Rezension: »Doctor Sleep« von Stephen King

DoctorSleepDas Außergewöhnliche an diesem Buch ist nicht die Geschichte oder der Stil in dem sie geschrieben ist. Auch, dass es sich um die Fortsetzung von »Shining« handelt, macht »Doctor Sleep« nicht zu dem Unikum, das es für viele Leser geworden ist, aufgrund einer einzigen Begebenheit: Stephen Kings Besuch in Deutschland – sein erster und vermutlich auch einziger.

Mehr als zwanzig Jahre haben die Fans gehofft und gebettelt, doch der Meister folgte dem Bitten und Betteln nicht. Über den Tellerrand, so hieß es in Fankreisen, schaut der King nicht gern. Bei seinem Besuch in Deutschland klang das – all den Berichten und Blogeinträgen, Interviews und Begeisterungsschreien seiner Leser nach -,  allerdings völlig anders. King, so sagte er selbst, kann die deutsche Sprache nicht und käme sich vor wie ein Depp. Die andere – aus meiner Sicht viel sympathischere Antwort war jedoch diese, in der er erklärte, dass er keinen Zirkus um sich machen wolle, er schreibe Geschichten, zuhause, am Schreibtisch und sei ein völlig normaler Typ.

Die Bescheidenheit steht einem Mann sehr gut, der als Schriftsteller in die Geschichte eingehen wird und ein großes Sümmchen im Laufe seines Lebens verdient hat. Das macht ihn noch ein bisschen cooler. Und so kann sich Stephen King auch mal erlauben ein Buch zu schreiben, dass die Erwartungen seiner Fans – der alten und der neuen – nicht bei allen erfüllt. 

In»Doctor Sleep« kehrt Stephen King zu einem Charakter zurück, der ihm nicht nur ans Herz gewachsen zu sein scheint, sondern dem er einen sehr privaten Teil seines eigenen Lebens einhaucht. Dan – der kleine Danny aus »Shining«- ist erwachsen geworden, doch seine Erlebnisse aus dem Overlook Hotel haben Narben hinterlassen, die er mit Alkohol zu heilen versucht. Das gelingt ihm – logischerweise – nicht. Und die Geister, die ihn einst verfolgten, wird er nicht mehr los. Als er sich den Anonymen Alkoholikern anschließt und später einen Job in einem Hospiz annimmt, scheint er sein Leben im Griff zu haben.
Parallel lernen wir die kleine Abra kennen, ein Mädchen das eine ähnliche Begabung wie Dan besitzt. Jedoch viel stärker, so stark, dass sie über Grenzen hinweg schon als Baby Kontakt mit ihm aufnimmt. Ein Kontakt der viele Jahre für beide lebensrettend werden kann. Denn da sind auch die Mitglieder des Wahren Knotens, die Jagd auf Kinder der – aus ihrer Sicht sogenannten Tölpel –  mit übernatürlichen Fähigkeiten machen, sie foltern und töten, bis sie das Steam erhalten. Eine Art Seelendroge für die Mitglieder des Wahren Knoten, die sich über Jahrhundert davon ernähren.

Auf den ersten 140 Seiten wird Dan als unsympathischer, hilfloser und in mehrfacher Hinsicht torkelnder Mann beschrieben, der mit seiner Gabe und seinen Erlebnissen nicht umzugehen weiß. 140 Seiten ohne viel Spannung, wenigen Rückblicken, und dem Wunsch, das Buch vorzeitig zu beenden. Das wäre jedoch schade gewesen, denn nach dieser sehr langen Einführungsphase geht es endlich los.

Die Entwicklung der Charaktere kommt positiv voran, die unterschiedlichen Handlungsstränge werden zaghaft miteinander verknüpft und mit fester Hand und doppeltem Knoten zum Showdown getrieben. Hier hätte ich mir allerdings gewünscht, dass King die Handlungen der Protagonisten, diese selbst, all die Wendungen und auch die Wahren, die wie eine Sekte auftreten, intensiver beleuchtet hätte. Die 140 Seiten vom Anfang hätte er gerne noch in die Mitte einfügen dürfen, auch 200 oder 300 Seiten wären für mich okay gewesen. Die Idee ist interessant, wenn auch nicht neu, und manche Handlungsstränge klingen ein bisschen herbei geschrieben, aber die negativen Aspekte kann ich durch die (später) durchweg sympathischen „Guten“ übersehen.

Ohne die ersten 140 Seiten hätte ich den Roman in die oberen Besten eingestuft, so fällt er etwas ab, macht aber trotzdem Spaß. Gefallen haben mir vor allem (Achtung, ein bisschen Spoiler!), die Gut/Böse-Zeichnung der einzelnen Charaktere. Hier gibt es Gut und Böse, aber auch die Guten können böse, die Bösen gut sein. Ein wahre Betrachtungsweise, die der Geschichte eine interessante Tiefe verleiht.

Fazit: Bis s. 140 durchhalten. Dann wird es spannend, interessant und vielschichtig.  Positiv: »Doctor Sleep« kann auch von all denjenigen gelesen werden, die »Shining« noch nicht kennen.

 

 Webtipps:

 

STEPHEN KING
Doctor Sleep
Originaltitel: Doctor Sleep
Originalverlag: Scribner
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt 
Hardcover mit Schutzumschlag, 704 Seiten
ISBN 978-3-453-26855-5
€ 22,99 
 
Das Buch ist auch als eBook, mp3 ungekürzt und Hörbuch erhältlich. 
 
Vielen Dank an den Heyne Verlag!
 
© Cover: Heyne Verlag
© Text: Nicole Rensmann

Ein Kommentar:

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