Gelesen: »Du liebst mich, du liebst mich nicht« von Jonathan Lethem

Cover: Jonathan LethemMatthew und Lucinda sind ein Paar. Sie arbeitet in einem Café. Er ist Tierpflege und kümmert sich besonders um eine isoliert lebende Kängurudame.

Wie schon unzählige Male zuvor, wollen Matthew und Lucinda Schluss machen. Dabei lieben sie sich, jede Geste, jeder Satz sagt das aus und dennoch wollen sie nicht aus Liebe, sondern nur als Freunde zusammen sein. Vor allem darf die Band nicht gefährdet werden, so sagen sie immer wieder. Die Band, die erst im Laufe des Buches einen Namen bekommt. Die Band, für die Lucinda heimlich Texte schreibt, die ihr während der Telefonate mit ihrem Lieblings-Nörgler einfallen und sie dem Komponist unterjubelt. Die Band ist das Wichtigste für sie alle.

Nachdem Lucinda sich von Matthew getrennt hat, kündigt sie im Café und arbeitet bei ihrem Exfreund Falmund als Nörgel-Telefonistin. Dort nimmt sie Anrufe entgegen, von Menschen, die sich einfach mal über alles mögliche beschweren müssen. Darüber lernt sie Carl kennen, den sie – entgegen ihren Vorsätzen – trifft und mit dem sie ein paar heiße Liebesnächte erlebt. Und während Lucinda noch überlegt, ob sie in ihn verliebt ist, wird er Teil der Band – allerdings auf eine Art und Weise, die Carl von einer erpresserischen Seite zeigt. Was Lucinda aber keineswegs bedrohlich findet, nein sie vögelt lustig weiter mit ihm und denkt nicht einmal darüber nach, ob sein Verhalten normal ist. Zusätzlich wird seine Erscheinung und sein Auftreten als ausgesprochen unappetitlich dargestellt. Sie findet ihn toll, alles an seinem unförmigen Körper, seinem ungezügelten Appetit, das graue ungepflegte Haar, die fettigen Fingerabdrücke und die »lippenförmigen Soßenflecken« auf seinem Glas. Liebe macht blind oder akzeptiert kompromisslos – möglicherweise. Doch dann kommt alles anders, doch nicht Lucinda ist es, die eine Änderung herbeiführt, sondern eine Person, die lange im Hintergrund blieb und wohl die einzige zu sein scheint, die weiß, wohin die Handlung gehen sollte. 

In »Du liebst mich, du liebst mich nicht« geht es um Sex, Drugs and Rock´n Roll. Jonathan Lethem beschreibt die Gedanken, Sorgen und Ängste der Mitglieder der Band, ihr Leben, ihre Lieben, ihr Leiden. Die Geschichte bleibt aber an der Oberfläche kleben, die Charaktere treiben ziellos durch die Handlung und benehmen sich dabei in allen Situationen ausgesprochen pubertär.

So sagen sie selbst, dass sie bald dreißig werden würden und noch nichts auf die Reihe bekommen hätten.

In dem Alter erwarte ich mehr von den Protagonisten als Sex, Drugs und Rock ´n Roll. Das ist mir persönlich zu wenig, um durchs Leben zu kommen, sich mit Jobs über Wasser zu halten und ziel- und planlos durch die Gegend zur stolpern.

Mein persönliches Fazit: Das Leben auf der Bühne könnte bei mir nie so einen Stellenwert einnehmen, wie es bei den Bandmitglieder der Fall ist. Es fiel mir somit sehr schwer mich in irgendeine Person hineinzuversetzen – höchstens noch in das entführte Känguru, obwohl ich weder hüpfen kann noch einen Beutel vor mich her trage. Natürlich hat Jonathan Lethem zwischen dem Känguru und den menschlichen Charakteren eine unterschwellige Parallele eingebaut, aber das stärkte die Geschichte leider auch nicht.

Der Wechsel aus Sicht der Band zum Betrachter macht die Story dann noch befremdlicher und entfernt die Protagonisten weiter vom Leser, zumindest von mir. 

Es ist stellenweise ein nettes Buch, simpel geschrieben, mit viel wörtlicher Rede, leider mit zu wenig schönen Gedanken und stilistischen Highlights. Doch wer sich auf unorganisatorische Gigs und pubertäre Handlungen von Dreißigjährigen einlassen und ins Musikmilieu eintauchen möchte, für den ist »Sie liebt mich, sie liebt mich nicht« zu empfehlen. 

Der erste Satz: »Sie trafen sich im Museum, um Schluss zu machen.«

Besonderes Zitat: »Die meisten Künstler sind sich selbst die größten Feinde.«

Jonathan Lethem
Du liebst mich, du liebst mich nicht
Tropen Verlag, 2007
Hardcover
ISBN 978-3-932170-98-0
19,80 €

© Text: Nicole Rensmann

© Cover: Tropen Verlag

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