Gewebewelten – Verloren im Gedankenlabyrinth, 5. Kapitel

Gewebewelten_CoverFortsetzung

5. Kapitel

Dieser Ort, ein Schwamm, der Janas Schluchzen und das stetige Bumm-Bumm-Bumm ihres Herzens aufsog und wieder über ihr auswrang. Es gab nur Jana und ihre Verzweiflung. Sonst nichts.
Minuten, Stunden, Tage – sie hatte ihr Zeitgefühl verloren – weinte sie, schwieg, haderte. Doch dann, mit einem Mal ergänzte ein Rauschen Janas Gefühlskonzert. Sie stand langsam auf, lauschte, starrte in die Dunkelheit, die ihr nicht mehr so dunkel erschien. Das Gesicht tränennass, die Hände feucht. Sie spürte Feuchtigkeit, die ihre Sneakers durchweichte und den Saum ihrer Jeans tränkte.

Wasser? Besser Cola. Vielleicht stand sie in einem Bad aus Zitronenlimonade. Milch? Jana hasste Milch. Sie kicherte. Verrückt.
Jana bewegte sich keinen Schritt weiter, bückte sich, tauchte eine Hand in die Flüssigkeit, roch, schmeckte. Salzig.

Ein schwacher, vom Boden ausgehender Schimmer durchbrach die Finsternis. Die Flüssigkeit leuchtete. Jana erkannte Schemen ihres Körpers – Beine, Arme. Doch Schatten der Regale, die im Archiv hätten stehen müssen, sah sie nicht. Keine Tür. Keine Wände.

Das Wasser reichte ihr bis zu den Waden und stieg weiter. Und mit dem Pegel wuchs auch die Angst.
Sie würde ertrinken! Doch sie schrie nicht länger um Hilfe, das hatte sie aufgegeben. Keiner würde kommen und sie aus diesem Loch befreien. Aber ihr Herz klopfte noch schneller und Schwindel ließ sie taumeln.

Im matten Licht der glänzenden Wasseroberfläche watete sie vorsichtig durch die salzige Flüssigkeit, die ihr nun bis zu den Knien reichte. Jana wischte sich durchs Gesicht und die letzten Tränen fort.
Das Rauschen endete in einem leisen Tröpfeln. Jetzt würde sie nicht ertrinken, aber verhungern und verdursten. Wie viele Tage konnte ein Mensch ohne Nahrung und Wasser aushalten? 48 Stunden oder mehr? Was die Flüssigkeitszufuhr betraf, da war sich Jana nicht sicher, aber jeder gesunde Mensch hielt es mehrere Tage ohne Nahrung aus. Doch Jana war nicht gesund.

*****

Ihre Schmerzensschreie stoppten jäh, als sie aus dem freien Fall in eine Lache stürzten.
»Was? Wieso?« Renés Stimme drückte die Überraschung aus, die auch Timo empfand. Zeitgleich sprangen sie auf, dicke Tropfen spritzte zu allen Seiten, als auch Tobias seinen ungelenken Körper hochstemmte. Nur Lisa schien darauf zu warten, dass ihr jemand aufhalf, doch keiner der Jungs kümmerte sich um sie.
»Was ist das hier?«, schrie Lisa. »Wo kommt das her? Diese Schmerzen. Oh Gott.«
»Ich hoffe, die kommen nie wieder«, sagte Timo. Für wenige Sekunden hatte er geglaubt, er müsse sterben, wenn der Schmerz, der seinen gesamten Körper, seinen Geist beherrscht hatte, nicht bald endete. Und dann war es vorbei.

»Verdammte Hacke, sowas Grausames habe ich noch nie gespürt. Als wäre mein Körper zusammengepresst und irgendwo ausgespuckt worden.« René bückte sich und ließ die Flüssigkeit durch seine Hände gleiten, er fühlte, er roch daran, er leckte, konnte aber nicht sehen, dass leuchtende Wasserperlen aus seiner Hand tropften.

»Salzig.«

»Ein Wasserrohrbruch? Wir müssen hier raus, bevor der Druck des Wassers die Metalltür versperrt«, rief Timo. »Los!« Er watete ein paar Schritte durch das Wasser, wechselte dann die Richtung.
Lisa stand endlich auf. Glitzernde Tropfen perlten von ihrer Hose ab. »Und wo ist die Tür?«
»Bleibt ruhig. Ich kann sonst nichts hören«, René neigte den Kopf zur Seite. Er lauschte.

»Was nützt es, wenn du was hörst? Wir ertrinken gleich!« Lisa klammerte sich an Timos linkem Arm fest und hüpfte von einem Fuß auf den anderen, als könnte sie springend der steigenden Flut entkommen.

»Psst. Hier weint jemand, weiter entfernt. Es kommt von dort.« Er zeigte in eine Richtung, dann in die andere. »Oder von dort. Hört ihr das nicht?«

»Ich höre nur Wasserrauschen.« Kleine Wellen klatschten gegen Timos Kniescheibe. »Lisa, bleib stehen!« Sie gehorchte und starrte auf die leuchtende Oberfläche der mit einem phosphoreszierenden Stoff versetzten Flüssigkeit.

»Das ist unheimlich.« Ihre Fingernägel bohrten sich in Timos Arm, sie biss sich auf die Unterlippe und schien kurz vor einem hysterischen Anfall. Timo auch.

»Allerdings. Salzwasser, wenn Renés Geschmackssinn nicht getrübt ist. Und leuchtendes dazu. Ich hätte in Physik besser aufpassen sollen«, sagte Tobias. Sein Mund stand still, er kaute nichts. Überraschenderweise. Im Schatten der glänzenden Wasseroberfläche sah er wie ein dicker Geist aus. Unheimlich, ja.

Timo versuchte sich aus Lisas Griff zu befreien. »Lass mich los, Lisa. Du reißt mir noch den Arm ab.«

Zögerlich lockerte sie ihre Umklammerung, Timo trat ein Stück zur Seite, und Lisa ließ ihn los. Sie schlang ihre Arme um den eigenen Oberkörper, zitterte. Angst. Kälte. Doch Timo verspürte kaum Mitleid, nur die eigene Panik, die ihm den Hals zuschnürte – Platzangst. Er wollte schnellstens aus dem Raum und kämpfte sich ein paar Schritte durch den steigenden Fluss. Die Tür musste nur ein paar Schritte entfernt sein.

»Leute, wenn ihr irgendwas seht, wäre es nett, wenn ihr mich zum Ausgang führen könntet, ich bin total orientierungslos.«

»Denkst du wir nicht? Meinst du, nur weil du blind bist, hast du ein Sonderrecht auf Rettung?« Lisas Stimme bebte – mehr Furcht als Wut.

»Reg dich ab, Lisa. Mein Gefühl sagt mir, dass wir uns nicht mehr im Archiv befinden. Irgendwo im Nirgendwo.«

»Du hast ein Gefühl? Na großartig! – Timo, kannst du mich hier rausbringen?«

Nur ein Traum, eine andere logische Erklärung akzeptierte Timo nicht. Dann würde er aufwachen, wenn ihm das Wasser bis zum Hals stand, vielleicht gelang es ihm auch vorher. Manchmal konnte er sich selbst dazu bringen, einen Alptraum zu beenden.

»Das war Stonehenge. Der will uns eine Lektion erteilen, wetten? Der hat uns unter Drogen gesetzt.« Das übertrieben starke Nicken ließ Tobias wie ein fetter Mops aussehen.

Authentischer Traum und ein bisschen lustig. Auf Mopsgesichter hatte Timo keine Lust. Zeit aufzuwachen. Doch Timo erwachte nicht. Auch dann nicht, als Lisa erneut ihre Fingernägel in seinen Oberarm bohrte.

»Hat der Blindfisch recht? Sind wir nicht mehr im Archiv? Ist das ein Abwasserkanal? Gibt es hier Ratten?« Mit jedem Wort wurde Lisas Stimme leiser.

»In einem Abwasserkanal stinkt es nach Fäkalien und Lösungsmittel«, meinte René. »Hier riecht es muffig.« Er schnüffelte lautstark. »Fast wie der Teppich!?«

»Den Muffgeruch rieche ich auch«, bestätigte Tobias, und auch Timo erkannte den Geruch nach Keller und altem Gewebe.

»Ich riech nichts.« Diesmal klammerte Lisa sich nicht an Timos Arm, sondern hielt sich an seiner Taille fest. Ihre Pupillen waren geweitet, als habe sie tatsächlich Drogen genommen. Das würde erklären, was sie sah und spürte, aber nicht, dass alle anderen das Gleiche erlebten.

»Lisa, lass mich los!«

Sie gehorchte, langsam. Dann zog Timo sein Smartphone aus der Hosentasche und Lisa schrie vor Begeisterung auf.

»Ja, ruf die Polizei, die Feuerwehr! Hol uns hier raus! Mein Held.« Sie versuchte ihn zu küssen, doch er drehte den Kopf weg.

Das Display blieb dunkel.

»Und?«, fragte Tobias.

»Es funktioniert nicht.« Er tippte auf die Tasten, nahm den Akku raus, setzte ihn wieder ein, drückte erneut den An/Aus-Schalter. Nichts. Das Smartphone blieb tot.

»Bestimmt hast du wieder den Akku nicht aufgeladen«, zeterte Lisa.

»Ich habe auf den Anruf meines Vaters gewartet. Schon vergessen?«

»Die Teile können auch schon mal ihren Geist aufgeben«, mischte sich René ein.

»Aber doch nicht jetzt!«, schrie Lisa, raufte sich die Haare und wiederholte flüsternd: »Doch nicht jetzt.«

»Wer hat sonst noch sein Handy dabei?«

→ Hier geht es mit dem 6. Kapitel weiter.

© Nicole Rensmann 2015

In unregelmäßigen Abständen werde ich den aktuell 300 Seiten starken, noch nicht veröffentlichten Fantasy-Roman »Gewebewelten« kapitelweise veröffentlichen. Wenn dir gefällt, was du liest, freue ich mich über dein positives Feedback und/oder eine Spende. Doch auch Kritik ist erlaubt. Bitte verwende die Kommentarfunktion. Danke. Und viel Spaß beim Lesen.



Gewebewelten – Verloren im Gedankenlabyrinth
Roman von Nicole Rensmann: Zur Übersicht

Mach es wie die Gebrüder Grimm: Erzähl es weiter. - Beachte die Datenschutzerklärung.