Gelesen: »Wahn« von Stephen King

Cover: Stephen King, Wahn

In Anbetracht der Tatsache, dass Stephen King vor gar nicht allzu langer Zeit sagte, dass er mit dem Schreiben für die Öffentlichkeit aufhören wollte, produziert er immer noch fleißig literarische Kost, die eine neue Seite des »King of Horror« zeigt und somit beweist, dass vor allem der Alltagshorror Gänsehaut verursacht.

Stephen King spickt seinen aktuellen Roman mit Hinweisen zu „Wie man ein Bild malt“, aber wir erhalten nicht ausschließlich eine Anleitung für einen Malkurs an der Volkshochschule, sondern erfahren wie magisch – und dies ist doppeldeutig gemeint – Bilder sein können.

Schon in den ersten Zeilen erwartet uns ein nahezu poetischer Stephen King – eine Seite, die er bitte zukünftig häufiger anschlagen möchte. King ist älter geworden, und das steht seinen Werken verdammt gut. 

Zum Inhalt

Edgar Freemantle war ein erfolgreicher, millionenschwerer Bauunternehmer, als ein schwerer Unfall ihm seine Karriere und sein Leben zerstört. Er verliert nicht nur seinen rechten Arm, sondern zunächst auch die Kontrolle über sein Handeln – im Krankenhaus würgt er seine Frau, geht mit dem Messer auf sie los. Sie verlässt ihn. Edgar lässt sich durch Therapien und Rehamaßnahmen treiben und fasst eines Tages den Entschluss sich umzubringen. Doch sein Tod muss nach einem Unfall aussehen, damit seine beiden Töchter Melinda und Ilse sich keine Vorwürfe machen und finanziell abgesichert werden. Um diesen Plan in die Tat umzusetzen, findet er einen ruhigen Platz auf Duma Key – einer beinahe unbewohnten Insel in Florida, wo er ein Haus mietet, dem er den Namen Big Pink gibt. Er lauscht auf die Geräusche des Hauses und lässt sich davon inspirieren. Hier findet er zu einem Hobby zurück – dem Malen. Doch die Malerei wird – von einer äußerlichen mystischen Macht getriebenen – auf Duma Key zu seiner Profession, sie wirkt sich auf seine Psyche aus und hilft gegen die Schmerzen.

Eine Therapie, die jedoch schnell in Wahnsinn umschlägt, denn auf Duma Key liegt ein Geheimnis begraben, das Edgar – dessen künstlerische Sensibilität und sein Unfall als Antenne dienen – benutzt, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, oder besser: zu ertränken. 

Dabei helfen ihm der junge Jack, der für Edgar Besorgungen erledigt, und Elizabeth, eine alte Dame, die von Wireman betreut wird – Wireman, einem Mann, der ebenfalls ein Geheimnis mit sich herumträgt.

Zwischen Edgar und Wireman wächst eine wunderbare Freundschaft heran – die Stephen King auf beinahe doppeldeutige Weise ans Laufen bringt und dem Leser nicht nur Freuden-, sondern auch Lachtränen in die Augen treibt. Großartiges wird geschehen, das ist eindeutig nicht nur in den Zeilen zu lesen, sondern auch zu spüren. 

Der seichte Wind des Unheimlichen, der durch die Seiten des Romans weht und sich mehr und mehr zu einem Sturm entwickelt, ist Stephen King meisterlich gelungen.

Die Männerfreundschaft zwischen Edgar und Wireman, die Gemeinschaft und der Zusammenhalt, die Aufopferung um die alte Dame Elizabeth, die eine wichtige Rolle spielt, sind mit so viel Wärme geschrieben, dass »Wahn« auch nur ein Buch über die Erlebnisse eines gestrandeten Mannes hätte sein können.

Der Leser leidet mit ihm, wenn er, durch seinen Unfall bedingt, ein Wort vergessen hat oder ein falsches benutzt – eine Situation, die jeder kennt. Da Edgar diese Denkfähigkeit durch den Unfall verlor, hat es jedoch etwas Tragisches, und wir kämpfen mit ihm, bauen gemeinsam Eselsbrücken, um dann selbst auf den Namen zu kommen, der Edgar auf der Zunge lag. 

Edgars Erlebnisse sind die eines Mannes, der sich nach einem schweren Unfall erholen muss, und wären da nicht die vielen unterschwelligen Unterspülungen des Unheimlichen und die Tatsache, dass der Roman von Stephen King stammt, hätte »Wahn« auch ohne das Ende auskommen können. 

Denn Enden zu schreiben ist schwer, ich würde es mitunter als das Schwerste bei einem Roman oder einer Geschichte bezeichnen. Sie sind deshalb schwer, weil sich Autoren nicht von ihren Charakteren trennen können oder wollen, oder einfach nur deshalb, weil man eine verdammt geile Geschichte erzählt hat, zu der ein Ende schlicht und ergreifend nicht passen will. Dann muss sich der Autor einen Abschluss aus den Fingern saugen, denn zum Ende muss er kommen – die Zeit drängt, der Agent will etwas lesen und der Verlag will endlich ein Buch herausbringen. King ist ein brillanter Geschichtenerzähler, wie er mit »Wahn« einmal mehr beweist, aber seine Enden sind nicht immer so gut wie die Geschichte selbst. 

Denn »Wahn« wird zum Ende hin eine reine Gruselstory mit ständig neu aufkommenden Fragen und unerklärlichen Phänomenen, teils sogar esoterischen Zügen – eine Gespenstergeschichte auf hohem Niveau zwar, aber eben doch nur eine Gespenstergeschichte. 

Doch bis dahin schafft es Stephen King, die Spannung minutiös aufzubauen, wir wissen schon früh, was passieren muss, aber er macht es mit wenigen Details spannend, bis es dann tatsächlich geschieht, und wir wissend aber erstarrt auf die Buchseiten blicken. 

Trivial oder nicht?

Stephen King kriegt seinen Leser (fast) immer, und sei es mit der Art, wie er auf Zwischenmenschliches eingeht – wer das als trivial bezeichnet, hat schlichtweg keine Ahnung. Er hat es immer wieder in seinen Romanen bewiesen, dass Oberflächlichkeit keine Basis für eine Geschichte ist, und in »Wahn« bringt er das Zwischenmenschliche noch einmal auf einen neuen Punkt. Stephen King altert, und mit ihm seine Protagonisten. Das ist gut – das ist sogar hervorragend und vor allem glaubwürdig: Denn wer kann besser über den Künstler Edgar Freemantle schreiben, der einen schweren Unfall überlebt hat, als ein Künstler – ein Autor selbst, der Ähnliches erlebt hat, jedoch Stephen King heißt?

Zum Thema Kunst ein letztes Wort

Nach seinen extremen kreativen Exzessen bekommt Edgar Heißhunger. Auch wenn im Roman dieses Phänomen mystisch unterlegt ist, so kennen viele Künstler dieses Gefühl nach dem Beenden eines Werks, welcher künstlerischen Art auch immer, zu feiern, zu trinken, ja auch zu essen über das normale Maß hinaus.

Und da wäre noch der Rat der alten Dame, den ich hier zwar nicht weiter ausführen möchte, der mich aber daran erinnert, das Ideen Kopfschmerzen – eine Explosion sozusagen – verursachen, wenn sie zu viel werden. 

In »Wahn« ist es nicht allein das Können, sondern auch eine übernatürliche Macht, die Edgar dazu zwingt, wie im Rausch zu malen und zu zeichnen – sein verlorener Arm beginnt zu schmerzen und zu jucken, bis Edgar endlich dem Trieb nachgibt.

Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die Erkenntnis, mit seiner Malerei wahre Wunder bewirken zu können, stärker einschlägt und ihn gefühlsmäßig mehr von den Beinen reißt, als es King beschrieben hat. 

Doch Künstler sind verrückt, sie sind depressiv und oft von Gefühlen gebeutelt. Vielleicht akzeptieren sie verrückte Sachen eher als Bankkaufmänner oder Verkäuferinnen.

Künstler (nicht alle natürlich) haben einen Hang zum Wahn. Wir wissen das – ich weiß es, denn ich bin Künstler; ich male nicht, ich schreibe, und auch das ist eine Kunst –  eine, die Stephen King schon seit Jahren beherrscht und in »Wahn« auf tiefsinnige Art präsentiert. 

Wir lernen daraus: Jegliche Form von Kunst ist ein Ventil. Auch wenn vielleicht dabei nicht immer ein Bestseller oder ein 1-Millionen Dollar-Bild herauskommt, so wirkt sie sich auf den Künstler meist heilsam aus – sofern er dabei nicht verrückt wird.

 

Erster Satz von „Wie man ein Bild zeichnet“:»Beginnen Sie mit einer leeren Fläche.«


Erster Satz des ersten Kapitels:
»Mein Name ist Edgar Freemantle.«

Mein Lieblingszitat: »Die Kunst sollte ein Ort der Hoffnung sein, nicht des Zweifels.«

 

Stephen King
Wahn
(Original: »Duma Key«)
Übersetzung: Wulf Bergner
Hardcover, 892 Seiten
Heyne Verlag, Februar 2008
ISBN 9783453265851
22,95 €

© Text: Nicole Rensmann
© Cover: Heyne Verlag

Diese Rezension steht auch auf folgenden Webseiten:

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2 Kommentare:

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