Von Schreibkursen mit und ohne Prestige

»Hast du gelesen, da steht was über diesen Schreibkurs in xyz von abc. Vor einer Woche nachmittags war der doch? Weißt du das denn nicht? Die machen eine richtige Lesung dazu. Und die Zeitung war auch da.«

Schulen, Veranstalter, Eltern und auch Autoren mögen Schreibworkshops, die einen Nachmittag unterhaltsam füllen, die Kinder sind gut aufgehoben und die Presse berichtet gern, denn schließlich ist das Ergebnis am Ende für Familienmitglieder und Freunde stolz präsentierbar. Das ist super! Das macht Spaß! Und das meine ich frei von Ironie.

Auch ich halte Schreibkurse ab, die im Rahmen von zwei bis vier Stunden erledigt sind. Aber – und das muss jeder wissen – einem zweistündigen Workshop entspringt kein Schriftsteller.

Darum geht es auch nicht immer, manchmal soll so ein kurzweiliger Schreibworkshop nur ein schöner, netter Nachmittag mit einem Autor oder einer Autorin sein, die ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern und mit denen zusammen eine Geschichte geschrieben wird. An diesen Nachmittagen geht es darum, die Lust zum Wort und das Interesse für Bücher zu wecken.

In diesen zwei, drei oder vier Stunden rege ich die Fantasie an, lese etwas vor, mache ein bisschen Spaß und lege den Grundstein für eine Geschichte, die in dieser Zeit auch schnell geschrieben wird. Fertig! Vorstellbar – auch vor der Presse, in großem Rahmen vor Familienangehörigen und Freunden. Aber unendlich weit entfernt von der tatsächlichen Arbeit eines Autors.

Denn um Schriftsteller zu werden, bedarf es mehr als Fantasie, die in ein paar Stunden runtergeschrieben wird.

Wer würde sich ein Haus von einem „Architekten“ bauen lassen, der einen zwei bis vier Stunden Schnellkurs absolviert hat?

Schreiben ist Schöpfung, Architektur, Handwerk und Dekoration.

Schreiben ist Kunst und ein unendlich kreativer, manchmal erschöpfender, stressiger, oft erholsamer und furchtbar einsamer, aber vor allem dauerhafter Ausbildungsberuf. Denn Schreiben lässt sich nicht in zwei Stunden und auch nicht in zwei Monaten lehren und lernen. Wer schreibt, lernt im Idealfall immer und arbeitet bis zum letzten Wort an seinem Stil.

Schreiben lernen angehende, alte, neue und routinierte Autoren nur durch Schreiben und durch das Hinterfragen der eigenen Texte und der Texte anderer; durch Lesen, durch Arbeit, durch Austausch mit innovativen Gleichgesinnten. Schreibworkshops geben Anregungen, Tipps, Hilfestellungen, Ideen. In Schreibworkshops geben Schriftsteller ihre Erfahrungen weiter – jeder auf eine andere Art und Weise.

Schreiben ist und bleibt dennoch ein langer, harter Prozess mit vielen Facetten und Stationen.

In einem Schreibkurs, der über mehrere Wochen oder Monate geht, werden möglicherweise auch Geschichten produziert, um sie anschließend einem Publikum vorzustellen, das aus Familienmitgliedern und Freunden besteht – vielmehr geht es jedoch um die Grundsteinlegung.

Mit zahlreichen handwerklichen Griffen, die durch häufiges Wiederholen in den Köpfen haften bleiben, werden nicht nur Texte, sondern stilistisch sichere und innovative, auch marktorientierte Werke verfasst.

Ich vermittle nicht: Schreib, was dir in den Sinn kommt, damit wir am Ende was in der Hand haben. Ich zeige das wahre Leben eines Autors, das nicht von Events, positiver Presse, großen Verkaufszahlen und stetigem Erfolg gekrönt ist. Und dabei gehe ich individuell auf die einzelnen Teilnehmer ein – Fantasie und Talent haben alle. Und doch befinden sie sich in unterschiedlichen Schreibstadien, die Stile weichen voneinander ab und alle schreiben in verschiedenen Genren – immer.

Und so vermittle ich Schreiben für die Zukunft, das nicht nach zwei Stunden vergessen ist. So werden Geschichten und Anfänge von Romanen entstehen – doch komplette, perfekte und vorzeigefähige Texte benötigen ihre Reifezeit wie ein guter Wein.

Prestige ist Nebensache.

 

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