Interview mit Frank Schweizer – Januar 2009

In der 33. Ausgabe des Magazins phantastisch! erschien das Interview mit Autor Frank Schweizer.

»Ein Manuskript ist ein kleiner Ball …« oder » Der gut gelaunte Teil einer biologischen Maschine.«

Interview mit Frank Schweizer von Nicole Rensmann

Foto (c) Frank SchweizerZu jemandem der Todesfälle von Philosophen sammelt, Philosophie und Germanistik studiert hat, der Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch, Lateinisch, Italienisch und Dänisch vorgibt, will ein humorvoller Fantasyroman nicht so recht passen. Doch die im Fandom bekannten Rezensenten wie Erik Schreiber oder Carsten Kuhr überschlagen sich nahezu mit Lob.

Was ist dran an »Grendl« und seinem am 20.09.1969 in Geislingen geborenen Erschaffer Frank Schweizer?

Eins ist klar, der Autor verfügt über Humor, bezeichnet sich selbst als seltsam, bevorzugt Bücher aus vergessenen Zeiten in Lateinisch und wirkt alles in allem abgeklärt, ruhig und intelligent.

Seine Dissertation  über den österreichischen Autor Adalbert Stifter erschien 2001 beim Frankfurter Peter Lang Verlag als Taschenbuch:

»Ästhetische Wirkungen in Adalbert Stifters „Studien“: Die Bedeutung des Begehrens und der Aneignung im Rahmen von Adalbert Stifters ästhetischem Verfahren (unter Abgrenzung zu Gottfried Keller)«. Danach arbeitete er in einer Comicredaktion, die jedoch Pleite ging, sodass er seit 2003 als freier Autor tätig ist. Zusätzlich unterrichtet er in verschiedenen Lehranstalten Deutsch als Fremdsprache, Literatur und Philosophie. Auch als Lektor hat er bereits seine Brötchen verdient. Frank Schweizer lebt mit seiner Frau Uta in Stuttgart. Sein erster Roman »Grendl« erschien im Mai 2007 im Otherworld Verlag.

Ursprünglich kommst du aus der Sachbuchecke. Dort finden sich Bücher über Philosophie, die aus deiner Feder stammen ( u.a. »Wie Philosophen sterben« 2003, »Nur einer hat mich verstanden – Philosophenanekdoten« 2006, »Ich stelle fest, ich bin einzig«, 2007). Außerdem hast du wissenschaftliche Aufsätze und Gedichte in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Somit bist du ein renommierter Sachbuchautor, doch mit deinem Fantasyroman »Grendl« hast du Neuland betreten. Neue Verlage, andere Vorgaben. Wie war das für dich? Wie bist du schließlich beim Otherworld Verlag gelandet?

Es war wirklich Neuland für mich, weil die Arbeitsweise bei einem Fantasy-Roman so anders ist. Ich bin in eine richtige Schreibwut verfallen. Ich sah die Szenen wie in einem Film deutlich vor mir, aber meine Finger bewegten sich nie schnell genug, um hinterherzukommen. Ich schrieb auch stundenlang und pausenlos. Dagegen ist Sachbuchschreiben ein lahmer Bummelzug. Als ich das Manuskript endlich fertig hatte, dachte ich blauäugig, dass es leicht sei, einen Verlag zu finden. Aber recht schnell wurde mir bewusst, dass man bei großen Verlagen komplett chancenlos ist. Als Debütant landet man zwingend bei kleineren Verlagen wie dem Otherworld Verlag. Der Vorteil eines kleineren Verlags ist, dass man nicht in der Masse anderer Autoren untergeht. Der Verlag hat sich sehr gut um „Grendl“ gekümmert.

Deine Bibliografie liest sich interessant: Ein philosophischer Fantasyautor – das ist nicht nur neu, sondern erfrischend anders.

Nun hast du nach »Grendl« ein Buch über die Geschichte des Essens geschrieben. Was kommt als nächstes? Doch »Grendl Teil 2«? Oder wirst du über die Beutelratten philosophieren? 😉

Hmmm philosophische Beutelratten… jetzt wo du es sagst, kein schlechtes Thema, lass mich das mal in mein Notizbuch schreiben J Im Ernst: der Nachfolge-Roman, der bisher den Titel „Gott“ trägt, ist fertig und wird hoffentlich demnächst erscheinen. Er ist nicht…. ääääh ganz so normal wie „Grendl“ J Es geht darum, dass in der Hölle ein Mord geschieht. Ein bedeutender Teufelsphilosoph ist tot. Hauptverdächtiger ist Enlil, ein Engel, der neben der Leiche gefunden wird. Teufelsdetektiv Waltharius ist mit der Aufklärung des Mordes beauftragt, was ihm einige Kopfschmerzen bereitet, weil er sonst nur gute Taten aufklärt und noch nie eine schlechte bewältigen musste. Er glaubt aber an die Unschuld des Engels. Das seltsame Duo – ein Engel und ein Teufel versuchen die Hintergründe des Mordes zu erhellen, ohne dass sie ahnen, in welche Schwierigkeiten sie sich begeben und wer wirklich hinter all dem steckt. Jeder, der genug hat, immer die gleiche Art von Fantasy zu lesen und dem die Kinnlade schon beim Wort „Trolle“ oder „Elfen“ gähnend auf den Oberschenkel knallt, sollte sich an „Grendl“ oder „Gott“ wagen.

»Frank Schweizer ist die deutsche Antwort auf Terry Pratchett«. Das ist verdammt hoch gegriffen. Wie fühlst du dich mit solchen Vergleichen?

Zunächst einmal sehr geehrt. Besser als wenn man übel über mich daherreden würde. Ich lese die Formel „deutsche Antwort auf Terry Pratchett“ eher so, dass ein Leser, der Terry Pratchett mag, vermutlich nicht enttäuscht ist, wenn er „Grendl“ kauft.

In »Grendl« muss Max Merkur – der Hauptcharakter – die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Cover: GrendlLebens finden.

Kannst du sie, als Frank Schweizer, beantworten? Oder anders: Wer oder was ist DEIN Sinn des Lebens?

Mich darfst du nicht nach dem Sinn des Lebens fragen, sonst hörst du nur: Verzweifelt und stellt euch Knäckebrot kauend in die Ecke. Ich fand es beim Schreiben interessant, wenn sich zur Abwechslung nicht nur die Menschen mit dieser Frage herumplagen müssen, sondern auch die unsterblichen Teufel. Mich interessiert bei „Grendl“, wie man sich in einem Universum, das eben keinen Sinn hat oder zumindest keinen Sinn, der wirklich Laune macht, „häuslich“ einrichten soll. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist eine Hyper-Mega-Giga-eine-Million-Euro-und-keine-Joker-mehr-Frage, die sich jede Kreatur stellen muss; selbst Gott müsste die Frage beantworten, welchen Sinn seine Existenz hat und ob man nicht besser statt seiner zehn Zigarettenautomaten im Universum installiert, die ja sehr praktisch sind, wenn man mal Eine rauchen will. Der Sinn der Existenz von Zigarettenautomaten ist klar, aber nicht die von Gott, den Engeln, den Teufeln und den Menschen.

»Grendl« erschien bereits im April 2007. Hast du dir in dieser Zeit einen weiteren oder auch neuen Überblick über die Verlagswelt der belletristischen Schiene verschaffen können? Wo hast du dich – als Autor –  2007 gesehen, wo siehst du dich heute?

Ich bin ein bisschen weiser geworden. Ich habe erkannt, dass es nicht reicht, ein gutes Manuskript zu schreiben, um eine größere Leserschaft zu gewinnen. In der belletristischen Verlagswelt herrschen Kräfte, die ich als Autor nicht kontrollieren kann und es geht alles sehr konservativ zu. Im Prinzip drucken die großen Verlage nur Übersetzungen englischsprachiger Fantasy. Man schaue sich mal die Namenslisten der Fantasy-Autoren der bekannten Druckhäuser an und wie viel deutsche Autoren hier eine Chance bekommen haben. Die paar deutschen Autoren, die sich durchgesetzt haben, schreiben – und ich will niemandem zu nahe treten – Kopien englischer Romane und spulen die gängigen Muster runter. Die großen Verlage richten sich nach dem Markt oder nach dem, was sie dafür halten. Wenn ich zum Beispiel ein Buch über Elfen schreibe, kann es sein, dass es niemand nimmt, da womöglich Elfen-Geschichten gerade nicht als markttauglich gesehen werden, weil gerade biertrinkende-Zwergen-Geschichten der Renner sind. Um philosophisch zu werden: Ein Manuskript ist ein kleiner Ball, den man in den großen Flipper der Verlagswelt schießt… verstehst du… Ball…Flipper…Abpraller… Highscore…und beim Flipperschütteln kommt „Tilt“…  äähm na ja nächste Frage.

In einem Interview hast du erzählt, dass du glaubst, die Comicredaktion, in der du mal gearbeitet hast, würde noch bestehen, wenn sie auf deine Vorschläge eingegangen wäre. Das klingt, als seist du sehr von dir und deinem Schaffen überzeugt.

Wer oder was gibt dir dieses Vertrauen in dich selbst und deine Pläne?

Das war eigentlich ironisch gemeint. So viel Vertrauen in mich besitze ich nicht. Schreiben ist eine Leidenschaft, manchmal ein Zwang, ich hoffe aber, dass etwas Gutes und Lesbares entsteht. Ich denke nur, dass es „falsche“ Zeiten gibt, auf eine bestimmte Art und Weise selbstkritisch zu sein. Ich verbringe oft Monate damit, mir zu überlegen, welches Buch ich machen will und prüfe allerlei Ideen. Erst wenn ich ganz sicher bin, dass es sich um keine „Schnapsidee“ handelt, beginne ich mit dem Schreiben. Während ich dann schreibe, kritisiere ich meine Idee nicht mehr, sondern prüfe kritisch Aufbau, Sprache und Rhythmus meines Buches. Wenn das Buch in der Rohfassung vorliegt, sehe ich mir peinlich genau kleine Dinge im Text an. Ich kann in dieser dritten Phase tagelang über einem Adjektiv brüten. In jeder Phase des Schreibens gibt es eine bestimmte Form der Selbstkritik, die sinnvoll ist. Über ein Adjektiv stundenlang zu grübeln, ist in der Korrekturphase angebracht, aber nicht in der vorhergehenden Schreibphase, sonst bleibt die Arbeit stecken. Jede Form der Selbstkritik hat seinen bestimmten Platz. Es würde mich zermürben, wenn ich mich nach monatelanger Arbeit dauernd selbst fragen würde: Hätte ich das Buch überhaupt schreiben sollen?

Dein Lieblingscomic?

Ich habe einen ziemlichen Mainstream-Geschmack, was Comics angeht. Hergés „Tim und Struppi“-Alben  sind für mich Meisterwerke. Wie es ihm gelungen ist, Zeitgeschichte über 40 Jahren einzufangen, wie er es als China-Fan geschafft hat, den chinesischen minimalistischen Zeichenstil mit seinem „europäischen“ zu verbinden, ist wirklich verblüffend. Hergés Werke wirken so schlicht und, wie soll ich sagen, auf den ersten Blick unbesonders. Aber ich habe bereits einige geschichtliche, psychoanalytische und kunstkritische Werke über „Tim und Struppi“ gelesen. Es hält jeder Analyse stand. Ach ja und ich hab mir Professor Bienleins Lieblingswort aus dem Brüsseler Französisch zu Eigen gemacht und sage gelegentlich zur Irritation meiner Mitmenschen: „Saperlot!“.

Könntest du dir vorstellen wieder in einem Jugendbuchverlag im Bereich Comic zu arbeiten, wenn du die Möglichkeit hättest?

An sich ja. Ich liebe Comics, es ist eine immer noch sehr unterschätzte Kunstform. Allerdings ging es in der Comicredaktion, in der ich gearbeitet habe, sehr verkrampft und hierarchisch zu. Ich wollte einmal die Farbe, die das Vorwort unterlegte von – ich glaube – blau auf rot ändern, weil es mich Schlingel nach etwas Abwechslung drängte. Das löste eine tagelange Diskussion aus und wurde heftig vom Chefredakteur, dem Produktmanager, den Marketing-Leuten und dem Leiter der Abteilung „Boys/Comics“ diskutiert, bis am Ende diese Umfärbung abgelehnt wurde, weil sie das Grundlayout, also das typische Erscheinungsbild eines bestimmen Comics in diesem Fall „Digimon“, änderte. So ging es bei der Durchsetzung jeder kleinen Entscheidung. Ich empfand das als sehr anstrengend. Das kreative Moment, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen, etwas Neues zu probieren und mich selbst einzubringen, wie ich es bei „Grendl“ konnte, wurde in der Comicredaktion unendlich schwer gemacht. Auch sehr typisch war, dass in der Redaktion damals kein Gespür für den Leser der Comics entwickelt wurde. Oft wurden irgendwelche Marketing-Studien herangezogen: Ein 14-jähriger Leser von „Digimon“ ist so und so, er mag die Farbe „blau“ lieber als rot, sitzt durchschnittlich 5,23 Stunden pro Tag vor dem Fernseher und konsumiert 1,24 Tonnen Eis pro Jahr. Aus diesen „Analysen“ wurde dann abgeleitet, was der Leser eines Comics eigentlich will. Ich würde also nur dann in einer Comic-Redaktion arbeiten wollen, wenn diese Kreativität zulässt und für die Leser produziert und nicht für die Marketing-Abteilung.

Wie muss ein Buch für dich sein, dass du es nicht mehr weglegst?

Viele kritisieren ja, dass zu lesen bedeutet, aus dem bedrückenden Alltag in eine andere, bessere Welt zu fliehen. Das nennt man „Eskapismus“ und gilt allgemein als extra-pfui. Ich will beim Lesen nicht in eine bessere Welt, aber ich will in eine andere Welt übertreten. Ich mag Bücher, die mir Unterschiede zu meinem Leben zeigen. Das kann „Herr der Ringe“ sein, in dem Tolkien so viele fremdartige Mythen verarbeitet hat. Neulich fiel mir ein historischer Bericht aus dem Mittelalter eines Kreuzzugsteilnehmers in die Hände, ein ganz unbekanntes, uraltes Werk, das im mittelalterlichen Französisch geschrieben war. Herrlich! Hier konnte ich wirklich ins Mittelalter eintauchen, den Kreuzzug aus erster Hand erfahren und eine andere, merkwürdige Welt erleben. Das macht die Realität erträglicher, wenn man versteht, dass auch sie nur eine vergängliche Theaterkulisse ist. Und wenn du dann den Flipper des Lebens betätigst und die Kugel deines Daseins… ne warte mal, das mit dem Flipper hatten wir schon (obwohl ich früher lieber Lassie geguckt habe 🙂 ).

Dein Held Marx Merkur hat sich für die Philosophie als Studienfach entschieden, weil er an die Vernunft glaubte. Aber an was glaubst du?

Die Vernunft ist auch eine treue Begleiterin auf meinen Wegen. Im Gegensatz zu Max Merkur ist mir bewusst, wie problemlos sie missbraucht werden kann. Sie kann sehr leicht gegen die Menschen eingesetzt werden, wenn sie in die Hände der Mächtigen gerät. Nehmen wir die Werbung, wo irgendwelche Werbefuzzis über die Frage nachdenken, wie man Menschen manipulieren und verleiten kann, eine Cola mit Wirsing-Bier-Geschmack zu kaufen. Das ist missbrauchte Vernunft. Philosophisch gesehen beantwortet sie auch die Frage nicht, wie ertrage ich es zu leben. Die Vernunft hilft nur, sich im Leben zurechtzufinden, aber löst die Daseinsfrage nicht. An was ich glaube? Das möchte ich mit den Worten des Helden aus Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ beantworten: „Das Leben ist schön… für eine Minute oder zwei“.

Was nimmt ein Philosoph auf eine einsame Insel mit?

Grendl 🙂

Und was nimmst du mit?

Meine Frau und schwupp… ist es eine zweisame Insel.

Und zum Schluss beantworte mir doch bitte die philosophische Frage, wie sie in Jostein Gaarders »Sofies Welt« gestellt wird: Wer bist du?

Der gut gelaunte Teil einer biologischen Maschine.

Ich danke dir für das Interview und wünsche dir für dein weiteres Schaffen alles Gute und viel Erfolg!

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Quellen & Webtipps:

Copyrights:

  • Foto ©  Frank Schweizer
  • Cover © Otherworld Verlag
  • Text  © phantastisch!/Nicole Rensmann

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