Die kleine Form des Plagiats, groß im Kommen.

Gedichte, Sprüche, Zitate, Aphorismen. Von wem? Unbekannt ist ein bekannter Name.

Suche ich ein Zitat zu einem speziellen Thema einer Persönlichkeit aus vergangenen Tagen, stelle ich fest, dass es immer mehr dieser intelligenten, interessanten oder weisen Sprüche gibt, ohne dass ein Verfasser darunter steht.

Und doch: Irgendein Mensch hat sie irgendwann geschrieben oder gesagt. Und irgendwer war so fasziniert von den bedeutungsschwangeren Worten, dass er sie in die Welt hinaustrug. Am Anfang nennt er den Urheber. Dann vergisst er diese Worte und findet neue. Doch nun wissen andere davon. Sie sind ebenso fasziniert und begeistert.

Worte von ewigem Wert. Aber wer hat sie gesagt? Eines Tages erinnert sich keiner mehr daran, weil der Name des Urhebers nicht mehr dazu genannt wurde.

Im Laufe der Jahre tauchen sie überall auf – diese Worte: Im Internet, in Poesiealben, Zitatensammlungen, sogar in Büchern und verpackt als Werbesprüche.

Nur der eigentliche Urheber wird während der Überlieferung vergessen, weil sich keiner mehr die Mühe macht, nachzufragen, wie der Mensch hieß, der weise, gefühlvolle oder lebensweisende Sprüche verfasst hat, die einem so gut gefallen. Manchmal reicht eine kurze Internetrecherche, um den – dann meist berühmten – Verfasser zu finden. Doch kaum einer scheint sich für den Menschen dahinter zu interessieren, nur für das, was er gesagt hat, denn mit dessen Worten schmückt es sich so weise.

In den seltensten Fällen wird der einstige Verfasser als „Unbekannt“ bezeichnet, oft werden diese Worte aufgeschrieben, geflüstert und weitergegeben als seien es die eigenen.

So werden all die großen und kleinen Aphorismen-Meister eines Tages vergessen. Und ein weiteres Stück Kultur stirbt.

Ein Plagiat mit wenigen Worten, das groß im Kommen zu sein scheint, weil nicht mehr darüber nachgedacht wird, dass dieser hübsche Spruch vor Jahren von einer Person ausgesprochen wurde, die ein Recht darauf hat, darunter als Verfasser genannt zu werden – auch in Poesiealben oder Online-Zitaten-Sammlungen und unabhängig davon, ob er oder sie berühmt oder unbekannt gewesen ist.

Und dabei klingt es cool und gebildet, wenn Zitate von Goethe, Schiller oder Churchill verwendet werden. Sofern die Quelle angegeben wird!

4 Kommentare:

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  2. Pingback: Nicole Rensmann » Mein Urheberrecht gehört mir

  3. Wie wahr, wie wahr. Du glaubst nicht, wie oft ich MEINE eigenen Texte im Netz finde. Drunter steht sehr oft „Verfasser unbekannt“. Dabei reicht es, einen Satz des Zitates in die Suchmaschine einzugeben und schon landet man beim Verfasser. Nämlich bei mir. Dagegen anzugehen, wäre mir zu aufwändig. Also dulde ich es. Wenn ich einmal anfangen würde, nach meinen eigenen Texten „zu suchen“, wäre ich wohl Monate lang beschäftigt.

    Ich finde es auch sehr schade, aber leider ist man im Internet machtlos gegen diese Dinge.

    Alles Liebe,
    Kossi 🙂

    • Hallo Kossi,
      schön von dir zu lesen.
      Vielleicht gelingt es uns mit Theodor Fontanes Gelassenheit über diese Form des Plagiats hinwegzusehen, denn er sagte: „Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente.“
      Und vor allem: Besser machen und mit einem guten Beispiel voran gehen!
      🙂

      Beste Grüße, Nicole

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