Interview mit Tobias Wimbauer – Exklusiv

Tobias Wimbauer lernte ich bei Twitter kennen und es war nicht nur sein Beruf als Antiquar, der mich reizte, ein Interview mit ihm zuführen. Da sich Fragen und Antworten über sieben Seiten erstrecken, ist das Interview auch als pdf.-Dokument zum Herunterladen hinterlegt.

»Ja, ich bin bibliophil.«

Interview mit Tobias Wimbauer
von Nicole Rensmann

27. August 2009

Wimbauer Foto 180.000 Bücher, aufsteigende Tendenz. Das klingt wie die Zählung einer Bibliotheks-Inventur. Tatsächlich ist es das, mit dem Unterschied, dass diese 80.000 Bücher einem einzigen Mann gehören: Dem Antiquar Tobias Wimbauer.
Zu seiner Profession zählt es, Bücher zu verkaufen und parallel für Nachschub zu sorgen. Ein fortwährender Kreislauf, der kein Ende zu nehmen scheint und der Tobias Wimbauer 12 bis 14 Stunden am Tag auf Trab hält.

Seinem Vater – ein Schriftsteller und Verleger – hat der am 13.06.1976 in Überlingen am Bodensee geborene Tobias Wimbauer die Freude an der Literatur zu verdanken. Denkt er an seine Kindheit zurück, so sieht er seinen Vater stets mit einem Buch in der Hand.
Und so ist es nicht verwunderlich, dass der junge Tobias Wimbauer nicht nur Bücher sammelt, sondern neben der Schule in Antiquariaten jobbt und selbst zu schreiben beginnt.

Bevor die Literatur sein gesamtes Leben einnehmen kann, studiert er ab 1999 Germanistik und Philosophie an der Albert Ludwigs Universität in Freiburg, die er jedoch nach drei Jahren verlässt, um an der Bergischen Uni Wuppertal weiter Germanistik und – als Ersatzfach für Philosophie – Soziologie zu studieren. 2003 verlässt er vorzeitig die Universität.

Parallel zu seinem Studium arbeitete er als freier Lektor und veröffentlichte die ersten eigenen Werke: Lyrik, Erzählungen und Sachbücher.

Tobias Wimbauer ist ein großer Verehrer von Ernst Jünger, der Autor, mit dem er sich bisher am intensivsten beschäftigt hat.
Außerdem liest er Gottfried Benn, Charles Bukowski, Helmut Krausser, Walter Kempowski und Christian Kracht.

Zu seinen Lesevorlieben sagt er 1: » Einige der Namen sind mir vor allem unter einem Aspekt wichtig: sie sind Lehrmeister der Gelassenheit. Tatsächliche Gelassenheit ist die wichtigste Voraussetzung für fast alles, nicht zuletzt für ein Arbeitspensum, das oft recht heftig ist.«

Wimbauer Foto 2Sein Musikgeschmack ist mit Klassik wie Bach oder Beethoven und Metal so vielfältig wie die Auswahl seines Antiquariats. Er hat jedoch nicht nur eine Vorliebe für Bücher, sondern auch für Katzen. Nicht zu vergessen der Rosengarten, in dem er seine karge Freizeit genießt. Außerdem verfügt Tobias Wimbauer über einen feinen Gaumen, dem er gerne ein gutes Glas Wein gönnt und ein, nur aus Bioprodukten zubereitetes Abendessen kredenzt.

Seit 2005 betreibt er sein eigenes Antiquariat »Wimbauer Buchversand« alias »Die Bücherhöhle« in Hagen-Berchum, wo er mit sieben Katzen, den bereits erwähnten Büchern und seiner Frau Silvia lebt, mit der er die Begeisterung zu Ernst Jünger teilt.

Du bist bibliophil durch und durch, du schreibst Bücher und du verkaufst die Bücher anderer Autoren. Du lebst mit 80.000 Büchern, deiner Frau und sieben Katzen zusammen. Ein Traum für bibliophile Katzenfreunde. Auf wie viel Quadratmeter verteilen sich diese Büchermassen?

Ja, ich bin bibliophil durch und durch, weil ich die Sprache liebe, das Wort. Und ein schönes Buch ist eben die adäquate Form für diese bestaunenswerte Vielfalt, die mit den paar Buchstaben ausgedrückt werden kann. Die Quadratmeterzahl hab ich nicht im Kopf, weil ja zur Wohnung und den Antiquariatsräumen noch weitere Räumlichkeiten außerhalb hinzukommen und das Nachschublager, auf jeden Fall ist die bebücherte Quadratmeterzahl dreistellig.

Dein antiquarisches Angebot beschränkt sich nicht auf ein Genre. Du führst alles von Kochbüchern über Romane, Sachbücher und aktuelle Werke bis hin zu 350 Jahre alten Raritäten. Damit bedienst du ein sehr großes Publikum. Dürfen Kunden auch bei dir vorbeikommen und durch die Buchreihen spazieren?

Es stimmt, im Prinzip biete ich alles an. Es gibt ein paar Ausnahmen, aber das sind nur die von der Bundesprüfstelle indizierten Titel, die ich nicht anbieten darf, und noch etwa zweidutzend Autoren, die ich grundsätzlich nicht im Programm habe. Dies aber nicht aus irgendeinem elitärantiquarischen Qualitätsdünkel, sondern aus rein pragmatischen Erwägungen. Manches Buch war irgendwann zweihundertfach hier, belegte einige Regalmeter, und war schlicht unverkäuflich, egal zu welchem Preis. Das sind Titel, die millionenfach gedruckt sind und die wohl kaum gezielt gesucht würden. Hera Lind, Utta Danella, Konsalik und Johannes Mario Simmel wären da zu nennen. Womit ich nichts gegen diese Autoren gesagt haben will, sie erfüllen gewiss den Lesewunsch sehr vieler Menschen, aber das sind meist keine Antiquariatskunden.
Nach Absprache können Kunden gern vorbeikommen, um reservierte Titel abzuholen oder näher anzuschauen. Stöbern hingegen ist schwierig, weil die Bücher so aufgestellt sind, dass ich sie mit zwei Handgriffen bei Bestellung finde. Sie stehen also nicht thematisch sondern nach einem bestimmten numerischen System zweireihig sortiert in den Regalen. Aber im Prinzip „bin ich“ ein Versandantiquariat und kein auf Publikumsverkehr ausgelegtes Ladengeschäft. Nicht zuletzt, weil wir hier in einem Privathaus sind.

Kannst du dem Liebhaber der phantastischen Literatur ein besonderes Schmankerl aus deinem Sortiment empfehlen?

Ich habe einige phantastische und Science-Fiction Literatur im Antiquariat, aber diese Titel kenne ich zumeist nicht. Wenn ich also reinen Herzens einen phantastischen Titel empfehlen sollte, den ich auch immer mal wieder im Antiquariat habe, so ist es ein Klassiker: „Die andere Seite“ von Alfred Kubin. Dieser beklemmend-surreale Roman von der Traumstadt Perle und ihrem Herrscher Patera ist stets aufs Neue wieder lesenswert. Vielleicht erlebt der Roman nun eine Renaissance, da er von Suhrkamp wieder aufgelegt wurde.

Du verkaufst nicht nur die Geschichten von Autoren, du schreibst selbst. Dein letztes Buch »Lagebericht und andere Erzählungen« (Telesma Verlag, 2008) enthält Kurzgeschichten, unter anderem »Die Sache mit der Möhre«2 – eine bissige, kurze und knackige Story mit durchaus phantastischem Charakter.
Prinzipiell ist das phantastische Genre, wie du soeben selbst sagtest, aber nicht dein Steckenpferd?

Ich mache mir beim Schreiben keine Gedanken über das Genre. Wenn mir danach ist, schreibe ich naturalistische Storys, wenn mir nach anderem ist, kann das auch magisch-phantastisch werden. Im Moment schreibe ich eine Geschichte, bei der ich noch nicht einmal sagen könnte, welchem Genre diese Geschichte angehört. Noch hebt sie harmlos an, aber eine bedrohliche Schwingung ist schon drin, und ich schwanke noch, welche Richtung ich dann einschlage. Ich habe zwei Szenarien im Kopf, und ich würde am liebsten das eine Szenario schildern – und zwar so schildern, dass das andere Szenario, das ich noch im Kopf habe, dann auch beim Leser als Befürchtung oder Ahnung im Kopf abliefe.

Gibt es besondere Gründe, warum Autoren des phantastischen Genres weniger deinen Lesegeschmack treffen?

Ach, das kann man so nicht sagen. Aber ich kann mich vielleicht der Begründung annähern. Fragt man Schriftsteller oder Historiker oder sonst wen Publizierenden nach dem Warummsewozusewiesose, dann sagen sie oft, dass sie nach der Wahrheit suchen würden. Davon bin ich meilenweit entfernt, ich suche überhaupt keine Wahrheit, mein Problem setzt nämlich viel früher ein. Mein Grundproblem ist die Frage nach der Wirklichkeit. In meiner Erzählung „Lagebericht“ fragt der Ich-Erzähler: „Was ist schon Wirklichkeit? Vielleicht die weiße Stelle zwischen den Worten.“ Von Wahrheit kann ich doch erst reden, wenn ich weiß, was überhaupt wirklich ist und was nicht. Bis dahin ists schemenhaft. Das alte Zeugenproblem ist vielleicht die banalste Illustration des Problems: befrage fünf Augenzeugen nach einem Passanten, der in irgendeinen Vorfall verwickelt war, und Du Wimbauer Foto 3bekommst fünf wahrscheinlich deutlich differierende Beschreibungen. – Sagte ich eben „wahrscheinlich“? Ja, es scheint nur so, als sei etwas wahr. Das lässt sich auf alle Bereiche ausweiten. Das Genre der Phantastik ist, wenn ich es recht verstehe, durch die bewusste Überschreitung der Grenze des Wirklichen zum Unwirklichen charakterisiert. Wenn ich aber nicht festmachen kann, wo das eine aufhört und wo das andere beginnt, ist, wenigstens für mich, die bewusste Überschreitung einer nicht bewussten Grenze kaum möglich. Ich lote die Grenze aus um sie sichtbar zu machen, sie ersichtlich zu bekommen, und vielleicht allmählich zu begreifen.

Lässt du Bücher aufarbeiten, bevor du sie verkaufst, um einen höheren Preis zu erzielen?

Nein, das habe ich noch nicht gemacht. Ich entstaube natürlich, wenn nötig, und wenn ein Fleck ist, der tilgbar ist, so mache ich auch dies. Aber für einen Verkauf habe ich noch nichts aufarbeiten lassen. Da halte ich es lieber so, dass ich etwas der explizit benannten Schäden wegen günstiger anbiete – so freut sich dann vielleicht ein finanziell klammer Bibliophiler, dass er ein seltenes Buch besitzen kann, das er sich im museumswürdigen Zustand nicht hätte leisten können. Das ist übrigens eine der eigenen Erfahrung geschuldete Entscheidung. Ich habe mir sehr lange meine bibliophilen Neigungen gar nicht leisten können, aber wenn die Vorzugsausgabe X in einem Katalog weit unter Preis angeboten wurde, habe ich lieber auf einige warme Mahlzeiten verzichtet … und da war mir mitunter auch oft freudvolles Vergnügen, eine bestimme Ausgabe günstig erwerben zu können, die vielleicht Mängel aufwies. Aber ich hatte sie, konnte sie anschauen, mit den Bibliographien abgleichen, und konnte dann auf ein besseres Exemplar entspannt hinwarten.

Schmerzt dich dennoch der Zustand mancher antiquarischer Buchraritäten?

Ja.

Die Ausstattung der heutigen Bücher gegenüber der von vor über 100 Jahren und mehr ist nicht mehr so liebevoll und detailliert. Würdest du dieser Aussage zustimmen?

Nein, das täuscht. Es gab auch vor 100 Jahren handwerklich herausragend gemachte Bücher und billige Massenware. Dass es heute nicht so sei, ist ein Trugschluss, weil heute die schiere Menge erschlägt und der Überblick eingetrübt ist durch das gewohnte Bild im Sortimentsbuchhandel. Es ist ganz einfach nur sehr viel mehr geworden. Wenn ich mir beispielsweise die Bücher von Wolfram Bendas Bear Press in Bayreuth anschaue, dann habe ich dabei großes Vergnügen, wunderbare Typographie, Graphik vom feinsten und ganz fabelhafte Materialien. Und es gibt viele andere Verlage, die handwerklich liebevoll gemachte gute Bücher machen: Der Landt Verlag und die Edition A.&B.Fischer fallen mir aus dem Stegreif ein und es gibt ganz viele andere kleine Verlage, die mit viel Liebe zum Detail richtig schöne Bücher machen. Ich habe nichts gegen die großen Buchhandelsketten und ihr standardisiertes Programm, aber mich selbst interessiert als Leser eher jene Literatur, die bei Thalia nur dann im Schaufenster ist, wenn sie ein Leser im Vorbeigehen dort reingeworfen hat. Und die ist oft auch ganz toll aufgemacht.

Wie sorgst du für Nachschub? Kaufst du aus Nachlässen und auf Trödelmärkten, oder suchst du auch gezielt für Kunden?

In den Ferienmonaten breche ich in Nachbarstädten in Gründerzeitvillen ein. Nein, Scherz beiseite: Die Nachschubfrage gehört zu den wichtigsten Interna eines Antiquariats. Jedes Antiquariat hat seine Quellen und Kooperationen. Die alte Weisheit des Handels ist: der Gewinn wird im Einkauf gemacht. Ich bitte um nachsichtiges Verständnis, dass ich meine Nachschubwege nicht erläutern mag.

Verrätst du uns, was dein teuerstes Buch war, das du zu welchem Preis verkauft hast?

Das wertvollste Angebot, das ich bislang im Katalog hatte, waren fünf Bände einer Zeitschrift aus den späten 1920er Jahren, die ging für 7.500 Euro ins Ausland – und ich war damit schuldenfrei, das war ein gutes Gefühl und dafür gab ich die 5 Bände gern, die aus meinem privaten Bestand ins Antiquariat gelangt waren.

Und für welches Buch müsste ich aktuell tief in die Tasche greifen, um es bei dir erwerben zu können?

Derzeit das wertvollste Angebot ist die erste Hölderlin Gesamtausgabe von 1846 mit etlichen Erstdrucken, rotbraunes Halbleder, ich liebe die beiden Bände sehr (Hölderlin sowieso) und ich möchte sie fast gar nicht hergeben, aber wenn mir jemand 2.200 Euro in die Hand drückte, dürfte er sie mitnehmen.

Nicht alle der 80.000 Bücher sind bei ZVAB zum Verkauf gelistet. Liegt das daran, dass du den Rest behalten möchtest oder sie erst nach und nach eingeben kannst? Gehst du dabei chronologisch vor oder eher nach dem Prinzip, welches Buch du am ehesten entbehren kannst?

Oh nein, zum Behalt ist der Rest nicht! Ich habe zur Zeit (August 2009) 32.000 Titel im Katalog, 80-82.000 Titel sind in den Regalen und im „Nachschublager“. Ich arbeite mich Buch für Buch durch. Jedes Buch will photographiert sein, dann erfasse ich die bibliographischen Angaben, beschreibe den Zustand, etwaige Mängel und Besonderheiten, recherchiere einen angemessenen Preis und dann kommt das nächste Buch dran. Das Ganze ist etwas anders organisiert, als es jetzt klingt, aber das ist jedenfalls das, worauf es ankommt. Was die Reihenfolge der zu katalogisierenden Bücher anbelangt: ich nehme mir Regal für Regal vor, da gehe ich durchaus schematisch vor, und zwischendurch mache ich „Auffüllwoche“, da katalogisiere ich Bücher, mit denen ich durch Verkäufe entstandene Lücken in den bereits katalogisierten Regalen auffülle. Ich schaffe etwa 100-200 Titel pro Woche, mitunter bis zu 50 am Tag, da lässt sich ja leicht berechnen, wie lange ich noch weiterkatalogisieren könnte, selbst wenn ich kein einziges Buch mehr ankaufte. Das finde ich aber auch ganz beruhigend: mir wird so schnell das Angebot nicht ausgehen.

Was liest du bei einer so großen Auswahl an Lesematerial selbst am liebsten? Und behältst du diese Bücher dann oder verkaufst du sie weiter?

So merkwürdig es klingt: ich komme fast gar nicht zum lesen. Im Bett noch ein paar Seiten, aber oft fallen mir da schon bei den ersten Zeilen die Augen zu. Ich lese seit 7 oder 8 Wochen das neue Buch von Thomas Kapielski. Bin schon etwa bei Seite 50. Viele Dinge, die ich früher gerne las, kann ich nicht mehr lesen, weil mir die Konzentration nachts nach einem Arbeitstag fehlt und manches auch am Stück gelesen sein muss und nicht in 2-Seiten-Häppchen. Tagebücher lese ich gern, die kann man „prisenweise einnehmen“, wie Jünger mal gesagt hat. Luxus ist inzwischen, wenn ich ein Buch, das ich schon kenne, noch einmal lese.
Zum Besitz der Bücher entwickelt man als Antiquar ein relativ entspanntes Verhältnis. Ich habe recht viel aus meinen privaten Beständen ins Antiquariat übernommen, bestimmte „Standardtitel“ brauche ich ja nicht verwahren, die sind immer bei größeren Ankäufen dabei, wenn ich die lesen wollte, habe ich gewiss ein Exemplar da. Andere Titel bleiben für eine unbestimmte Zeitspanne in meinen eigenen Regalen. Das gilt natürlich nicht für meine Sammlungen, wobei ich meine Steegemann-Sammlung nun beende und geschlossen ins Antiquariat nehme. Steegemann war ein Verleger aus Hannover, der vor allem in den 20er Jahren die aberwitzigsten Bücher druckte, Expressionismus, Dadaismus, den ersten deutschen Lesbenroman und allerlei Curiosa mehr.

Zu Ernst Jünger hast du eine besondere Verbindung. Was fasziniert dich an ihm?

Jünger war für mich als Jugendlicher „die“ Entdeckung, er hat im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben verändert. Wie ich zu Jünger kam, erlaube ich mir mit einem Selbstzitat zu schildern: “Ich war 15 oder 16 Jahre alt, als ich mich in der Freiburger Buchhandlung zum Wetzstein, die ich regelmäßig wegen ihres exquisiten Sortiments aufsuchte, nach „neuen“ signierten Ausgaben umsah. Ich sammelte damals schon Autographen. Dort war das Portrait ausgestellt, das Horst Janssen 1990 von Jünger gemalt hatte. Janssen war mir ein Begriff, aber von Jünger hatte ich noch nie etwas gehört. An der Schule war Jünger nicht vorgekommen. Das Bild faszinierte mich, die Ausstrahlung, diese Augen! Ich musste das Bild einfach haben. Nun war es eine kleine, nummerierte und von Jünger und Janssen signierte Auflage und somit nicht gerade billig. Vierhundert Mark sind für einen Schüler doch eine ganz schöne Summe. Also suchte ich mir einen Ferienjob, nachdem ich mir das Bild zurücklegen lassen hatte, sortierte Wimbauer Foto 4Leergut bei Coca-Cola und tauschte hernach das erarbeitete Geld gegen das Jünger-Portrait ein. Dann dachte ich mir, eigentlich solltest Du von dem Kerl mal ‘was lesen. Das erstbeste Buch, auf das ich in einem Antiquariat stieß, war das „Abenteuerliche Herz“ in der zweiten Fassung. Ich las das erste Stück, „Die Tigerlilie“, und war weg. Ich klappte das Buch zu, musste tief durchatmen und las es dann in einem Rutsch durch. Anderntags grad noch einmal. Die Lektüre wirkte wie eine Droge: Ich hatte „meinen“ Autor gefunden. (nach einem Interview mit der Zeitschrift Zinnober, 2003). – Zunächst war es also ein „optischer Zugriff“. Was mich an Jünger genau fasziniert, ist gar nicht leicht zu sagen, wollte ich nicht einfach „die Sprache“ sagen. Es ist der magisch-realistische Ton, der präzise Ausdruck bei gleichzeitiger Ahnung des hinter dem Fassbaren Stehenden.

Für den Beruf Antiquar gibt es keine Ausbildung. Wie bist du auf die Idee gekommen, ein so umfangreiches Antiquariat zu gründen?

Ich bin da eigentlich mehr oder weniger reingeschlittert. Ich wollte schon immer ein eigenes Antiquariat, einen Verlag und meine Ruhe haben. Ich bin inmitten von Büchern aufgewachsen, habe selbst immer Bücher gehortet und gesammelt, zu Schulzeiten schon in Antiquariaten gearbeitet, dass sich dann der Wunsch nach diesem Beruf so rasch verwirklichte, war jedenfalls nicht geplant, aber im Nachhinein war das gut. An der Uni hätte ich es kaum länger ausgehalten. Rasch wurde das zunächst nebenher betriebene Antiquariat zum Fulltimejob. Und aus einer Kiste Bücher und einiger Doubletten aus den eigenen Regalen wurde eine regelrechte Bücherhöhle.

Hast du in den Anfängen Bücher für einen Spottpreis verkauft, bei denen dir später klar wurde, dass du einen viel höheren Preis hättest erzielen können?

Ich hoffe nicht… Aber da ich schon einige herrliche Schnäppchen bei Kollegen machen konnte, wäre es nur zu gerecht, wenn es andern auch bei mir so gegangen wäre. Eine Don Quijote-Erstausgabe war jedenfalls nicht dabei.

Gibt es ein spezielles Buch, das du unbedingt gerne haben möchtest? Wenn du es hättest, würdest du es behalten oder weiter verkaufen?

Es gibt eine Handvoll Bücher, die ich irgendwann haben möchte. Und ich bin mir sicher, dass sie eines Tages bei einem Ankauf dabei sein werden. Zwischen ein paar Reader’s Digest und Konsaliks, unverhofft, doch nicht unerwartet. Die einen würde ich eine Weile behalten und dann wieder in den großen Bücherkreislauf einspeisen und bestimmte andere würde ich behalten.

Was verschenkt jemand, der 80.000 Bücher im Rücken hat?

Bücher jedenfalls nur, wenn dies einen Bezug zum Beschenkten hat. „Ich-find-das-toll-das-musst-Du-auch-lesen“-Geschenke gehen ja eigentlich nie auf. Wenn ich ein Buch habe, von dem ich weiß, dass der zu Beschenkende es haben möchte, dann ja. Sonst schenke ich lieber Wein.

Was wünschst du dir, im Speziellen auf das Buch bezogen und im Allgemeinen auf dein Leben?

Ich wünsche mir vom Buch, dass es mich nähre. Das wünsche ich mir von den selbst geschriebenen ebenso wie von den hier im Antiquariat stehenden Büchern.

Darf ich mir eine letzte, private Frage erlauben? 80.000 Bücher, 7 Katzen, eine Frau. Ist da Platz und Lust, die Familie – in welcher Form auch immer – zu erweitern?

Oh nein. Solche Planungen gibt es ausdrücklich nicht. Oder doch, vielleicht ein Hund?

Vielen Dank für das Interview. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg!

Weblinks:

Tobias Wimbauer im Interview

Tobias Wimbauer im Netz

Webseite http://www.waldgaenger.de
Blog    http://wimbauer.wordpress.com/
Twitter  http://www.twitter.com/wimbauer
Twitter  http://www.twitter.com/wortstory
Facebook  http://facebook.com/wimbauer
Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Tobias_Wimbauer

2Kurzgeschichte »Die Sache mit der Möhre«

© Text: Nicole Rensmann
© Fotos: Tobias Wimbauer

9 Kommentare:

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  6. Grenz-Heeger, Erika

    Soooooooo ungefähr habe ich mir das vorgestellt – und mein schon lange sich steigerndes Staunen beibehalten.
    Sooooooo ungefähr hatte ich auch mir selbst meinen Alltag einst vorgestellt, bevor der 1000jährige Adolf mir den Wind aus den Segeln (sprich Studienplatz) genommen hatte (natürlich unter fester Garantie, ihn mir nach dem Sieg wieder zur Verfügung zu stellen).
    Abgesehen vom Kaufmännischen: Dazu hätte mir jegliche Ader gefehlt. Ich hatte eher an Übersetzungen unbekannter, mich reizender ausländischer Literatur gedacht. (Angefangen hatte ich ja schon damit, in Bonn zB. – mit „Grintastorta“, einer Novelle meines ital. Professors.)

    Dass tw sein Familienleben nicht ausweiten mag, erwähnte er früher schon mal; schade, (wegen des Überhangs an sich rasant vermehrender Karnickel….); aber verständlich.
    Etwas schwerer gewöhnungsbedärftig erscheint mir lediglich die für mich noch relativ neue (weil inzwischen ziemlich gewachsene) dunkle Manneszier unterhalb des Kinns. – Vertrauter hingegen das Katerle im Arm seines Herrchens; (? Casimir ?)
    Im übrigen: Dumeklämme für gute Fortsetzungen!
    herzlichst egh

  7. Zu seiner Buchauskunft:

    Man sieht Tobias vor lauter Büchern nicht mehr!
    Und ich schleppe hin und schleppe dort weg, Bücher natürlich!

    Zu seiner Trinkauskunft:

    Auch den edlen Wein darf der MoPs zu Ihm transportieren!

    Zu seiner Essensauskunft:

    Ob das alles so stimmt? Egal, wann ich komme, er hat den Mund immer voll! Mit collen Sprüchen oder oft auch nur mit ( siehe Eintrag von Klaus Wörner hier drüber )?

    Jedenfalls bekommt Ihn die frische Landluft ganz gut, denn seine „W“ ist bald r quadrat mal pi !

    H-J Grunert sein MoPs!

  8. Mensch, Tobias, bist Du aus dem Leim gegangen. Der Fotograf hätte Dich nebenbei auch etwas günstige fotografieren können, damit die Wampe nicht dermaßen in die Tiefe des Raumes dringt … 😉

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