Interview Frank Schätzing – 2004

phantastisch! 15, Juli 2004 - Interview mit Jonathan Carroll Im Gespräch mit Frank Schätzing

phantastisch! 15
Interviews mit Jonathan Carroll und Frank Schätzing

Nachfolgendes Interview erschien in einer Zusammenfassung bereits bei phantastisch!, 15. Ausgabe (3/2004). Der Vollständigkeitshalber gibt es das gesamte Interview noch einmal hier nachzulesen.

Der Artikel zum Thema »Wir backen uns einen Skandal«, findet sich als pdf-Dokument am Ende des Beitrags. Das Thema ist längst erledigt und muss auch nicht neu diskutiert werden.

Frank Schätzings Roman »Der Schwarm« erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Corine Preis 2004.

Jüngst erhielt er Gold beim Deutschen Hörbuchpreis 2006 für über 145.000 verkaufte Exemplare seines von ihm selbst inszenierten Hörbuch zu »Der Schwarm«.

Außerdem kürte die Zeitschrift Bild der Wissenschaft das Sachbuch »Nachrichten aus einem unbekannten Universum« von Frank Schätzing in der Kategorie Unterhaltung zum besten Buch des Jahres.

Knapp bevor »Der Schwarm« in alle Richtungen ausbrach und die ein oder andere Welle ein wenig zu hoch schlug, erwischte ich Frank Schätzing per E-Mail und interviewte ihn, wie erwähnt, für Mr. Fantastik.

Von schwärmenden Teufeln

Interview mit Frank Schätzing von Nicole Rensmann

In der deutschen Literaturlandschaft blühen durchaus viele einzigartige Blumen. Eine davon trägt den Namen Frank Schätzing. Der im Jahre 1957 geborene Kölner beweist mit dem soeben erschienenen Roman »Der Schwarm« seine Akribie zur Recherche und bescherte dem Verlag Kiepenheuer & Witsch damit nicht nur den umfangreichsten Roman, der im Hause KIWI jemals verlegt wurde, sondern schon kurz nach Veröffentlichung ein Interessenspektrum bei Medien, zu Hörbuch – und Taschenbuchrechten, die seinesgleichen sucht.

Zunächst studierte Frank Schätzing jedoch Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Creative Director in Internationalen Agentur–Networks. 1990 gründete er die Werbeagentur INTEVI zusammen mit einem Partner, ebenso wie das Aufnahmestudio Sounds Fiction, in der er seine Kreativität als Musikproduzent und Komponist auslebt.

Für seine literarischen Werke wurde Frank Schätzing 2002 mit dem Köln Literaturpreis ausgezeichnet. Er kocht gern und sammelt Single Malt Whisky. Zusammen mit seiner Frau Sabina lebt er in Köln. Da er Ruhe beim Schreiben benötigt, arbeitet er meist nachts zu Hause an seinem Laptop oder aber – als krassen Gegenzug – im Brauhaus Päffgen in der Friesenstraße. Denn so Frank Schätzing: »Da ist es so laut, dass es schon beinahe wieder ruhig ist.«

Schlaf empfindet der sympathische Allround-Kreative als Zeitverschwendung und die Tage als zu kurz. Neben seiner Kreativität benötigt er Disziplin und eine Kontrolle über seine Arbeit und den Alltag. So fliegt Frank Schätzing auch nicht, da er dabei die Fäden aus der Hand geben müsste.

Schon während der Schulzeit schrieb er gerne, meist Aufsätze oder Gedichte. 1986 verfasste er einen 1000-seitigen Science–Fiction–Roman, den er aber – so erzählt Frank Schätzing – als eine Fingerübung und Abarbeitung gängiger Science-Fiction-Klischees, sieht. Eine nette Grundidee über den letzten Rest Menschheit in ferner Zukunft, aber aus heutiger Sicht nicht druckbar, meint er weiter.

Ab 1995 schrieb er in der Reihe Kölner Krimis für den Emons Verlag.

Sein erster Krimi »Tod und Teufel«, spielt im mittelalterlichen Köln und erreichte eine Auflage von 250.000 Exemplaren. Für die Hörbuchfassung komponierte er selbst den Soundtrack.

Nach dem kulinarischen Krimi »Mordshunger« 1996 folgte ein Jahr darauf der Roman »Dunkle Seite«. Und ebenfalls 1997 der Sammelband »Keine Angst«, in dem sich sieben phantastische Geschichten präsentieren. Die Musik zu dem gleichnamigen Hörbuch stammt von der Band »The Black Lounge«, die Kompositionen von Frank Schätzing selbst.

Nach einer dreijährigen Schreibpause landete er im Jahre 2000 mit dem Polit–Thriller »Lautlos«, der von einem Attentat auf Bill Clinton während des Gipfeltreffens in Köln handelt, einen weiteren großen Erfolg.

1996 begann er – im Auftrag des Lions Club Deutschland – sich ausführlich mit der Chaos–Theorie zu beschäftigen, was sich auch in seinem aktuellen Roman »Der Schwarm« widerspiegelte. Mit einer Erstauflage von 100.000 Exemplaren bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Roman wird er an seinem Ersterfolg nicht nur anknüpfen, sondern diesen vermutlich sogar überholen. Die Taschenbuchrechte gingen mit einer sechsstelligen Summe an den S. Fischer Verlag, der HÖRVERLAG erwarb die Rechte an der Hörbuchversion. Das Buch wird zudem auch beim Bertelsmann Buchclub zu haben sein. Laut der Verlagsseite herrscht weltweites Interesse an »Der Schwarm«. Für den phantastischen Öko–Thriller recherchierte der Autor über einen Zeitraum von vier Jahren und suchte Hilfe bei diversen Wissenschaftlern. Doch ohne einen Traum, in dem Frank Schätzing über einem Ozean schwebte, durch den ein riesiger Schwarm von übergroßen Fischen zog, wäre »Der Schwarm« nie geschrieben worden.

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Derzeit gehen Sie mit Ihrem aktuellen Roman »Der Schwarm« auf Lesereise. Wie gestalten Sie die Lesungen? Auch mit Musik? Wie empfinden Sie diese Art der Veranstaltungen und die Nähe zum Leser?

Die Lesungen orientieren sich an den örtlichen Gegebenheiten, aber tatsächlich wollen die meisten Veranstalter eine multimediale Lesung. Wo es die Location hergibt, mache ich das mit großem Vergnügen. Musikuntermalte Auszüge aus dem Buch, Zwischenfilme, kleine Gags und Special Effects. Das hat mit einer herkömmlichen Lesung nicht so viel zu tun, es ist eher Kino für den Kopf, nicht richtig einzuordnen, und genau diese Unetikettierbarkeit mag ich. Die Nähe zum Leser bzw. Zuhörer ist natürlich dabei eine andere als im Rahmen einer intimen Lesung in einer kleinen Buchhandlung. Ich versuche den Leuten eine gute Show zu liefern und ihnen wirklich was für ihr Geld zu bieten, aber eine gewisse Distanz ist mir wichtig. Zu viel Intimität vermeide ich.

Sie haben bei einem Quiz eine Hauptrolle in einem Roman verlost. Haben Sie nur den Namen verwendet oder mehr über die Person herausgefunden und auch die Charaktereigenschaften mit eingebaut?

Das Quiz ist bereits ein paar Jahre alt und bezog sich auf den Schwarm. Die Figur ist drin, aber der Reiz der Sache besteht darin, dass es eben nur diese Person weiß und ein enger Kreis von Vertrauten. So wollte es der Gewinner.

Sie recherchieren sehr intensiv für Ihre Romane und beschäftigen sich ausgiebig mit den Themen, über die Sie schreiben. Auch wenn sich die Handlung für den Leser wie eine fiktive Erzählung darstellt, so wird ihm dennoch bewusst, dass Sie keine reine Phantasie schreiben, sondern durchaus mit den Erkenntnissen der Wissenschaft spekulieren. Ängstigen Sie diese möglichen Zukunftsvisionen nicht manchmal selbst?

Kommt drauf an. In “Lautlos”, dem Vorläufer zum Schwarm, habe ich über internationalen Terrorismus geschrieben, ein Jahr vor dem 11.September. Ich habe ziemlich tief geschürft und eine Menge erfahren, und zeitweise wurde mir ziemlich mulmig. So was geht einem näher als die Vorstellung eines 30-Meter-Tsunamis oder mutierter Lebewesen. Grundsätzlich habe ich als Erfinder der Geschichten den größtmöglichen Abstand zur eigenen Idee. Ich grusele mich jedes Mal lustvoll, aber nach Abschluss des Schwarms z. B. bin ich erst mal ans Meer gefahren und schwimmen gegangen.

Gibt es einen Charakter in Ihren Büchern, mit dem Sie sich identifizieren können oder der möglicherweise sogar auf Ihnen selbst basiert?

Es gibt kein definitives Alter Ego, aber natürlich teilt man sich mit seinen Ansichten und Meinungen auf diverse Charaktere auf. Irgendwie stecke ich in allem und jedem, schließlich sind die Figuren in einem Roman Kopfgeburten des Autors, ob gut oder böse. Andererseits schafft man sich schon den einen oder anderen Charakter, in dem man sich austoben kann. Im Schwarm übernimmt diese Rolle sicherlich der norwegische Biologe Sigur Johanson.

Haben Sie sich in Bezug auf die Schriftstellerei durch Seminare oder Literatur weitergebildet?

Nein, aber ich denke und hoffe, ich habe mich verbessert. Sprachlich und dramaturgisch.

Könnten Sie sich vorstellen, nach Ihren wiederholten Romanerfolgen aus der von Ihnen mitgegründeten Agentur auszusteigen und die Tätigkeit als Musikproduzent aufzugeben und sich somit ausschließlich dem Schreiben zu widmen?

Es ist gerade diese Vielfalt, die Spaß macht. Sicher werden sich die Schwerpunkte verlagern. Im Tagesgeschäft der Agentur kürzer treten, dafür mehr übergreifende Kreativkonzepte und Strategien für Unternehmen entwickeln, sofern mich die Aufgabe reizt. Auf alle Fälle weiter komponieren und produzieren. Schreiben, Musik, Performance, ruhig auch mal einen Film drehen. Je mehr kreative Register man ziehen kann, desto spannender das Resultat.

Welche Musik produzieren sie bei Sounds Fiction? Ist das auch die Musik, die Sie privat hören?

Im Augenblick produzieren wir mit Sounds Fiction die Musik für das Hörbuch zum Schwarm, außerdem entstand dort die Musik für meine Lesungen. Im Wesentlichen ist das Filmmusik. Im Bereich Film werden wir auch zukünftig verstärkt arbeiten. Genutzt werden dabei alle musikalischen Möglichkeiten und Stile, je nach Aufgabe. Daneben gibt es rein private Projekte, Musik zwischen Bowie, Björk und Peter Gabriel, klassische Elemente von Strawinsky bis Philip Glass, da ist der Bogen weit gespannt. Das alles entspricht durchaus meinem privaten Geschmack. Ich würde grundsätzlich nichts produzieren, das mir persönlich nicht gefällt.

Sind die Sounds auf Ihren Websites von Ihnen komponiert und bei Sounds Fiction aufgenommen worden?

Ja. Auf www.derschwarm.com gibt es z. B. einen Menü-Punkt “trailer”. Da läuft ein Film ab, den ich mit einem Spezialisten für virtuelle Realität gedreht habe, eine Reise durch das Auge auf dem Buchcover. Es ist der Opener meiner Lesungen, und die Musik dazu war die erste Musik, die wir für den Schwarm produziert haben. Ein ganz schönes Beispiel für Sounds Fiction Musik.

Können und dürfen Sie schon verraten, welches Thema Sie in Ihrem nächsten Roman behandeln werden?

Um Himmels Willen! Neue Ideen und Themen werden sorgfältiger bewacht als die Kronjuwelen!!!

Für »Tod und Teufel« und »Die dunkle Seite« wurden Drehbücher geschrieben. Wie sieht es mit den Verfilmungen aus? Gibt es zwischenzeitlich konkrete Pläne? Und von Ihrer Seite Besetzungswünsche?

Es gibt erste Interessensbekundungen von großen Studios. Der Schwarm ist unter 100 Millionen Dollar gar nicht denkbar, da wird die Luft dünn. Aber wenn ich mir einen Regisseur aussuchen dürfte, wäre es sicher Peter Jackson. Für Johanson gefiele mir George Clooney. Karen Weaver wäre offenkundig ein Fall für Angelina Jolie, aber viel lustiger stelle ich mir vor, da mal die schauspielerischen Qualitäten von Pink anzutesten. Und Judith Li ist eindeutig ein Fall für Lucy Liu oder Demi Moore.

Sie sind ein durch und durch kreativer Mensch und ein Genießer: Schreiben, Musik, Werbebranche und nicht zu vergessen Ihre Leidenschaft: das Kochen und Sammeln von Single Malt Whisky. Ist da noch Platz für Sport, Kino und Theater oder – wenn ich so privat fragen darf – Kinder und Familie?

Schreiben, Musik, Werbung, Kochen und ein paar schöne andere Dinge lassen sich immer hervorragend verzahnen. Alles inspiriert sich gegenseitig. Beim Joggen etwa kommt man auf Ideen für Songs oder Bücher. Privat funktioniert so was mit der richtigen Partnerin, und die habe ich!

Welche Bücher, welches Genre, welche Autoren lesen Sie – zur Unterhaltung oder zur Entspannung?

Fast nur Sachbücher. Belletristik kommt zu kurz, leider das einzige Manko, wenn man auf so vielen Hochzeiten tanzt wie ich. Zuletzt habe ich immerhin Eco’s »Baudolino« geschafft, nettes Intellektuellenabenteuer. Crichtons letztes Buch »Prey« fand ich enttäuschend, anderes von ihm gefällt mir. Ich mag gute Thriller. Außerdem: »Harry Potter V« steht an, Uwe Timms »Am Beispiel meines Bruders«, Frenzen’s »Korrekturen«, und vielleicht nehme ich mir mal wieder die Bücher von Stanislaw Lem vor – seit Jahren nicht mehr reingeschaut und damals heiß geliebt.

Kennen Sie sich in der deutschen fantastischen Szene gut aus? Welche Autoren aus dem Bereich mögen Sie? Vor wessen Arbeit haben Sie großen Respekt?

Leider kenne ich diese Szene überhaupt nicht. Es gab einige Fantasy-Romane aus den Siebzigern und Achtzigern, die ich spannend fand, fast durchgängig von Amerikanern. Ich glaube, die Deutschen beschäftigen sich auch viel mit Fantasy, oder? Abgesehen von “Herr der Ringe” (grandios!) ist das allerdings nicht so sehr mein Genre. Ich habe H.W.Franke in Erinnerung, der gute ethische Ansätze lieferte, aber irgendwie kalt und technokratisch schrieb. Heute? Keine Ahnung. Aber ich bin für jeden guten Tipp dankbar.

Sie sind in Köln geboren und leben dort nach wie vor. Was fasziniert Sie an dieser Stadt?

Toleranz und Gelassenheit.

Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Meine Frau.

Falls Sie noch einmal geboren werden würden und die Chance auf ein neues Leben bekämen – hätten Sie das Bedürfnis, dieses völlig anders als das jetzige zu gestalten?

Auf keinen Fall. Aber ich würde vielleicht ein bisschen fleißiger Klavier üben.

Haben Sie ein bestimmtes Lebensmotto?

Eigentlich nicht, aber es gibt einen Satz von Peter Tschaikowsky, der mir immer imponiert hat: »Man kann nicht aus Angst vor dem Tod auf Zehenspitzen durchs Leben gehen.« Ansonsten gilt: Das Leben ist schön.

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© Nicole Rensmann

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