Gelesen: »Qual« von Richard Bachman alias Stephen King

Cover QUAL»Blaze« ist der Titel der Originalausgabe, Blaze lautet auch der Name des Protagonisten dieses Romans, den Stephen King schon 1973 geschrieben hat – zu einer Zeit, als er gesellschaftskritische Erzählungen verfasste, die er später unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichte. Damals gefiel ihm die Story nicht – vollkommen zu Unrecht!

Blaze nennt sich selbst Dummkopf, vielleicht weil er ein wenig langsam beim Denken ist, vielleicht aber auch nur, weil ihn von Kind auf an jeder als Dummkopf bezeichnet hat. Dabei war er intelligent, als er in die Schule kam. Doch sein Vater schlug ihn. Jeder wusste das, jeder sah es, doch niemand unternahm etwas dagegen. Schließlich wurde Blaze von seinem Vater dreimal hintereinander die Treppe hinunter geworfen. Er überlebte, aber so wurde aus dem schlauen Clayton Blaisdell Junior der etwas dümmliche Blaze.

Die Mutter ist früh gestorben, vom Vater getrennt, steckte man ihn in ein Heim, wo die Tyrannei jedoch kein Ende nahm. Wieder waren es die Erwachsenen, die Blaze schlugen und quälten. Die Kinder hatten viel zu viel Angst vor dem Jungen, der viel größer war als sie. Und so wurde Blaze zum Beschützer der Schwächeren.

Als Blaze von einem älteren Ehepaar aus dem Heim geholt wurde, hoffte er auf eine bessere Zeit, aber es änderte sich nichts. Auch hier bekam er Schläge – bis er sich gegen den Mann auflehnte.

Doch in seiner von Schlägen geprägten Kindheit gab es auch glückliche Momente, die jedoch nie lange vorherrschten, so als hätte er es nicht verdient glücklich zu sein. Und so bleibt es – bei all der Gewalt und dem Problem, dass er zwar Unrecht von Recht unterscheiden kann, aber auf einen Freund angewiesen ist, der ihm die Richtung weist – schließlich nicht aus, dass Blaze kriminell wird. Dabei ist er es nie selbst, der die Raubzüge, Überfälle und Betrügereien plant, doch Blaze freut sich, dass er helfen und dabei sein kann, und so erweist er sich als zuverlässiger und loyaler Kumpel, um den man sich in der kriminellen Szene reißt.

Bis er auf George trifft. Mit ihm verbringt Blaze viele Jahre, in denen er auch mal im Gefängnis landet. Doch dann plant George den großen Coup: Um an viel Geld zu kommen und für immer ausgesorgt zu haben, will er ein Baby aus reichem Hause entführen. Aber bevor es so weit kommen kann, stirbt George. Und Blaze, der keine Ahnung von Babys hat und nicht behalten kann, was ein Baby isst oder sonst benötigt, will den Plan alleine durchführen …

All die Erinnerungen an seine Kindheit werden in Rückblenden in den Text eingeknüpft, passend zu der gegenwärtigen Situation.

Obwohl Blaze an vielen kriminellen Handlungen teilnimmt, hat Richard Bachman alias Stephen King einen sympathischen, starken und echten Charakter geschaffen, den der Leser sofort ins Herz schließt, ihm Glück und einen Menschen an die Seite wünscht, der ihn auf den rechten Weg bringt. Es gibt Momente, in denen wir über Blaze´ „Dümmlichkeit“ schmunzeln oder sogar laut auflachen. Und bis zum Schluss hoffen wir, dass sich alles zum Guten wendet – obwohl das Ende der Geschichte die einzige Möglichkeit darstellt.

Wer sich einen phantastischen Touch in dem Buch erhofft, findet ihn lediglich in der Tatsache, dass Blaze die Stimme seines toten Freundes George hört und nach dessen scheinbaren Ratschlägen handelt.

»Qual« ist ein gefühlvolles, starkes Buch, in der King eine neue Seite von sich zeigt – auch wenn diese schon 25 Jahre alt ist. Meiner Meinung nach ist »Blaze« eines der besten Bachman-Bücher.

Wer bisher nichts von Stephen Kings „Horror“ hielt, der darf »Qual« getrost lesen, denn hier gibt es keine übersinnlichen Wesen, keine blutigen Horrorszenarien. Hier zeigt King das alltägliche Grauen, von dem wir täglich in der Zeitung lesen können und präsentiert einen Protagonisten, dem wir ein besseres Leben wünschen.

Schade, dass Richard Bachman nicht mehr unter uns weilt! Er starb 1985 an Pseudonym-Krebs. Es wäre interessant zu lesen, was er heute zustanden bringen würde.

Ich empfehle das Nachwort (auf S. 343) zuerst zu lesen, denn im Original ist es ein Vorwort – und dort gehört es mit u.a. nachfolgenden Sätzen auch hin: »Ich will, dass Sie das wissen, so lange Sie noch Ihren Kassenbon haben und bevor Sie irgendwas wie Soße oder Eiscreme daraufkleckern und ihn dann nur noch unter Schwierigkeiten oder gar nicht mehr umtauschen können.« oder »Hoffentlich sind Sie wegen einer guten Geschichte hier, und hoffentlich bekommen Sie die auch…«.

Das Vor-/Nachwort ist wieder eines von Stephen Kings typischen und herrlich zu lesenden Ansprachen an den Leser. Ich würde ein 1000-seitiges Werk von Stephen King kaufen, in dem er die ganze Zeit mit dem Leser quatscht. Ich liebe dieses Gerede über seine Bücher, das Wie und Warum. Genau das rundet für mich einen Roman ab oder leitet ihn ein – je nach dem ob es nun ein Vor- oder Nachwort ist, oder wo der Verlag das Vor- oder Nachwort platziert.

Die Geschichte »Erinnerung«, die nach dem Nachwort, das eigentlich das Vorwort ist, kann getrost später gelesen werden – stimmt sie doch auf Stephen Kings nächsten Roman »Duma Key«, im deutschen »Schmerz«, ein.

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Stephen King als Richard Bachmann
Qual
(Originaltitel: »Blaze«)
Übersetzer: Jürgen Bürger
Heyne Verlag, August 2007
Hardcover, 390 Seiten
ISBN 9783453265837
19,95 Euro

Diese Rezension steht auch auf folgenden Seiten bzw. wird von dort verlinkt:

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© Text: Nicole Rensmann
© Cover: Heyne Verlag

3 Kommentare:

  1. Das wird dann die Leidens-Tri/Tetra/Deka-logie von King. Warum ärgert sich King nicht mal über die deutschen Verlagstitel? Im deutschen Massen-Verlagswesen scheint man poetische Titel zu hassen. Vielleicht sind Buchstaben für Titelumschläge auch sehr teuer. Und wer sich „Deutschland sucht den Superstar“ als Titel einer Sendung merken kann, wird auch Bücher mit mehr als einem Wort im Titel im Regal finden. Oder gibt es eine Steuer auf Titel, die man vermeiden will? Oder es sitzen Ex-Announcen-Eintipper, die sich hochgekürzt haben, an den Schalthebeln für die Titelwahl. Das ist so quälend beim Dark-Tower-Zyklus von King. Sooo quälend. Kurz gesagt: Qual

  2. Ja, mir hat „Blaze“ ausgezeichnet gefallen.

    Ich selbst würde es auch nicht als phantastisches Element ansehen, dass Blaze mit seinem toten Kumpel redet. Damit wollte ich nur erklären, dass – wenn überhaupt – dies als solches angesehen werden könnte.

    Zu „Duma Key“: Doch das habe ich gelesen, mehr wollte ich aber erst mal nicht sagen, die Rezi war doch lang genug. 😉 Es scheint mir, King hat seinen Unfall noch immer nicht verarbeitet – was nachvollziehbar ist – und einige seiner „Schmerz“ en und vielleicht seiner Gedanken: „Was wäre wenn Tabby nicht bei mir …“ etc. baut er in seinen neuen Roman ein. Mal sehen, was er uns da vorlegt.

    Warum der Titel „Qual“ heißt, kann ich dir auch nicht sagen. Blaze hat ja Qualen erlitten – möglicherweise deswegen? Vielleicht ist dieser Titel aber auch nur der Anfang von weiteren „Gefühlstiteln“, denn „Duma Key“ wird, wie erwähnt „Schmerz“ heißen.

  3. Dir hat das Buch wohl noch etwas besser gefallen als mir, obwohl ich ja eigentlich auch angetan war.

    Ob die Stimme von George ein phantastisches Element ist? Kann man drüber diskutieren. Ich fand es gut, dass King es offen gelassen hat, ob das ein phantastisches Element ist, eine geistige Krankheit von Blaze oder gar „nur“ ein literarisches Mittel.
    Hintergrund war sicherlich, dass King für die Erzählung einen Ansprechpartner für Blaze brauchte, damit der Kerl nicht den ganzen Roman nur so vor sich hin handelt und sinniert (wobei er es mit sinnieren ja wohl nicht so hat, wegen der Treppenstürze).

    Deine Worte klingen so, als ob Du die nachfolgende Kurzgeschichte nicht gelesen hättest, holst Du das noch nach oder wartest Du auf da auf „Duma Key“? Du hast ja meine Worte gelesen, viel verpasst Du IMHO bei der Geschichte nicht.

    Warum der Roman auf Deutsch nun „Qual“ heißt, konntest Du dem Inhalt auch nicht entlocken, oder?

    Darüber, dass der deutsche Verlag das Vorwort ins Nachwort geschoben hat, trotz der offensichtlichen Funktion (siehe Dein Kassenbon-Zitat), darüber komme ich einfach nicht hinweg und könnte mich darüber schwarz ärgern. Da würde ich gerne jemanden im Verlag schlagen wollen. Wo ist mein Baseball-Schläger? Ach, ich habe ja gar keinen. 🙁 Und eigentlich bin ich ja auch friedfertig. Meist. Solche Dummheit ärgert mich trotzdem.

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