Gelesen: »Arena« von Stephen King

Cover: Die Arena von Stephen KingErster Satz: »Aus einer Höhe von zweitausend Fuß, wo Claudette Sanders gerade eine Flugstunde nahm, leuchtete die Kleinstadt Chester’s Mill im Morgenlicht, als wäre sie frisch hergestellt und eben erst dorthin verfrachtet worden.«

Der in Österreich lebende US-Schriftsteller Jonathan Carroll brachte es auf den Punkt: »Traue keinem Buch über 300 Seiten«, soll er gesagt haben. Nun, ein paar Seiten mehr dürfen es schon sein, dennoch bin ich bei 1000 Seiten skeptisch. Bei diesem Ausstoß an Worten ist meist klar, dass ein Großteil gestrichen hätte werden können. Stephen King hat jedoch bereits mit »The Stand« (»Das letzte Gefecht«) und »IT« (»ES«) bewiesen, dass er spannende Geschichten schreiben kann, die 1000 Seiten überstiegen haben.

Doch bei »Die Arena« ist der Schuss nach hinten losgegangen und das in mehrfacher Hinsicht.

Mir ist erst nach Beendigung des Buches klar geworden, warum die US-Verlage so eine immense Werbung betrieben haben, warum die Kleinstadt Chester’s Mill eine eigene Website erhielt, mit Straßen, wichtigen Orten und Personen.
Auf den ersten (!!) 1000 Seiten gelang es mir nicht, mir die Stadt, die – im wahrsten Sinne – wie aus heiterem Himmel von einer Kuppel – The Dome – von der Außenwelt abgeschottet wird, vorzustellen.
Vielleicht liegt es an der Übersetzung, vielleicht habe ich hier und da wichtige Stellen überlesen oder nicht verstanden – all das will ich in Betracht ziehen, doch die Geschehnisse, die auf beiden Seiten der Kuppel mehr oder weniger miteinander verknüpft sind, erscheinen mir nicht logisch beendet, und auch nicht konsequent dargestellt.
Zudem versucht die US-Armee die Bewohner auf naive Art zu befreien, obwohl sie wissen, was die Kuppel zu sein scheint, dass es fast lächerlich wirkt.

Obwohl die Kuppel bereits auf den ersten Seiten über Chester’s Mill erscheint und die Action unmittelbar beginnt, Tote und Verletzte davon getragen werden und seltsame Ereignisse ihren Lauf nehmen, fühle ich mich über 950 Seiten lang, als stünde ich auf der anderen Seite, auf der Seite, die in die Kuppel hinein schauen kann, weit weg von der eigentlichen Handlung. Erst auf den letzten 200 Seiten kommen mir die Menschen nahe, erst dann fiebere ich mit, erst dann fühle ich und trauere – ein bisschen. Und erst als ich das Buch zuschlage, hätte ich jetzt gern ein bisschen mehr von Chester’s Mill.
Denn nachdem der 2000-Seelen-Ort (was ich erst auf den letzten Seiten des Besuches erfuhr) von dem restlichen Amerika abgeschnitten wird, teilen sich die Bewohner nur zögerlich in zwei Seiten auf: Die Guten und die Schlechten.
Doch dabei jagt ein Klischee das andere, was mich immer wieder das Buch genervt zur Seite legen lässt.
Korruption, Erpressung und Mord in den hohen Rängen der Polizei und der Stadtverwaltung.
Der Sohn von Big Jim – dem verrücktesten und korruptesten Stadtabgeordneten – handelt mehr als wahnsinnig. Doch seine Strafe folgt erst viele Seiten später. Im Gegenteil, sein Vater – nicht minder wahnsinnig, aber derjenige, der das Sagen und die Macht an sich reißt – nutzt seinen Sohn für seine Machenschaften. Gefühle haben beide nicht.
Dass wirkt ein bisschen aufgesetzt. Ein Arschloch von Typ und drumherum Luschis, die sich gegen ihn nicht zur Wehr zu setzen wissen? Im Gegenteil: Alle halten ihn für den einzigen Mann, der sie aus dieser Krise bringen kann. Alle? Natürlich nicht.
Die wenigen, die verstehen, was in der Stadt gespielt wird, werden jedoch schnell aus dem Weg geräumt – ermordet, ins Gefängnis gesteckt oder erpresst. Möglichkeiten findet Jim Rennie viele und immer jemand, der seine Befehle ausführt, nicht zuletzt, weil er die Polizei mit jungen, verantwortungslosen Möchtegern-Bullen (Verzeihung!) besetzt. Was sie mit ihrer neuen Macht anrichten, interessiert ihn nicht, solange sie nach seinen Regeln spielen.
Doch irgendwann ist das Spiel zu ende und dann wird klar, wer eigentlich die Fäden in der Hand hält …

Stephen King kritisiert die Menschheit und die Dummheit, das fehlende Hinterfragen, das Nachplappern ohne zu reflektieren, wenn ein augenscheinlich Machthabender »Spring!« brüllt.
»Die Arena« ist aber noch mehr als ein unterschwelliges, politisches Werk, es rechnet mit uns Menschen  noch auf anderer Ebene ab. Den amerikanischen Zeigefinger reckt Stephen King in seinem neuen Roman mehrfach mahnend in die Luft… dummerweise gibt es davon auf der Seite von Chester’s Mill nicht mehr viel.

In »Die Arena« fehlt es erheblich an einer guten Portion Gefühl, Tiefe und zwischenmenschlichen Beziehungen, die erst nach 1000 Seiten beginnen – zu spät bei einem Roman von 1277 Seiten. Doch nur so kann ich, als Leser, den zahlreichen Protagonisten nahe kommen.

Der Grund der Kuppel ist jedoch nicht nur nahe liegend, die Idee dahinter ist auch noch brilliant!

Am Ende fragte ich mich: »Auf welcher Seite hätte ich gestanden, wenn ich all diese wichtigen Informationen, die ich als Leser erhielt, nicht bekommen hätte?«
Eine Frage, die ich nicht beantworten kann, denn was wissen wir schon, wie wir in einer Ausnahmesituation handeln, die wir sonst nur durch eine glasähnliche Kuppel betrachten konnten?

Besonderes Zitat: »Mitleid ist etwas für starke Leute.«

.

Fazit: Stephen King kann gute Bücher schreiben. »Die Arena« ist gut, wenn der Leser sich vorher mit den Begebenheiten vertraut macht und wer möchte das schon?
Tipp: Unbedingt alle Charakter, die vorne im Buch stehen, mindestens einmal durchlesen und die Karte studieren, um sich einen besseren Überblick über Chester’s Mill zu verschaffen!

Stephen King
Die Arena
Originaltitel: »Under the Dome«
Übersetzung: Wulf Bergner
Heyne Verlag, November 2009
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN 978-3-453-26628-5
1280 Seiten
26,95 €

Der Roman ist auch als ebook für 24,99 € erhältlich.

Webtipps:

.

6 Kommentare:

  1. Pingback: Nicole Rensmann » “Die Arena” jetzt als TV-Serie auf PRO7

  2. Pingback: Nicole Rensmann » Gelesen: “Joyland” von Stephen King

  3. Immerhin. Du hast es geschafft!
    Ich habe jetzt schon sehr viele unterschiedliche Stimme gehört, auch sehr begeisterte. So sind die Geschmäcker eben unterschiedlich.

  4. Ich habe fertig! 😉
    Aber der Brüller war es nicht. Ich werde das Buch weg legen und wohl nie wieder in die Hand nehmen. Mir kam es so vor, als ob ihm jemand die Idee so nebenbei zugerufen hat und er hat sie mal eben so eingebaut… komisch irgendwie. Na ja, egal, ich habe die 1277 Seiten gelesen und gut ist.
    🙂

  5. Hm, ich bin auf Seite 350 und werde wohl heute Abend deinen Tipp umsetzen. Denn ich bin nur mal eben schnell über die Personen geflogen, die vorne im Buch stehen.

  6. Das ist richtig, das macht ihn aus – die Idee.
    Ohne das Gut-Böse-Schema geht es natürlich auch nicht. Jeder Roman hat eine gute und eine böse Seite, selbst Liebesromane. Nun lese ich King seit ich 15 Jahre alt bin, also fast 25 Jahre, mein Geschmack und mein Anspruch hat sich verändert. Mit 15 wären mir die oben genannten Kritikpunkte sicherlich gar nicht aufgefallen. Aber King ist ein King und ich werde ihn wohl weiterlesen – schon aus nostalgischen Gründen – bis einer von uns das Zeitliche segnet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.