»Der Struwwelpeter«: Ein Klassiker – ehrlich, lehrreich und stets aktuell

Struwelpeter-678x1024Ein Klassiker, der vor Schaden warnt, herrlich gedichtet und illustriert, ohne Zensur und Radiergummi. Alle kennen ihn. Nur den Autor können nur wenige namentlich benennen.

»Der Struwwelpeter« von Dr. Heinrich Hoffmann gehört zu den Kinderbüchern aus dem 19. Jahrhundert, das heute noch Erfolge feiert. Die Kinderbücher, die es zu kaufen gab, gefielen Hoffmann nicht, und so griff er selbst zu Tinte und Federkiel. Aus einem Schulheft zauberte er sein erstes eigenes Buch und schenkte es seinem Sohn zu Weihnachten. Ein cleverer Verleger entdeckte das Talent in dem Doktor, der sich zunächst zierte, Kinderbücher zu veröffentlichen. Sein Struwwelpeter erschien aus diesem Grund auch zunächst unter dem Pseudonym „Reimerich Kinderlieb“.

Kein Buch ist nach wie vor so erschreckend grausam und so dicht an der Realität, vor der wir so gerne die Augen verschließen, wie »Der Struwwelpeter«.

Als Kind konnte ich alle Gedichte auswendig, ich habe davon geträumt – nicht immer gut – ich habe die Geschichten geliebt, die Personen darin gehasst, verachtet, voller Mitleid betrachtet oder um sie geweint. Ich liebte den Rhythmus der Wörter und war fasziniert von der Botschaft, die sie mich lehrten: Respekt, Vorsicht und Empathie!

Die Gedichte

»Der Struwwelpeter« enthält Geschichten von Mobbing, Unachtsamkeit, Dummheit und Gewalt, wie sie auch heute noch bei uns allgegenwärtig sind. Geschönt wird nichts.

Die Titelstory »Der Struwwelpeter« besteht aus acht Gedichtzeilen und sagt nichts anderes aus, als dass regelmäßige Friseurbesuche undStruwwelpeter das Schneiden der Fingernägel Pflicht sein sollten.

»Die Geschichte von bösen Friedrich« vermittelt Respekt und Mut. Sie handelt von häuslicher Gewalt und einem mutigen Hund. Friedrich schlägt sein Gretchen mit der Peitsche. Gretchen weint, fühlt Schmerz, bis der Hund Friedrich ins Bein beißt und die Peitsche stiehlt.

„Jedoch nach Hause lief der Hund
und trug die Peitsche in dem Mund.“

Ich verstand Gretchen nicht. Warum ließ sie sich schlagen? Doch ich liebte den mutigen Hund, hasste Friedrich. Sein Verhalten machte mich wütend. Bis heute.

Streichhölzer»Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug« hat mich Vorsicht gelehrt. Getreu dem Spruch „Messer, Schere, Licht ist für kleine Kinder nicht.“ Doch Paulinchen ist nicht so klein, als ihre Mutter ausgeht und Paulinchen allein zu Hause bleibt. Sie findet ein Feuerzeug und hält es für ein „trefflich Spielzeug“.

„Und Minz und Maunz, die Katzen, 
Erheben ihre Tatzen,
Sie drohen mit den Pfoten,
Die Mutter hat’s verboten. „

Paulinchen hört nicht und brennt am Ende lichterloh. Mit ihr Haus und Hof. Nur die Katzen weinen. Ein sehr trauriges Gedicht, das jedoch mahnt: Pass mit Feuer auf, halte lieber Abstand und zeige Respekt.

»Die Geschichte von den schwarzen Buben« hat mich als Kind viel über Rassismus gelehrt, obwohl mir das Wort damals noch nicht geläufig war und auch nicht sein musste, um zu verstehen, dass Ludwig, Kaspar und Wilhelm drei echt doofe Typen sind, die „das Mohrchen“ wegen seiner Hautfarbe mobbten. Doch glücklicherweise gab es mutige Menschen. Der Nikolas – überdimensional groß dargestellt – nimmt sich die drei Jungs, die heute der rechten Szene angehören würden, und tunkt sie in ein Tintenfass.

Mohr

„Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind 
Viel schwärzer als das Mohrenkind!
Der Mohr voraus im Sonnenschein,
Die Tintenbübchen hinterdrein;
Und hätten sie nicht so gelacht,
Hätt Niklas sie nicht schwarz gemacht.“

Bewunderung für den mutigen Nikolas habe ich empfunden. Nikolas, der Zivilcourage bewiese, obwohl dieses Wort damals noch nicht erdacht worden war. Das Wort „Mohr“ erkannte ich nicht als Schimpfwort und empfinde es auch heute noch nicht so. Der Mohr war die Schlüsselfigur, ein Unbeteiligter, und doch ebenfalls ein Held, weil er anders war und ohne Hass oder Furcht seinen Weg durch den Sonnenschein fortsetzte. Er ignorierte die drei, die ihn verspotteten und bewies Stärke. Respekt!

»Die Geschichte vom wilden Jäger« dreht den Spieß um. Der überhebliche Jäger will den Hasen erschießen. Doch als er ein Nickerchen macht, klaut der Hase dem Jäger die Flinte und die Brille. Er versteckt sie nicht, sondern jagt nun den Jäger und treibt ihn in einen Brunnen. Als der Hase selbst einmal schießt, trifft er nicht den Jäger – Gott sei Dank – sondern die Tasse mit heißem Kaffee der Jägersfrau, die schreiend im Fenster steht. Der heiße Kaffee tropft auf das Hasenkind, das sich verbrennt.

Eine humorvolle und lehrreiche Geschichte, die nicht nur den Jäger verhöhnt, sondern auch dem Hasen einen Denkzettel verpasst, als dieser selbst zum Jäger wird.

»Die Geschichte vom Daumenlutscher« ist vermutlich die grausamste Geschichte, die mir in der Tat Albträume bescherte, und auch die einzige Geschichte, die ich heute als zu krass empfinden würde. Am Daumen habe ich allerdings in der Tat nie gelutscht! Denn Dr. Heinrich Hoffmann greift hier auf drastische Erziehungsmethoden zurück. Konrad soll nicht am Daumen lutschen. Die Frau Mama mahnt ihn energisch, als sie das Haus verlassen muss. Doch Konrad hört nicht. Kaum ist der Daumen im Mund,

„Bauz, da geht die Türe auf. 
Und herein in schnellem Lauf
Springt der Schneider in die Stub‘
Zu dem Daumen-Lutscher-Bub.'“

Und ein Schneider hat scharfes Gerät. Fast schon eine Horrorgeschichte ohne Happy End, die mithilfe der Bilder den Schrecken unterstützt. Selbst heute gruselt es mir dabei.

»Die Geschichte vom Suppen-Kaspar« erzählt vom runden Bub, gut genährt mit rosigen Backen, bis er aufmüpfig wird und seine Suppe nicht mehr isst. Die Folge ist der Tod. Magersucht und Modelwahn im 19. Jahrhundert? In jedem Fall ist dieses Thema auch heute noch aktuell und darum umso erschreckender.

»Die Geschichte vom Zappel-Philipp« geht nicht wirklich böse aus, und doch zeigt sie, was passiert, wenn der Philipp nicht hört und mit seinem Stuhl kippelt. Eine Mahnung zur Vorsicht an alle Kinder und ein Hinweis, dass ein Stuhl auf vier Beinen besser steht, als auf zweien.

 „Und die Mutter blicket stumm
auf dem ganzen Tisch herum.
Doch der Philipp hörte nicht,
was zu ihm der Vater spricht.“
 
Spardose mit Straßengeld

Spardose mit Straßengeld

»Die Geschichte vom Hans Guck-in-die-Luft« berichtet über Hans, einen Träumer, der lieber in den Himmel schaut, als vor sich auf den Weg zu achten. So passiert, was geschehen muss, er stolpert über einen Hund, fällt schließlich in einen Fluss. Abgesehen davon, dass er seine Schulmappe verliert und natürlich tropfnass ist, stößt ihm nichts zu. Zwei Männer helfen ihm. Nur drei kleine Fische lachen Hans aus. Was die Geschichte sagen soll? Schau nach vorne, achte auf deinen Weg, dann läufst du nicht Gefahr von doofen Fischen ausgelacht zu werden. Eine Botschaft, die ich mir zu Herzen genommen habe. Das Ergebnis? Ich sehe jeden Cent am Boden liegen. 😉

»Die Geschichte vom fliegenden Robert«

„Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
hübsch Daheim in ihren Stuben“

Nur Robert natürlich nicht, der muss nach draußen. Lässt sich vom Regen bis auf die Knochen durchweichen und vom Sturm beuteln. Den Regenschirm fest in der Hand. Doch diesem Regenschirm hat er es zu verdanken, dass der Wind an ihm reißt, ihn fortträgt. Er fliegt gen Himmel. Doch wohin, weiß kein Mensch zu sagen.

Ich liebe den Sturm. Bei Tee oder Kaffee mit einem guten Buch oder am Laptop schreibend. Und wenn ich mal raus muss, einen Schirm nehme ich nur selten mit. Ob mich der fliegende Robert tatsächlich geprägt hat, kann ich nur vermuten. Fakt ist: Alle Geschichten in „Der Struwwelpeter“, sowie z.B. die Erzählungen von Kollege Wilhelm Busch, der ähnliche Gedichte verfasste, haben auf mich nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Unzählige Neuauflagen – wertvoll wie nie

Längst ist der Klassiker »Der Struwwelpeter« bei unzähligen Verlagen immer und immer wieder aufgelegt worden. Erhältlich als Reclam-Heft, Hardcover oder broschiert. Es gibt ihn als Liederbuch und als eBook oder verfasst in Sütterlinschrift. Eins haben aber alle Ausgaben gemeinsam, sie tragen das gleiche Cover – den Struwwelpeter,  der Wiedererkennungswert!
Alle Gedichte sind auch heute noch lehrreich und scheinen wie maßgeschneidert auf aktuelle Geschehnisse. Die Menschen haben sich auch nach 170 Jahren in vielerlei Hinsicht nicht geändert. Nur die Angst, die Kinder könnten sich vor den Bildern oder der Sprache erschrecken oder würden das Wort „Mohr“ nicht verstehen, ist heute neu. Heute.
In einer Zeit, in der die alltaäglichen Schrecken in der Tageszeitung, den Nachrichten und im Fernsehen bunter und realistischer dargestellt sind.
In einer Zeit, in der ein Hans nicht aus Träumerei, sondern Arroganz nach oben blickt.
In einer  Zeit, in der Zivilcourage ersehnt wird und doch so schwer zu leben ist (denn nur ein Hund hat scharfe Zähne), und es einen Helden wie den übergroßen Nikolas nicht gibt. In dieser Zeit, in der die antiautoritäre Erziehung nicht mehr so heißt, aber dennoch regel- und grenzenlos vollzogen wird. In unserer Zeit, in der die Menschen Angst davor haben, dass Kinder Wörter nicht verstehen und alles abschaffen, was erklärt werden muss.

In dieser unserer Zeit ist »Der Struwwelpeter« so aktuell wie nie.

Fazit: Keine Angst vor einem Klassiker. Keine Angst vor Gedichten. Keine Angst vor dem Struwwelpeter.

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P.S: Falls jemand eine antiquarische Ausgabe von „Der Struwwelpeter“ irgendwo im Karton liegen hat, es nicht benötigt, aber einem bibliophilen Märchenleser anvertrauen möchte – ich würde mich sehr freuen. Da Buch würde zwischen Grimms Märchen und der Biene Maja stehen.

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© Text: Nicole Rensmann
© Grafiken: Dirk Rensmann

Der Artikel wurde von Paperblog.de am 14.05.2013 ausgezeichnet und auf der Startseite der Kategorie „Literatur“ angezeigt.

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