter zu leben oder zu arbeiten. Es ist ruhig und leer, so als sei ich in eine andere, verlassene Welt eingetreten, dabei habe ich doch nur unwissentlich den Nebeneingang benutzt – und das wurde zu meinem Verhängnis.

Unser neues Einwohnermeldeamt ist zwar von außen gut zu sehen, die Räumlichkeiten sind aber mehr als schwer überschaubar, wie ich mir sogar von den dort arbeitenden Beamten und Angestellten versichern ließ.

Ich betrete also das Gebäude. Rechts geht es zur Volkshochschule. Da möchte ich nicht hin. Geradeaus hängt ein Wegweiser, weiter links noch einer.

Mehrere Türen führen zu verschiedenen Fluren. Welche ich davon nehmen soll weiß ich noch nicht.

Unterschiedliche Angelegenheiten werden auf dem Wegweiser aufgeführt. Ich entscheide mich schließlich für den Raum „Andere Ordnungsangelegenheiten“. Doch wo ist diese Nummer? Durch diese Tür? Oder die Treppe rauf? Ich blicke die Stufen empor, gehe einige hoch. Außer Treppe scheint es dort nichts zu geben. Darum wähle ich die Tür, sehe mich um und freue mich über ein weiteres Hinweisschild „Personalausweis Zimmer …“.

»Fein«, denke ich. »Da will ich hin!«

Ich stehe vor Zimmer 024 und soll in Zimmer 150.

Ich gehe also und pfeife in Gedanken ein Liedchen mit »I´m walking … « Mir kommt niemand entgegen, keiner tritt aus den Büros und ich fühle mich ein bisschen seltsam in diesem riesigen Gebäude, das ausgestorben zu sein scheint.

Endlich entdecke ich einen Raum, einen großen, hellen Raum, ausgestattet mit Tischen und vielen Stühlen, von denen jedoch nur wenige besetzt sind. Ich bin nicht allein!

Doch wie komme ich dahin? Denn vor mir ist eine Fensterscheibe. Ich gehe weiter, schneller. Ich hätte mir ein bisschen Wegzehrung mitnehmen sollen.

Als ich den Warteraum finde, gelange ich auch zu Zimmer 150. Normalerweise muss man eine Nummer ziehen, aber hier ist kein Automat. Also betrete ich Zimmer 150, teile einem jungen Mann mein Anliegen vor, der mir dann geduldig und mit einem Lächeln, als wenn er die Frage nicht zum ersten Mal hört, erklärt, wo ich die Nummer ziehen kann: »Sie sind ja im Haupteingang reingekommen, da sitzt doch diese Frau im Glaskasten.«

»Frau im Glaskasten? Da war keine Frau im Glaskasten.«

Okay, ich wandere also wieder eine Etage tiefer. Diesmal wähle ich aber einen anderen Weg, um möglicherweise zu der Frau im Glaskasten zu kommen. Es gelingt mir auf Anhieb – ganz ohne Navigationssystem. Ich erhalte mein Nümmerken – vier Leute sind vor mir – gehe wieder zurück, setze mich zu den anderen Wartenden und krame mein Buch hervor. Zum Lesen komme ich aber gar nicht erst, denn die elektronische Anzeigentafel ist zwar groß, aber sie gibt keinen Ton von sich, wenn eine neue Nummer aufgerufen wird.

In ein Buch vertiefen wäre also fatal gewesen. Glücklicherweise muss ich nicht sehr lange warten.

Die Wartezeit deckte sich in etwa mit der Zeit, die ich in dem Gebäude umherirrte und mich immer wieder fragte: »Hallo? Ist da jemand?«

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