Gelesen: »Ich bin dann mal weg« von Hape Kerkeling

Cover: "Ich bin dann mal weg", Hape Kerkeling / Piper Verlag

Cover: „Ich bin dann mal weg“, Hape Kerkeling / Piper Verlag

Was schreibe ich zu einem Buch, das in der 55. Auflage gedruckt vor mir liegt, das fast so viel Prominenz genießt wie die Bibel und dabei ähnliche Ambitionen vertritt, mir persönlich aber mehr Wahrheit geschenkt hat? Wie viel Inhalte gebe ich preis, von einem Buch dessen Autor schon in zahlreichen Interviews dazu befragt, das unzählige Male rezensiert und gelobt wurde?

Nur: Es hat mich mitgerissen? Es hat mich tief berührt? Schockiert, begeistert und fasziniert?

Durchaus.

Ich mochte Hape Kerkeling schon als er mit seinem Hannilein bekannt wurde – nicht als Mann, denn er war nun wirklich nicht mein Typ und ich wäre seiner noch weniger gewesen.

Vielmehr sah ich hinter dem komödiantischen Quatsch, den er seit vielen Jahren produziert, stets einen sehr intelligenten, interessanten und tiefsinnigen Menschen. Und das imponierte mir.

Und so überrascht er mich in seinem preisgekrönten Buch »Ich bin dann mal weg« nicht, aber das habe ich auch nicht erhofft.

»Burn out« – ausgebrannt, alltagsmüde, kaputt, erschöpft, auf der Suche nach dem richtigen Weg. Wer hat das nicht schon mal erlebt? Wer wünschte sich dann nicht viel Zeit für sich, um wieder klar sehen und weitermachen zu können?

Doch nicht jeder kann dann in den Urlaub fahren oder den Jakobsweg gehen. Mit Familie und entsprechenden Verpflichtungen geht das schon gar nicht.

Und da kommt ein Kerkeling daher und nimmt mich ohne Diskussion, Widerspruch und schlechtes Gewissen mit auf seine Reise.

Zum Buch

Überarbeitung. Eine Gallenblasen-Operation und einen Hörsturz waren die Folgen. Grund genug sich endlich um sich selbst zu kümmern. Doch wie soll das ein Workaholic-Komiker anstellen? Die zufällige Begegnung in einer Düsseldorfer Buchhandlung (Der Sternverlag) mit einem Buch über den Jakobsweg weist ihm die Richtung.

Und so beginnt sein Weg – allein mit einem roten 11 kg schweren Rucksack.

Sehr nah lässt er den Leser an sich heran, denn zunächst schreibt er das Tagebuch nur für sich. Und so spricht er über die Strapazen, seine ständig schmerzenden (jedoch blasenfreien) Füße, Ängste, Erkenntnisse und berichtet von Wundern. Viele Pilger werden sich in seinem Buch entdeckt haben – er traf Verrückte, Nervige, Lügner, Anmacher und neue Freunde. Doch nicht alles von ihnen gibt er preis, respektvoll behält er Intimitäten und Geheimnisse für sich.

Allerdings zieht er königlich über ein Pärchen aus meiner Heimatstadt Remscheid her. Und darum muss ich einmal an dieser Stelle betonen, dass ich aus Lennep stamme. Lennep gehört zwar zu Remscheid, aber noch gar nicht so lange. Und wir Lenneper bestehen natürlich auf diesen kleinen Unterschied. Jetzt erst recht.

Aber zurück zu »Ich bin dann mal weg«.

Hape Kerkeling meidet die Pilgerherbergen – er kann das, weil er Geld hat. Er nimmt auch schon mal den Bus, weil er glaubt sonst keinen Schritt mehr voran zu kommen. Oft sitzt er in Kaffees oder Restaurants und isst, trinkt Spezi. Und manchmal klingt es wie ein erholsamer Urlaub. Doch zu selten und auch nur dann, wenn er nicht wieder unterwegs ist, Hunde vor dem Verdursten rettet, auf der Straße um sein Leben rennt, die Schmerzen ihn zu einer Pause zwingen oder er vor Erschöpfung keine Schritt mehr gehen kann.

Abgesehen davon, dass er sich in Schenken niederlässt, die ich vermutlich nicht mal mit einem Fuß betreten würde, aber er muss, denn etwas anderes gibt es nicht. Desinfiziert werden Teller mit Whisky und dazu viel getrunken, damit das undefinierbare, schmierige Essen rutscht.

Immer wieder denkt er an sein Leben zurück, die Anfänge seiner Karriere und wir treffen auf bekannte Namen wie Otto Waalkes oder Isabel Varel. Interessant auch die Begegnungen, die den Beruf Komiker noch unter Müllmann einordnen würden. Überhaupt gibt er zwar nur einen oberflächlichen Einblick in seine Arbeit, denn genau davon will er nicht sprechen (und ich kenne das Gefühl), sondern lässt uns tief in seine Seele blicken, seine Gedanken über Politik, das Leben und vor allem Gott. Denn wer den Jakobsweg bewandert, wird irgendwann Gott treffen.

Die Form: Das Tagebuch

Nicht täglich, aber oft genug, erzählt Hape Kerkeling von seinen Erlebnissen. Dabei fällt auf, – was er auch selbst anmerkt – dass er am Anfang noch relativ zaghaft und kurzweilig berichtet und erst später ins Detail geht und die Einträge ausschmückt.

Unter jedem Tag, den er beschreibt, setzt Hape Kerkeling seine Erkenntnis des Tages, z.B.

»Ich bin in mir zu Hause«.

Eine, von vielen Erkenntnissen, die wohl nur weise alte Menschen erlangen oder jemand, der den Jakobsweg gegangen ist.

Fazit: Vielleicht wird Hape Kerkeling den Jakobsweg noch mal gehen, vielleicht auch nicht. Sein Buch werde ich auf jeden Fall häufiger zur Hand nehmen, um aus den Seiten, seiner Erzählung und somit seinem Weg, seiner Philosophie, diesem Ganzen, Kraft zu schöpfen. Vielen Dank dafür.

Erster Satz:»Ich bin dann mal weg!« Vielmehr habe ich meinen Freunden eigentlich nicht gesagt, bevor ich gestartet bin.

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Hape Kerkeling
Ich bin dann mal weg
Malik-Piperverlag, 2006
Hardcover
ISBN 9783890293127
345 Seiten
19,90 €

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Webtipps: 

© Text: Nicole Rensmann
© Cover: Piper Verlag

Ein Kommentar:

  1. Pingback: Nicole Rensmann bloggt! » Gelesen: »Der Junge muss an die frische Luft« von Hape Kerkeling

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