Kolumne: Als ich mir beim Essen eines Negerkussbrötchens noch keine Gedanken gemacht habe

Schaum mit SchokoladeUm jeglichen Protesten und Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich zunächst eins verdeutlichen: Liebe Menschen jeglicher Couleur und Religion! Ich bin ein Mensch. Du bist ein Mensch. Ich füge keinem Lebewesen Schmerzen zu. Du fügst keinem Lebewesen Schmerzen zu. Der Rest ist mir egal. 

Schon 2008 habe ich zu diesem Thema meinen Senf beigesteuert. Doch aktuelle Geschehnisse in diesem unserem Lande lassen mich nicht nur den alten Blogbeitrag hervorkramen, sondern auch einen neuen verfassen.

In meiner Schulzeit bin ich in den Pausen oft zum Bäcker gegangen und habe mir ein Negerkussbrötchen bestellt. Das gab es da. Das schmeckte gut. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob der Negerkuss in meinem Brötchen politisch unkorrekt sein könnte. Es lag mir auch fern – damals wie heute – irgendeinen Menschen mit dem Verspeisen oder der spezifischen Bezeichnung des Brötchens zu diskriminieren oder deren Seele zu verletzen. Seit einigen Jahren denken sich jedoch Menschen, die der Meinung sind intelligenter als andere zu sein, und in jedem Fall keine Zehen haben, an denen sie bei aufkommender Langweile herumspielen könnten, Diskriminierungen aus, wo es vorher keine gab.

Ein Eskimo ist heute ein Inuit. Gott ist ein Es. Und ein Negerkuss muss Schaumkuss heißen. Und weil das heute so ist und damals nicht so war, müssen heute erfolgreiche Klassiker  umgeschrieben und Wörter aus dem Wortschatz gestrichen werden, anstatt sie dem Nachwuchs zu erläutern. Das nenne ich Zensur der Extraklasse und Zerstörung von Kulturgut. Die Argumentation, es gäbe in den Klassikern Wörter, die von den Kindern nicht verstanden werden, ist armselig.

„Wer nicht fragt, bleibt dumm!“, wusste schon die Sesamstraße vor 50 Jahren. Und auch wenn sich unsere Welt ändert, diese Weisheit wird auch in 50 Jahren noch zutreffen. Kinder sollen fragen, Erwachsene müssen antworten. Und da liegt das Problem, die „Streicher der Nation“ sind faul und weichen den Fragen aus, sie stellen sich nicht dem was war und ist und sein könnte. Nein, sie werfen einfach weg und wählen damit den schnellen Weg, so bleibt  mehr Zeit, in denen sie dumme Gesetze formulieren und Urlaub machen können. Willkommen in der Wegwerfgesellschaft!

Kein Kind ist zu jung für eine Antwort. Nur der Erwachsene ist der Wörter nicht (mehr) mächtig und nicht in der Lage, dem Kind die richtige und vor allem eine verständliche Antwort zu geben. Wörter streichen, bedeutet Kultur töten und sich um Antworten drücken.

Doch die Streichung der Wörter birgt noch mehr Probleme. Wie sollen historische Romane geschrieben werden, wenn Wörter aus der „alten“ Zeit nicht mehr verwendet werden dürfen? Wie sollen diese Geschichten authentisch sein und unseren Kindern verdeutlichen, was damals geschehen ist? Werden Schulbücher jetzt geschwärzt?

Und schlimmer noch: Wie soll die Intelligenz eines Kindes gefördert, der Wortschatz erweitert und das Wissen unbegrenzt bleiben, wenn nicht mehr erklärt, sondern gestrichen wird, nur weil manchen Erwachsenen die Antwort zu lästig ist?

Darauf hätte ich gerne eine Antwort. Aber ich fürchte, es fehlt an Worten, diese zu formulieren. 

Zum Schluss noch eine Bitte:

Liebe zehenlosen Entscheidungsträger dieser Welt!

Bitte sorgt dafür, dass auch das Schwarzbrot und das Weißbrot aus der Auslage aller Bäckereien verschwindet. Ich fühle mich sonst diskriminiert. Außerdem stelle ich den Antrag auf Umformulierung für folgende Nahrungsmittel: Der Hamburger ist ab sofort ein mit einem Fleischkloß gefülltes Brötchen und der Berliner ein mit Glasur bestrichenes Teigteilchen. Alles ändere wäre erlaubter Menschenhandel im großen Stil.  Was für eine Welt.

P.S: Beim Schreiben dieses Beitrags habe ich mir ein Brötchen gegessen, in der Mitte befand sich ein kleines Schaumgespenst mit schokoladigem Überzug. *schmatz* An dieser Diskussion werden vor allem diejenigen profitieren, die diese Schaumküsse produzieren. Mahlzeit!

Webtipps: 

12 Kommentare:

  1. Pingback: Rezension: »Die Lust am Kochen« von Horst Lichter / GU-Verlag – Nicole Rensmann

  2. Uh, das ist aber sehr peinlich, aber leider wahr. Die Menschen werden irgendwie immer verklempter und keinesfalls offener. So wird das nix mit Integration und Weltoffenheit. Leider schade!

    Bei dir schau ich aber jetzt öfters rein. Dein Blog gefällt mir sehr gut.

  3. Ah wie genial.
    Schön, dass du auf meinen Blog gefunden hast, sonst hätte ich nie deine Meinung hier gefunden.Der ich zu 100 % folgen zustimmen kann.
    Übrigens hat sich Frank Günther, seines Zeichens Übersetzer von 34 Shakespeare-Werken, auch schon Gedanken zu dem Thema gemacht. Unter anderem darüber, dass „Othello“ wohl nie wieder aufgeführt werden darf, weil der Hauptprotagonist ein Schwarzer ist.
    Auweiha!

  4. Bei uns hießen die übrigens Mohrenköpfe, selten wurde Negerkuss gesagt. Und zu meiner Schande gebe ich zu, ab und an gerne ein Mohrenkopfbrötchen zu essen.
    Zum Glück gibt es für die
    10 kleinen Negerlein
    schon länger Zeit
    10 kleine Jägermeister 🙂

  5. Herrlich!!! Ich habe mich köstlich amüsiert beim Lesen. Du hast das echt toll geschrieben. Hoffentlich lesen es auch die „Zehenlosen“. Für mich ist und bleibt es ein Negerkussbrötchen. Aber ich muss deswegen nicht jeden farbigen Menschen (ist weiß nicht auch eine Farbe) Neger nennen, schließlich gibts ja auch noch „Rothäute“ 😉

  6. Nun, ich möchte das noch einmal klar stellen: Es geht nicht um die Diskriminierung dunkelhäutiger oder „andersartiger“ Menschen – was immer andersartig auch sein soll. Negerkuss wurde in den achtziger Jahren gesagt, ohne irgendeine böse Absicht – zumindest bei den meisten. Heute verwenden wir es im routinierten Sprachgebrauch, weil es in unseren Köpfen verankert ist, ohne böse Absicht nach wie vor, jedoch mit einem schlechten Gewissen. Das Wort an sich zu verwenden, finde ich nicht tragisch. Das Wort „Neger“ sollte unseren Kindern aber erklärt und ein sensibler Umgang damit gelehrt werden. Aus diesem Grunde halte ich eine Streichung in Büchern für unsachgemäß und falsch.
    Ich halte es aber auch für falsch aus Trotz bewusst „Negerkuss“ zu sagen.

    Herzliche Grüße

    Nicole

  7. Super Beitrag.
    Ich gehe davon aus und hoffe es zumindest, dass gewisse Sprachgewohnheiten bleiben werden, so wird bei mir ein Negerkuss immer derselbige bleiben.
    Meiner Enkeltochter werde ich wie gehabt erzählen, dass das ein Negerkuss ist 🙂

  8. Absolute Zustimmung! Ich hab meinem Ärger auch schon Luft gemacht, weil ich es nicht begreifen kann, dass man tatsächlich alte Bücher umschreiben will.

    Und „zehenlosen Entscheidungsträger“ muss ich mir merken 😀

  9. Herrlich, liebe Nicole! 🙂

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