Diabetes? – Eine Volkskrankheit, die keine ist

Artikel in Magazinen wie Der Spiegel rütteln auf und erklären – mehr für Nichtbetroffene. Doch was schließlich in den Köpfen der Menschen haften bleibt, sind Zeilen der Tagezeitung, wie: »Diabetiker verursachte Unfall durch Unterzuckerung – drei Verletzte!«.

»Sind Diabetiker gefährlich?«, werden sich manche Menschen fragen, die sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Es ist auch nicht zwingend nötig, sich damit zu beschäftigen. Doch spätestens, wenn jemand aus dem näheren Umfeld ins Krankenhaus muss, weil er an Diabetes mellitus Typ I erkrankt ist, sollten die Gerüchte, die Märchen und Eventualitäten in den Mülleimer geworfen und sich informiert werden. Denn es kann für den Betroffenen lebenswichtig sein und erspart ihm lieb gemeinte Ratschläge wie: »Damit lässt sich leicht leben.«, »Davon hab ich schon gehört.«, »Ist ja nicht so schlimm.«, »Hatte der alte Werner auch, der hat Tabletten genommen«. Aber der alte Werner hatte einen Typ II des Diabetes, einen sogenannten Altersdiabetes, ein ähnlicher Name einer völlig anderen Erkrankung.
Weder das Lernen, noch das Leben mit einer chronischen Erkrankung ist leicht. Und doch lässt sich tatsächlich gut damit leben, aber eben auch nur, wenn damit gelebt wird. Ein Diabetiker, der bereits früh mit dieser Stoffwechselstörung auskommen musste, ist ein vollkommen normaler Mensch, in der Regel sogar ein sehr bewusster, gesunder und starker Mensch. Jemand, der gelernt hat Verantwortung zu tragen, sich und anderen gegenüber, der aber dennoch auch in der Brandung der Vorurteile steht und tagtäglich gegen diese und die Faulheit seiner Bauchspeicheldrüse ankämpfen muss. Denn genau die ist Schuld daran, Schuld am Diabetes mellitus Typ I.

Was ist Diabetes eigentlich?

Eine Zuckerkrankheit, weiß der Volksmund. Aber Süßigkeiten zu vermeiden, heilt diese Krankheit leider nicht. Denn es geht nicht um Zucker, den der Körper nicht mehr verarbeiten kann, sondern um Kohlenhydrate. Zucker beinhaltet davon zwar eine Menge, aber auch diverse Grundnahrungsmittel, wie Brot, Kartoffeln, Nudeln. Um an einem »normalen« Alltag teilzunehmen, spritzt sich der Diabetiker Insulin, so reguliert er seinen Blutzuckerwert, was bei gesunden Menschen die Bauchspeicheldrüse übernimmt. Das Problem dabei ist, einen festen Wert – eine feste Einheit Insulin gibt es nicht, der „Süße“ muss sich immer seinen BZ (= Blutzuckerwert) messen und selbst entscheiden, wie viel er für welches Essen spritzt. Das ist eine Wissenschaft für sich.

Kann jeder Diabetes bekommen?

Ja, und nein und vielleicht doch! Ganz genau ist nicht geklärt, wodurch Diabetes mellitus Typ I ausgelöst wird. Auf jeden Fall nicht dadurch, dass zu viel Süßes gegessen wurde. Und es ist auch noch nicht geklärt, warum ausgerechnet Kinder immer mehr vom DM (= Diabetes mellitus Typ I ) befallen sind. Verschiedene Aufzeichnungen besagen, dass derzeit 20.000 Kinder in Deutschland an DM erkrankt sind, und täglich kommen 2 – 3 dazu. Wie gehen sie damit um? Wie lebt ein Kind mit Disziplin, Kontrolle, Gefühlsschwankungen ausgelöst durch unbeständige Blutzuckerwerte? Wie lebt es mit den Ängsten der Eltern? Und wie leben sie – die besorgten Eltern damit?
Hilflosigkeit, Angst, Verzweiflung, Wut sind Gefühle, die Eltern überkommen, wenn sie die Diagnose ihres Arztes erhalten: »Ihr Kind hat Diabetes mellitus Typ I.«

Wie geht es weiter? Können wir das schaffen? Warum wir? Was geschieht jetzt mit unserem Kind?

Fragen, die sich automatisch in den Köpfen der Eltern festkrallen. Die Zeit im Krankenhaus ist, als wären Eltern und Kinder auf die Schulbank strafversetzt worden: In kürzester Zeit müssen die Betroffenen Unterrichtsstoff lernen, der von der Menge her einem ganzen Schuljahr gleicht. Jeden Abend, wenn das Krankenhaus verlassen und das eigene Kind zurück gelassen wird, platzt der Schädel. So viel lernen, so viel Neues, so viel auf einmal, so schnell. So viele neue Fragen, die entstehen, und die schlagartige Erkenntnis:. Für immer! Das bleibt jetzt für immer, für immer Insulin spitzen, BZ (= Blutzucker) messen. Nahrungsmittel auswiegen, BE (= Broteinheiten, 12 g Kohlenhydrate = 1 BE) ausrechnen.

Immer einige Sorgen mehr, wenn das Kind wieder seine eigenen Weg geht. Ständig mit Vorurteilen kämpfen, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben, die in der Tageszeitung abgedruckt werden, die aber keinesfalls Wissen vermitteln.
Irgendwann fühlen sich Eltern und Kinder während der »Lernphase« im Krankenhaus wieder frei. Die Verantwortung, die Veränderung im Leben wird einfach verdrängt. Lachen ist angesagt, lustig sein; ist ja alles nicht so schlimm. Es klappt doch alles prima, das Spritzen in den Oberschenkel oder in den Bauch, Po, Oberarm geht fast schon von alleine, die Blutzuckerwerte, die mit einem Blutstropfen aus dem Finger gemessen werden, sind stabil. Es läuft gut.
Doch dann die Entlassung, der Tag, an dem noch einmal alles auf einen einbricht. Es ist schlimmer als der Entlassungstag nach der Geburt. Damals war das Band noch so tief, so fest, so innig, dass der Bauch mit entscheiden konnte. Jetzt ist das Gefühl, in ein Becken voller kalten Wassers zu springen, so entsetzlich eisig und tief dazu, dass sich eine Gänsehaut auf dem Körper bildet und der Magen rebelliert; die Angst vor dem Ertrinken ist nun sehr stark. Dennoch müssen sie springen, die Treppen hinab, um in die Eingangshalle
des Krankenhauses zu gelangen, um das Kind abzumelden, um zum Auto zu gelangen und um sich in das neue Leben zu stürzen.
Sind wir die Einzigen? Wie gehen Andere denn damit um? Was machen sie, wenn eine Hypo (Unterzuckerung) droht oder die Werte zu hoch sind? Wie wird es in der Schule sein und wie reagieren Freunde? Was mach ich auf dem nächsten Kindergartenfest und im Schullandheim? Wie geht es beim Sport oder bei der nächsten Erkältung? Was ist mit Sex und Alkohol?
Bücher über Diabetes mellitus Typ I bei Kinder werden gewälzt. Doch sind die Bücher ausgelesen, bleiben die Fragen und dieses Gefühl des Alleinseins. Im Fernsehen gibt es sporadisch einen Bericht, und auch in der Zeitung. Alles interessant, aber kein Gespräch mit den Betroffenen. Doch die Praxis sieht manchmal ganz anders aus. Die nächste Selbsthilfegruppe zu weit entfernt.
Also wenden wir uns zu neuen Medien; das Internet ein tiefer Sumpf aus Wissen. Eine Suchmaschine ist schnell ausgewählt: ‚Diabetes Kinder‘; viel ist es nicht, was der Rechner ausspuckt. Buchtipps, die wir schon gelesen haben, viele Artikel über Diabetes mellitus Typ I beim Erwachsenen, aber Kinder? Das ist doch was Anderes! Und dann springt sie einen schließlich an: Ein Klick und aus dem Sumpf schießt eine Blume, die wächst und erblüht, nur durch die Zusammenarbeit der Betroffenen und den unermüdlichen Einsatz einer Familie mit dem Namen Bertsch, die mit ihrer 2 1/2-jährigen Tochter Carolin dasselbe Schicksal erleben und aktiv wurde um sich und anderen zu helfen. Im Dezember 2000 pflanzte Carolins Vater den Samen für diese seltene Blume und taufte sie auf den Namen:www.diabetes-kids.de
Dort finden betroffene Eltern und Diabetiker-Kinder Antworten auf Fragen, Erfahrungsberichte, können sich im Chat oder im Forum austauschen, stöbern in den Tagebüchern einiger ebenfalls erkrankter Kinder herum und finden sich selbst wieder; stoßen auf Buchtipps (auch wenn die schon teilweise bekannt sind), Links zu weiteren Seiten. Die Mitgliederliste wächst mit erschreckender Realität stetig!  Endlich ist das Gefühl vom Alleinsein verschwunden.

www.diabetes-kids.de – Eine wertvolle Blume, im Dschungel des Internets – nicht nur für Betroffene, sondern auch für Interessierte, die keine liebgemeinten Ratschläge geben und sich von Schlagzeilen nicht erschüttern lassen, sondern informieren möchten.
Somit: Allen Diabetikern allzeit gute Werte!

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© Nicole Rensmann, 2001 für diabetes-kids.de

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