Rezension: »The Shape of Water« von Guillermo Del Toro und Daniel Kraus / Knaur Verlag

© Cover: »The Shape of water« von G. Del Torro / Daniel Kraus  / Knaur Verlag

© Cover: »The Shape of water« von G. Del Torro / Daniel Kraus / Knaur Verlag

Filme, die auf Buchvorlagen basieren, halten häufig nicht mit dem geschriebenen Ursprungswerk mit. Umgekehrt ist das auch so: Bücher, die nur geschrieben wurden, weil die Verfilmung Großartiges verspricht oder tatsächlich großartig ist, klingen meist langweilig und lieblos.

Der Film »The Shape of Water« wurde mit einem Golden Globe ausgezeichnet, erhielt den Goldenen Löwen von Venedig 2017 und wurde 13 Mal für den Oscar nominiert, wovon vier Oscars in unterschiedlichen Kategorien gewonnen wurden. Respekt!

Doch was ist mit dem Buch? Hält der Text, was der Film verspricht? Und gab es nun erst das Buch, dann den Film?  Das aktuelle Buch aus dem Knaur Verlag ist in jedem Fall das Buch zum Film, mit kleinen Illustrationen von James Jean und Film-Facts auf der Rückseite.
426 Seiten Lesestoff in farblich illustrierter Klappbroschur.

Um was geht es?

»The Shape of Water« ist eine Liebesgeschichte, die zur Zeit des Kalten Krieges in Amerika spielt. Doch damit würde ich den Roman in eine Schublade stecken, in die er nun wirklich nicht passt. »The Shape of Water« ist mehr: Liebe, Horror, Grusel, Macht, Hass, Verzweiflung, Sehnsucht, Politik, Freundschaft, ein Hauch von Science-Fiction, Magie und eine Menge Wasser spielen hier eine große Rolle.

Wer verliebt sich in wen? 

Elisa ist Anfang dreißig, stumm, aber nicht taub, lieb, freundlich und hilfsbereit. Sie arbeitet als Putzfrau in einem wissenschaftlichen Institut. 
Sie lebt in ihrer eigenen Phantasiewelt, liebt schicke Schuhe und versteht sich sehr gut mit ihrem älteren Nachbarn Giles, einem Künstler. 
Elisa verliebt sich in ein Wesen – halb Fisch, halb Mann, wobei Liebe besser durch tiefe Zuneigung ersetzt werden sollte.

Wer ist der Böse? 

Richard Strickland ist der Bösewicht der Story. Er wird damit beauftragt, den Deus Brânquia zu finden. Dieser Dschungelgott soll eine Mischung zwischen Mann und Fisch sein.
Auf der Suche durch den Dschungel wird klar: Strickland ist ein harter Typ, einer mit Erlebnissen, mit schlechten, mit bösen – gern von ihm selbst inszeniert. Er ist respektlos gegenüber Frauen, er ist rassistisch. Kurz: Strickland ist ein Arschloch, ein Psychopath.
Das große Problem: Er verliebt sich in Elisa, wobei das Wort Liebe mit Macht oder Besitz ausgetauscht werden müsste.  

Wer ist noch dabei? 

Stricklands Ehefrau Lainie, die sich ein besseres Leben erhoffte, nachdem ihr Mann zunächst als verschollen galt. Leider taucht er wieder auf. Sie hadert mit sich und ihrer Aufgabe als Ehefrau und sehnt sich nach einer guten Freundin. Doch die anderen Frauen meiden sie.
Giles Gunderson ist der nette Nachbar von Elisa. Ein Maler und Künstler, er sehnt sich nach Aufträgen und Anerkennung. 
Zelda, die Kollegin von Elisa, hat ein lautes Mundwerk, schimpft über die Männer und den Job. Für Elisa ist sie eine gute Freundin und Vertraute. 
Dr. Bob Hofstetler taucht erst später im Buch auf. Er arbeitet im Labor, ist aber nicht das, was er vorgibt zu sein.

Eins haben alle gemeinsam: Sie sehnen sich nach einem anderen Leben.

Was ist das Besondere?

Die Geschichte spielt in den sechziger Jahren – einer Zeit, in der eine Frau hinter den Herd gehörte, die Kinder erziehen musste und dafür sorgen sollte, dass es dem Mann an Nichts fehlte. 
Lainie Strickland führt uns im Buch durch diese Welt. Auch Elisa zeigt uns, was es bedeutet eine Frau zu sein, in einer Welt ohne Emanzipation, in der Männer wichtiger sind und Frauen als dumm bezeichnet werden. 

Überschrift eines Kapitels „Ungebildete Frauen“ – Seite 44

Die Handlung 

Strickland fängt den Deus Brânquia und bringt ihn in das Institut, in dem Elisa arbeitet. Ihre erste Begegnung mit dem Fischmann erschreckt sie, denn sie sieht nur seine große Fischpranke, die gegen das Glasgefängnis schlägt. Doch die Neugier siegt.
Sie bringt ihm hartgekochte Eier mit (ja, ein Ei – das ist metaphorisch, dachte ich auch) und lehrt ihm die Gebärdensprache für Ei, Schallplatte, Hallo und mehr. Eine besondere Verbindung entsteht.

Das kann ich mir alles im Film wunderbar vorstellen. Doch während des Lesens frage ich mich: Merkt das keiner? Und warum lassen sie das angebliche Monster in der Nacht unbewacht in einem offenen Terrarium schwimmen? Warum werden diese Szenen so abgehandelt? Schließlich sind das Momente, die prägend für die Geschichte sind. 
Wie gesagt: Im Film wird das vermutlich funktionieren, im Buch klappt das nicht immer. 

Anderes Problem; Später wird im Buch darauf hingewiesen, dass das „Monster“ jede Nacht in den Tank gesperrt wird. Da passt etwas nicht. 

Während Elisa sich in den Fischmann verliebt, kämpft Strickland weiter mit dem normalen Leben, in das er nach 17 Monaten Dschungel nicht zurückzukehren weiß. Er hasst sich und sein Leben, seine Frau widert ihn an, beim Sex denkt er an Elisa und überhaupt ist Richard Strickland reif für eine Therapie. 

Doch Strickland bekommt noch mehr Probleme, denn der Deus Brânquia ist nicht glücklich über seine Gefangenschaft und Strickland ist alles andere als begeistert, als er bemerkt, dass Elisa beinahe jede Nacht mit dem Deus Brânquia verbringt.
Dann kommt Hofstettler zum Zug und die Situation eskaliert. 

Außerdem finden verschiedene Nebenhandlungen statt: Lainies Weg in die Unabhängigkeit, Giles Kampf um einen neuen Job. 

Und dann sind da noch die Russen, die Interesse an der Kreatur haben und natürlich nicht freundlich um eine Übergabe bitten. 

Es gibt also reichlich Handlungsstränge und Verwicklungen. 

Von Monstern, Fischmännern und der großen Liebe

Die Geschichte über den Fischmann ist nicht neu. 1954 erschien »Der Schrecken vom Amazonas« in den Kinos – eine Verfilmung von Jack Arnold. Wir erinnern uns an den einzigartigen Fisch-Anzug mit Reißverschluss. 🙂

In den Siebzigern erschien das DC-Comic »Swamp-Thing«, das später mehrfach verfilmt wurde, unter anderem von Wes Craven.

Und auch die Story ist bekannt: Eine Frau verliebt sich in ein „Monster“, machtgierige und geldgeile Wissenschaftler bzw. Jäger suchen dieses „Monster“. Und meist gibt es eine Anhängergruppe, die Befürworter und Beschützer des „Monsters“.

»The Shape of Water« ist eine Mischung aus »Kingkong«, dem DC-Comic »Swamp-Thing« aus den Siebzigern, »Der Schrecken vom Amazons« (1954) und »Die Schöne und das Biest«.

Der Schreibstil

Zu Beginn wird deutlich, dass die Suche nach dem Deus Brânquia nur Mittel zum Zweck ist. Irgendwie muss der Fischmann ja gefunden werden. „Genau das passiert dann auch“ ist ein beliebtes Mittel das Thema zu beenden und im nächsten Satz in eine andere Handlung zu springen. Dies wirkt abgehackt und wie ein Drehbuch. 

Der Stil ist manchmal kühl, dabei zackig und schnell. Manchmal sind die Textabschnitte übertrieben schwulstig und mit falschen Bildern bestückt.
Überhaupt gibt es sehr gute, aber auch schlechte Textpassagen, und an manchen Stellen fehlen auch schon mal Wörter oder Satzzeichen. Und nicht immer sind die Abläufe logisch.

Ob diese stilistischen Schwächen die persönliche Stimme des Autors ist, der Lektor diese Ecken und Kanten übersehen hat oder die Übersetzerin aufgrund eines knappen Abgabetermins diese Fehler eingebaut hat, weiß ich nicht. Die Originalausgabe habe ich nicht gelesen.

Doch am Ende zählt die Geschichte, und die ist spannend, die Charaktere interessant. 

Fazit

»The Shape of Water« ist eine tiefsinnige und facettenreiche Geschichte. Fantasy, Science-Fiction, Grusel, Politik, Macht, Sehnsüchte, Freundschaft und Liebe wurden hier miteinander kombiniert. Trotz der kleinen Stil-Schwächen lesenswert!

 

G. Del Torro / Daniel Kraus
»The Shape of Water«
Klappenbroschur, 432 Seiten
Knaur TB, März 2018
ISBN 978-3-426-52307-0
16,99 €

Auch als ebook für 14,99 € erhältlich.

 

Webtipps

 

© Cover: »The Shape of Water« von G. Del Toro / Daniel Kraus / Knaur Verlag

Vielen Dank an den Knaur Verlag für die Zusendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. 

Mach es wie die Gebrüder Grimm: Erzähl es weiter.

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