Gewebewelten – Verloren im Gedankenlabyrinth, 3. Kapitel

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3. Kapitel

Die Arme ausgestreckt, die Augen weit aufgerissen, tastete sich Jana blind durch die Dunkelheit. Sie fürchtete gegen eine Wand zu laufen oder sich an einem Regal zu stoßen. Der Schemel, den sie zur Seite gestellt hatte, damit die Jungs den Teppich im Vorraum ablegen konnten, musste in der Nähe stehen. Jana ging vorsichtig, fühlte mit den Schuhspitzen vor, um nicht über den zusammengerollten Teil des Teppichs zu stolpern. Doch sie fand ihn nicht.

Das Bumm-Bumm-Bumm ihres Herzens hämmerte in den Ohren. Trotz der wachsenden Panik nahm sich Jana vor, gelassen aus dem Keller zu spazieren. Wenn es ihr nur endlich gelingen würde, die Tür zu finden.
Jana glaubte seit Stunden im Kreis zu laufen und doch wusste sie, dass nicht mehr als ein paar Minuten vergangen sein konnten. Sonst hätte doch wenigstens René sie rausgelassen?!

Panik schnürte ihr die Luft ab. Stille.

Nur das Wummern ihres Herzens, das nun auch ihren Körper und den gesamten Raum auszufüllen schien. Welchen Raum?

»Ihr habt gewonnen! Helft mir. Bitte! Ich habe Angst!«

Keine Antwort. Ihr Schluchzen verhallte im Nichts.

*****

»Ich hab sie nicht gefunden.« Lisa kehrte als letzte ins Archiv zurück. Sie hatte sich die Haare gekämmt und die Lippen nachgezogen, vermutlich mit ihren Freundinnen getratscht, aber nicht nach Jana gesucht.

»Wir müssen Stonehenge die Wahrheit sagen.« Mit einer Handvoll Gummibärchen versuchte Tobias weitere schlechte Ideen im Keim zu ersticken.

»Und was willst du ihm sagen?« Timo tippte sich mit dem Zeigefinger vor die Stirn. »Der hält uns doch für bescheuert.«

»Dieses Miststück versaut wieder alles.« Lisa lehnte an der Wand und betrachtete ihre Fingernägel.

Tobias kaute, schluckte und puhlte sich mit dem Zeigefinger Gummibärchenreste aus den Zähnen.

»Und was ist die Wahrheit? Ich habe nur die statische Ladung gespürt. Die Tür ist nicht geöffnet worden. Jana muss hier sein.« René legte den Kopf schief und wandte sich langsam nach rechts, dann links. Er horchte nach Geräuschen, die sie nicht wahrnahmen.

»Und warum hast du dann im Gebäude nach ihr gesucht, René, wenn du davon überzeugt bist, Jana würde sich hier verstecken?« Ohne Spott sprach Lisa selten.

»Weil ich mich auf eure Augen verlassen habe.«

»Wenn ihr es Stonehenge nicht sagen wollt, dann bin ich dafür, dass wir den Keller aufräumen. Irgendwann taucht sie schon wieder auf.« Tobias packte sich ein paar Ordner und brachte sie aus dem Archiv in den Flur.

»Da mach ich nicht mit. Wenn Jana sich drückt, müsst ihr meinen Teil auch erledigen.«

»Dann schlag doch was besseres vor, Lisa!« Timo ertrug sie nicht mehr. Wäre sie doch verschwunden, anstelle von Jana.

»Ihr seid die Streber, lasst euch was einfallen!« Mit der dünnen Schuhsohle ihrer Sandalen fuhr Lisa über den Teppich, bückte sich, schnippte einen Flusen fort und setzte sich dorthin, wo Jana zuvor gesessen hatte.

»Pass auf, gleich macht es wusch und du bist auch weg«, sagte Tobias grinsend und schob sich ein Schokodrops in den Mund. Die Taschen seiner Cargohose schienen die Miniproduktion der Süßwarenfirma seiner Eltern zu enthalten. Timo wartete auf Lisas Schimpftiraden, die sie über Schoko-Tobi ergießen lassen würde wie einen heißen Topf Fett. Doch sie schwieg. Und begann zu weinen. Ein Druckmittel, mit dem Lisa viele ihrer Probleme regelte.
Vor einem Jahr hatte er die Absicht dahinter noch nicht erkannt. Damals hatte sie ihn auf Knien angefleht, sie nicht zu verlassen. Seitdem klebte er an ihr und nutzte ihre Connections für seine schulische Karriere, zum fragwürdigen Stolz seines Vaters.

»Ich kann nichts dafür, dass ich so bin. Ihr drängt mich doch dazu! Ich wollte nie die Bitch sein, die alle fertig macht.«

Doch diese Verzweiflung klang ehrlich. Timo wusste mit echten Tränen nicht umzugehen. Zum Glück nahm sich Schoko-Tobi der weinenden Lisa an, hockte sich zu ihr auf den Teppich und gab ihr ein Bonbon. Schokolade, ausgerechnet.

Nun würde Lisa ihn ankeifen, ihr nicht zu nahe zu kommen und mit dem Zeug zu verschwinden, doch stattdessen nahm sie den süßen Trost an und bedankte sich.

Die schüchterne Jana hatte sie alle beschimpft und war verschwunden. Lisa heulte sich die Augen aus und Tobias gab ihr von seinem Süßigkeiten-Vorrat ab, den sie – Lisa – dankend annahm. Drehten denn jetzt alle durch?

→Fortsetzung lesen.

© Nicole Rensmann 2015

In unregelmäßigen Abständen werde ich den aktuell 300 Seiten starken, noch nicht veröffentlichten Fantasy-Roman »Gewebewelten« kapitelweise veröffentlichen. Wenn dir gefällt, was du liest, freue ich mich über dein positives Feedback und/oder eine Spende. Doch auch Kritik ist erlaubt. Bitte verwende die Kommentarfunktion. Danke. Und viel Spaß beim Lesen.



Gewebewelten – Verloren im Gedankenlabyrinth
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