Interview: literaturschock.de von Susanne Kaspar, 14.02.2003

Das Interview wurde am 14.02.2003 für literaturschock.de von Susanne Kaspar per E-Mail geführt.

Susanne K.: Wir haben eine gemeinsame Leidenschaft: Exotische Pflanzen (Vom Cappuccino und der Pfefferminzschokolade abgesehen)! Hängt das mit der Faszination des Ungewöhnlichen zusammen? Oder was fasziniert Dich daran?

Nicole Rensmann: Nun, ich interessiere mich im Allgemeinen für Wege, die nicht plattgetrampelt sind. Das war als Kind schon so, was mir damals allerdings oft innere Konflikte eingebracht hat. Heute lebe ich dieses Interesse an Ungewöhnlichem ohne Schuldgefühl aus. Im Gegenteil nervt es mich dann, wenn der Weg, den ich zuvor gegangen bin, plötzlich von mehreren Leuten belatscht wird. Vor allem, wenn diese dann die wunderschönen, seltenen Pflanzen am Randstein zertrampeln und den Weg nur gehen, weil er in ist, nicht aber aus Überzeugung. Cappuccino und Pfefferminzschokolade ist nicht so wirklich exotisch, aber auf kandierte Ameisen oder eingelegte Froschaugen stehe ich dann doch nicht. 😉

Susanne K.: Du bist selbst Mutter? Wie gefallen Deinem Nachwuchs Deine Bücher? Ganz ehrlich 😉

Nicole Rensmann: Ich bin immer ehrlich. 😉 Also, mein Sohn ist jetzt vier Jahre alt. Er liest die Bücher logischerweise nicht selbst, sondern lässt sich die Geschichten erzählen. Die vom mir erfundenen Charaktere spielen in seinem Alltag dann schon mal eine Rolle, wie die Staubfee oder das Schaummonster. Luzifee, das Teufelsmädchen haben meine Kinder sogar als Stoffpuppe, die meine Tante (ein Luzifee-Fan) für sie gebastelt hat. Meine Tochter ist zehn Jahre alt und ihre imaginären Freunde, die Hobbijahns, die sie mit drei Jahren erfunden hatte, waren der Stein des Anstoßes, auch Kindergeschichten zu schreiben. Bis vor Kurzem fand sie Bücher ziemlich langweilig, so dass ich ihr meine Geschichten – zusammen mit meinem Mann – auf Kassette sprechen musste. Zwischenzeitlich aber hat sie die Bücher auch gelesen. Ihr Favorit ist das Schaummonster. Die Geschichte ist bis dato aber noch nicht veröffentlicht. Und ansonsten steht sie derzeit ziemlich auf R.L.Stine´s Gänsehautgeschichten. Die Begeisterung und der Hang zum Gruseligen liegen vermutlich in den Genen.

Susanne K.: Schreibst Du deshalb auch Bücher über Menschen und Tiere, die nicht unbedingt der Norm entsprechen? Sprich: keine „kleinen Geschichten mit lieben Kätzchen und Bärchen“ (Zitat aus dem Interview im Remscheider General Anzeiger).

Nicole Rensmann: Wie gesagt, gehe ich nicht gern mit der Norm, obwohl ich vermutlich normaler bin als viele andere Mensch. Ich bin in mancher Hinsicht noch wie ein Kind (worauf ich stolz bin), und so hinterfrage ich die Dinge eben gerne: Warum ist dieses und jenes so, und warum kann das nicht auch mal anders sein? Viele Abnormalitäten gibt es in der Tier –, Pflanzen-, und Menschenwelt. Doch wird diesen „Randgruppen“ meist viel zu wenig Beachtung geschenkt, dabei sind sie es, von denen wir Menschen viel lernen und die Autoren Stoff für neue Geschichten finden können.

Susanne K.: Du liest mit Vorliebe Stephen King und schreibst Kinderbücher. Wie passt das denn zusammen?

Nicole Rensmann: Das passt sehr gut zusammen. Zumal ich zwar Kinderbücher schreibe, ABER – und das schreibe ich bewusst groß und mit Nachdruck auch Phantastische Geschichten für Erwachsene. Meine erste Geschichte war Horror. Im April erscheint mein Phantastischer Roman für Erwachsene „Con Anima“ im Web-Site-Verlag (Anmerkung: Der Roman erschien später unter dem Titel „Anam Cara“ beim Atlantis Verlag), in dem es um Reinkarnation geht. Derzeit arbeite ich wieder an einem Roman für Erwachsene, der von Kindesentführung in eine Zwischenwelt handelt. Lass mich die Vielfalt mal folgendermaßen erklären: Ich arbeite an einem alten Schreibtisch mit vielen großen, schweren Schubladen. Es macht Spaß und ist interessant, mal die eine Schublade zu öffnen und dort eine Idee für ein Kinderbuch herauszunehmen; dann eine weitere aufzuziehen und einen Phantastischen Roman für Erwachsene zu verfassen, oder eben ein Gedicht, einen Artikel, ein Interview zu erarbeiten. So stehen in letzter Zeit immer mehr Schubladen auf, weil das Interesse – meine Sucht – am Schreiben in jeglicher Hinsicht und in den unterschiedlichsten Genren mehr und mehr zu nimmt. Ich möchte nicht nur aus einer Schublade schreiben, auch wenn ich jetzt schon gegen das Image der Kinderbuchautorin ankämpfen muss. Ich liebe die Abwechslung, beim Schreiben so wie beim Lesen.

Susanne K.: Auch ansonsten fällt mir Deine unglaubliche Vielfalt auf. Die meisten Leser sind auf ein Genre oder zwei Genre fixiert. Bei Dir ist das nicht so, oder? Wirkt sich das auch auf Deine schriftstellerische Tätigkeiten aus?

Nicole Rensmann: Wahrscheinlich. Ich habe früher sehr viele Gedichte gelesen, Goethe und Eichendorff, aber auch Märchen oder Krimis. Heute sind es eher Bücher aus dem Phantastischen Bereich, weiterhin aber auch Lyrik und sehr viele Sachbücher. Ich schreibe das, was mir Spaß macht oder mir gerade einfällt. Das kann ein Gedicht sein, eine Geschichte für Kinder, vielleicht was Satirisches. Ich denke aber schon, dass ich hauptsächlich im Phantastischen Genre einzuordnen bin, sowohl für Erwachsene, als auch für Kinder. Was ich auch nicht vermissen möchte, ist die journalistische Tätigkeit. Früher war es die Leitung des Stephen King Fanclubs KRAG und das damit verbundene Artikelschreiben. Später war es die Mail(K)ingList, der Stephen King Newsletter. Heute ist es die Arbeit für das Magazin phantastisch! Ich liebe es zu recherchieren, über Leute etwas herauszufinden und Ideen zu entwickeln. Wirf mir ein Schlagwort zu und ich mache etwas draus… ich brauch das 😉

Susanne K.: Was ist Dir wichtig an einem Buch für Kinder? Was macht ein Buch wichtig?

Nicole Rensmann: Als ich mit dem Schreiben begonnen habe, dachte ich, meine Geschichten sollen unterhalten. Heute freut es mich unbändig, wenn mir jemand sagt: „Ich bekam eine Gänsehaut bei deiner Geschichte,“ oder „Ich musste so heulen!“ Vor ein paar Jahren aber brachte mich Regina Cuno darauf, die mich interviewte, ob ich mit meinen Geschichten etwas aussagen möchte. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht und verdränge es auch heute noch bei dem gedanklichen Entwickeln einer Geschichte, dennoch glaube ich schon, dass ich den Leser nicht nur unterhalten will, ich will ihn in die Geschichte zerren, er soll leiden, mitfühlen, sich ängstigen oder freuen und wenn er am Ende der Geschichte sogar noch etwas Anderes mitnehmen kann, eine Aussage, einen Gedanken, ein neue Erkenntnis, dann habe ich genau das erreicht, was ich als Autorin heute erreichen möchte. Was ein Buch wirklich wichtig macht, das muss der jeweilige Autor für sich entscheiden; und natürlich der Leser. Nicht umsonst gibt es Unmengen von unterschiedlicher Lektüre auf dem Markt. Wir sind Individuen, alle etwas Besonderes und einzigartig, und so muss auch für jeden Einzelnen ein Buch dabei sein, das perfekt zu ihm passt.

Susanne K.: Achtest Du auf solche Dinge beim Schreiben eines Kinderbuches? Sprich: Legst Du Dir vorher schon einen Plan zurecht, welche Botschaft ein Buch übermitteln soll etc.?

Nicole Rensmann: Nein. Ich achte bei einem Kinderbuch darauf, dass die Sätze nicht verschachtelt sind, dass sie gut verständlich und vielleicht lustig sind. Je nach Story. Im Nachhinein bemerke ich erst, dass ich auch da etwas mitteile. Der eine Leser merkt es vielleicht, dem anderen fällt es nicht auf. Auch das ist okay. Ich lege mir weder beim Schreiben von Kinderbüchern noch bei den Geschichten für Erwachsene einen Plan bzw. ein Exposee zurecht. Die Ideen entwickeln sich im Kopf und werden am Rechner weitergesponnen. Welche Botschaft sich in den Geschichten findet, merke ich in der Regel erst, wenn das Buch, die Geschichte fertig ist. Ich möchte dem Leser nicht bewusst etwas „vorschreiben“.

Susanne K.: Worin unterscheidet sich das Schreiben eines Kinderbuches zu dem Schreiben eines Buches für Jugendliche? Und zu dem Schreiben eines Buches für Erwachsene?

Nicole Rensmann: Bei einem Kinderbuch sollten die Sätze kurz und gut verständlich sein. Die Aussage und somit die Erzählung muss klar definiert werden. Das Jugendbuch unterscheidet sich nur so weit von einem Erwachsenenbuch, dass die Protagonisten vom Alter her die zwanzig höchstens ankratzen. Der Leser muss sich mit den Hauptdarstellern identifizieren können, egal ob Kinder-, Jugend- oder Erwachsenenbuch.

Susanne K.: Die Fülle an Kinderbüchern ist schier nicht zu überschauen. Hast Du noch ein paar Tipps, welche Bücher und Autoren / Autorinnen besonders für Kinder geeignet sind?

Nicole Rensmann: Diese Frage kann ich ehrlich gesagt nicht beantworten. Es hängt damit zusammen, welche Erziehung die Eltern ihren Kindern angedeihen lassen wollen, was ihnen wichtig ist und vor allem welche Interessen das Kind hat.

Susanne K.: Nun noch ein paar „brisantere“ Fragen: Du hast unter anderem auch schon ein Buch über sexuellen Missbrauch geschrieben. Glaubst Du, dass ansonsten in Kinder- und Jugendbüchern ähnlich wie im wirklichen Leben tabuisiert wird?

Nicole Rensmann: Nein, das glaube ich nicht. Das Thema wird in Büchern, Filmen und anderen Medien oft aufgepuscht. Was mich gestört hat war, dass meistens die Tat beschrieben wird, der Täter behandelt, das Opfer aber am Ende ziemlich allein da stand. Darum hab ich bei „Philipp und Melanie“ erst angesetzt, als der eigentliche Missbrauch längst vorüber, die Seele des Mädchens aber nach wie vor zerstört war.

Susanne K.: Müssen Kinderbücher nicht in erster Linie den Erwachsenen zusagen, weil sie es ja sind, die die Bücher für ihre Kinder kaufen und ihr Weltbild an ihre Kinder weitergeben möchten?

Nicole Rensmann: Damit hast du vollkommen Recht. Es kommt oft erstmal auf das Cover an. Es sollte Kinder ansprechen, gleichzeitig aber auch die Eltern, die Oma, die Tante. Als nächstes das Thema: Der süße knuddelige Elefant mit tollen Abenteuern plus Stofftier und Merchandising ist natürlich eine ausbauende Geschenkidee, für Verlag, Autor und Eltern selbst. Eine heile Welt in den Büchern ist aber extrem an der Realität vorbei, darum schreibe ich eben gern und oft über das Anderssein oder, wie in „Die Staubfee“, über eine Familie mit häuslichem Stress und Problemen, die aber in den Hintergrund rücken, als sie eine gemeinsame Entdeckung machen.

Susanne K.: Es wird immer wieder darüber diskutiert, welchen Schaden es anrichtet, wenn Kinder brutale Filme sehen oder über Mord und Totschlag lesen. Doch welchen Schaden richtet es an, dass die Erwachsenen sich so was anschauen und die Kinder das wissen?

Nicole Rensmann: Puuh. Du stellst ja Fragen 😉 Ich bin der Meinung, dass es für die Entwicklung eines Kindes sicherlich nicht gerade förderlich ist, wenn es sich ständig irgendwelche Horrorfilme reinzieht. Aber auch für den kranken Geist mancher Erwachsenen sind solche Filme schädlich. Kinder müssen lernen, dass Filme und Bücher nur Geschichten sind, keine Realität. Andererseits ist die Realität natürlich oft viel, viel grausamer, nicht wahr? Darum ist es fraglich, ob es richtig ist, wenn ich meinen Kindern verbiete Tatort zu schauen, aber mit ihnen die Nachricht gucke. (Das ist nur ein Beispiel, nicht meine häusliche Realität). Als wir klein waren, haben wir mit Begeisterung Tom und Jerry geschaut, heute – als Mutter – finde ich diese Trickfilm grausam und brutal. Dennoch … es ist ein Trickfilm. Vielleicht unterscheiden Kinder durchaus, ob das reale Personen sind oder Trick.

Ich bin kein Wissenschaftler, kein Pädagoge (den Göttern sei dank) und möchte es auch nicht sein. Ich mache mir meine Gedanken immer und ständig und überall, ob das, wie es läuft, so richtig ist. Ob ich meine Kinder aber auf den richtigen Weg schubse, wird sich erst in einigen Jahren zeigen, dann wenn sie alt genug sind, um auf eigenen Füßen zu stehen. Es gibt keine Richtlinien. Die Ursache für Gewalt in Familien, zwischen Kindern und auf dem Schulhof aufs Fernsehen und die Medien zu schieben, halte ich für zu einfach. Natürlich sollte sich ein sechsjähriges Kind nicht gerade einen Stephen King Film anschauen, um das klar zu stellen. Aber das sollten Eltern eigentlich auch wissen. Das sagt einem schon der normale Menschenverstand. Gesetze, die jetzt neu entwickelt werden, dass Eltern beigebracht werden soll, welche Filme Kinder schauen dürfen, halte ich für ziemlich blöde. Die Eltern, die sich Gedanken machen und an solchen Seminaren teilnehmen würden, lassen ihre Kinder eh keine Gewaltfilme schauen. Solche Maßnahmen erreichen die falschen Leute.  In unserer Gesellschaft ist eine Menge im Argen, es bebt, aber es eskaliert nicht. Leider reicht es immer nur für Änderungen, wenn es eskaliert, beim Beben schauen viele noch weg. Und wenn die Bombe hoch geht, schreien alle laut, weisen die Schuld von sich und zeigen mit dem Finger auf die anderen, anstatt vielleicht auch mal bei sich selbst anzufangen. Und bevor ich mich jetzt hier in Rage und um Kopf und Kragen schreibe… wünsche ich dir alles Liebe und bedanke mich für die interessanten Fragestellungen.

Susanne K.: Vielen Dank Dir für dieses tolle Interview!

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