Gelesen: »Black Box« von Joe Hill

Black Box von Joe HillEs gefällt mir, wie Joe Hill mit dem Leser in seinem Vorwort kokettiert, das macht er wie sein Vater Stephen King – und das ist schon einmal eine gute Eigenschaft, die er übernommen hat.

Er debütierte mit »Blind« bei uns in Deutschland und genoss sofort hohes Ansehen, die Presse war voll des Lobes. Auch mir hatte der Roman gefallen, wenn er auch einige Klischees beinhaltete, die mir das Lesevergnügen ein wenig schmälerten.

Dennoch war ich auf seine Geschichtensammlung »Black Box« neugierig.

Scheherazades Schreibmaschine

Auch wenn hier Elena von ihrem Vater erzählt, der im Keller an seiner alten IBM-Schreibmaschine Geschichten schrieb, ist es durchaus vorstellbar, dass Elenas Erinnerung auch mit Joe Hills Kindheit vereinbar sein könnte. Allerdings ist Elenas Vater tot und er ist nie ein berühmter Autor geworden … nur die Schreibmaschine schreibt noch – allein, im Keller – vor sich hin …

Manchmal fällt Joe Hill in den Jargon eines Kindes zurück, »… und dann wurde es richtig aufregend«, was einen aus dem Lesefluss wirft. Aber die Geschichte ist kurz, sehr nett erzählt, vor allem, da sie das Vorwort ergänzt und eine kleine Hommage an alle Autoren ist.

Best New Horror

Wieder geht es um einen Mann aus dem Literaturbetrieb: Eddie Carroll ist Herausgeber von Horrorgeschichten, er ist bekannt, er ist der Beste. Seine Erfahrungen dürften wohl auch auf denen des Autors basieren, so erzählt Carroll, dass er mit Übelkeit kämpft, wenn er wieder eine Story lesen muss, bei der Vampire es miteinander treiben. Auch Lovecraft- Epigonen kann er nicht mehr ab.

Als Eddie Carroll eine Geschichte zugesandt bekommt, die aus den üblichen Geschichten herausragt, verändert sich sein Leben.

Eddie Carroll will diese Geschichte unbedingt haben und in der nächsten Anthologie veröffentlichen, doch die Suche nach dem Autor ist eine ganze neue Geschichte … die er lieber nicht zu Ende erzählt hätte …

Eine sehr erschreckende Horrorstory, wenn auch mit vorhersehbarem Ende.

20th Century Ghosts

Auch hier geht es um Geschichten, Geschichten um ein altes Kino, das Rosebud, und einen weiblichen Geist, der schon seit Jahren dort immer wieder mal gesehen wird.

Alex erzählt, wie er sie als Junge zum ersten Mal getroffen hat und seitdem von dem Kino nicht mehr lassen kann, und so übernahm er auch später die Leitung. Doch das Kino ist kurz vor dem Bankrott. Eine Lösung muss her.

Eine kleine Geistergeschichte mit Starbesetzung.

Pop Art

In »Pop Art« geht es um einen Jungen und seinen Freund, der nach der Beschreibung her eigentlich kein Mensch sein kann. Doch Art lebt, er ist Jude, er ist anders, sehr anders, er wird viel gehänselt und muss aufpassen, dass er nicht an scharfen Gegenständen vorbeischrammt, denn dann würde er an Luft verlieren.

Die Geschichte ließ mich nicht los, ich musste unbedingt wissen, was es mit Art auf sich hatte.

Zudem ist »Pop Art« eine sehr philosophische Story, zweideutig, traurig und doch musste ich am Ende grinsen.

Der Gesang der Heuschrecken

Francis Kay ist ein seltsamer Junge, er liebt Insekten – was ihn noch nicht so sehr seltsam erscheinen lässt – aber er liebt sie so sehr, dass er sie isst und sich wünscht, sie beherrschen zu können. Doch dieser Wunsch geht nicht in Erfüllung, vielmehr wird er selbst zu einem Insekt.

Joe Hill hat die Verwandlung nicht beschrieben, wie man es aus Filmen kennt, sondern so wie der Junge sie empfindet – in einem ständig wechselnden Bad der Gefühle: ängstlich, voller Begeisterung, panisch …

Abrahams Söhne

Was immer es auch ist. Max muss pünktlich zu Hause sein, um ihnen nicht zum Opfer zu fallen, so wird es ihm von seinem Vater eingebläut. Doch noch scheint nur einer wirklich gefährlich für Max und seinen 9 Jahre alten Bruder Rudi zu sein – der Vater selbst, der sie mit Gewalt und Peitsche züchtigt.

Für alle die sich ein wenig in der Literatur auskennen: Hier treffen wir auf eine Familie, die den Nachnamen van Helsing trägt.

Und dabei sollte man nicht vergessen, dass Max und Rudi Kinder sind, deren Vater ein Vampirjäger ist und seine Kinder auf grausame Art in seine Tätigkeit einführt.

Story mit wachsendem Schrecken und einem fast vorhersehbaren Ende.

Besser als zu Hause

Eine Baseballgeschichte, eine Vater-Sohn-Erzählung und unterschwellig eine über Ernährung, Vegetarier und Hamburger-Manie.

Die schwächste Story im Band.

Das schwarze Telefon

Während Finney an der Straße auf seinen Vater wartet, beobachtet er einen Mann, der versucht seine Tüten ins Auto zu packen. Als er den Kofferraum öffnet, fliegen zahlreiche schwarze Ballons daraus hervor und verschwinden gen Himmel. Dem Mann fallen seine Einkäufe herunter und Finney bietet seine Hilfe an. Doch Finney bereut schnell seine Hilfsbereitschaft, denn der Mann überwältigt und verschleppt ihn. Und Finney ist nicht das erste Kind in der Stadt, das verschwindet.

Eine Gänsehaut-Gespenstergeschichte mit zwei Enden, die der Autor aus gutem Grund zum Besten gibt.

Endspurt

Wyatt ist ein junger Mann. Er hat Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik und fühlt sich unsicher. Das lässt ihn aggressiv und oftmals beleidigend werden, was dazu führt, dass er seinen Job verliert.

Als er verärgert und frustriert nach Hause stapft, findet er Mrs. Prezar, für die er früher mal den Rasen gemäht hat, und ihren kleinen Sohn verletzt im Auto wieder.

Sie wurden überfallen …

Es ist eine ungerechte Geschichte, in der viel Wahrheit steckt … und die vielleicht doch ein gutes Ende nimmt.

Das Cape

Das Cape ist Erics Talisman. Als er auf einen Baum klettert und der Ast unter ihm nicht hält, wird er durch das Cape in der Luft gehalten, bis der Wind es ihm von den Schultern reißt. Er stürzt, was ungeahnte Folgen für ihn hat. Doch es ist nicht der Krankenhausaufenthalt, der sein Leben verändert, auch nicht die Tatsache, dass seine Mutter das Cape wegwirft, und ebenfalls nicht die anschließenden 10 Jahre, die der Leser im Zeitraffer erlebt. Im Gegenteil wirkt er zunächst wie ein ganz normal heranwachsender Junge, dann verlässt ihn seine Freundin, kurz nachdem er sich vorgestellt hatte sie zu töten. Als er sein Cape im Keller seiner Mutter wiederfindet, lernt er zu schweben und rechnet ab.

Zweideutige, tiefgründige Geschichte. Immer wenn man glaubt, jetzt hat Eric zu sich gefunden, dreht er sich um 180 Grad. Eine Textstelle habe ich mehrfach lesen müssen, um zu begreifen, was er da macht.

Es war eine Szene, bei der ich genauso gut überrascht hätte aufschreien können.

Ein letzter Atemzug

Man sollte sich vor einem Museumsbesuch genau erkundigen, was in dem Museum eigentlich ausgestellt wird, ansonsten könnte das … zum letzten Atemzug führen.

Kurzweilige Geschichte mit vielen bekannten Namen und deren letzten Atemzügen.

Totholz

Die kürzeste Geschichte, für die man sich aber viel Zeit nehmen sollte, um den Sinn darin auch zu verstehen.

Witwenfrühstück

Eine Geschichte um Killian und Gage, zwei Landstreicher. Doch während Gage schon auf der ersten Seite stirbt, trifft Killian auf eine alte Frau und ihre drei Töchter.

Eine Geschichte mit einem interessanten Ende, das nicht vorab zu erraten war.

Bobby Conroy kehrt von den Toten zurück

Bobby Conroy ging nach Hollywood, um ein berühmter Komiker zu werden, doch seine Karriere kam nicht ins Rollen und so kehrt er nach Hause zurück, wo er und der Großteil der Bewohner bei einem Zombiefilm von George Romero mitspielt. Dort trifft er seine alte Liebe Harriet wieder.

Keine Horrorgeschichte, eher eine Liebesgeschichte mit Gruselambiente und einem Gastauftritt von George Romero.

Die Maske meines Vaters

Über den Inhalt dieser Geschichte lässt sich wenig sagen. Sie ist so sehr abgedreht, dass eine Zusammenfassung nur schwer ist. Es geht um Eltern, die ihren 13-jährigen Sohn behandeln als sei er zwei. Sie erklären nicht, sie spielen Spiele. Sie flüchten vor den Spielkartenleuten – vielleicht haben sie Spielschulden? Aber das ist nur eine Theorie von vielen, die ich zu »Die Maske meines Vaters« aufgestellt habe. Dennoch lesbar, denn die Handlung geht in viele Richtungen und vieles könnte hier möglich sein.

Die Geretteten

Jubal hat sich von seiner Familie getrennt, vier Jahre hat er seine Tochter nicht gesehen, sie ist jetzt acht, und für ihn ist es an der Zeit, sie einmal wieder zu besuchen.

Auf seiner Fahrt durch Schnee und Eis nimmt er einen Anhalter mit. Der entpuppt sich als fanatischer Christ und nimmt die Sache mit der Nächstenliebe ein wenig zu ernst.

Eine Geschichte über Dummheit, zerrissene Familien und Schnee der alle Spuren verdeckt.

Black Box

»Black Box« ist nicht nur die letzte, sondern mit 78 Seiten auch die längste Geschichte in dem Band. Sie wird von Nolan erzählt, der einen Rückblick auf seine Kindheit und tragische Ereignisse gibt. Diese müsste er zwar eigentlich der Polizei mitteilen, da er dazu jedoch keinen Mut besitzt und auch weil er denkt, dass ihm niemand glauben würde, vertraut er sich einem weißen Blatt Papier an und somit uns – den Lesern.

Sein Bruder Morris lebt in einer eigenen Welt, ihm wurde schon in frühen Jahren Schizophrenie diagnostiziert, aber ob es sich nicht doch um etwas anderes handelt, kann nur spekuliert werden. Er baut Festungen, Schlösser und riesige Bauten aus Kartons, in denen eigene Gesetze herrschen.

Eine schöne Erzählung aus der Kindheit eines Jungen mit mystischem und mysteriösem Touch.

Fazit:

Auffallend in allen Geschichten sind die oft zerrütteten Ehen und Beziehungen der Eltern der Erzähler oder der Protagonisten selbst. Ebenfalls fällt es auf, dass Joe Hill ganz bewusst von einer Person erzählen lässt. Nur in »Scheherazades Schreibmaschine« erzählt ein Mädchen von ihren Erlebnissen, alle andere Storys werden von Jungen oder Männern erzählt, wobei es dann eher Kindheitserinnerungen sind. Meist sind es Jungs, die Probleme haben – die schwächer oder anders sind als die Anderen.

Es sind Geschichten, die vor vielen Jahren gespielt haben, von Erlebnissen und oft, wenn auch manchmal nur am Rande, von Baseball – wobei ich mich hier wieder fragte, ob es in Amerika keine andere Sportart gibt.

Nicht alle Geschichten sind fantastisch, manche bekamen nur einen Hauch – einen Atemzug – der Phantastik ab.

Sehr mutig finde ich die zahlreichen Auftritte von bekannten Persönlichkeiten. So erfindet Joe Hill nicht einfach Prominente, nein, er entwendet sie dem realen Leben und verpflanzt sie für einige Zeilen in seine Geschichten. So treffen wir auf George Romero, aber auch Robin Williams und viele andere.

In den Anmerkungen erzählt Joe Hill, wie er zu all den Geschichten gekommen ist, wie sie ihm an welchen Orten zuflogen oder welche Orte ihn inspiriert haben – und gibt so einen interessanten Einblick in seine Arbeit.

Was ihm bei »Blind« noch nicht hundertprozentig gelang, hat Joe Hill mit »Black Box« geschafft: Er hat mich an sich gebunden, und somit warte ich gespannt auf seinen nächsten Roman.

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Joe Hill
Black Box
Originaltitel: »Twentieth Century Ghosts«
Übersetzung: Hannes Riffel / Wolfgang Müller
Heyne Verlag, 2008
Taschenbuch, 509 Seiten
ISBN 9783453811645
9,95 Euro

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 Text: Nicole Rensmann
© Cover: Heyne Verlag

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6 Kommentare:

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  3. Stimmt schon, sie war sehr zickig, die gute Mama. Ich hatte allerdings auch noch eine andere Idee wie die Geschichte hätte ausgehen können. DAS fand ich so fast harmlos.

    Naja, aber George Romeros neuen Filmstar fand ich doch gar nicht soooo schlimm.

    Danke für den Link, ich habe ihn ein wenig gekürzt, damit er ins Feld reinpasst!

    Beste Grüße, Nicole

  4. Och, manche sind es durchaus. Auch wenn man das Ende von “Ein letzter Atemzug“ sich hätte denken können, ich hab es der Mama doch ein wenig gegönnt 🙂 Oder George Romeros neuem Filmstar, bei dem ich schon gedacht habe, sein wirkliches Hirn endet an der Säule 🙂 Aber du hast recht, die Mehrheit ist wie das Leben. Nicht besonders leicht, dafür aber auch nicht sonderlich fair.

    Dank dir für die Erlaubnis. Wenn du magst, kannst du dir das „Ergebnis“
    hier anschauen.

    Viele Grüße,
    Andreas

  5. Danke, Andreas!
    Deine Interpretation zu „20th Century Ghosts“ gefällt mir, aber solche Geschichten habe ich schon häufiger gelesen, darum fand ich sie gut, aber nicht mehr. „Die Maske“ ist ja nun megaverwirrend. Ich glaube, man sollte sie noch ein paar Mal lesen, dann kommt man auch genau dahinter. Sie hatte was, das stimmt und es ist möglich, viel hineinzuinterpretieren.
    Und was Wyatt betrifft: Fair wäre es, oder? Aber sind Horrorgeschichten fair? Ich denke, der Leser sollte sich da seine eigene Meinung bilden und vor allem sein Ende selbst spinnen.

    Was die Rezi betrifft: Ja, du kannst sie für das KingWiki verwenden, wenn du die Quelle (Name und URL) angibst, ist das kein Problem. Ich freu mich.

    Beste Grüße, Nicole

  6. Hallo Nicole,

    eine sehr schöne Rezension! Ich muss sagen, mir gefällt “Die Maske…“ und “20th Century Ghosts“ am besten. “20th Century Ghosts“, weil sie eine Geschichte voller Träume und Wünsche ist, die zum Ende auf so schöne Art in Erfüllung gehen. “Die Maske“ gerade weil sie so wirr geschrieben ist. Die drei Kinder in der Nähe des Hauses, die Magie der Geschichten der Mutter. Ich glaube, Joe hat seine Preise und die ganzen Lobeshymnen durchaus verdient.

    Eine Frage: Darf ich deine Rezension von “Black Box“ und “Blind“ auch für die Rezensionen im KingWiki nutzen (also, nur von hier kopieren und eventuell die Links auf die Charakter- und Geschichtenartikel setzen)?

    Und eine kleine Frage: Glaubst du wirklich Wyatt kann diesesmal als Gefangener zwischen zwei Bases entkommen? Bei all dem Glück, dass er vorher hatte, glaub ich gar nicht mehr an so ein Wunder 🙂

    Viele Grüße,
    Andreas

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