Gelesen: »Selbstversetzung« von Siegfried Lenz

Cover: Siegfried Lenz

Cover: Siegfried Lenz

Meine erste Lektüre, so lautet ein Kapitel in Siegfried Lenz´ »Selbstversetzung«. Doch nicht allein diese Überschrift war es, die mich ansprach, – das knapp 100 Seiten starke Hardcover ist auch meine erste Lektüre von Siegfried Lenz – sondern seine Meinung über das Schreiben und der kleine Einblick in sein Leben, den er dem Leser gewährt.

Und so beginnt er mit dem 17.März 1926 – seiner Geburt in Lyck. Seine Kindheit schildert er spannend, plastisch und so interessant, dass ich gerne einen Tag am Lycker See verbringen möchte. Selbst die Tatsache, dass er für Soldaten den Toten spielte und auch bei anderen Gelegenheiten diese Rolle gerne übernahm, schreckt nicht ab, wenn Siegfried Lenz davon erzählt. Nein, es wirkt wie selbstverständlich, so als wenn nur er dafür in Frage hätte kommen können.

Seine Erzählung über die Schulzeit – möge sie auch noch so lange her sein – erinnern an die eigene. Manche Dinge ändern sich eben nie. Und das ist gut so.

Während des 2. Weltkrieges fand Siegfried Lenz durch seinen Deutschlehrer zur Literatur und zum Schreiben. Denn er wollte auch so sein wie die leidenden Schriftsteller, denen alles vergeben wurde, sofern sie gute Bücher schrieben. Doch noch sollte Siegfried Lenz kein Schriftsteller werden …

Seine Kindheit, sein Leben ist nicht interessanter, als das vieler Menschen, die den Krieg miterlebt haben – aber er weiß wie er davon zu berichten hat.

Und so erzählt er über:

Ich zum Beispiel

»Alles war schon da, als ich geboren wurde, ich hatte streng genommen keine Daseinsberechtigung, ich war überflüssig, entbehrlich, ein fahrlässiger Luxus; …«

Meine erste Lektüre

»Ich las Rolf Torrings Abenteuer, Jörn Farowas U-Boot- Abenteuer und die harten Western von Zane Grey. Ich las sie sitzend und stehend und im Schein der Taschenlampe unter der Bettdecke. Sobald mir ein unbekannter Titel in die Hände fiel, schlug ich in äußerster Erregung zuerst immer die letzte Seite auf: …«

Meine Schulzeit im Krieg

»Schule und HJ förderten gleichermaßen jede Art von Leibesübung, und nachdem ich herausgefunden zu haben glaubte, in welcher Disziplin meine Stärke lag, machte ich den Sportplatz zum Ort meiner Hoffnung. Ich wurde Werfer, Speerwerfer.«

Meine erster Roman

»Mutlos wird man erst später.«

Mein erstes Theaterstück

»Jedes Drama, auch jedes Gedicht, hat einen epischen Kern

Meine Straße

»Doch dann fanden wir, gegen unsere Absicht, ein altes, sympathisch verwohntes Haus, das uns zu garantieren schien, was bei den anderen besichtigten Objekten fraglich geblieben war: Stille nämlich.«

Der Sitzplatz eine Autors

»Der Ort, an dem ein Autor schreibt, mag für ihn selbst aufschlussreich sein; entscheidend ist er nicht.«

Mein Vorbild Hemingway

»Ein Schriftsteller hat durchaus das Recht, andere Schriftsteller zu bewundern. Ein Schriftsteller hat auch das Recht, sich von anderen Schriftstellern beeinflussen zu lassen – vorausgesetzt allerdings, dass er die Qualität des Einflusses verantworten kann.«

Gnadengesuch für die Geschichte

»Geschichten sind unbescheiden, weil sie nicht beliebig sind; Geschichtenerzähler sind unbescheiden, weil sie auf die Wirkung vertrauen, die die Drehung der Schraube hervorruft.«

»Schreiben ist für mich die beste Möglichkeit, um Personen, Handlungen und Konflikte verstehen zu lernen.« (S. 29)

Im Anhang bietet das bei Hoffmann & Campe im Jahre 2006 erschienene Buch ein ausführliches Quellenverzeichnis, die Bibliografie, eine Zeittafel, so wie Auszeichnungen, Ehrungen und Preise, die Siegfried Lenz in seinem Leben und für seine Arbeit erhalten hat.

Erster Satz: »Man kann nicht gleichzeitig mit der Welt groß werden, sie ist immer schon da wie die Erwachsenen, sie ist eine anmaßende, aber vollendete Tatsache, hält nur einen Inhalt für uns bereit, eine Rolle, einen Charakter womöglich.

 

Siegfried Lenz
Selbstversetzung – Über Schreiben und Leben
Hoffmann & Campe Verlag, 2006
ISBN 9783455042863
25,- €

 

© Text: Nicole Rensmann
© Cover: Hoffmann & Campe
© Zitate, alle mit Anführungszeichen versehene: Siegfried Lenz

2 Kommentare:

  1. Ja, seine Art zu schreiben hat mich beeindruckt. Es liest sich nicht leicht runter, aber es fesselt. Und bei dieser Art von Büchern – dem Sekundären – kann ich öfters mal reinlesen – immer wieder.

    Einen neuen Lenz wird es bestimmt demnächst mal wieder auf meinem Lesestapel geben, aber noch liegt da Irving – gut, aber ich komme kaum dazu. Mein Schreibtisch ist ziemlich voll. Fernsehen gibt es schon keins mehr und leider müssen dann auch die Bücher daran glauben. Im Augenblick, aber die Zeit kommt, dann darf ich wieder eins nach dem anderen verschlingen.

    Und dann könnte auch ein Lenz dabei sein!

  2. Haha, jetzt hat er dich wohl gefangen. Der Lenz ist da! Das Buch kenne ich nicht, ich habe auch, zugegebenermaßen, bislang nur „Deutschstunde“ und „Fundbüro“ gelesen, wobei mir ersteres besser gefiel, auch wenn es um ein Vielfaches umfangreicher ist. Die „Deutschstunde“ war nur ein Versuchsballon, weil ich ja sowieso diese Thematik interessant finde, und da es damals für ein paar Euro in der Ausgabe der Süddeutschen zu haben war, hab ich mal angefangen. Im Urlaub, in Brandenburg, bei der Schwiegermutter. Habe mehr gelesen, als ich wollte. Denn da war Ruhe, keine Ablenkung, keine Verpflichtungen. Vielleicht müsste ich mal wieder einen Lenz lesen. Aber momentan begeistere ich mich für „Gene Wolfe“ im Original. Auch ein toller Erzähler.

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