Interview Christoph Marzi – 2006

In der 21. Ausgabe des Magazins phantastisch!, die im Januar 2006 verschickt wurde, erschien ein Interview mit Christoph Marzi. Seit dem Interview sind einige Veröffentlichungen dazu gekommen. Darunter: Eine aktuelle Story findet sich in der Anthologie »Fantastische Weihnachten« und in seinem Journal präsentiert er während der Adventszeit jeden Tag ein Lesehäppchen.

»Und letzten Endes ist es das, was zählt.«

Ein Interview mit Christoph Marzi von Nicole Rensmann

100 Jahre nach dem Tod seines Vorbilds Charles Dickens wurde der deutsche Autor im Jahre 1970 am 07. Mai in Mayen bei Koblenz geboren. Er hat einen Bruder, wuchs in Obermendig (Eifel) auf und studierte in Mainz. Heute unterrichtet er als Lehrer am wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium die Fächer Volks- und Betriebswirtschaftslehre. Mit seiner Frau Tamara und den beiden Töchtern (Catharina Chiara, Lucia Elisa und Stella Maria) lebt er in Saarbrücken. Entspannung findet er beim Schreiben und Lesen. Obwohl er gerne Filmmusik hört, gelingt es ihm aus Zeitgründen nur selten ins Kino zu gehen.

Christoph Marzi begann mit 15 Jahren seine ersten Geschichten zu schreiben. Zunächst imitierte er die Schreibweise der von ihm bevorzugten Lektüren, die u.a. von Stephen King, Peter Straub oder Dean Koontz stammten. Erst später fand er seinen eigenen Stil und wandte diesen in seinem ersten Roman an. »Charing Cross« ist ein Vampirroman, der jedoch noch nicht veröffentlicht wurde. Mit seinem bei Random House im Dezember 2004 erschienen Debüt »Lycidas« lobte ihn nicht nur die Presse, auch das Publikum wählte den Roman in der Kategorie Debüt national auf Platz 1 des Deutschen Phantastik Preises 2005. Sein Laudator und Freund Markus Heitz meint zu »Lycidas«: Unbedingt lesen! Im Dezember 2005 folgte der zweite Band dieser Trilogie, der den Arbeitstitel »Pequod« trug. Tatsächlich ist das 800 Seiten starke Paperback unter dem Titel »Lilith« seit Dezember 2005 erhältlich. Cover und Illustrationen stammen in beiden Bänden von Dirk Schulz, der ebenfalls im letzten Jahr mit dem Phantastik Preis als bester Grafiker ausgezeichnet wurde.

Mit 15 Jahren haben Sie mit dem Schreiben begonnen. Haben Sie vor »Lycidas« schon etwas veröffentlicht – möglicherweise unter Pseudonym?

Nein, nicht wirklich. Auch nicht unter Pseudonym. Anfang der 90er Jahre gab es ein Literaturmagazin in Mainz, das aber nach wenigen Ausgaben eingestellt wurde. Dort wurde das, was ich selbst als meine erste ernsthafte Kurzgeschichte ansah, veröffentlicht. Nun, ich hoffe nicht, dass das Magazin wegen meiner Story untergegangen ist. Die Ausgabe, die ich besessen habe, ist dann auch während einiger Umzüge verloren gegangen. So was passiert. Wenn Geschichten untertauchen wollen, dann ist ihnen dazu jedes Mittel recht. Im Fall meiner frühen Geschichte denke ich, dass man sie in Frieden ruhen lassen sollte, wo immer sie jetzt auch lebt.

Der erste Kontakt zum Heyne-Lektorat entstand, als Sie zunächst »Charing Cross« einsandten. Doch die Lektorin Frau Vogl ließ Sie zwei Jahre auf eine Antwort warten; in dieser Zeit schrieben Sie »Lycidas«, das vom Verlag genommen wurde. Was ist aus Ihrem Erstling geworden? Ist eine Veröffentlichung möglicherweise in Planung?

»Charing Cross« war ein Horrorroman, der sich um eine historische Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts rankte, eingefasst in eine Rahmenhandlung, die, mit dem nötigen Abstand betrachtet, aber nicht so gut funktioniert hat, wie ich es damals gedacht hatte. Der Kern der Geschichte, den ich vor einem Jahr erneut überarbeitet habe, gefällt mir jedoch noch immer sehr gut, eignet sich von der Länge aber nicht für eine eigene Buchveröffentlichung. Der neue Titel »Vardoulacha« gefällt mir ebenfalls besser als der ursprüngliche, und sollte jemand bei mir anklopfen, weil er eine 100seitige Kurznovelle für eine Anthologie haben möchte, so kann er dies tun. »Vardoulacha« ist fertig und wartet auf den, der mutig genug ist, die Tür zur Gruft aufzustoßen und in die Kellergewölbe der Donaumonarchie hinabzusteigen.

Zwischen »Lycidas« und der endgültigen Fassung von »Lilith« haben Sie ein Jugendbuch und ein Hörspiel geschrieben. Wann und wo erscheinen »Nimmermehr« und »Lily Luna«? Dürfen Sie uns ein wenig über den Inhalt verraten?

»Nimmermehr« ist sozusagen meine persönliche Lieblingsgeschichte und es ist schade, dass sich bisher noch kein Verlag dafür gefunden hat. Einigen Jugendbuchverlagen liegt das Manuskript zur Prüfung vor und ich bin gespannt, ob sich da etwas tun wird. Es ist eine sehr altmodisch anmutende Gespenstergeschichte. Ein sechszehnjähriger Junge verbringt die Zeit um Weihnachten herum auf einer alten Burg in der Eifel, wo er sich verliebt und in die Sagen und Geschichten der Vergangenheit abtaucht, die lebendiger sind, als er es sich gedacht hatte. Es geht um die Macht des Geschichtenerzählens und Geister und einen Raben und es gibt jede Menge Schnee. Und einige schöne Überraschungen. Im Gegensatz dazu ist »Lily Luna« eine richtige Kindergeschichte. Für die wirklich Kleinen. Frank Krämer vom Weltkulturerbe Völklinger Hütte fragte mich vor einem Jahr, ob ich keine Geschichte für Kinder hätte, die man in dem alten Eisenwerk vorlesen könne. So entstand die Geschichte der kleinen Lily Luna, die sich in den weiten Hallen eines Eisenwerks verläuft und dort auf seltsame Gestalten trifft. Im Frühjahr wurde ein kurzes Hörspiel dazu produziert und die Premiere wird, soweit es mir bekannt ist, im März 2006 sein. Vielleicht gibt es dazu noch einen Malwettbewerb für Kinder oder etwas anderes in der Art.

Sie verwenden in Ihren Romanen zahlreiche Namen aus bekannten Romanen bzw. erfolgreicher Schriftsteller, wie z.B. Mieville oder Neil Trent – in Verbindung mit Neil Gaiman und Little Nell Trent). Fragen Sie bei den Autoren – sofern dies möglich ist – nach, ob Sie die Namen verwenden dürfen? Sehen Sie Ihre Geschichte als Hommage?

Nein, nachgefragt habe ich noch nicht. Und sowohl »Lycidas« als auch »Lilith« sind, denke ich, sehr offensichtlich eine Hommage an eine Epoche, die mir selbst ein großes Lesevergnügen bereitet hat. »Lycidas« kommt irgendwie viktorianisch daher mit Dickens als großem Paten. »Lilith« hingegen verbeugt sich vor den klassischen Abenteuergeschichten á la Henry Rider Haggard. Es gibt mehr Sonne und Sand in »Lilith« und zu London gesellen sich noch weitere Schauplätze. Paris und Ägypten sind die wichtigsten neuen Orte, an die es die Mädchen und ihre Gefährten verschlägt. Little Neil Trent ist natürlich eine Anspielung auf Neil Gaiman und Little Nell Trent. Und Mieville – muss ich etwas dazu sagen? Aber letzten Endes sind es Verbeugungen vor den Autoren. Es gibt einen Magister MacDiarmid in »Lilith« und Maurice Micklewhite ist der bürgerliche Name von Michael Caine. Charles Dodgson ist Lewis Carrol und wenn Pilatus Pickwick erzählt, dass er nach seiner Schwester Alicia sucht, die einst in der Hölle verschwunden ist, dann sollte das einige Glocken zum klingen bringen. Ja, diese Anspielungen sind bewusst gewählt und das ist es, was mir beim Schreiben Spaß bereitet.

Der zweite Band »Lilith« ist soeben erschienen. Wie weit fortgeschritten ist der Abschlussband? Gibt es schon einen Titel, einen Termin?

Es gibt einen Arbeitstitel: »Wittgenstein«. Aber der eigentliche Titel wird anders lauten. Erscheinungstermin wird voraussichtlich Dezember 2006 sein. Zumindest ist das der Termin, den ich ansteuere. Ich schreibe gerade am Plot, was sich sehr komplex gestaltet, da viele Personenschicksale zusammengeführt werden müssen. Es gibt in »Lilith« aber schon ausreichend Hinweise darauf, was geschehen könnte. Die Köder sind sozusagen ausgelegt.

Und darf ich fragen, ob Sie uns ein kleines Bisschen aus dem Inhalt verraten würden?

Emilys kleine Schwester wird zum ersten Mal eine aktive Rolle in der Geschichte übernehmen und man wird erfahren, wie Wittgensteins Vergangenheit ausgesehen hat. Der Zwist der großen Häuser wird jetzt ganz direkt im Mittelpunkt stehen und wir werden Pilatus Pickwick auf einigen seltsamen Höllenpfaden folgen. Zudem wird ein Teil der Handlung auf See spielen. Es gibt da ein Schiff namens Pequod, das am Ende von »Lycidas« in See gestochen und nahe San Cristobal verschollen ist. Das ist aber schon alles. Mehr wird nicht verraten.

Haben Sie schon konkrete Pläne, woran Sie nach der Trilogie arbeiten werden?

Es gibt zwei Konzepte, die ich sofort nach »Wittgenstein« in Angriff nehmen werde. Das eine ist ein Jugendbuch mit sehr märchenhaften Elementen (das darf wörtlich genommen werden). Ort der Handlung wird das Deutschland der Gegenwart sein und ich bin gespannt, wie es funktionieren wird. Einige alte Volkssagen werden darin eine Rolle spielen. Das andere Buch wird eine phantastische Komödie oder eine Tragödie sein – mit dem Humor ist das halt so eine Sache. Es wird um Dinge gehen, die sich zwischen Eltern und Kindern abspielen. Mal schauen, wie es sich entwickelt. Und dann gibt es noch ein Konzept für einen großen Fantasy-Roman, der der Auftakt zu einer völlig neuen Trilogie sein könnte (eine Art High-Tech-High-Fantasy-Geschichte). In der Schublade ruht zudem noch ein Krimi über Machenschaften in der Käuferverhaltensforschung, dessen erste Fassung fertig ist.

Wie bilden Sie sich weiter? Besuchen Sie Schreibseminare? Oder sind Sie Autodidakt?

Ich lese sehr viel. Schreibseminare habe ich nie besucht. Das ist wohl alles, was ich dazu sagen kann.

Auf Ihrer Website finden sich Informationen über einen Vortrag vom 15.06.2005 »Stephen King – The Art of Darkness«, den Sie beim Landesinstitut für Pädagogik und Medien des Saarlandes gehalten haben. Schon 1982 brachte Douglas E. Winter Sekundärliteratur zum Thema Stephen King mit gleichem Titel heraus. Gibt es hier Parallelen? Wie kam es zu diesem Vortrag?

Meiner Meinung nach werden zu wenig zeitgenössische Autoren im Unterricht gelesen und viele Lehrer, so habe ich es in meiner Schulzeit erlebt, scheuen sich davor, gerade populäre Autoren zu besprechen. Wenn dann einmal zeitgenössische Autoren besprochen werden, dann meist solche, die es nicht unbedingt schaffen, Jugendliche zu begeistern. Ich habe mit einigen Kollegen über diese Problematik gesprochen und irgendwie ist dabei immer Stephen King ins Spiel gekommen, dessen Geschichten ich selbst seit der Oberstufe verschlinge, und die, so finde ich, eine Würdigung im Englischunterricht verdient hätten. So kam es also zu besagtem Vortrag. Ich habe fünf ausgesuchte Kurzgeschichten besprochen und Lernmaterialien bereitgestellt. Den Titel des Vortrags habe ich natürlich in Anlehnung an Winters Arbeit gewählt. Leider habe ich selbst Douglas Winters Buch nie gelesen. George Beahm, Bev Vincent, Stanley Wiater und Sharon Russel lieferten mir die Sekundärliteratur. Dazu kam natürlich Kings »On Writing«.

Wie reagieren Ihre Schüler auf Ihren Erfolg als Autor?

Sie nehmen es zur Kenntnis, würde ich sagen. Das war`s dann aber auch schon. Die meisten, denke ich, wundern sich höchstens darüber, dass sich ein Lehrer für Wirtschaftswissenschaften noch für andere Dinge interessiert als für Wirtschaftswissenschaften.

Könnten Sie Sich vorstellen Ihren Job aufzugeben und nur noch als Schriftsteller zu arbeiten?

Natürlich war es früher mein Traum gewesen, vom Schreiben leben zu können und die Vorstellung hat noch immer etwas Romantisches. Aber ich mag meinen Job. Und bei aller Kritik, die an Lehrern geübt wird, kann ich nur sagen, dass es viele Lehrer gibt, die ihren Beruf überaus ernst nehmen und auch darum bemüht sind, nicht im Stillstand zu verharren. Jeder, der Lehrer wird, weil er diese Arbeit nicht von ganzem Herzen mag, ist, denke ich, ziemlich fehl am Platze. Um auf Ihre Frage zu antworten: nein, ich kann mir nicht vorstellen, den Lehrberuf aufzugeben.

In »Lycidas« suchen die Menschen ihren Platz in der Welt. Haben Sie Ihren Platz gefunden? Mussten Sie, wenn dem so sein sollte, lange danach suchen?

Ja, ich habe meinen Platz gefunden. Ich habe eine wundervolle Frau und tolle Kinder und das alles an einem Ort, an dem es sich schön leben lässt. Ob ich lange danach suchen musste? Nun ja, hätte ich gewusst, was mich hier erwartet, dann hätte ich mich vor Jahren wohl schon an der Universität des Saarlandes eingeschrieben und nicht in Mainz. Das hätte den Weg zum Glück vermutlich verkürzt. Aber ich bin auch so hier angekommen. Und letzten Endes ist es das, was zählt.

Ich danke Ihnen für das Interview und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!

Ich habe zu danken…

Webtipps:

www.christoph-marzi.de – Die offizielle Website des Autors

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(c) Nicole Rensmann / phantastisch!

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