Gelesen: »Der Junge im gestreiften Pyjama« von John Boyne

Cover: Der Junge im gestreiften PyjamaErster Satz

»Eines Nachmittags kam Bruno von der Schule nach Hause und staunte nicht schlecht, als Maria, das Dienstmädchen der Familie, das den Kopf immer gesenkt hielt und nie vom Teppich aufblickte, in seinem Zimmer stand und seine Sachen aus dem Schrank in vier große Holzkisten packte, auch die ganz hinten versteckten, die nur ihm gehörten und keinen etwas angingen.«

Als Fabel bezeichnet der 1971 in Dublin (Irland) geborene John Boyne sein Buch. Eine Fabel, so dachte ich bisher, erzählt eine belehrende Geschichte, in der Tiere sprechen.

Belehrend ist sein erster Jugendroman, mit dem der Autor nach zwei Erwachsenenromanen seinen internationalen Durchbruch feiert.

Doch in »Der Junge im gestreiften Pyjama« sprechen keine Tiere, keine offensichtlichen Tiere. Und ich mag die Geschichte auch nicht als Fabel bezeichnen. Sicherlich, so wird der Ausspruch: »Sie benahmen sich wie Tiere«, gerne im Zusammenhang mit brutalem und negativem Auftreten eines oder mehreren Menschen verwendet und natürlich könnte man das Verhalten der Nazis darauf beziehen. Doch die Hauptpersonen sind zwei Jungs, der eine naiv, unwissend und wohl behütet, der andere geschlagen, gedemütigt, seiner Seele beraubt und hinter Stacheldraht verdammt.

Der 9jährige Bruno stammt aus gutem Hause, seine Eltern haben Bedienstete, sein Vater ist ein wichtiger Mann, obwohl Bruno gar nicht genau sagen kann, was sein Vater macht. Aber wegen dieses wichtigen Berufes muss die Familie umziehen.

Das neue Haus in „Aus-Wisch“, wie seine ältere Schwester Gretel sagt, gefällt Bruno gar nicht. Berlin fehlt ihm. Als er aus dem Fenster sieht, entdeckte er weitere Kinder, aber sie sehen unfreundlich aus. Doch

»Genau genommen waren es gar keine Kinder. Zumindest nicht alle. Es waren kleine Jungen und große Jungen, Väter und Großväter.« (Zitat S.42)

Und Bruno will wissen, wer die Menschen sind, was sie dort machen und warum sie nicht zu ihnen kommen. Als er seinen Vater danach fragt, sagt er ihm, das seien eigentlich gar keine Menschen.

Bruno versteht das nicht, genauso wenig wie er nicht versteht, dass die Soldaten so schroff mit den Bediensteten umgehen. Die Soldaten – die ein und aus in seinem Haus gehen und seinen Vater besuchen. Seinen Vater, den Kommandant.

Es passieren seltsame Sachen, die er nicht versteht und die ihm auch niemand erklärt.

Dann lernt Bruno einen Jungen kennen. Er sitzt hinter dem Stacheldrahtzaun. Der Junge heißt Schmuel – ein seltsamer Name findet Bruno. Und Schmuel findet auch, dass Bruno seltsam klingt. Sie stellen fest, dass sie am gleichen Tag Geburtstag haben und erzählen sich voneinander: Bruno von seinem Leben, Schmuel von seinem.

Manchmal bringt Bruno seinem neuen Freund etwas zu essen mit und natürlich darf niemand von ihm erfahren.

Beide Jungs – so ähnlich sie zu einem anderen Zeitpunkt gewesen wären – treffen auf unterschiedlichen Seiten aufeinander, es stört sie aber nicht. Im Gegenteil, so will Bruno mehr von Schmuels Leben hinter dem Stacheldraht wissen. Er will wissen, wie es dort aussieht. Würde sogar lieber den schönen Stern tragen, als das seltsame Kreuz, das sein Vater um den Arm gebunden hat.

Bruno weiß nichts. Er weiß nichts von Krieg, von Juden, von Hitler, niemand erklärt ihm etwas und so geht er unvoreingenommen auf Schmuel ein. Das ist gut … und gefährlich.

So weiß er nicht einmal, was das Vaterland bedeutet, als der Lehrer erklärt, sie wollte demnächst darüber sprechen. Bruno überlegt, ob sein Vater überhaupt Land besitzt.

Die Schweigsamkeit der Eltern und Brunos Naivität haben verhängnisvolle Folgen.

Ich ahnte das Ende, obwohl ich auf ein anderes gehofft hatte. Aber Hoffnung gab es vor über 50 Jahren nicht allzu viel.

Die Belehrungen im Buch

Wir treffen auf Ausschwitz, Hitler und die Jugendverfolgung. Doch wird diese Problematik nur ein einziges Mal richtig ausgesprochen, es flattert vielmehr durch die Seiten, wie ein Leichentuch.

Es geht um Freundschaft und die Oberflächlichkeit des Reichtums, selbst bei einem Kind.

»Der Junge mit dem gestreiften Pyjama« erzählt von Neugier und Unwissenheit, von Vorsicht und Dummheit. Wir treffen auf elterlichen Egoismus und Überheblichkeit.

Einzig als falsch möchte ich die Tatsache hinstellen, dass der Autor behauptet, so etwas könne nie wieder passieren. Es werden immer noch Menschen gejagt, weil sie vielleicht einen anderen Glauben haben oder einem anderen Volksstamm angehören, dabei wurde damals wie heute vergessen, dass wir – entgegen den Aussagen von Brunos Vater – alle Menschen sind.

Fazit

Diese Geschichte wird mit einer schockierenden Leichtigkeit erzählt, mit soviel Naivität in positiver Hinsicht, dass es weh tut. »Der Junge mit dem gestreiften Pyjama« macht traurig und nachdenklich. Es lässt einen hilflos zurück.

Ein Jugendbuch für Erwachsene.

Daten zum Buch

»Der Junge mit dem gestreiften Pyjama« wurde mit nachfolgenden Auszeichnungen geehrt:

– Buch des Monats Dezember 2007 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V., Volkach
– Empfehlungsliste des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2008
– Ausgezeichnet mit dem Irish Book Award: Bestes Kinderbuch des Jahres
– Ausgezeichnet mit dem Listener’s Choice Book of the Year: Bestes Hörbuch des Jahres
– Nominiert für die Carnegie Medal (UK)
– Nominiert für den Ottakar’s Book Prize (UK)
– Nominiert für den Paolo Ungari Prize (Italien)

.

John Boyne
Der Junge im gestreiften Pyjama
(Originaltitel: »The Boy in the Striped Pyjamas«)
Übersetzung: Brigitte Jakobeit
S. Fischer Verlag. 2006
Hardcover, 267 Seiten
ISBN 9783828992771
13,90 €

Das Buch ist auch als Taschenbuch (7,95 €) erhältlich. Eine Ausgabe mit Softcover bietet Weltbild.de für 9,95 €.

Eine Leseprobe ist auf der Verlagswebseite zu finden.

.

© Text: Nicole Rensmann
© Cover: S. Fischer Verlag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.