Interview, THE TEMPEST, Ausgabe 2-10, 20.10.2000 & in FANTASIA Ausgabe 147

»Ideen habe ich noch viele im Kopf«

geführt per E-Mail von Ramona Roth-Berghofer

Erschienen in THE TEMPEST, Ausgabe 2-10, am 20. Oktober 2000 und in der Fantasia Ausgabe 147 – Magazin für Phantastik

Ramona Roth-Berghofer: Sie haben als Autorin ein recht großes Repertoire, das von Jugendliteratur bis hin zum Horrorroman reicht. Wie kamen Sie zu dieser Vielseitigkeit?

Nicole Rensmann: Ich vermute, durch mein Interesse an unterschiedlichen Genres. Als Kind habe ich mit Vorliebe Krimis gelesen, genauso wie Märchen. Später folgten dann Gedichte, am liebsten Goethe & Co., aber auch Horror und Gruselstorys. Mit 10 Jahren habe ich kurze Sprüche und Limericks geschrieben. Aber erst mit 24 Jahren verfasste ich eigene Gedichte, um mir mein eigenes Seelenleben vor Augen zu führen. Dann kam ich zur King Readers Association Germany, dem deutschen Stephen-King-Fanclub, und schrieb für unser Magazin „Horror-News“ Artikel und Rezensionen. Schließlich folgte meine erste Horrorstory, vermutlich geprägt durch die Literatur, die ich damals wie heute las, allen voran Stephen King. Auch habe ich alle anderen Horrorautoren, – anthologien und -reihen gesammelt und gelesen. Heute ist die Sammlung fast komplett.

Selbst erfundene Kindergeschichten habe ich meiner Tochter als Einschlafritual erzählt. Horrorgeschichten wären da sicherlich nicht so angebracht gewesen 🙂 Besonders begeistert war meine Tochter von „Ferdinand, die gelbe Ratte“. Meine erste Novelle für Kinder heißt „Die Hobbijahns“. Eine Erfindung meiner Tochter. Für ein paar Monate blieb ich bei den Kindergeschichten, schrieb später einen Krimi für Erwachsene, danach einen Roman für Kinder und kurze Erzählungen …und wieder eine Erzählung für Erwachsene und Jugendliche: „Philipp und Melanie“, die im Februar beim G. Meyer Taschenbuchverlag erscheinen wird. Dazwischen immer mal wieder Gedichte aus einer Laune heraus. Ich möchte mich nicht auf ein Genre konzentrieren. Wenn ich eine Idee habe, muss sie raus, egal ob sie von einer Fledermaus handelt, die beim Schlafen Kopfschmerzen bekommt, oder von sexuellem Missbrauch. Es macht Spaß, für Erwachsene zu schreiben, weil ich mehr mit der Sprache jonglieren kann. Und für Kinder ist es schön, weil ich hier selbst wieder Kind sein kann und kleine, witzige Ideen ausarbeiten darf.

RRB: Sie sind Mitglied der King Readers Assocation Germany. Welchen Einfluss hat diese Mitgliedschaft und Ihr Wirken in dieser Organisation auf Sie und Ihr Schreiben?

NR: Wollen Sie alles wissen? Ohne die KRAG hätte ich vermutlich niemals den Mut gehabt, meinen Kindheitstraum „Das Schreiben“ zu verwirklichen. Bei der KRAG habe ich viele nette Leute kennen gelernt, mit dem einen bin ich verheiratet, meine zwei besten Freundinnen waren ebenfalls Mitglied bei der KRAG. Ich möchte sie niemals missen, die Menschen, die ich dort kennen gelernt habe, und die Erfahrungen, die ich dort sammeln durfte, auch im Autoren- und Verlagsbereich.

Übrigens: Den Club gibt es nicht mehr. Wir haben 1997 die Pforten geschlossen. Und Mitglied war ich nur kurz, ich hab 1993 lieber gleich die Leitung übernommen ;-), was aber nicht der Grund des Endes war.

RRB: Wie lange arbeiten Sie im Schnitt an einer Geschichte?

NR: Das kommt natürlich auf die Länge an. Bei einer Kurzgeschichte von bis zu acht Seiten kann es sein, dass ich an einem Tag fertig bin. Für einen Roman mit einem Umfang von ca. 250 Seiten brauche ich im Schnitt ein halbes Jahr.

RRB: Wie gehen Sie an eine Geschichte heran? Entwickeln sie ein Exposé oder schreiben Sie intuitiv drauflos, weil sie im Groben wissen, wohin Ihre Geschichte führen wird?

NR: Ich bin kein Freund von ausgearbeiteten Schemen und Vorgaben. Ich arbeite lieber aus dem Bauch heraus. So können sich meine Geschichten besser entwickeln. Ich mache mir schon Notizen, dennoch entwickelt sich die Geschichte oft von selbst, während ich schreibe. Manchmal bin ich selbst überrascht, dass es anders läuft, als ich es vorher gedacht habe. Aber so ist es ja nun mal auch im wirklichen Leben.

RRB: Woher kommen die Ideen für Ihre Texte? Welche Außenimpulse fließen ein?

NR: Ich weiß es nicht. Ich sehe ein Bild und denke mir eine Geschichte dazu aus. Ich höre eine Situation, und plötzlich läuft ein Film in meinem Kopf ab.

Es sind aber auch viele Themen, die ein wenig „anders“ sind. Ich schreibe gerne über Randgruppen, über Tabuthemen, über Personen, Menschen, Tiere, die ein wenig anders sind als die Norm, was mir bei den Verlagen aber bisher mehr Probleme gebracht hat als Zustimmung.

RRB: Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihren LektorInnen gemacht (zum Beispiel bei Bastei)?

NR: Als eine Kurzgeschichte in John Sinclair veröffentlicht wurde, habe ich gar keine Erfahrungen gemacht. Die Geschichte wurde ein wenig verändert, gedruckt, ich bekam mein Geld. Fertig. Es gab keinen Vertrag oder Sonstiges.

Da ich aber den Verlagsleiter Herrn Schmitz bei Bastei von meiner Arbeit bei der KRAG her kannte und ihn als offenen und freundlichen Menschen kennen gelernt hatte, bat ich ihn, meine ersten Horror-Geschichten und auch „Die Hobbijahns“ zu lesen. Er gab sie einer Lektorin, und ich erhielt eine genaue Kritik, die mir bei der einen oder anderen Geschichte einleuchtete und weiterhalf.

RRB: Haben Sie Schreibroutinen oder -rituale?

NR: Ja … viel, viel Kaffee. In der Endphase muss ich ständig irgendetwas in den Mund stopfen. Da ich nicht rauche, ist es oft etwas zu essen, und Süßigkeiten sind da unglücklicherweise am idealsten.

Ein Zeitritual lässt sich nur schwer einhalten.  Bei zwei Kindern von 1 1/2 und 8 Jahren ist das nicht ganz leicht. Aber ich versuche immer morgens zu schreiben, wenn die Große in der Schule ist und der Kleine schläft oder wenn die Oma da ist, und natürlich abends und am Wochenende.

RRB: Wann haben Sie mit dem Schreiben angefangen? Wer oder was hat Sie zum Schreiben geführt?

NR: Schriftstellerin wollte ich immer schon werden.

Wie ich schon sagte, als Kind habe ich angefangen, kleine Sprüche zu schreiben (nicht zu klopfen … nur zu schreiben). Leider habe ich das Heft nicht mehr, in dem ich sie immer ordentlich mit blauem Füller eingetragen habe. Erst bei der KRAG habe ich diese Neigung vertieft. Stephen King, so könnte man wohl behaupten, ist daran schuld, dass ich schreibe. Er ist überhaupt an so einigem schuld, was mein Leben betrifft. Aber das ist ein anderes Thema.

RRB: Haben Sie Kritikerinnen oder Kritiker, deren Meinung Sie vor einer Überarbeitung einholen? Wenn ja, was schätzen Sie an Ihren Testlesern besonders?

NR: Natürlich. Zuerst liest mein Mann das Manuskript und korrigiert Fehler, dann überarbeite ich es noch mal. Danach bekommen zwei meiner Freundinnen die Seiten zu lesen und zum Schluss meine Mutter.

Auf die Kritik höre ich meistens, wenn sie mir einleuchtet. Fehler merze ich natürlich sofort aus. Was ich an ihnen schätze? Jede(r) liest die Geschichte auf eine andere Art und Weise.

RRB: Haben Sie Erfahrungen mit Schreibworkshops oder – zirkeln?

NR: Gar keine. Ich habe sie bis heute gemieden und werde dies auch zukünftig machen. Erstens hätte ich überhaupt keine Zeit dafür. Und zweitens suche ich lieber meinen eigenen Weg, auch wenn’s vielleicht etwas länger dauert und beschwerlicher ist.

RRB: 1999 steuerten Sie einige Ergänzungen und Charakterisierungen zum „Großen Lexikon über Stephen King“ von Marcel Feige bei. Erzählen Sie uns etwas darüber.

NR: Nun, Marcel Feige hat uns – meine Freundin, meinen Mann und mich – aufgrund unserer früheren Tätigkeit bei der KRAG angesprochen, ob er uns ein paar Fragen zu King stellen könnte. Wir freuten uns, noch einmal ein bisschen über King quatschen zu können. Er kam zu uns nach Remscheid und wir konnten ihm wirklich ein paar Tipps geben. Ein paar Tage später rief er mich an und fragte mich, ob ich Lust hätte, einige Charakterisierungen zu schreiben. Na, und ob ich Lust hatte! Das war in den Sommerferien letzten Jahres – vier Wochen  Megastress für mich. Ich hatte so etwas zwar schon für die „Horror-News“ gemacht, aber für ein Lexikon sollte das schon ein wenig professioneller sein. Aber es hat Spaß gemacht. Ich ackerte noch einmal „ES“ und „The Green Mile“ durch und beschrieb die Protagonisten. Die Ergänzungen beschränken sich auf die TAK-Sprache (für  King-Unkundige: Dies ist eine besondere Sprache, die King in seinem Roman „Desperation“ verwendet – Tak ah lah!), die mein Mann und ich zu Zeiten der KRAG ausgearbeitet hatten.

Von meinem Mann stammen auch die extra aufgelisteten Querverweise. Weitere Ergänzungen lieferten wir drei Kingfans zusammen aufgrund unserer Sammlung und unseres Wissen, das wir im Laufe der Jahre zusammengetragen hatten. So konnten wir die Aufzählungen der Anthologien, der Soundtracks und Filme erheblich ergänzen.

RRB: Welche Schreibpläne möchten Sie unbedingt noch verwirklichen? Februar 2001 wird  ja Ihr erster Roman beim G. Meyer Taschenbuchverlag erscheinen. Haben Sie schon das nächste Projekt in Arbeit? Eventuell in einem ganz anderen Genre?

NR: Nach Beendigung von „Philipp und Melanie“ habe ich eine Kurzgeschichte geschrieben, die dieser Tage beim JL-Verlag in einer Anthologie erscheint, dann ein Spinnengedicht für einen Wettbewerb beim aarachne-Verlag. Danach habe ich wieder mit einem neuen Roman angefangen, in dem es um Tod und Seelenwanderung geht; eine Reise mit der Seele und dem Tod durch verschiedene Zeitalter.

Ideen habe ich noch viele im Kopf, die ich meist nur kurz auf Papier kritzele, um sie mir später vorzunehmen. Ich möchte niemals aufhören zu schreiben, es ist mein Leben. So möchte ich noch viel verwirklichen und hoffe, dass mir meine Ideen nicht ausgehen.

RRB: Welche Erfahrungen haben Sie im Umgang mit Verlagen, und welche Tipps würden Sie angehenden Autorinnen und Autoren dafür geben?

NR: Ich habe massenhaft Absagen erhalten. Nicht immer Standardabsagen, aber meistens. Viele Verlage, gerade Kinderbuchverlage, waren sehr freundlich. Es entstand sogar bei zwei großen Verlagen intensiver Kontakt mit Lektoren, aber leider keine Veröffentlichung, weil ich (s. o.) gerne über Randgruppen schreibe. Talent hätte ich, hieß es da, aber Teddys verkaufen sich eben besser als Spinnen.

Tipps sind immer sehr schwer zu geben, finde ich. Andere Autoren werden auch andere Erfahrungen gemacht haben. Und ich veröffentliche gerade mal meinen ersten Roman. Ich freu mich wahnsinnig darüber, aber das heißt noch lange nicht, dass ich jetzt wirklich drin bin und dabei bleibe. Mein kleiner Zeh lugt vielleicht durch den Türspalt, aber mehr noch nicht.

RRB: Wie schätzen Sie die Veröffentlichungsmöglichkeiten für unbekannte Autorinnen und Autoren ein?

NR: Bei einem großen Verlag, so glaube ich, liegen die Chancen bei Null. Ein guter Weg ist es bestimmt, sich im Internet bei den diversen Foren und Wettbewerben zu beteiligen. Ansonsten sollte man sich bei den kleineren Verlagen umsehen. Und – auch wenn ich es erst nicht wahrhaben wollte – eine eigene Website mit seinen Werken bietet viele Vorteile. Wer bei mir mal vorbeischauen möchte: http://www.Nicole-Rensmann.de oder www.blog.nicole-rensmann.de

RRB: Welches Buch/Magazin etc. lesen Sie zurzeit? Und was hat Sie davon besonders beeindruckt und warum?

NR: Ich lese gerade von Stephen King (klar!) „Das Leben und das Schreiben“. Seine Offenbarungen haben mich sehr beeindruckt. Bisher fand ich den Menschen King nicht sonderlich interessant, im Gegenteil. Doch was er in diesem Buch über sich schreibt, ändert meine Meinung gründlich. Vor allem finde ich es toll, wie er seine Frau und seine Familie schätzt. Ich glaube, das ist heutzutage sehr selten. Den Teil „Vom Schreiben“ habe ich angefangen, aber noch nicht zu Ende. Danach werde ich mit den Potter-Büchern anfangen.

RRB: Gibt es irgendetwas, das Sie angehenden Autorinnen und Autoren besonders ans Herz legen wollen?

NR: An sich selbst glauben, seinen Weg suchen und finden. Hilfe annehmen, aber nicht unüberlegt. Veröffentlichen wollen, aber nicht um jeden Preis, auf die Verträge genau achten und ruhig auch ein bisschen fordern. Nicht heftig, aber mit freundlicher Bestimmtheit.

RRB: Danke für dieses Interview.

NR: Ich habe zu danken.

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