Rezension: »Die Straße« von Cormac McCarthy

straßeCormac McCarthy gelingt mit »Die Straße« ein Meisterwerk des Endzeitromans. Ohne Actionszene, lediglich mit ein paar Schockmomenten, die jedoch ohne reißerische Sprache auskommen und einem einzigartigen Erzählstil gelingt es ihm, eine Atmosphäre zu schaffen, die ein konstantes Gefühl vermittelt: Hoffnung.

Ob ein Krieg, eine einzige Bombe oder eine Naturgewalt die Welt zerstört und einen Großteil der Menschen getötet hat, bleibt offen. Die Ursache ist auch nicht wichtig, einzig die beiden Hauptpersonen treiben dieses Buch voran. Ein Junge und sein Vater kämpfen sich durch das zerstörte Land. Asche, Dreck und Verwüstung begegnen ihnen ständig. Selten Menschen vor denen sie sich verstecken. Denn die wenigen Überlebenden gehören zu den Bösen, die sich zusammengerottet haben und die Guten töten, um sie zu essen. Kannibalismus als Überlebenschance – ein Erklärungsversuch für die Morde und Taten in Extremsituationen. Doch, dass es auch anders geht, zeigen die Guten. Der Junge und der Mann. Namenlos setzen sie ihren Weg auf der Straße fort, auf der Suche nach Lebensmitteln, Wärme und eine bessere Welt. Ihr Antrieb: Liebe und Hoffnung. Auf was? Das wissen Junge und Mann, das weiß auch der Leser. Die Antwort möchte ich an dieser Stelle aber nicht geben. 

Die Geschichte selbst hat mich sehr stark an den Film  »Hell« (mit Hannah Herzsprung, Lars Eidinger) erinnert, den ich erst kurz vorher gesehen habe. Zerstörung der Erde, wenige Überlebende, die Bösen mit dem gleichen Ziel, die Guten auf dem Weg zu einer besseren Welt. Doch es ist nicht die Geschichte, die dieses 253 Seiten Buch »Die Straße« zu einem Kleinod macht, sondern die Art und Weise wie Cormac McCarthy sie erzählt. Der Leser weiß den Grund des Leidens nicht, er erfährt niemals die Namen von Junge und Mann. Auf mainstreamige Spannungselemente verzichtet Cormac McCarthy vollkommen. 
»Die Straße« ist ein sprachliches Highlight mit einer einzigartigen Stimmung. Sensibel und wunderbar gleichmäßig erzählt. Die Dialoge – wortkarg, aber vollkommen ausreichend, denn in jedem kleinen Wort spiegelt sich alles wieder was die Beziehung und das Leben von Junge und Mann ausmachen. Das Besondere dabei: Der Autor verzichtet vollkommen auf Anführungszeichen oder störende Doppelpunkte. Ein tolles Stilmittel, das zu diesen Roman ideal passt.

Fazit: »Die Straße« lässt mich mit einer bedrückten Stimmung zurück. Ein Roman, der mir – nicht nur der Geschichte wegen, sondern vor allem aufgrund des Erzählstils – noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Einziges Manko, an einer Stelle hat das Lektorat nicht aufgepasst, der Erzähler – der Mann – wechselt von der erzählenden Perspektive in die Ich-Perspektive. Das verwirrt und reißt einen aus dem Erzählfluss.

Buchausgaben und Verfilmung:

2007 erschien der Roman im Rowohlt Verlag. Eine Taschenbuchausgabe folgte im Jahr darauf. 2013 publizierte der Verlag eine Neuauflage. Das Buch ist z.B. bei amazon oder bei der Buchhandlung Calliebe und jeder anderen Buchhandlung um die Ecke erhältlich.
»Die Straße« wurde mit Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee und Charlize Theron in den Hauptrollen verfilmt und ist unter dem Name  »The Road« als DVD erhältlich.

© Cover: Rowohlt Verlag

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5 Kommentare:

  1. Pingback: Nicole Rensmann bloggt! » Wenn Aliens Marmorkuchen essen und True Storys lesen

  2. Den Krimi hab ich erst gelesen, nachdem ich die oscar-prämierte Verfilmung gesehen hatte (anders als bei „The Road“, da war es umgekehrt). Beide Filme fangen die Atmosphäre und den gesamten Stil der Romane sehr gut ein – also vielleicht erst mal „No Country for Old Men“ angucken und dann sehen, ob der Stoff interessant für dich ist. Es ist kein herkömmlicher Krimi, sondern hat mitunter etwas von Tarantino, aber auf andere, düsterere Art. Und Javier Bardems Darstellung des Killers ist den Film fast schon allein wert.

  3. Hallo Christian!

    Ob der Perspektivenwechsel auch im Original steht, kann ich nicht sagen, ich habe nur die obige Ausgabe gelesen. Ungefähr am Ende der ersten Hälfte, auf einer Seite oben links. Für eine genaue Seitenzahl muss ich nachsehen. 🙂
    Danke für den Lesetipp. Da ich eigentlich kein Krimifan bin, muss ich mal überlegen, ob „Kein Land für alte Männer“ etwas für mich ist. Den Titel find ich aber klasse.

    Beste Grüße, Nicole

  4. In der Tat ein Meisterwerk. Und sehr beeindruckend geschrieben. An den (unfreiwilligen) Perspektivwechsel (nur in der Übersetzung?) kann ich mich gar nicht erinnern – ist aber schon einige Zeit her, dass ich den Roman gelesen habe.

    McCarthys „Kein Land für alte Männer“ kann ich auch empfehlen, ist im gleichen Stil geschrieben und als Krimi ähnlich beeindruckend wie „Die Straße“ als SF.

  5. Pingback: geekchicks.de » geekchicks am 05.02.2014 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

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