Gewebewelten – Verloren im Gedankenlabyrinth, 8. Kapitel

Gewebewelten_CoverDie Zeit macht Sprünge, anders kann ich mir kaum erklären, wieso Wochen vorüberziehen wie Wolken bei einem Sturm – schnell und unermüdlich. Ich schreibe. Ich lese. Viel. In der letzten Zeit. Nur das Überarbeiten steht ein bisschen hinten an. Jetzt geht es weiter. Viel Spaß damit!

Fortsetzung

8. Kapitel

Das Wasser reichte Jana bis zur Brust, nirgends eine Plattform, auf der sie hätte Schutz suchen können. Kein Tisch, kein Stuhl. Kein Ausweg. Sie blieb stehen, wischte sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Nass. Ihre Kleidung war durchtränkt mit phosphoreszierende Flüssigkeit unbekannter Herkunft. Die Haut auf den Armen glänzte und ihre Haare klebten feucht am Kopf. Zitternd vor Kälte und Erschöpfung weinte sie erneut, mit letzter Kraft schrie Jana: »Ich will hier raus!« und schlug auf das Wasser ein.

*****

Timo hatte nicht ausreichend Luft geholt, er musste zurück an die Oberfläche, noch bevor er Tobias erreicht hatte. Als er auftauchte und Sauerstoff in seine Lungen sog, verschluckte er sich an einer Ladung Regen. Vom Himmel – Decke, Ende – platschten dicke Tropfen und durchbrachen die Wasseroberfläche.

Lisa kreischte und René rief in endlosen Wiederholungen: »Hast du ihn? Hast du ihn? Hast du ihn?«

»Nein, verdammter Mist. Hol du ihn doch!«

»Ich kann nicht sehen. Und nicht schwimmen.« René klang verzweifelt und das brachte Lisa zum Schweigen. Sie starrte René an. Ihr blasses Gesicht – durch die Wasseroberfläche schattenhaft beleuchtet, die Schminke abgewaschen, der Blick ernst – wirkte beinahe schön.
Timo holte tief Luft und tauchte, bevor Lisa ihre Boshaftigkeit zurück erlangte und René als Loser bezeichnete. Der würde diese Beschimpfung nicht hinnehmen. Vor diesem Schlagabtausch Deluxe verzog sich Timo lieber, doch seine Gedanken wanderten zu seinen Kumpels, die ihm zuraunten:

Wer interessiert sich für den Fettsack? – Lass ihn! – Einer weniger schadet nicht.

Tobias schien nicht nur eingesunken, er war auch ein gutes Stück von dem ursprünglichen Standort fortgetrieben. Beides schien irrational. Sie steckten in einer Wasseransammlung, hervorgerufen durch einen Rohrbruch. Vermutlich. Salzwasser mit leuchtender Oberfläche? Alles Quatsch! Und doch entsprach dieser Quatsch all dem, was Timo mit Augen und Mund wahrnahm.

Jana hatte René geholfen, als er beim Aufräumen im Archiv gestürzt war und ein paar Aktenordner auf ihn gefallen waren. Kurz darauf hatte sie den Teppich unter dem eingebrochenen Holzboden entdeckt. Sie hätte auch Tobias geholfen.

Jana.

Der schüchternste Mensch, den Timo je beobachtet hatte, und er beobachtete sie im Unterricht oft. Sein Herz klopfte schneller – nur die Anstrengung. Noch zwei, drei Klimmzüge. Endlich erreichte er den Dicken, der bis zum Becken im Boden feststeckte. Die Augen, weit aufgerissen, starrten Timo entgegen. Er bewegte sich nicht. Tobias war tot. Zu spät. Zu spät!

Doch als Timo dicht vor Tobias Gesicht schwamm, griff dieser nach Timos Armen und zerrte daran. Die Lippen fest aufeinandergepresst, schien er zu wissen: holte er nun Luft, füllten sich seine Lungen ein letztes Mal – mit Wasser. Tobias würde qualvoll ertrinken. Auch Timos Luft wurde knapp. Er brauchte Sauerstoff, musste zurück, riss sich los, schwamm nach oben, tauchte auf, achtete nicht auf Renés und Lisas Geschrei. Dicke Regentropfen punktierten die Wasseroberfläche. Er atmete, holte tief Luft, tauchte ab. Nur der Sauerstoff in Timos Lungen könnte Tobias retten. Vielleicht. Bei der Vorstellung, Schoko-Tobis Lippen auf seine zu pressen wurde ihm speiübel. Aber eine Leiche im Wasser projizierte panische Gedanken, die er schnell verdrängte. Er konnte den Dicken nicht draufgehen lassen. Seine Kumpels durften es nicht erfahren. Durften sie nicht. Niemals.

Timo schloss die Augen vor Ekel, drückte seinen Mund auf Tobias füllige Lippen, dachte an… Jana. Und presste seinen Atem in Tobias Lungen.

*****

Janas Angst verwandelte sich mit einem Mal in Neugier. Ihre Tränen versiegten. Sie wischte sich durchs Gesicht und strich sich die Haare zurück. Alles nass. Ihr Blick haftete an einer Bewegung im Wasser. Ihr Puls – ein rasender Blutstrom, angetrieben von Adrenalin, nicht aus Furcht, aus Hoffnung.

→ Hier geht es weiter. Demnächst.

© Nicole Rensmann 2015

In unregelmäßigen Abständen werde ich den aktuell 300 Seiten starken, noch nicht veröffentlichten Fantasy-Roman »Gewebewelten« kapitelweise veröffentlichen. Wenn dir gefällt, was du liest, freue ich mich über dein positives Feedback und/oder eine Spende. Doch auch Kritik ist erlaubt. Bitte verwende die Kommentarfunktion. Danke. Und viel Spaß beim Lesen.



3 Kommentare:

  1. Luftanhaltend hab ich mitgelesen und harre der Dinge die da kommen 😊 S P A N N U N G ☺☺☺ Danke Dir!!!

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