Auf der Flucht

Die Eisenbahn

Die Eisenbahn

Wenn du dich durch die Blogs klickst und die Sozialen Kanäle rauf und runter scrollst, zählt in diesen Tagen nur ein Thema: Die Flucht. Jeder spricht darüber.
Wer bei mir rechte Parolen schwingt oder die Flüchtlinge beschimpft, fliegt sofort raus. Auf braunen Müll habe ich in meinem Umkreis keine Lust. Doch vielmehr entdecke ich Hilfsangebote und Geschichten – Geschichten über Flucht. Aktuelle und die von damals. Fast jeder kennt jemanden, der schon einmal aus seinem Land vertrieben wurde. Die aktuellen Geschehnisse bringen diese Erinnerungen – meist erzählt von Opa oder Oma – noch einmal nach oben. Das ist wichtig. Und es ist gut, dass so viele darüber schreiben.

Mein Vater war sechs als er aus seiner Heimat vertrieben wurde – mutterlos.

Seine Geschichte habe ich 2008 aufgeschrieben und ihm als gebundenes Buch geschenkt. Heute scheint mir sein Erlebnis noch präsenter, noch wichtiger, als in all seinen Erzählungen im Laufe der Jahre.

Ein Ausschnitt:

»Die Eisenbahn – Die Novelle eines Flüchtlingskindes«

Schüsse.
Schreie.
Alle gingen in Deckung. Oma Paula zerrte Hermann auf den Boden. Heute wurde nur an ihm herumgezerrt.
Die Hoffnung war mit einem Mal zerschossen, die Flucht vorbei. Und Mama war Zuhause geblieben. Bremsen quietschten. Hermann hatte Angst. Die Bahn stoppte, Soldaten drängten in die Waggons, schubsten, befahlen und zerrten die Menschen wieder in die kalte Nacht.
Thorn. Sie waren in Thorn, hatte Oma gesagt bevor die Schüsse begonnen hatten. Aber sie wollten doch nach Berlin?

In einer Reihe sollten sie sich aufstellen. Wer nicht schnell genug reagierte, erhielt einen Tritt oder einen Stoß mit dem Gewehrkolben. Oma und Tante Else sorgten dafür, dass Hermann zwischen ihnen stand, unbeweglich. Erstarrt wie eine Puppe.
»Sei still«, zischte die Tante ihm zu. Dabei hatte er gar nichts gesagt.
Er zitterte. Auch vor Kälte.
Hermann betrachtete die Wolken, die der Atem der Passagiere produzierte, große und kleine, manche über ihm, bei den Erwachsenen, oder mit ihm in einer Reihe. Er stellte sich viele Loks aneinander gereiht vor, keine Waggons. Nur zischende, dampfende Loks, die nach Leslau rasten und seine Mutter abholten, um sie gemeinsam nach Berlin zu fahren. Soldaten kamen in seinem Tagtraum in dieser eisigen Nacht nicht vor.
Die Kälte kroch in seine Stiefel und fraß sich in die nackten Füße.

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