Warum eBooks nicht in die Geschichte eingehen werden oder Martin Luther und die Erkenntnis

Unsere Bibliothek aus dem Jahre 2009 - längst sind die Lücken gefüllt und stehen Bücher an anderen Stellen.

Unsere Bibliothek aus dem Jahre 2009 – längst sind die Lücken gefüllt. 

Kürzlich habe ich bei einem Gewinnspiel mitgemacht. Es gibt einen „Tolino“ von Thalia zu gewinnen. 2000 Bücher passen auf das kleine elektronische Lesegerät. Toll. Leider zu wenig Kapazität für alle Bücher, die in meinem Besitz sind. Für unterwegs, für Kochbücher oder um darauf Wissen zu speichern, finde ich Tolinos, Kindles & Co. jedoch super. Sollte ich also gewinnen, freue ich mich. Meine Bücher verkaufe ich trotzdem nicht. Im Gegenteil, es werden weitere dazu kommen. Und das hat einen Grund. In erster Linie geht es natürlich bei einer Geschichte um spannende oder gute Unterhaltung. Das können Romane auf einem eBook-Reader auch. Doch Bücher sind nicht nur in der Unterhaltungsbranche tätig, sie kommen aus dem Sektor Kunst und das bereits seit Hunderten von Jahren. Nicht allein die zwischen den Buchdeckeln enthaltenen Geschichten gehören einer Kunstgattung an, auch das Buch an sich ist eine handwerkliche Kunst, die leider ihre Faszination verloren hat,  musste sich der Buchdruck doch den großen Auflagen und den technischen Errungenschaften unterwerfen, die eine hohe Nachfrage des Lesers befriedigen konnte.
Und doch:
Ein Buch zu drucken bedeutet und benötigt mehr als aus dem fertigen Manuskript ein eBook herzustellen. Damit meine ich nicht den Weg bis zum Druck oder zur Formatierung – Schreiben, Erarbeiten, Überarbeiten, Umstellen, wieder überarbeiten, Lektorat, Satz etc. gehört zu jeder Geschichte und jedem Roman dazu, unabhängig davon, ob am Ende ein elektronisches Werk oder ein dicker Schmöker dabei herauskommt.

Ein antiquarisches Schnäppchen mit 4,5 kg Gewicht.

Ein antiquarisches Schnäppchen mit 4,5 kg Gewicht.

Als ich heute über den alljährlichen Pfingst-Trödel in Remscheid ging – früh, denn ich suchte gezielt nach ein paar bestimmten Stücken – entdeckte ich auf einer Decke auf dem Boden liegend ein großes Buch. Ich wusste, entweder irrte ich mich oder der Verkäufer ahnte nicht, was er da anbot.

Goldprägung auf dem Buchdeckel. Goldschnitt rundherum. Zuerst dachte ich, es sei eine Bibel.

Schlank und handlich sieht eindeutig anders aus. Schlank und handlich sieht eindeutig anders aus.

Schlank und handlich sieht eindeutig anders aus.

Es kommt dem relativ nahe, denn auf dem Boden lag Dr. Martin Luther’s Haus-Postille. Darin sind Predigten an den Sonntagen und wichtigen Festen des ganzen Jahres nach der alten Wittenberger Ausgabe enthalten. Erschienen ist das Buch im Jahre 1900 in Elberfeld bei den Gebrüdern Roth im Verlags-Institut für evangelische Litteratur. Das ist kein Schreibfehler. 1900 wurde Literatur noch mit zwei tt geschrieben.

Ich sammle bewusst nur antiquarische Märchen und ebenso alte phantastische Bücher. Doch religiöse Bücher sind meist sehr schön aufgebaut und mit Bildern und Vignetten verziert. So auch die Predigten von Dr. Martin Luther. Der Preis betrug ein Zehntel vom eigentlichen Antiquariatswert – da konnte ich nicht widerstehen.

Ich muss nicht religiös sein, um den Schatz dahinter zu sehen.

Das Buch misst 32 cm in der Höhe, ist 24 cm breit und 6,5 cm dick. Ein fetter Schinken, und mit 4,5 kg mächtig schwer.

Die Vita des Autors in Wort und Bild.

Die Vita des Autors in Wort und Bild.

Abgesehen vom Goldschnitt und der goldenen Prägung auf dem Buchdeckel hat der Verlag auf die damals üblichen Reize nicht verzichtet. Religiöse Zeichnungen dominieren natürlich in einem religiösen Werk. Auf allen 1180 Seiten befinden sich Vignetten. Abbildungen von religiösen Gemälden wie z.B. die Hochzeit von Cana ergänzen die Predigten. Diese Abbildungen sind auf dickerem, glänzendem Papier gedruckt, während der Text auf dünnem, pergamentartigem Papier gedruckt wurde. Dieses Papier ist – so steht es am Ende des Buches – holzfrei.

Wie schon erwähnt, stammt das Buch aus dem Jahre 1900. Es ist noch ein recht junges antiquarisches Werk, doch die imposante Größe

Die Copyright-Seite gehört zum schlichten Teil des Buches.

Die Copyright-Seite gehört zum schlichten Teil des Buches.

und das Gewicht überragen deutlich. In meinem kleinen Antiquariats-Regal gibt es deutlich ältere Werke, die aber leichter, jedoch nicht minder mit Vignetten und Bildern bestückt sind. Kunst eben.

Wie auch immer – dieses Buch ist 113 Jahre alt.  Es liegt neben mir. Es hat ein paar Stockflecken, eine Seite ist etwas locker. Der Goldschnitt jedoch ist noch sehr gut intakt und auch der Buchdeckel sieht für sein Alter gut aus. Ich kann das Buch lesen. Doch welches Gerät wird in 113 Jahren mobi, epub und prc-Dateien lesen können? In welchen Computer passen heute noch 3,5″ Disketten, und wer hat heute noch einen Videorekorder im Wohnzimmer stehen?

Die Vita des Autors in Wort und Bild.

Die Vita des Autors in Wort und Bild.

Ich fürchte, eBooks sind eine praktische Ergänzung und wichtige Leseerfindung, aber kein Ersatz für den Buchdruck, der – handwerklich korrekt umgesetzt – Jahrhunderte überleben kann.

 

3 Kommentare:

  1. Pingback: geekchicks.de » geekchicks am 19.05.2013 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

  2. Christian Spließ

    Ich frage mich ja immer warum die Kollegen im bibliothekarischen Bereich – und auch einige meiner Bekannten – das Thema nicht einfach lockerer sehen. Ja, klar, eBooks sind nichts für die Ewigkeit. Allein die Vorstellung in 10 Jahren ein vielleicht dann schon uraltes Dateiformat in ein anderes übertragen zu müssen ist – ähm – eine Frage, die sich Archivare bei anderen Medien jetzt schon stellen. (Die ersten CDs etwas beginnen sich zu zersetzen…) eBooks sind halt wunderbare für Sachbücher, Magazine und Zeitungen – für Dinge also die man eh nur einmal liest und später nie mehr braucht. (Seminarunterlagen oder sowas gehören auch dazu.)

    Dass wunderschön gestaltete Print-Bücher eine tolle Sache sind und eBooks dagegen auch nicht konkurieren wollen sieht allerdings irgendwie keiner. Zum längerfristigen Aufbewahren – und vor allem für seine Lieblingsbücher oder für Bücher, die man weiterschenken will weil man denkt, dass sie unbedingt gelesen werden sollten – ist Print bisher, sieht man mal von diesem Säureproblem ab – was wars, 1880? Umstellung der Papierherstellung?

    Beide Medien ergänzen sich halt. Das Fernsehen hat das Radio auch nicht verdrängt, das Internet auch nicht das Fernsehen – aber irgendwie sind bei der Debatte immer nur die Für- oder die Wider-Fraktionen zu Gange. Was im Endeffekt langweilt…
    Ad Astra

    • Hallo Christian!

      Meinen Beitrag brauchst du keinesfalls als Beteiligung an der Debatte sehen. Es liegt mir fern mich einzumischen, ob eBooks oder handfeste Literatur die Zukunft sind. Ich verteufel eBooks auch nicht. Im Gegenteil hätte ich sehr gern einen eBook-Reader für eben besagte Lektüre. Aber ohne Bücher geht es bei mir nicht. Ergänzung ist somit in der Tat das Zauberwort. Ich bin also ganz deiner Meinung. Ein Für und Wider ist in der Tat langweilig, schön ist da ein Mittelweg, der allen gerecht wird und da ist im Augenblick ja noch der Fall. Einzig wo ich ein Problem sehe ist im Bereich des Preises. Kaufen mehr Leute eBooks, werden die Auflagen kleiner und der Preis des Buches müsste steigen. Aber das dürfte vermutlich noch ein paar Jahre dauern. Warten wir es ab und schauen einfach mal was die Zukunft bringt – mit Büchern und eBooks. 🙂

      Beste Grüße

      Nicole

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