Interview Brian Lumley – 2004

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Das Interview mit Brian Lumley erschien in der 14. phantastisch!-Ausgabe im April 2004.

Fotos, Cover etc. beschränken sich – wie üblich – auf die Print-Ausgabe.

»Gumboil!«

Ein Interview mit Brian Lumley von Nicole Rensmann

Brian Lumley gehört zu den lebenden Beweisen, dass aus einem Kind, welches mit neun Jahren zu den Schlechtesten in seiner Englischklasse gehörte, ein erfolgreicher Schriftsteller werden kann. Am 02. Dezember 1937 wurde er in England geboren. Sein Vater arbeitete als Minenarbeiter in Horden, einem Kohlebergwerkdorf im County Durham. Brian wollte jedoch nicht in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters treten, wie es ihm sein Englischlehrer riet. Sein Wunsch lautete, Bücher zu schreiben. Doch zunächst wurde er 1958 zum Wehrdienst einberufen, er verpflichtete sich schließlich und gehörte von da an zur Royal Military Police. So lernte er Zypern, Griechenland, Amerika, Italien, Frankreich, Malta und Deutschland kennen. Während des kalten Krieges bewachte er die Berliner Mauer. Die Flüchtlinge, die im Stacheldraht der Mauer stecken blieben, gaben ihm eine bittere Motivation zum Schreiben, wie er selbst berichtet. Und so begann er in den einsamen Nächten nicht nur viel zu lesen, sondern 1967 auch selbst zu schreiben. Seine Vorliebe für H. P. Lovecraft spiegelte sich in den ersten Horrorstorys wieder, die er von Berlin aus an August Derleth schickte, der u.a. auch H. P. Lovecraft publizierte. August Derleth – dessen Bekanntheitsgrad Brian Lumley zu dem Zeitpunkt nicht bewusst war – veröffentlichte prompt seine Geschichten im Arkham House Verlag. Viele Jahre galt Brian Lumley als anerkannter Experte zum Cthulhu Mythos.

Mitte der 70-er Jahre diente er als Quartiermeister des Edinburgh Castle.

1981 verließ er die Armee und schaffte 1984 den Durchbruch als Schriftsteller mit dem Horrorroman »Psychomech«. Die Bände mit den Titeln »Psychosphere« und »Pschomak« komplettierten die Trilogie. Noch im selben Jahr zog Brian Lumley von South Devon nach Torquay um.

Der Tod seines Vaters gebar Brian Lumley eine neue Idee:

»Mein Vater starb einige Jahre, bevor ich die Armee verließ. Er hatte ein erfülltes Leben: Er wurde 84 Jahre alt. Aber als er dort in dem Sarg lag, dachte ich an all die Jahre – zwanzig an der Zahl – die ich fort von zu Hause gewesen war, und an all die Gespräche, die wir niemals hatten führen können. Ich weiß, mein Vater war nur Minenarbeiter, aber trotzdem hättest du sehr lange suchen müssen, um einen intelligenteren Mann – und noch intensiver, um einen nobleren Gentleman zu finden.

Ich denke, ich hätte ihm gerne gesagt, dass ich ihn liebe.
Und so ging ich rüber in seine Stammkneipe und kaufte zwei Pints, eins für ihn und eins für mich. Ich half ihm seines zu trinken und stellte mir vor mit ihm zu sprechen. Ich erzählte ihm vieles von dem, was ich ihm schon vor langer Zeit hätte sagen sollen. Dies war der Keim von »Necroscope«. Und was den Rest angeht, der wuchs von selbst.«

Seit 1986 verfolgen Millionen von Fans die einzigartige Vampir-Serie »Necroscope«, die von dem Totenhorcher Harry Keogh [Kio] und den Wamphyri [Wemm-vier-ie] handeln.

Insgesamt 14 Bände und einige Kurzgeschichten zu »Necroscope« schrieb Brian Lumley im Original, teilweise mit 800 Seiten pro Ausgabe. Viele Jahre traute sich kein deutscher Verlag an diese erfolgreiche und voluminöse Reihe heran. Auch hier, wie bei P.N. Elrod und vielen anderen ausländischen Autoren, wagte sich schließlich Frank Festa an »Necroscope« heran. Die ersten Bände erschienen Anfang 2000, damals noch beim Blitz-Verlag, schließlich kaufte Frank Festa diesem die Rechte für seinen eigenen, im April 2001 gegründeten Verlag ab. Er sagte dazu: »Auch ich sah keine Möglichkeit, meinen alten Wunsch zu verwirklichen und die nahezu epische Necroscope Saga zu verlegen. Erst als mein Bekannter Hannes Riffel von der UFPO Buchhandlung in Berlin die Idee der Aufteilung äußerte, erkannte ich den Weg, auf dem es möglich war. Ich kaufte die deutschsprachigen Rechte ein, splittete den ersten Roman in »Das Erwachen« und »Vampirblut« auf und hoffte auf den Erfolg.«

Voraussichtlich bis ins Jahr 2007 sollen alle »Necroscope« Bände, die aufgrund des Original-Umfangs nach wie vor gesplittet werden müssen, veröffentlicht sein.

Die Serie ist so erfolgreich, dass Frank Festa weitere Rechte von Brian Lumley erwarb.

Mit »Dreamland 1« ging ein vierbändiger Zyklus ins Rennen. Der zweite Teil erschien im November 2003, die letzten beiden Bände sind für dieses Jahr eingeplant. Und das soll noch längst nicht alles sein, was von Brian Lumley im Festa-Verlag veröffentlicht werden wird.
Über 44 Bücher publizierte Brian Lumley, darunter »House of Doors« und dessen Fortsetzung »Maze of Worlds«, sowie sechs Romane der Titus-Crow Reihe. In über elf Ländern gruseln sich die Leser über seine Romane. Weiterhin hat Lumley an die 100 Kurzgeschichten veröffentlicht, wovon die Story »Necros« von Ridley Scott für die TV-Serie »The Hunger« adaptiert wurde. Viele seiner Geschichten finden sich in der Anthologie-Reihe »The Years Best Horror« wieder. 1989 erhielt seine Kurzgeschichte »Fruiting Bodies« den »British Fantasy Award«. Als Originalhörbuch erschien seine Story »The Viaduct«, während »Necroscope – Das Erwachen« in Deutschland als CD-Hörbuch bei LPL Records erschien. Die Firma Classic Plastics brachte sogar einige Sammelfiguren zu »The Source« heraus.

Im Jahre 1990 wurde Brian Lumley von den Lesern des »Fear Magazin« zum bestetablierten Genreautor gekürt. Von 1996 – 1997 war er Präsident der »Horror Writers Associaton of America« und ein Jahr später erhielt er in Phoenix, Arizona den »Grand Master Award« als Anerkennung für seine Arbeit.
Brian Lumley liebt Musik, er hört mit Vorliebe Big Bands: Artie Shawr, Woody Herman, Benny Goodman, Gene Krupa, Glenn Miller oder die Dorseys. Während er schreibt, bevorzugte er lange Zeit Ray Charles. Er ist eng mit Keith Grant-Evans der Rock-Gruppe »The Downliners Sect« befreundet und so lieh er für »Escape from Hong Kong« und »Bookworm« seine Stimme für deren in England erschienenes Rock ´n´ Roll Album »Dangerous Ground«.
Brian Lumley besucht jährlich eine große Anzahl von Cons, um Kontakt zu seinen Fans zu pflegen. Auch seine stets aktuelle Website ist eine gute Informationsquelle für den Fan, leider sind Message Board und Newsletter nicht kostenlos.

Seine sportlichen Aktivitäten wie Paragliding, Speerfischen und Tintenfischjagen lebt er auf seinen zahlreichen Reisen aus, bei denen er ausführlich für seine Romane recherchiert.
Zusammen mit seiner amerikanischen Frau Barbara Ann lebt Brian Lumley nach wie vor in Torquay, Großbritannien.
Brian Lumley ist ein vielbeschäftigter und bodenständiger Typ, wie er selbst sagt, und er bat darum, das Interview nicht zu lang und ohne »psychologische« Fragestellungen zu führen. Wem somit eine Frage in nachfolgendem Interview fehlt, der möge auf Brian Lumleys Website unter FAQ nachschauen, bei www.foltom.de unter »Necroscope« die deutsche Übersetzung dieser häufig gestellten Fragen nachlesen oder auf das bei Tor Books im Oktober 2003 erschienene Paperback »The Brian Lumley Companion« zurückgreifen.

Glauben Sie, dass Sie »Necroscope« jemals begonnen hätten, wenn Sie mit Ihrem Vater noch zu seinen Lebzeiten über all die Dinge gesprochen hätten, die ihnen wichtig erschienen?
Ich hätte »Necroscope« möglicherweise nicht geschrieben, wenn ich nicht realisiert hätte, dass all das Wissen, das es jemals gegeben hat, derzeit gibt und später mal geben wird letztendlich tief begraben werden oder in Rauch aufgehen wird. Mein Vater war ein tiefsinniger und gelehrter Mann, aber als Kind war ich kein guter Zuhörer. Ich bin der Meinung, dass ich viel verpasst habe, was er mir hätte sagen können. Ich bin auch der Meinung, dass das bei den meisten Kindern der Fall ist.

Speziell der erste Teil von »Necroscope« enthält starke Splatterelemente, die sensible Leser abschrecken könnten weiterzulesen. Fällt es Ihnen schwer, solche brutalen Szenen zu schreiben?

Ich schreibe Horror mit einem GROSSEN »H«. Ich habe für diesen »leisen« Horror nichts übrig. Für mich ist »unterschwelliger Horror« oder »Dark Fantasy« ungefähr dasselbe wie ein Western ohne Pferde oder Science-Fiction ohne Aliens und Raumschiffe.
Nein, ich habe kein Problem damit, brutale Szenen zu schreiben. Tatsächlich erwarten das meine Leser auch von mir.

Mögen Sie die Cover Ihrer Bücher, die teilweise sehr gewöhnungsbedürftig sind?
Ich liebe meine grausigen Cover! Frank Festa macht einen großartigen Job, die Cover für meine Bücher auszuwählen. Auch hatte ich das Glück, Bob Eggleton in den USA und George Underwood in Großbritannien für die Covergestaltung zu gewinnen. Ich nenne diese Cover »schön« … schließlich ist das nur eine oberflächliche Sache. Wenn ich diese Burschen nicht hätte – Freunde von mir, die meine Cover gestalten –, dann würde ich mich nach jemandem wie Giger umsehen. Giger packt mich immer wieder. Dieser Kerl drückt dasselbe mit Farbe aus, was ich mit Worten versuche.
Harry Keogh, der Protagonist und Totenhorcher aus »Necroscope«, besitzt parapsychologische Fähigkeiten. Glauben Sie daran, dass es Menschen gibt, die in ähnlicher Form dazu in der Lage sind?

Ich glaube, dass einige Menschen eine Seelenverwandtschaft mit Kind und Kegel besitzen … sie ahnen, sobald es Probleme gibt, selbst wenn Hunderte von Meilen dazwischen liegen. Aber generell glaube ich nicht an parapsychologische Kräfte.

Mit dem 14. Band »Harry Keogh & Other Weird Heroes«, der Ende 2003 als Hardcover in Amerika erschien, schließen Sie die Necroscope Reihe ab. Werden Ihnen die Wamphyri und Harry Keogh nicht fehlen?

Ich versuche mich derzeit an einem Necroscope Spin-off, aber es stellt sich als harte Arbeit heraus. Ich vermisse Harry, ja, aber um ehrlich zu sein wurde es immer schwieriger, ihn am Leben zu erhalten.

An welchem Buch arbeiten Sie derzeit? Verraten Sie den phantastisch! – Lesern ein wenig über den Inhalt und über zukünftige Projekte?
Neben dem neuen Roman (den ich oben bereits erwähnte), habe ich in letzter Zeit Kurzgeschichten und eine Handvoll Novellen geschrieben. Sobald (Falls) ich den neuen Roman vollenden sollte, werde ich möglicherweise mehr von diesem kürzeren Material schreiben. So habe ich damals auch begonnen.

Sollte demnächst eines Ihrer Bücher verfilmt werden, wie sähe Ihre Wunschbesetzung aus?

Meine Wunschbesetzung? Nein, ich denke das überlasse ich der Filmindustrie. Aber ich würde gern meine Kurzgeschichte »Fruiting Bodies« als Verfilmung sehen – und natürlich »Necroscope«.

Sie reisen sehr gern und recherchieren auf diesen Reisen auch für ihre Bücher. Erinnern Sie sich an ein eindrucksvolles Ereignis?

Ich erinnere mich an die Mengen von »Zombies« vor den Spielautomaten in Las Vegas: ihre automatischen Handlungen und glasigen Augen. Das war möglicherweise die Inspiration für »Dead Eddy«, eine »Necroscope« Story aus »Harry Keogh & Other Weird Heroes«. (Außerdem spiele ich manchmal selbst gern.) Aber ich glaube, dass reisen und Leute treffen sehr wichtig für alle Autoren ist … so sammeln wir unsere Charaktere.

Waren Sie nach Ihren teils negativen und traumatischen Erlebnissen in der Zeit Ihres Militärdienstes wieder in Deutschland? Wenn ja, wo? Wie gefällt es Ihnen bei uns? Dürfen wir Sie vielleicht mal auf einem Con begrüßen?

Ich mag Deutschland und die Deutschen tatsächlich sehr! Nein, ich bin nicht mehr zurückgekehrt – aber schließlich war ich über neun Jahre lang in den unterschiedlichsten Orten Deutschlands! Eine meiner liebsten Erinnerungen sind die Besuche beim Schnellimbiss für Bratwurst mit Kartoffelsalat! Niemand macht besseren Kartoffelsalat als die Deutschen! Und es ist durchaus möglich, dass ich eines Tages einen deutschen Con besuche.

Wie viele Stunden schreiben Sie am Tag?

Ich schreibe, wenn ich in der Stimmung bin. Ich habe keine speziellen Uhrzeiten. Wenn ich zwei oder drei Stunden arbeiten kann, ist das in Ordnung. Wenn nicht, nun dann gebe ich mir beim nächsten mal mehr Mühe.

Manche Autoren trinken literweise Kaffee oder essen Süßigkeiten, wiederum andere hungern während der extremen Schreibphase. Was machen Sie, um sich körperlich und geistig während des intensiven Schreibprozesses fit zu halten?

Normalerweise lege ich eine Pause für die Mahlzeiten ein; Ich nehme mir gerne eine Stunde für den Nachmittagsschlaf; Ich halte mich an keine strikte Routine. Warum sollte man diese Dinge forcieren? Wenn die Worte reif sind, kommen sie von alleine.

Ihr erstes literarisches Vorbild war H. P. Lovecraft: Oft wurden Ihre Geschichten mit seinen verglichen. Längst haben Sie sich aber von dessen Schreibstil freigetippt. Welche Bücher, welche Autoren lesen Sie heute?

Ich lese selten irgendetwas! Aber ich habe immer die Geschichten von Jack Vance geliebt. Ich fürchte mich nicht davor ihn zu lesen, weil mir klar ist, dass ich seine schlechten Gewohnheiten nicht kopieren oder imitieren werde. Er hat nämlich keine!

Was halten Sie von Harry Potter und der PotterManie?

Ich weiß nichts über Harry Potter. Aber mir ist bewusst, dass dies außergewöhnliche Bücher sein müssen. Niemand kann so populär werden – so phänomenal populär – ohne wirkliches Talent.

Ihre Website ist informativ und stets aktuell. Wer sorgt dafür, dass es so bleibt?

Dave McDougle ist ein amerikanischer Fan und mein persönlicher Freund; er bearbeitet als Webmaster die Website. Wir treffen uns auf den großen amerikanischen Conventions in Vegas und anderen Orten. Er kommt auch nach England zu den KeoghCons und so weiter. Er ist zwar nur ein junger Kerl – nun, jedenfalls im Vergleich zu mir – aber er ist ein großartiger Typ. Er ist für mich wie ein jüngerer Bruder.

Bei uns heißt es: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Was halten Sie von diesem Spruch?

Meine Frau Barbara Ann (Silky) ist genau so eine starke Frau. Ich schreibe, und sie macht einfach alles andere! Ich käme nicht ohne sie aus.

Gibt es etwas, das Sie unbedingt einmal machen möchten, aber noch nicht den Mut oder die Zeit dazu gefunden haben?

Ja, ich hätte sehr gern das Great Barrier Reef gesehen. Mittlerweile ist der Weg zu weit geworden, also schätze ich, dass ich das auslassen muss.

Sie mögen Katzen und jagen Tintenfische … Ich denke bei Letzterem an ein Foto auf ihrer Website, das einen Tintenfisch zeigt, der an ihrem Bauch klebt. Wie in aller Welt ist er dahin gekommen?

Ja, ich jage Tintenfische in Griechenland. Der auf dem Foto war ziemlich tot, so dass ich keine Gefahr lief, gebissen zu werden. Seine Saugnäpfe waren allerdings immer noch aktiv, also ließ ich ihn einfach an mir kleben. Das ist ein Partyschreck für die Touristen! Oh, und übrigens gibt es deutsche Freunde unter den Besuchern meiner griechischen Insel; sie lieben es, in den Tavernen die Tintenfische zu essen, die ich gefangen habe.

Gibt es eine Frage, die Ihnen noch nie gestellt wurde, sie aber gerne einmal beantworten wollten? Wenn ja, welche wäre das – und die Antwort dazu?

Ich glaube, mir ist schon so ziemlich jede Frage gestellt worden. Aber niemand fragte mich jemals, ob ich als Junge einen Spitznamen hatte. Nun, meine Freunde nannten mich »Gumboil!« (»Zahngeschwür!«) – Frag mich nur nicht, warum, denn ich habe es nie herausgefunden. Vermutlich eine Assoziation mit dem Namen Lumley. Wie auch immer, mir war es egal …

Ich danke Ihnen herzlich für dieses Interview und wünsche Ihnen noch weiterhin kreative Ideen für neue Geschichten.

Es war nett mit dir zu plaudern, Nicole! Cheers!

Informationen und Quellen zum Thema:

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© Nicole Rensmann / Brian Lumley / phantastisch!

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