Gelesen: »Die Spur ins Schattenland« von Jonathan Stroud

Jonathan Stroud, Die Spur ins SchattenlandCharlie erwacht aus einem Albtraum, der nur der Beginn einer aneinanderhängenden Albtraumwelt darstellt. Sie liegt im Krankenhaus, wartet auf ihre Entlassung. Ihr ist bewusst, dass die Leute um sie herum – ihre Mom, die Ärzte –, sie für verrückt halten und sie fürchtet, es wird noch lange dauern, bis sie endlich wieder nach Hause darf. Denn niemand glaubt ihr. Doch Charlie ist nicht dumm, darum erzählt sie schon bald nur noch das, was die Erwachsenen hören wollen: Ihr Freund Max ist vom Baum in den See gefallen und ertrunken.

Sie verschweigt die seltsamen Frauen im Wasser, die auch nach ihr zu greifen versuchten und an ihre Wade lange Striemen hinterließen.

Schon bald wird sie entlassen, muss aber zu einem Psychiater, dem sie auch nur das erzählt, was er hören möchte. Er durchschaut Charlies Leid jedoch nicht.

Auch ihre Mutter, mit der sie sich vor dem Unfall meist nur gestritten hatte, sieht nicht, was in Charlie vorgeht. Nur ihr älterer Bruder bemerkt, dass mehr hinter ihrer ruhigen Art steckt, als das Verarbeiten eines traumatischen Erlebnisses.

Immer mehr verstrickt sich Charlie in ihren Träumen und zieht sich in diese Traumwelt zurück. Sie ist davon überzeugt, dass Max nicht tot ist, sondern nur von den Wesen unter Wasser mitgenommen wurde in eine andere Welt. Ihre nächtlichen Träume verbinden sich mehr und mehr mit der Realität und Charlie ist dabei, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Jonathan Stroud gelingt es Charlies Stimmung wunderbar einzufangen, teilweise so realitätsnah und erschreckend kühl, dann wieder poetisch und tiefsinnig, was so gar nicht zu einem Jugendroman passen will. Aber genau das hebt »Die Spur ins Schattenland« deutlich von anderen Romanen ab.

Manche Passagen lesen sich wie ein Gedicht, andere wie ein Märchen.

Es ist kein Roman der ausschließlich für Jugendliche bestimmt, sondern ohne langweilig zu werden auch für Erwachsene geeignet ist.

Die Verknüpfungen zwischen Traum und Realität sind Jonathan Stroud exczellent gelungen. Nie weiß man, ob sie sich nur in eine Welt flüchtet, um den Tod ihres Freundes zu verarbeiten oder ob es diese Welt tatsächlich gibt.

Fazit: »Die Spur ins Schattenland« ist kein Fantasyroman, sondern ein tiefgründiges und stellenweise erschreckendes Märchen, das am Ende offen lässt, ob Traum und Realität eins wurden oder nicht. Lesen!

Erster Satz: »Er schaut mich immer noch an.«

Jonathan Stroud
Die Spur ins Schattenland
(Originaltitel: The Leap)
Mit Vignetten von Ian Beck
Übersetzung: Bernadette Ott
Omnibus Verlag, Januar 2008
Broschiert
ISBN 9783570218471
314 Seiten
10,00 €

© Text: Nicole Rensmann
© Cover: Omnibus Verlag

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