Kolumne: 365 Tage ohne Social Media – kein Selbstversuch

Webseitenlogo_NR-5500825ev1_site_icon-256x256Warum ich ging, ist nicht wichtig. Einzig relevant ist das »Bäng«.

Ich kappte alle Social Media Verbindungen: Xing, Twitter, Facebook, Stayfriends. Löschte Webseiten, die nur Zeit raubten, aber nichts einbrachten. Ich wendete mich Unnötigem nicht ab – ich killte es.

365 Tage später lebe ich noch.

Was blieb ist meine Webseite, natürlich, und mein Blog, den ich nun ohne Druck mit Informationen und Texten, wie diesen hier, befülle – jeden Tag, einmal die Woche oder zwei Mal im Monat. Frei nach Lust und Laune.

Ich habe es geschafft! Ich litt weder an Entzugserscheinungen, noch suchte ich nach einem Ausgleich in Form von neuen virtuellen Trips. Auch Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten oder andere Drogen brauchte ich nicht.

Ich habe den Ausstieg nicht bereut. Das Abschalten von Twitter und Facebook, das Löschen zahlreicher anderer virtueller Aktivitäten fühlte sich wie ein Befreiungsschlag an.

Sicher. Alle liebgewonnenen Menschen, mit denen ich über Twitter oder Facebook kommunizierte, sind aus meinem Umfeld verschwunden – abgesehen von den geschäftlichen Kontakten. Das mag traurig sein, ich war es aber nicht, denn dieser virtuelle Kontaktverlust hat mich nicht überrascht. Ich bin doch jetzt eine Ex. Letztendlich zählt, was ich mir aus dieser Zeit und durch diese Kontakte mitgenommen, was ich gewonnen habe.

Social Media. Die Bezeichnung für ein Medium, das Kurzlebigkeit und Oberflächlichkeit darstellt. Sozial daran sind die virtuell aufeinander treffenden Menschenmengen.

Social Media gebärt virtuelle Gaffer auf der Internetautobahn und raubt dir nebenbei dein Privatleben.

Wenn du dich darüber aufregst, dass Google Streetview dich beim Frühstücken auf dem Balkon sehen kann, dann bedenke die positiven Seiten: Schon kannst du all deinen Freunden, beruflichen Kontakte, Schulkollegen und ehemaligen Klassenkameraden live zu winken. Das ist doch cool!

Aber ich möchte nicht ironisch werden. Das wäre unfair. Denn natürlich werden mithilfe von Social Media auch berufliche Kontakte geknüpft, gemeinsame Pläne geschmiedet, Partys gefeiert und karitative Aktionen organisiert, die Liebe des Lebens entdeckt oder die besten Freunde gefunden – bis in die Realität und noch viel weiter. Das ist toll und das meine ich frei von Ironie.

Aber der Aufwand ist groß und der Preis oft viel zu hoch:

Reizüberflutung, Realitätsverlust, Geltungssucht, Lügen, Überforderung, Mobbing, Stalking, Spionage, Missbrauch, Bedrohungen, protziges Verhalten und eine private Offenbarung sind die negativen Folgen von Social Media – bis in die Realität hinein und viel viel tiefer.

Wenn du dir von den sozialen Netzen ein Ziel versprichst, dann reicht ein Posting in der Woche nicht. Dann musst du dran bleiben.

Meine Bücher werden nicht mehr über Twitter gepusht, nicht rezensiert, nicht gelesen – zumindest nicht von denjenigen, die mich damals verfolgten und meine Bücher pushten, lasen, rezensierten. Vielleicht schweigen sie auch nur. Denn ich bin eine Ex. Und genau das ist die große Angst eines jeden, der in den engen Maschen des virtuellen Mediennetzes hängen geblieben ist: Ausgrenzung, Informationsverlust, unbeachtet zu bleiben.

Nicht genug Zeit gehabt? Pech. Raus aus der Clique. Die Aufnahmeprüfung nicht bestanden, die zweite nicht durchgehalten. Tschüßi.

Ich bin ausgestiegen.

Mit Distanz betrachtet waren die sozialen Medien – zu denen auch Foren zählen, eine wertvolle Erfahrung, ohne die ich keine Schlüsse ziehen könnte. Aber ich kann. Ich darf. Ich will auch. Jetzt.

Das Internet ist Segen und Fluch zugleich, dessen Oberflächlichkeit sich nur der entziehen kann, der mit beiden Beinen fest im Leben verwurzelt steht.  Und doch ist die Gefahr sich zu verlieren so groß, wie die Weite des www’s. Und das Social Web ist beim Verlieren behilflich.

Seit 365 Tage bin ich clean. Total neu. Total real!

Ich tippe meinem Gegenüber nicht auf die Stirn »Gefällt mir!« – »Gefällt mir nicht!« und wende mich dann dem nächsten Kurztext hin. Ich schaue lieber richtig hin. Vorurteile adé.

Ich habe neue soziale Kontakte  geknüpft – im Social Real –, die mich bereichern. Ich habe neue Aufträge generiert und mein Umfeld in großem Maße erweitert. Ich habe gekämpft und in vielen Disziplinen gewonnen. Denn dafür hatte ich mit einem Mal Zeit.

Ich hatte tatsächlich vergessen, dass die Welt so bunt ist.

Twitter ist die schnellste Informationsquelle – lustig, schön, interessant, aber sie raubt Zeit. Das hatte ich vorher schon verstanden, aber ich fürchtete mich davor, nicht dazu zu gehören und vergessen zu werden.

Wie dumm ich doch war.

Ich gehöre jetzt nicht mehr dazu und fühle mich viel wohler damit!

Ich arbeite mehr als früher und habe doch mehr Pausen. Meine Bücher werden immer noch gekauft – die Absatzzahlen liegen sogar höher, als während meiner Social Media Hochphase -, die Zugriffszahlen auf meiner Webseite und in meinem Blog sind nicht geringer als zu Twitter-Zeiten.

Und so bleibt der einzige »I like it«-Button, den ich klicke, der, den ich mir an die Bluse heften kann:

Ich! Lebe real!

(Danke für die Zeit, die wir hatten, liebes Social Media! Aber es geht mir ohne dich besser.)

 

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