Aufgeräumt oder wie man mit der Vergangenheit Geld verdient

Es ist bekannt, ich räume gerne auf und schmeiße weg oder sortiere aus. Balast wegräumen, meine Umgebung frei machen und somit auch mich selbst für Neues öffnen. Klingt sehr esoterisch, ist es aber nicht, zumindest würde ich das einfach mal so behaupten. Zumal ich keine rituelle Verbrennung starte, sondern – falls sinnvoll – die aussortierten Sachen verkaufe. Ich mache also Geld mit der Vergangenheit, auf unbedeutende Weise, sozusagen.
Gestern kam eine andere Vergangenheit dran, eine mit der andere auf ihre Art Geld verdient haben. Mit ihrem Leid, ihren Sorgen, ihrem Leben den eigenen Roman gepusht (oder haben pushen lasse), weil es toll klingt, wenn jemand von Sozialhilfe lebend, mit einem Baby auf dem Schoß im Café sitzend einen Roman schreibt. Oder weil es sich gut vermarkten lässt, wenn jemand sich von unten nach oben hocharbeitet – nur das Hocharbeiten geht nicht in allen Bereichen ohne das Wohlwollen Dritter. Das sollten wir nie vergessen, wenn wir wieder solche, sich gut vermarktbaren, Rahmenbedingungen in der Vita eines Menschen lesen.
Ich konnte mir nicht mal einen Kaffee im Café  leisten, das Baby saß bei mir auf dem Schoss, während ich geschrieben habe an – oh welch Luxus – einem uralten PC.
Fotos fielen gestern meinem Aufräumwahn zum Opfer. Der Grund mich an diese antiquierte Form der bildlichen Form heranzuwagen, ist ein anstehender, runder Geburtstag in der Familie, der entsprechend gefeiert wird.
Es mussten gefühlte 75.000 Fotos angesehen, jedes einmal in die Hand und betrachtet werden.  Es war eine lange Nacht.
Da wurden Erinnerungen wach – schöne und traurige, erschreckende und einsame.
Und wie sehr scheinen die Fotos zu lügen, eine andere Vergangenheit vorzugaukeln, als meine Erinnerung, mein Gedächtnis mir vermittelt.

Ich glaube nicht den bunten Fotos. Ein Drittel der auf Bildern festgehaltenen Lebenszeit, als ich noch richtig jung und verdammt knackig war (Heidi Klum wäre neidisch gewesen), habe ich weggeworfen. Ich konzentriere mich lieber auf das Jetzt, denn das ist ein Geschenk, das niemand auf einem Foto festhalten kann.

Aufräumen befreit! Versuchs mal selbst! 😉

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