Gewebewelten – Verloren im Gedankenlabyrinth, 4. Kapitel

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4. Kapitel

Keine Wände, keine Tür, keine Regale. Nichts, was Jana ertasten könnte. Nirgends Licht, alles still. Nur in Jana wütete ein Sturm, genährt von Panik.
Sie wollte nicht darüber nachdenken, wo sie sich befand.
Keine Wände.
Alle Ausgänge verschlossen und jede Ritze zugeklebt.
Keine Tür.
In absolute Leere verdammt.
Nichts.
Zurückgelassen in der Dunkelheit.
Allein.
War sie tot?
Jana blieb stehen, ließ die schmerzenden Arme sinken und sackte in sich zusammen, kauerte auf dem Boden, umklammerte ihre Beine und wiegte sich hin und her.
Sie weinte. Die Angst fühlte sich übermächtig an. Die Verzweiflung schmeckte bitter.
Tränen rannen an ihren Wangen hinab.
»Lasst mich raus. Bitte. Lasst mich hier raus!«

*****

Timo rollte den Teppich zwei, drei Lagen weiter aus, setzte sich schräg hinter Lisa darauf und strich über das Gewebe. »Komisches Teil.«
»Find ich nicht«, widersprach Lisa.
»Du bist sauer.«
»Ich bin nicht sauer. Ich bin traurig und enttäuscht. Ich möchte nicht länger die Zickenliese sein.«
René lachte. »Was haben sie denn mit dir gemacht?«. Er tastete sich auf sie zu, strich über ihren Kopf und verwuschelte die Frisur. Das hätte vor kurzem einen Schreikrampf ausgelöst, jetzt seufzte Lisa nur. Nicht mehr als ein leises Seufzen für das Heiligtum Nummer Zwei – Nummer Eins waren Lisas Fingernägel –, das René absichtlich durcheinander gebracht hatte. Er grinste frech, setzte sich neben Tobias und strich mit beiden Händen über den Teppich. Zärtlich, als sei es der Rücken seiner Freundin. Wunschdenken. Renés Freundin hatte ihm kürzlich den Laufpass gegeben. Er hatte fremd geknutscht. Selbst Schuld.
»Fühlt sich in der Tat merkwürdig an, metallisch.«
»Wenn jetzt Stonehenge reinkommt, sind wir erledigt.« Vor Aufregung vergaß Tobias, sich Bonbons in den Mund zu stecken.
»Ich mag sie«, sagte Timo, riss die Augen auf und wunderte sich über die Worte, die über seine Lippen gekommen sein mussten, die er vorher nicht einmal gedacht hatte. Alle drehten sich zu ihm um. »Wen?«
Das würde er niemals sagen. Doch er spürte wie sich die Buchstaben einen Weg nach draußen suchten. Er presste seine Lippen fest aufeinander und schlug die Hände vor den Mund. Nein! Niemand durfte das jemals erfahren.

»Die Zicke zu spielen ist anstrengend,« sagte Lisa. »Aber davon habt ihr keine Ahnung. Jana hatte Recht. Tobias, du bist ein Fettkloß. Irgendwann macht es Bumm und du bist weg.« Sie klatschte in die Hände, der Ton schallte von den Wänden und jagte Timo eine Gänsehaut über den Rücken.
»Sicher.« Tobias blieb unbeeindruckt, zog ein Bonbon aus der Tasche, betrachtete es und steckte es zurück. Das hatte es auch noch nie gegeben.
Eine Stimme flüsterte zu Timo.
Du musst es sagen. Nur wer die Wahrheit spricht, erhält Zugang zu mir.
Hastig drehte er sich um, Lisa spielte mit ihren Fingern, René strich über den Teppich und Tobias sinnierte vor sich hin. Wer hatte das gesagt?
»Sollen wir Wahl, Wahrheit oder Pflicht spielen?«, fragte Lisa.
»Was? Wie kommst du darauf?« Timo fühlte sich in die Enge getrieben und kämpfte gegen den Drang an, ein Wort auszusprechen, eine Antwort auf eine Frage, die keiner gestellt hatte.
Ohne dass jemand eine Reihenfolge vorgab, sprachen sie nacheinander
»Ich bereue meinen Fehltritt.« – René.
»Ich will die Fabrik meiner Eltern nicht übernehmen.« – Tobias.
»Du liebst mich nicht.« – Lisa.
»Jana.«
Die Wahrheit.
Wahrheit schmerzt.
René schrie als erster.

→ Hier geht es weiter. Demnächst.

© Nicole Rensmann 2015

In unregelmäßigen Abständen werde ich den aktuell 300 Seiten starken, noch nicht veröffentlichten Fantasy-Roman »Gewebewelten« kapitelweise veröffentlichen. Wenn dir gefällt, was du liest, freue ich mich über dein positives Feedback und/oder eine Spende. Doch auch Kritik ist erlaubt. Bitte verwende die Kommentarfunktion. Danke. Und viel Spaß beim Lesen.



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