Empathie

Wer keine Empathie besitzt, kann auch keine Bücher schreiben. Er kann auch keine Menschen verstehen, denn ohne Empathie, weiß er nicht, was sein Gegenüber in verschiedenen Situationen fühlt.

Empathie bedeutet Einfühlungsvermögen, der eine hat es stärker, der andere weniger intensiv ausgeprägt. Empathie ist ein Muss für uns als Autoren und für jeden anderen Menschen. Empathie ist im Miteinander unverzichtbar, und dennoch oft schwer zu ertragen.

Als ich »Anam Cara – Seelenfreund« schrieb, habe ich mit der Protagonistin zusammen über ihren Verlust geweint. Immer wieder.

Bei »Ciara« habe ich gelitten, sogar die Schmerzen gespürt, die ihr zugefügt wurden – Szenen aus dem 2. Teil übrigens, der vermutlich nie veröffentlicht wird.

Bei »Firnis« habe ich mich ständig dabei erwischt wie ich ein bisschen mehr auf meine Kinder aufpasse, damit sie nicht verschwinden. Ich habe den Gestank des 19. Jahrhunderts in der Nase gehabt und die Begeisterung der Malerei gespürt, obwohl ich nicht mehr als Strichmännchen zeichnen kann. Wenn mein Protagonist krank ist, bin ich es auch – imaginär. Leidet er, leide ich mit. In meinen Büchern ist mir die Empathie wichtiger als bloße Fakten.

Im Leben vermischt sich beides miteinander. Während ich in meinen Büchern und Geschichten Abstand zum Gefühl nehmen kann – ab einem gewissen Zeitpunkt –, ist das in der Realität schwieriger.

Jeden Morgen lese ich die Onlinemedien, wie andere ihre Tageszeitung. Manchmal bekomme ich dadurch eine neue Idee, doch oft genug, möchte ich einfach nur hoffen, dass all die Grausamkeiten weltweit nichts weiter als eine Geschichte sind, meist Horror – ein Genre, das ich früher gerne gelesen habe, mit zunehmendem Weltverständnis jedoch kaum noch ertragen kann.

Ich mag nicht lesen, wie die Frauen und Mädchen im Kongo verschleppt, vergewaltigt, verstümmelt, getötet werden. Ich will nicht hören, dass nebenan wieder ein Kind tot geprügelt wurde oder verhungern musste. Und doch kann ich mich nicht davon abwenden. Nicht zuletzt, um zumindest auf diese mickrige Art und Weise zu zeigen, dass ich an deren Schicksal teilnehme.

Überall lese ich aktuell über Winnenden. Empathie ist ein Muss, aber hierbei ist es schmerzhaft. Ich lese die Artikel, um mit dem Unfassbaren umzugehen. Ich will es nicht verdrängen, denn ich weiß: Schon morgen kann es auch hier passieren. Denn irgendetwas ist los mit unseren Kids, dabei brauchen sie doch nicht mehr als Verständnis, einen Zuhörer und Liebe. Aber reicht das? Reicht es wirklich?

Und will ich als Mutter sehen, was da mit meinem Kind passiert? Verdränge ich es nicht lieber, weil es doch MEIN Kind ist? Sehe ich es überhaupt? Fühle ich es? Müsste ich es nicht spüren?

Gibt es ein Rezept dagegen oder ein Vitamin zur Vorbeugung gegen Amok? 

Denn Ballerspieler, Interesse an Waffen und Kampfsport, das Gefühl von Einsamkeit und von der Welt nicht verstanden zu werden, Horrorfilme ansehen oder Heavy Metal hören – das alleine macht noch keinen Amokläufer. Irgendwas passiert im Kopf und da stößt jede noch so empathische Fähigkeit auf Widerstand. Denn hier kommt selbst das sensibelste Einfühlungsvermögen nicht mehr durch.

Und das unterscheidet die Geschichte von der Realität, und macht sie manchmal unerträglich.

Denn gleichzeitig schäme ich mich dafür, dass ich zwar mitfühle, aber sonst nicht helfen kann!

 

 

4 Kommentare:

  1. Die Frage ist, worauf legt man den Focus der Erkenntnis…
    und das Ergebnis wird davon abhängen.
    Ich bin Ossi. Klar gab es auch bei uns Drogen, doch man mußte schon sehr gezielt aktiv werden, um mehr als pfefferminzlikör zu kriegen…
    Es gab auch Mörder. Der Statistik nach wesentlich weniger.

    Es geht mir hier nicht darum, ob es besser war. ist nur ein Beispiel fürs Verständnis.
    Die STrukturen wirken sich aus. Das sind Langzeiteffekte.
    Kennst Du die 4 Blicke der Psychologie? (bin ja Psychoschlaumeier… ;-))
    1. Persönlichkeit (er war halt so durchgeknallt)
    2. Situation (da hätte jeder so gehandelt)
    3. persönlcihkeit x Situation (die Situation begünstigte es herausragend, der Kerl war so durchgeknallt… logisch, aber auch eben unglücklicher Zufall)

    4. langzeitliche übergreifende Entwicklungen = kultur = Gesellschaft.

    Und Kultur ist nicht der Zucker auf dem Kuchen, sondern die Hefe im Brot. Will heißen, Kultur ist Grundlage und Richtline von allem was wir tun und denken.
    Rollenverhalten zum Beispiel („Wie hat eine Frau/ein Mann zu sein“).
    Ungeschriebene und unhinterfragte Gesetze.

    scheint so, als ändere sich eines der Gesetze seit paar Jahren. Nciht mehr wilde Musik als Protest, nicht mehr nur den REgenbogen reiten…
    sondern ganz klar hingehen und „die Schuldigen hart bestrafen“. Ob es Schuldige trifft oder Unschuldige, ist dabei leider keine Leitlinie.
    Wenn Hemmschwellen fallen, ist das nie Zufall, und schon gar nicht persönliche Privatidee.

  2. Natürlich. Die Welt dreht sich immer weiter und wenn sie aufhört sich zu drehen, dann werden wir das nicht mehr miterleben. Doch für die Menschen, die jemanden verloren haben – beim Amoklauf oder sonst einer großen oder kleinen Katastrophe – dreht sie sich erst mal nicht weiter. Da bleibt sie stehen.

    Den Grund des Problems – aller Probleme – möchte ich nicht im Allgemeinen diskutieren, denn ob es privat, kulturell oder gesellschaftlich ist, lässt sich nicht mal eben, pauschal sagen.

    Nur, dein geschildertes Bild von Drogentoten in der Toilette erinnert mich sehr an Christiane F. Das war früher nicht überall so. Und dieser Art von Drogen gibt es immer noch, zudem sind zahlreiche weitere dazu gekommen. Die Gefahren sind mehr geworden, als zu meiner Jugendzeit – das ist für Eltern und Kinder schwer, vor allem für sie. Ich glaube schon, dass eine intakte Familie, Zuwendung und Grenzen helfen können – aber es ist auch kein Patent für alle Probleme. Aber darum ging es in meinem Eintrag auch gar nicht. Und dieses Thema wäre, wie oben schon gesagt, viel zu übergreifend und würde ausufern.

  3. Die Welt dreht sich weiter…
    Früher brachten sich die Kinder still und leise um, lagen auf dem Bahnhofsklo mit der Nadel im Arm…
    Die Dinge verändern sich. Die Nadel im Arm oder das Pülverchen in der Nase haben noch immer viele Kinder…. jedoch sind sie nicht mehr bereit, still und heimlich abzutreten…

    Die Dinge entwickeln sich nach ihrer eigenen inneren Logik, auch wenn man das nicht immer gleich versteht.

    Empathie ist, wie die Fähigkeit zur Kooperation auch, angeboren. Es ist eine Anlage, die ganz typisch für Menschenkinder ist.
    „Hineinfüllen“ kann man das ebenso wenig wie seinem Kind „das Laufen beibringen“.
    Kaputtmachen kann man immer…

    Dies sind keine privaten Dinge.
    Das ist kulturell.

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