Kolumne: Warum ich vier Jahre brauche, um einen Roman zu schreiben! Oder von Respekt und Liebe zum Wort

Logo: blog.Nicole.Rensmann.deGefälschte Bestsellerlisten, gekaufte Verkaufsstände in den Buchläden – nur für die Publikumsverlage und die Bestsellerautoren reserviert.
Piraten-Datenbänke mit tausenden von Büchern, die unter dem Ladenpreis (und unter dem Ladentisch) verkauft werden. Der Autor sieht davon keinen Cent.  Ein blühendes Geschäft für die skrupellosen Betreiber, die sich in einem rechtsfreien Raum aufhalten.
Plagiate und dazu Leser, die den Buch-Diebstahl dieser strafmündigen und erwachsenen „Autoren“ mit verständnisvollen Worten kommentieren.
Verlage, die ihre Autoren rauswerfen, wenn das dritte Buch nicht den erwarteten Absatz bringt.
Events, zu denen der Schriftsteller eingeladen wird, mit der Bitte für gute Stimmung zu sorgen – honorarfrei.
Das ist der Literaturbetrieb!? Nicht überall und immer. Aber in manchen Ecken, leider ja.

In all diesen Fällen dreht es sich ums Geld. Die einen wollen viel einnehmen, aber nichts investieren, die anderen möchten nichts ausgeben. Nur der wahre Autor geht immer leer aus.
So funktioniert das auf Dauer nicht.

Schreiben mit Respekt, mit Liebe

Schreiben ist ein bisschen Liebe – klingt kitschig, ist es für mich aber. Und Liebe wird nicht hingerotzt oder im Vorbeigehen als Quickie ausgeführt, mit billigen Hilfsmitteln. Beides braucht Zeit, Phantasie, Fingerspitzengefühl und Ausdauer.

Manche Schriftsteller vergleichen die Arbeit an einem Roman mit der Geburt eines Kindes. Sie bezeichnen glorreiche Sätze als Orgasmus und spüren Herzklopfen, wenn ein Kapitel großartig gelungen ist. Sie fürchten sich vor schlechten Rezensionen und Nichtbeachtung. Sie haben Angst davor, dass ihnen die Ideen ausgehen oder das Leben ihnen eine Schreibblockade um die Ohren haut. Echte Autoren träumen von ihren Charakteren und denken tagsüber an nichts anderes. Schriftsteller ist eine Lebenseinstellung – ist Liebe – ist ein verdammt harter Job!

Jeder, der die Arbeit eines Schriftstellers – des Künstlers – stiehlt oder nicht ausreichend honoriert, handelt respektlos und ist ohne Empathie. Ein schlechter Mensch.

Sei es dir wert!

Literatur, oder von mir aus auch („nur“) Belletristik zu schaffen, bedeutet Respekt vor der Geschichte zu haben, vor dem eigenen Gedankengut – und vor dem eines anderen. Eine gute Geschichte, unabhängig von Länge und Genre, schreibt sich nicht in drei Tagen und auch nicht mit einem PC-Programm, das die Wörter zusammenfügt.

Wenn der Autor sein Werk nicht liebevoll behandelt, wer dann? Wie sollen wir Autoren von Lesern und Verlagen Respekt einfordern, wenn Autoren ihre eigenen Werke nicht hegen, pflegen und zu dem Besten machen, was mit dem aktuellen Stand des jeweiligen Könnens möglich ist?
Dazu gehört nicht nur, die eigenen Ideen zu erdenken und weiterzuspinnen, sondern auch eine respektable Schreibphase mit einer entsprechenden Überarbeitungszeit. Das müssen nicht vier Jahre sein – nein, sicherlich nicht, das wäre grauenvoll – aber ein paar Wochen bis Monate dürften für Geschichte und Charaktere förderlich sein.

Warum ich mir seit Neuestem Zeit lasse(n muss)

An Niemand habe über einen Zeitraum von fünf Jahren gearbeitet – nicht durchgehend, andere Bücher entstanden in dieser Zeit, Geschichten wurden geschrieben und veröffentlicht. In diesen fünf Jahren durfte Niemand reifen – und ich mit ihm.

Ich dachte, Niemand – Mehr schreibe ich – wie (früher) gewohnt – in drei, vier Monaten fertig. Denkste. 2012 erschien Niemand, 2016 erscheint der zweite Teil Niemand – Mehr.  Es liegen vier Jahre zwischen den Veröffentlichungen und ungefähr 3 oder 3,5 Jahre Arbeit. Die Gründe sind vielfältig und privater Natur: Gesundheit, Arbeit, Geld und manchmal auch Frust.

Und obwohl ich oft in dieser Zeit mit mir gehadert habe, bin ich jetzt am Ende dieser langen Phase. Es war schwierig – mit mir, mit Niemand mehr. Aber wir zwei haben es geschafft!  Puh!

Doch bei all den negativen Schlagzeilen, dieser Rumklauerei und Zerstörung und nach den Gesprächen mit anderen Autoren, denen es ähnlich geht, frage ich mich: Lohnt sich das alles? Das Arbeiten, das Hadern, das Kämpfen? Für uns Schriftsteller?
Ich. Weiß. Es. Nicht. Und doch mache ich, machen wir weiter. Weil wir, die das Schreiben unerträglich stark lieben, zum Leben brauchen.

Du bist dran

Ihr seid dran!

Unterstützt die Schriftsteller, die für ihre Arbeit brennen und leben. Bezahlt für ein Buch und für eine Leistung. Das Internet ist kein Selbstbedienungsladen und ein Schriftsteller kein kostenloser Spaßfaktor.

Gebt uns das Gefühl, dass ihr uns wollt – uns und unsere eigens erfundenen Geschichten, in denen unser Herzblut, unsere Tränen und unser Schweiß kleben. Geschichten, die wir für euch schreiben. Nur für euch.
Mehr ist nicht nötig, um den Dieben, den Abschreibern und Preisdrückern das Handwerk zu legen.

Danke.

5 Kommentare:

  1. Am Ende nützt alles Echauffieren über den Literaturbetrieb und seine Auswüchse nichts: Entweder findet das Buch, das man über Monate und Jahre mit seinem Herzblut genährt hat, seine Leser oder auch nicht. Dann bleiben drei Möglichkeiten.
    Erstens: Man sucht sich einen „richtigen“ Job und betreibt das Schreiben als entspannendes Hobby (wie Schwiegermuttern immer sagt, haha).
    Zweitens: Man bloggt ausgiebig über den bösen, bösen Buchmarkt und unmoralische Machenschaften anderer Autoren (auch eine Art der Prokrastination) … und ist danach noch frustrierter.
    Drittens: Man lässt die anderen plagiieren, betrügen, Rezensionen kaufen, setzt sich auf seinen Hintern und macht einfach sein Ding, statt „nach draußen“ zu schielen und kostbare Lebenszeit mit Mimimi zu verschwenden.
    Ändern kann man eh nix; der Markt wird vom Leser bestimmt und kriminelle Energie lässt sich nicht mit gut gemeinten Worten ausrotten, sondern ist eine rein persönliche Charaktersache, sowohl beim Leser als auch beim Autoren.

    • Hallo Suse!
      Besten Dank für deinen Kommentar. Deinen Worten nach soll kriminielle Energie in Ruhe vor sich hin walten, jeder darf wie er will und möchte, und keiner darf darüber aufklären. Das deckt sich nicht unbedingt mit meiner Lebensweise. Ich denke, eine Kombi aus eins, zwei und drei darf es durchaus mal sein. Und wenn keiner Mimimi macht, wäre das Leben nicht nur von krimineller Energie überschattet, sondern auch langweilig, nicht wahr?
      Ich wünsch dir alles Gute für dein Ding, das du ja sicherlich machen wirst.
      Die Frage ist allerdings, wie persönlich kriminelle Energie bleibt, wenn deine Illustrationen unter dem Namen einer anderen Person in einem Buch oder auf einer Messe auftauchen und diese Person gutes Geld damit verdient?
      Beste Grüße, Nicole

  2. Pingback: geekchicks.de » geekchicks am 03.03.2016 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

  3. Liebe Nicole,

    [zitat]Lohnt sich das alles? Das Arbeiten, das Hadern, das Kämpfen?
    Ich. Weiß. Es. Nicht.[/zitat]

    Ich weiß es auch nicht. Und ob Ihre Kolleginnen und Kollegen es wissen, ist sicher sehr individuell. Nehmen wir Carla Berling als Beispiel. In ihrem Buch vom Kämpfen und Schreiben erfahren wir, dass sie über 20 Jahre gebraucht hat, um als Schriftstellerin an den Punkt zu kommen, an dem sie nun „zufrieden“ oder gar glücklich ist. Es gibt sicher ein paar Beispiele, wo es nur ein paar Wochen oder Monate gedauert hat, Erfolg zu haben und bei vielen anderen klappt es auch nach 2x 20 Jahren immer noch nicht.
    Was Sie aber hauptsächlich in Ihrem Plädoyer schreiben, ist die Entwicklung unserer Gesellschaft, in der nur noch das Geld regiert, der Kampf um Macht, Markt und Profit mit wirklich allen Mitteln geführt wird – auch mit kriminellen Mitteln.
    Je mehr der „kleine Mann“, der Verbraucher, der Bürger, der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird, und je mehr er von den kriminellen Machenschaften der „Mächtigen“ erfährt, desto geringer wird auch seine eigene Hemmschwelle, sich Musik, Bücher und Filme zu stehlen.
    Dass das dann „die Falschen“ trifft, bemerkt er nicht. Solche Plädoyers wie das Ihre könnte es den Leserinnen und Lesern wieder ins Bewusstsein rufen. Hoffentlich!

    Ich bin wirklich mal gespannt, wenn die Entwicklung unserer Gesellschaft so weiter geht, ob tatsächlich in 20 oder 40 Jahren überhaupt noch eine Schriftstellerin oder Schriftsteller ein Motiv oder die Kraft hat, Bücher zu schreiben. Und in 100 Jahren werde Bücher sicher nur noch von Computern geschrieben – dann sind auch endlich die „fordernden“ Autoren überflüssig.
    Vielleicht schreiben nur noch die Bücher, die aus der Familie eines Milliardärs abstammen, nicht arbeiten müssen und „zum Spaß“ Bücher schreiben?
    Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Nachkommen von Bill Gates, Zuckerberg und Co in einer Welt aufgewachsen sind, in der wirklich künstlerische Talente gefördert wurden. Die wahren Künstler waren schon immer arm. 😉

    Die Leserinnen und Leser meines Blogs stehlen keine Bücher. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Aber ich werde auf meinem Weg durch unsere heutige Gesellschaft jedem ins Gewissen reden, von dem ich erfahre, dass er Bücher stiehlt – das ist einfach ganz mieser Charakter und auch wenn man das Buch von Markus Zusak „Die Bücherdiebin“ gut findet, berechtigt das nicht zum Bücherdiebstahl. 😉

    Gruß Heinrich

    P.S. Von Ihnen denke ich, dass Sie eine erfolgreiche Schriftstellerin sind, was ich Ihnen von Herzen gönne, aber selbstverständllich wäre Ihr Schriftstellerleben schöner, wenn es die oben erwähnten Machenschaften nicht gäbe!

    • Vielen lieben Dank für die schöne, lange Ergänzung dieser Kolumne und Ihre Worte im Allgemeinen, die ich immer wieder gerne lese. Ich glaube auch, nein ich weiß, dass nicht alle Leute klauen oder unter der Hand Bücher verkaufen, am Ladentsich vorbei. Natürlich nicht! Aber genau wegen dieser Entwicklung ist der Ehrliche, der Dumme und das finde ich auch für die ehrlichen Leser sehr traurig.
      Was meinen Erfolg betrifft. … es ist wie es ist. 🙂

      Herzliche Grüße und einen schönen Tag!
      Nicole

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