Heimat-Plädoyer: Das Theo-Otto-Theater in Remscheid

Das Remscheider Stadttheater steht auf der Sparliste. Schade. Mit knapp 600 samtroten Sitzen bietet es Gemütlichkeit. Und dass nicht genug Leute ins Theater gehen, liegt vermutlich nicht an den aufgeführten Stücken. Ob Jugendtheater, Operette für die älteren Herrschaften, fetzige Musicals oder klassischer Tanz – das Theo-Otto-Theater bietet ein buntes Programm für jeden Geschmack – bot, muss es in Zukunft wohl heißen.

Die Zeit dreht sich weiter, das Unterhaltungsangebot wächst mit der Technik. Theater wirkt altbacken und langweilig. Ist es aber nicht. Doch wer weiß das schon? Wer kennt das individuelle Programm des Theaters und die Möglichkeiten hinter dem roten Vorhang?

Wer wusste, dass bekannte Musicals wie »Jekyll & Hyde« oder »Faust – Die Rockoper« aufgeführt werden? Musik, Tanz, Erotik und Special-Effects inklusive?

Es gab einen Hinweis in der Zeitung. Doch Zeitung lesen heute nur noch wenige – schon gar nicht die jungen Remscheider. Sie brauchen Informationen innerhalb des Internets (Facebook, Blogs, Twitter & Co.) für Veranstaltungen außerhalb des Internets.

Wo waren Plakate, die auf diese Events aufmerksam gemacht haben? Ich habe sie nicht gesehen. Ich bin nur per Zufall über eine kleine Anzeige im kostenlosen Bergischen Anzeiger gestoßen, eine Woche bevor »Jekyll & Hyde« aufgeführt wurde. Karten bestellt, hingegangen. Mich gefragt, warum ich nicht schon öfters ins Remscheider Theater gegangen bin (wie früher), Programm im Internet nachgesehen, neue Karten für das nächste Musical »Faust – Die Rockoper« bestellt.

Theater bedeutet Kultur. Theater bedeutet jedoch auch Hemmschwelle. Im Theater wird nicht laut gerülpst, es gibt kein Popcorn und keine Cola während der Vorstellung. Und die letzte Reihe ist nicht zum Knutschen da. Wer ins Theater geht, der zieht sich schick an, Damen legen Lippenstift auf, der Herr wählt ein Sakko. Das ist cool!

Theater ist besonders, ein Highlight über das manchmal noch Tage später gesprochen wird. Theater! Das sind rote Samtvorhänge, das ist Applaus, das sind Zugaben, das ist echt und immer innovativ. Theater erleben ist wie der Herzschlag eines Verliebten.

Theater ist teurer, aber es bietet ein großes Abenteuer gegenüber dem Kino oder gar dem Internet. Individualität und Abwechslung sind die Zauberwörter für unser Leben, nicht wahr?

Wer Theater nicht kennt und nicht weiß, was Theater bietet, der geht auch nicht hin, der erfährt somit nichts von modernen Musicals oder innovativen Stücken. Programme werden nicht eingesehen und auch auf die Internetseite klickt niemand.

Die Webseite des Remscheider Theaters ist, das muss erwähnt werden, trotz weniger Mankos viel übersichtlicher gestaltet als z.B. die Seite des Wuppertaler Theaters, und mit den Fotos aus den einzelnen Theaterstücken individuell und zugleich informativ. Super.

Es fehlt jedoch ein Archiv: Wie viele Plätze gibt es? Wie kommen die Namen der Sponsoren auf die Sitze? Welche besonderen Events hat es bereits im Theater gegeben? Wer hat schon gespielt?

Das sind nur Kleinigkeiten, die das Theater demjenigen, der sich informieren möchte, jedoch ein Gefühl von Nähe und Vertrauen vermitteln. Ein Gefühl von »Hey, das gefällt mir, da haben Leute Herzblut rein gesteckt. Das ist ein Teil von Remscheid und ein Teil von mir. Das schaue ich mir an.«

Vielleicht werden diese Fragen auf der Seite beantwortet, aufgrund der fehlenden Suchfunktion konnte ich jedoch nicht danach suchen. Obwohl der Webshop eine tolle Sache ist, habe ich nicht verstanden, warum ich bei der Bestellung über das Internet 3,- € zahlen soll, auch wenn die Karten an der Kasse abgeholt werden müssen. Alternativ, so fand ich heraus, reicht eine E-Mail an die kompetente Frau Dübel. Und schon ist die Reservierung perfekt. Vielen Dank dafür.

Das Stadttheater verschenkt Jugendtickets und lädt Schulklassen ein. Die Bretter, die die Welt bedeuten, stehen nicht nur für große Engagements und Profis zur Verfügung, sondern auch für Theateraufführungen der Remscheider Schulen und Kirchenkreise. Die Eintritte dazu sind sogar kostenlos.

Nun steht das Theo-Otto-Theater vor dem Aus. Warum?

Für heimatliche »Altlasten«, wie der Stadtparkteich, die Remscheider Brunnen, das Heimatmuseum, die Müngstner Brücke, die Galerie oder eben das Stadttheater (Liste bitte entsprechend selbst erweitern) werden erst Gelder investiert, wenn

  1. alles zu spät ist
  2. kein Geld mehr da ist
  3. die Schuld auf andere geschoben werden kann.

Natürlich weiß ich, dass die Bahn für die Müngstner Brücke zuständig ist, aber Städte die sich mit einem Wahrzeichen schmücken, die Verantwortung jedoch gänzlich einem Dritten überlassen, ohne diesen in den Zeiten der absoluten Wertlosigkeit zu kontrollieren, halte ich für blauäugig oder faul – vermutlich beides.

Die Einnahmen des Theaters reichen nicht, um notwendige Renovierungen vorzunehmen.

  • Für den Stadtparkteich gibt es nun eine ehrenamtliche Bürgerinitiative, die Geld sammeln soll. Nur mit Geld hat der Teich eine Chance.
  • Das Heimatmuseum „Haus Cleff“ kann nur bestehen, wenn ehrenamtliche Helfer zur Stelle sind.
  • Die Brunnen werden ehrenamtlich von Firmen betrieben.
  • (Liste entsprechend selbst erweitern.)

Doch wer nur ehrenamtlich arbeitet, kann keine Theaterkarten kaufen und somit dem Theater nicht die notwendigen Einnahmen zuführen, um die Kosten zu decken.

Ein tragischer Kreislauf, der den traumatischen Tod jeglicher kultureller Güter unserer Ahnen und unserer selbst zu verantworten hat.

Mein Fazit: Geht ins Theater, Leute. Bietet euren Kindern und euch selbst ein Highlight! Noch gibt es ein Programm für 2011/2012.

Die Technik knarrt manchmal, nicht jedes Mikro verdient seinen Namen, und natürlich muss das Theater den Sicherheitsstandards unterliegen, aber ich kann von vier Stücken aus dem ersten halben Jahr 2011 berichten, die sehenswert waren:

  1. »Die Welle« – ein Jugendstück, das meine Kinder begeistert hat.
  2. »Jekyll & Hyde« – das wir alle voller Spannung verfolgt haben.
  3. »Die lustige Witwe« – wurde – wie ich gehört habe – von der Presse respektlos (»Hüpfdohlen«) behandelt und anscheinend aufgrund von Unwissenheit verrissen. Die Zielgruppe berichtete jedoch mit nachhaltiger Begeisterung.
  4. »Faust – Die Rockoper« – Genial!

Mein nächstes Event im Theo-Otto-Theater: »Die 10 Gebote«.

Mein Traum: Einmal im Theo-Otto-Theater lesen.

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Webtipps:

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Artikel steht auch auf www.waterboelles.de

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