Gelesen: »Der Atem des Rippers« von Martin Clauß

Unzählige Romane, Kurzgeschichten, Sachbücher und auch Hörspiele finden sich auf dem Markt zu Jack the Ripper, obwohl er nicht der erste Serienmörder der Geschichte war, jedoch wohl mitunter der bekannteste.

Robert Blochs »Der Ripper«, erschienen 1987 (Originalveröffentlichung 1984) bei Heyne wurde als »Ein unheimlicher Roman« angepriesen. Natürlich ist er das, natürlich ist Jack the Ripper – Verzeihung – war Jack the Ripper ein unheimlicher Mensch, aber es hat ihn tatsächlich gegeben, nichts an seinen Taten ist der Phantasie entsprungen, nur über das Warum und das Wer sinnieren noch heute die Autoren und nehmen es als Vorlage für Erzählungen jeglicher Art.

1994 brachte Bastei Lübbe ein 360 Seiten starkes Hardcover auf den Markt, das für Furore sorgte: »Das Tagebuch von Jack the Ripper«. Zahlreiche Fotos der mit Hand beschriebenen Seiten, weitere Fotos der ermordeten Frauen und der Tatorte, Bilder von Straßen, Wohnungen und weitere Beweise sollten dem Leser darlegen, dass das Tagebuch des brutalen Mörders, der James Maybrick geheißen haben soll, tatsächlich echt war. Ob »Das Tagebuch von Jack the Ripper« wirklich dem bekanntesten Mörder des 19. Jahrhunderts gehörte wird wohl ein Geheimnis bleiben; die einen behaupten ja, die anderen sagen, das war nur ein genialer Schachzug des Verlags Smith Gryphon Ltd, London.

Eine lebende Person in einen Roman einzubinden, der als berühmtester Mörder des 19. Jahrhunderts bekannt ist, stellt einen Autor vor zahlreiche Fragen:

Wie viel Wahrheit bette ich in meinen Roman ein? Nehme ich nur den Namen und das Verbrechen an sich oder verwende ich weitere Bestandteile und Tatsachen aus den Berichten von Scotland Yard? Wie stark will ich Fiktion und Realität miteinander verzweigen?

Cover “Der Atem des Rippers”

Auch Martin Clauß hat sich vielleicht diese oder weitere Fragen gestellt, als er erneut das Tagebuch von Jack the Ripper zum wichtigsten Bestandteil für seinen Roman »Der Atem des Rippers« machte, der im Januar 2008 im Atlantis-Verlag erschien.

Zum Inhalt

Pater Henry Ouston – der jahrelang die Beichte all derer abgenommen hat, die sie nötig hatten oder nötig zu haben glaubten – liegt auf dem Sterbebett, und sein letzter Wunsch ist es, die Wahrheit darüber zu sagen, wer Jack the Ripper ist.

Wir treffen auf den Maler Walter Sickert, der, wie er selbst von sich behauptet, keine detektivischen Neigungen besitzt, dennoch beobachtete er auf seiner Reise zurück in die Heimat London einen Geistlichen, der von einem Mann verfolgt wird. Er will beide nicht aus den Augen zu lassen und nimmt die Verfolgung auf. Schließlich gelangt er so an eine Tasche, die der Geistliche weggeworfen hatte, und findet darin das Tagebuch von Jack the Ripper.

Er beginnt zu lesen und obwohl die Zeilen so schrecklich sind, kann er nicht aufhören, will er mehr über den Prostituiertenmörder wissen. Und sein persönliches Entsetzen wächst mit jeder Zeile, die er dem Geschriebenen eines Wahnsinnigen folgt. Doch während er die Wahrheit über Jack the Ripper liest, widerfährt dem Besitzer der Tasche sein eigenes Schicksal

Beurteilung

Der Maler Walter Sickert, kein Protagonist, lediglich Nutzwerkzeug des Autors, um das Tagebuch vorlesen zu lassen, handelt unmotiviert, wenn er den beiden Männern folgt, auch stellt er sich einige Fragen, die völlig unnötig erscheinen.

Während das modische Wort Hobbydetektiv nicht in einen Roman passen will, der im Jahre 1903 spielt und stellenweise von einem Maler dieser Zeit erzählt wird, wirkt das auf alt getrimmte Wort „Aufschriebe“, das für Text oder das Geschriebene stehen soll, ebenso unpassend.

Ein Nachwort oder Recherchehinweise, die darlegen, ob sich der Autor mehr als nur der Namen von Täter und Opfer bediente, wäre wünschenswert gewesen.

Neben obigen Kritikpunkten und wenigen Recherche-Patzern, die mir sicherlich nur aufgefallen sind, weil ich selbst erst kürzlich ausgiebig über das 19. Jahrhundert recherchiert habe (und dennoch mit Sicherheit einige Fehler in meinen eigenen Roman eingebaut habe), präsentiert Martin Clauß mit »Der Atem des Rippers« zwar eine bekannte Geschichte, die er aber auf interessante Weise neu beleuchtet, überzeugend und stilistisch ansprechend vorbringt.

Der Atlantis-Verlag, als kleiner Verlag in der Szene bekannt, hat einen Riecher für gute Literatur. Es bleibt interessant, was wir sowohl vom Verlag als auch vom Autor Martin Clauß noch zu erwarten haben.

Aktuell ist auch der Roman »Die Saat der Yokai« von Martin und Maho Clauß beim Ueberreuter Verlag verfügbar.

Erster Satz: »Als die Stunde des alten Mannes gekommen war, rief Schwester Ellen den diensthabenden Arzt herbei.«

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p style=“text-align: justify;“>Martin Clauß
Der Atem des Rippers
Atlantis Verlag, 2008
ISBN 978-3-964742-90-9
Broschiert, 108 Seiten
6,90 €

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p style=“text-align: justify;“>© Text: Nicole Rensmann
© Cover: Atlantis Verlag

Webtipps:

Webseite des Atlantis Verlags

Blog des Autors

Webseite zu »Der Atem des Rippers«

Webseite zu »Die Saat der Yokai«

Ein Kommentar:

  1. Pingback: Nicole Rensmanns kleine Welt » Interview mit Martin Clauß – Januar 2009

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