Gelesen: »Haut(Ge)schichten« von Jörg Pramor (Tattoograf)

Cover: HautgeschichtenJeder Mensch trägt seine persönliche Geschichte in sich. Doch nicht jeder muss sie nach außen hin preisgeben. Schriftsteller sind es, die diese Geschichten erzählen – manchmal wahr, oft voller Phantasie. Maler bringen ihre Geschichten auf die Leinwand. Und manche Menschen tragen ihre Geschichten auf der Haut – für sich selbst, zur Provokation, oder um anderen zu zeigen, wer sie wirklich sind. Sie drücken ihr Lebensgefühl damit aus, ehren den Partner oder verarbeiten den Leidensweg.

Sehen wir von den Naturvölkern ab, soll das Tattoo ein Privileg für die Seefahrer gewesen sein, die sich ihre Braut auf die Oberarme tätowieren ließen, die Landkarte auf den Rücken und ihr Schiff auf den Bauch. Doch auch die Kriminellen verzierten ihre Muskeln oftmals mit praller Weiblichkeit, um ihre eindeutige Neigung zu demonstrieren – schenkt man dem Klischee Glauben. Zeichen oder Nummern schlossen auf die Angehörigkeit eines Clans, des Militärs oder eines längeren Aufenthalts hinter schwedischen Gardinen.

Doch längst ist das Tattoo ein Körperschmuck für jeden geworden: Der Bankier trägt es genauso wie die Hausfrau oder die Schauspielerin. Nahezu jede Berufsgruppe in jeder Gesellschaftsschicht folgt dem Körperkult.

Es ist die Verewigung der Persönlichkeit, vorzeigbar für jeden oder auch nur für sich selbst. Ein Tattoo erzählt eine Geschichte, ist Phantasie auf der eigenen Haut. Für die Betrachter sind es Bilder, für manche abstoßend, für andere faszinierend. Doch oft steckt viel mehr dahinter als nur Malerei auf der Haut:

Tattoos geben Kraft: »Die Tattoos sind wie ein Ruhepol auf meiner Haut«, sagt Beccy Lavender, die mit 26 Jahren einen Schlaganfall erlitt. Andere verzweifeln daran, schreiben ihre Ängste zu Papier, sie plant ein weiteres Tattoo, in dem sie den Schicksalsschlag verarbeiten will.

Auch Eliza-Fire sieht ihre Tattoos als Kraftspende: »Der Drache hat etwa Mystisches, steht für Lebensenergie, Kraft und Schutz vor negativen Einflüssen.« Er half ihr über den Tod der Mutter hinweg.

Tattoos sind ewig: »Ich finde es wichtig, auch noch im Alter meine Tattoos zu haben. Sie erinnern mich dann an die damalige Zeit«, meint Psychobambi.

Und welche Omi kann schon die Geschichten für die Enkel von der eigenen Haut ablesen?!

Tattoos machen süchtig: »Hast du eins, willst du mehr. Ich wollte das ja nicht glauben, aber es ist wirklich so«, weiß Melissa.

Jörg Pramor ließ sich sein erstes Tattoo mit 19 Jahren stechen. In sechs Jahren hat er über 150 Models abgelichtet. 24 Frauen präsentiert der 1963 in Remscheid geborene Tattoograf, wie er sich bezeichnet, nun in seinem ersten Bildband »Haut(Ge)schichten«.

Sie heißen Berti, Judy, Mel, Nicole oder Susan. Sie nennen sich Schnute, Kitty Deluxe, Norma Jean oder Elfenzauber. Nicht alle sehen hinter ihren Tattoos eine Bedeutung, aber alle haben eins gemeinsam: Sie teilen die Liebe zu Farbe, Nadelstichen und einer besonderen Art des Körperschmucks, der ewig hält. Sie sind süchtig nach Geschichten auf der Haut.

Doch nicht die Fotos und Darstellung der Frauen allein – manchmal sexy, dann wieder verspielt oder schüchtern – machen diesen Bildband zu den »Haut(Ge)schichten«.

Stefan Kretzschmar, Handballspieler der Deutschen Nationalmannschaft, erzählt im Vorwort, wie es zu seinen zahlreichen Tattoos gekommen ist: »Alles fing mit einer Idee an. Es war die Idee von einem Bild auf meiner Haut, ein Bild, das ich mit mir trage, für immer.«

In dem begleitenden Essay schafft es zudem der Texter und Journalist Daniel Juhr auf unterschiedliche Art, das Thema Tattoo einzufangen:

Einfühlsam auf der einen Seite, mit Charme und Witz auf der anderen, leitet er mit seinem Essay den Bildband ein. Zahlreiche Zitate aus der Literatur und erste Geschichten, die uns berühren und doch erst später wieder von Bedeutung werden, führen schließlich zu den Fotos der tätowierten Persönlichkeiten – denn das ist jede der vierundzwanzig Frauen. Während wir die Bilder betrachten und die Texte lesen, in denen sie erzählen wie sie zu ihrem Spitznamen gekommen sind, wie ihre Eltern und ihre Freunde auf die Tattoos reagiert haben, wann sie sich das erste Bild stechen ließen und welche Schicksalsschläge sie trotz junger Jahre erlitten haben, wird schnell klar: dies ist kein normaler Fotoband.

Manchmal hätte ich mir die einzelnen Tattoos noch mehr in Szene gesetzt gewünscht, aber Jörg Pramor wollte eindeutig keinen Bildband schaffen, in dem ausschließlich nackte, bemalte Haut dargestellt wird. Er präsentiert die Menschen unter der Hautmalerei, wie sie wirklich sind oder sein möchten. Und das ist ihm gelungen!

Haut(Ge)schichten – das ist visuelle Prosa.

Jörg Pramor
Haut(Ge)schichten
Text: Daniel Juhr
Mit einem Vorwort von Stefan Kretzschmar
rga.Buchverlag, Oktober 2007
Großformatiger Bildband, 120 Seiten
ISBN 978-3-923495-95-5
28,50 Euro

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