Gewebewelten – Verloren im Gedankenlabyrinth, 2. Kapitel

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2. Kapitel

Für Sekunden war es dunkel geworden. Timos Härchen hatten sich an Armen, Beinen und im Nacken aufgestellt. Elektrisierend. Jetzt blendete ihn das flackernde Licht der Leuchtstoffröhre, das ein Schattentheater an die Wand warf. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
»Was war das?«

»Kurzschluss oder so.« Lisa hockte noch immer auf dem Boden, streckte Timo eine Hand entgegen und ordnete mit der anderen die Haare. Doch Timo ignorierte die stille Bitte seiner Freundin ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. Sie zuckte mit den Achseln, sprang auf, strich sich die Hose glatt und zupfte das bauchfreie T-Shirt zurecht. Ihr Bauchnabelpiercing glitzerte in der Mitte einer rotvioletten Blüte. Die Tätowierung hatte sich Lisa vor einem halben Jahr rund um den Bauchnabel stechen lassen. Der Anfang eines floralen Oberkörpertattoos, hatte sie geschwärmt, doch bisher war es bei einer Blume geblieben.

Kurz bevor das Licht ausgegangen war, hatte sie sich auf Jana gestürzt und sie verprügelt.

»Wo steckt Jana jetzt?«, fragte Timo. Er schaute auf den Teppich, auf dem Jana vor wenigen Minuten gesessen und sie alle lautstark mit der Wahrheit konfrontiert hatte.

Und die Wahrheit hatte Lisa noch nie vertragen können. Doch Timo musste sich eingestehen, dass Jana Recht hatte. Er liebte Lisa nicht und hatte sich schon häufig gefragt, warum er mit diesem Mädchen zusammen war.

Vor Janas Ausbruch hatte das für gewöhnlich introvertierte Mädchen wie paralysiert gewirkt, beinahe verträumt, und Timo war – zugegeben, nicht zum ersten Mal – aufgefallen wie hübsch sie aussah. Dann hatte Jana verbal ausgeteilt und von der einstigen Schüchternheit war nichts geblieben. Das hatte Timo noch mehr berührt. Schmetterlinge flogen verwirrt in seinem Bauch. Ein neues Gefühl. Als Lisa sich kreischend auf Jana gestürzt hatte, war er wie aus einem Tagtraum aufgeschreckt. Keine Minute war vergangen, dann erlosch das Licht.

Nun verbreitete die LED-Lampe wieder ihr kühles Licht und Jana hätte neben Lisa auf dem Boden sitzen müssen. Die Nase blutig – vielleicht. Doch dort, wo sie gesessen hatte, lag nur ihr Haargummi auf dem Teppich – der Teppich, den Jana unter einer Holzbohle entdeckt hatte.

Neben Timo stand Schoko-Tobi, er hatte sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt. Seine Wangenknochen mahlten. Er unterbrach das Kauen kurz, um eine weitere Ladung Bonbons in den Mund zu schieben. Wie konnte ein einzelner Mensch diese Unmengen an Süßigkeiten in sich hineinstopfen, ohne nicht innerhalb eines Monats zu platzen? Jetzt pupste er, keine Hemmungen. Der Dicke widerte ihn an.

»Ich habe ein Prickeln auf der Haut gespürt, unangenehm. Und Wärme, wie ein Sonnenstrahl.« Das war René, der Timo mit leeren Augen anstarrte. Seine Blindheit schärfte andere Sinne, aber Timo wusste was er meinte. Die Dunkelheit hatte sie für einen Augenblick alle blind gemacht.

»Und hast du auch mitbekommen, wohin sich das Jana-Zuckerschneckchen verkrochen hat?« Lisa bückte sich nach dem schwarzen Haargummi, mit dem sich Jana ihre taillenlangen, erdfarbenen Haare zurückgebunden hatte. Sie zog es auseinander und ließ es in den Raum schnappen, wo es unter einem der Regale verschwand.

René schüttelte den Kopf. »Ich habe die Türe nicht gehört.«

»Dann muss sie noch hier sein.« Lisa stolzierte an der ersten Regalreihe vorbei, klopfte auf die Metallverstrebungen und erzeugte ein kaltes Echo. »Komm raus, du blöde Kuh. Oder hast du Angst?« Sie lachte.

Timo blickte zu Boden, er wollte Lisa nicht dabei zusehen, wie sie Jana verhöhnte. Er liebte sie nicht. Doch Lisa gehörte zu der Clique im Internat, die er brauchte, um weiterhin zum Schulsprecher gewählt zu werden. Ein Feigling, das war er. Jana hatte mit jedem Wort die Wahrheit gesprochen.

»Angst hatte Jana nicht. Kein Stück.« Tobias grinste. »Sie hat richtig gut ausgeteilt.«

»Dir hat sie auch keine Komplimente gemacht, Fettsack. Aber du bist ja schon froh, wenn überhaupt einer mit dir spricht.«

Während Lisa den dicken Schoko-Tobi mit Worten verletzte – das beherrschte sie besonders gut – ging Timo zum Ende des Raums. Dort hatte Jana Ordner aus den Regalen geräumt und Wandbehänge entdeckt. Sechs Teppiche mit unterschiedlichen Mustern. Einer stellte das gewebte Porträt einer alten Frau dar. Die hochgesteckten, weißen Haare hoben sich von dem tintenschwarzen Hintergrund ab. Eine orangefarbene Lilie verzierte den Dutt der Frau. Die schmalen, blassroten Lippen hatte die Alte zu einem Lächeln verzogen, als wisse sie was hier geschehen war. Auf der krummen Nase klebte ein Kaugummi.

Smaragdgrüne Augen starrten Timo geradewegs ins Gesicht und wirkten dabei wie lebendig, dass er sich abwandte. Staub hätte die Farben blass wirken lassen müssen, doch dieser Teppich schien frisch gesaugt, anders als der Wandbehang daneben. Blaue und orangefarbene Fäden glitzerten wie das Meer bei Sonnenuntergang. Flach gewebt schmiegte er sich vom Boden bis zur Decke an die Wand. Für einen kurzen Moment glaubte Timo eine wellenförmige Bewegung zu erkennen. Ornamente, aus grauer und brauner Wolle, rahmten das Meer ein. Zaghaft wischte Timo mit den Fingern den Rand entlang. Staubwolken flüchteten zu den Seiten. Die Borsten krümmten sich unter seiner Berührung. Timo presste die Handfläche gegen den Teppich. Kitzeln. Die Oberfläche fühlte sich nun warm und weich an – wie das Fell eines Tieres. Timo zuckte zurück. Nichts hatte sich verändert.

Er hörte Lisa und Tobi über den Fettgehalt von Süßigkeiten diskutieren und kehrte zu den anderen zurück. Der Teppich, den Jana unter dem eingebrochenen Holzboden gefunden und den Timo nur mit Mühe, und dank Renés und Tobias Hilfe, in den Vorraum des Archivs getragen hatte, lag zur Hälfte ausgerollt auf dem Boden. Auch dieses Stück schien mit handwerklichem Geschick angefertigt worden zu sein. Silberne und goldene Fäden durchwoben das moosfarbene Garn und bildeten miteinander geometrische Formen und Schlangenlinien. Fransen klebten wie ineinander verschlungene, silberfarbene Spinnenbeine an der einen Saumseite des Teppichs.

»Habt ihr es auch gespürt? Dieses Prickeln, diese Wärme, diesen elektrischen Schlag?«, wollte René wissen. Anscheinend hatten weder Lisa noch Tobias auf ihn geachtet. Typisch.

»Das war nur ein Stromausfall, draußen herrscht ein Gewitter wie beim Weltuntergang.« Tobias schmatzte. »Jana wird ratzfatz aus der Tür gerannt sein. Wer will ihr das verübeln, wenn du sie verprügelst wie eine Wahnsinnige?« Mit Schweinsäuglein gaffte er Lisa an. Die ignorierte ihn, nahm seine Zustimmung jedoch zum Anlass, noch einmal auf Jana herumzuhacken. »Siehste, Timo. Sag ich doch. Die ist abgehauen und lässt uns mit dem Scheiß allein!«

»Die Tür ist nicht aufgegangen, das hätte ich gehört«, konterte René.

»Dann hat sie sich in Luft aufgelöst.« Tobias philosophierte, vielleicht fantasierte er auch bei dem akuten Zuckerschub. »So muss es gewesen sein. Mit einem Mal war sie weg.« Er klatschte in die Hände. »Zack. Bumm. Weg die Frau.«

»Du bist genauso dämlich wie Jana.« Lisa verdrehte die Augen und widmete sich ihren Fingernägeln. Ein Aufschrei ließ René zusammenzucken, Tobias hörte für wenige Sekunden auf zu kauen. Nur Timo ignorierte sie, denn er ahnte, welch persönliche Katastrophe diesen Aufschrei rechtfertigte.

»Mein Fingernagel ist abgebrochen! Das ist Jana Schuld. Diese Sumpfkuh, ich hasse sie. Soll sie doch bleiben wo der Pfeffer wächst.«

Mit einem Ruck öffnete sich die Kellertür. Erleichtert über die Ablenkung und in der Annahme, dass Jana scheinbar doch aus dem Raum verschwunden war und nun zurückkehrte, drehte sich Timo zur Tür. Der lockere Spruch, der ihm in den Sinn kam, blieb ihm jedoch im Halse stecken. Nicht Jana, sondern Stonehenge stand im Türrahmen.

Stonehenge hieß gebürtig Oliver Siebert, er führte als Direktor das Internat mit strenger Hand. Die Schüler fürchteten ihn. Den wenig schmeichelhaften Spitznamen hatte er aufgrund der versteinerten Gesichtszüge, die er – wie Gerüchte besagten – einer verpatzten Schönheits-OP verdankte, schon vor Jahren von den Schüler verliehen bekommen.

»Fürs Rumstehen gibt es weder gute Noten noch Freifahrtscheine. Im Foyer stehen zwei Eimer Farbe.« Er wandte sich zum Gehen, dann stutzte er: »Wo ist Jana Malek?«

Darauf wussten sie keine Antwort.

»Findet sie. Diese Arbeit müsst ihr zusammen bewerkstelligen. Ich habe euch Fünf aus gutem Grund für diese Aufgabe eingeteilt. Sie wird nur honoriert, wenn ihr sie gemeinsam erledigt.«

Die schwere Eisentür knallte zu, Stonehenge ließ Ratlosigkeit und Wut zurück.

→ Fortsetzung

© Nicole Rensmann 2015

In unregelmäßigen Abständen werde ich den aktuell 300 Seiten starken, noch nicht veröffentlichten Fantasy-Roman »Gewebewelten« kapitelweise veröffentlichen. Wenn dir gefällt, was du liest, freue ich mich über dein positives Feedback und/oder eine Spende. Doch auch Kritik ist erlaubt. Bitte verwende die Kommentarfunktion. Danke. Und viel Spaß beim Lesen.



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4 Kommentare:

  1. Pingback: geekchicks.de » geekchicks am 28.08.2015 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

  2. Oh das ist schon bißchen wie Folter ☺… würde ja nun wieder mal alles auf einmal lesen wollen !!! Bin schon sehr gespannt! Schlaf schön!
    D A A A N K E!!!

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