Schriftsteller!

Beim Spazieren gehen, mit den Hunden, entdeckte ich heute einen schwarzen Tennissocken im Laub liegen. Ein Stück weiter lag eine schwarze Unterhose. Vermutlich würde sich nicht jeder dabei etwas denken. Bei mir läuft das anders. Ich blicke mich suchend um. Sehe ich noch mehr? Einen Pullover? Eine Hose? Möglicherweise einen Menschen, der überfallen wurde? Oder liegt unter der Laubdecke eine Leiche, die hastig entsorgt werden musste? Soll ich nachsehen? Um zu helfen? Oder mich lieber zurückziehen? Die Phantasie mit positiven Gedanken überspinnen?

Ist jemand mit einem Wäschekorb durch den Wald spaziert und hat dabei einen Teil seiner Wäsche verloren? Aber warum? Wollte jemand auf diese Art dem Wald eine Opfergabe spenden oder schlichtweg seine Wäsche entsorgen? 

Ich höre schon die Stimme meines Mannes, der – die Augen gen Himmel gerichtet – sagt: »Schriftsteller!«

Erst am Samstag musste ich mir das mehrfach anhören. Wir standen im Behandlungsraum im Krankenhaus (Schädelprellung), es war ruhig. Vor der verschlossenen Tür hörten wir leise Stimmen. Ich sah mich um, die beiden Fenster waren geschlossen, zusätzlich mit einem Schloss versehen.  Ein Entkommen war nicht möglich. Der Tropfständer.
Ich frage: »Könnte man mit dem Ständer die Scheiben einschlagen?«
Mein Mann: »Sicher. Wieso?«
Ich. »Naja, falls wir hier mal dringend raus müssen.«
Er: »Warum sollten wir hier dringend raus müssen?«
Ich: »Falls draußen ein Tumult losgeht, eine Bombe einschlägt, ein Wahnsinniger Amok läuft, die Welt vor der Tür abgeschnitten wird oder das Krankenhaus exakt vor dem Behandlungsraum zusammenbricht.«
Seine Reaktion? Er verdrehte die Augen. »Schriftsteller!«
Das sagte er, in exakt dieser Form, noch mal, leider habe ich den Zusammenhang vergessen.

Dabei schreibe ich doch nur Geschichten, damit meine Phantasie nicht Wirklichkeit wird – man weiß ja nie.

Wenn ich übrigens gefragt werde, was auch an diesem Samstag in diesem Krankenhaus geschah, welchen Beruf ich ausübe, sage ich: »Ich bin selbstständig, arbeite viel am PC und so.«

Was soll ich auch sagen? »Ich bin Schriftstellerin!« Wie klingt das denn? Natürlich, es steht so auf meiner Website und es stimmt auch, aber es so frei raus sagen? Nee, das geht nicht.

5 Kommentare:

  1. Stimmt. Die Geschichten liegen auf der Straße, wir müssen uns nur danach bücken – sag ich auch immer. Und mein Mann – da muss ich ihn in Schutz nehmen – meint das eher mit Stolz, als böse! 😉

  2. Lass dich nur nicht beirren. Dein Mann hat keine Ahnung! 😉
    Ich sags ja immer. Die Welt ist voll von diesen Geschichten. Wir Schriftsteller sind dazu geboren sie aufzuschreiben. Aber im Grunde sind sie schon da.
    Leicht zu erkennen an einzelnen schwarzen Socken mitten im Wald oder Krankenhäusern, die plötzlich zusammenfallen.

    Und ich finde, man kann sich durchaus als Schriftstellerin outen. Manchmal trifft man nämlich dann auf die Menschen, die diese Geschichten auch „sehen“ und die erzählen sie uns dann. Damit wir sie aufschreiben können.

  3. Na, du bist ja auch ein Kreativer, außerdem von mir. Da ist das doch wohl klar.;-)

  4. Hey..nicht nich nur Schriftsteller sind so. Mangaka auch. Sogar fast noch schlimmer. Ich weiß wo von ich spreche.

  5. „Ich bin SchriftstellerIN“, klingt doch gut. Noch erhebender natürlich, wenn man den Autorenpass vom FDA (Freier Deutscher Autorenverband) in Händen hält, dann hat man’s „schwarz auf weiß“. Ein ähnliches Glücksgefühl vermittelt nur noch ein Presseausweis.

    tjm. – 14.04.2009

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