Gewebewelten – Verloren im Gedankenlabyrinth, 6. Kapitel

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6. Kapitel

Janas Smartphone verfügte über einen Notfallknopf, mit dem sie die Krankenstation und ihre Eltern benachrichtigen konnte, wenn es ihr nicht gut ging. Doch der Akku war leer, sie hatte ihr Handy an die Steckdose angeschlossen, bevor sie ins Archiv gegangen war. Keine Chance auf Rettung.

Verhungern würde sie nicht, auch nicht verdursten. Vermutlich fiel sie ins Koma, nachdem sie abwechselnd frieren, schwitzen und kurze Zeit später phantasieren würde. Ein sicheres Zeichen, bei dem ihre Freunde sofort reagiert hätten: »Jana, iss dir was!« Ihre beste Freundin hatte immer Traubenzucker für sie parat. Doch Jana hatte im Internat keine Freunde.

Fruchtsaft, Cola oder Gummibärchen würden ihren Zuckerhaushalt nur kurzfristig auf Kurs bringen. Sie brauchte Kohlenhydrate. Wie viele, das konnte sie nur ahnen. Nichts von alldem hatte sie mitgenommen. Schlampig hätte ihre Mutter gesagt, nachlässig ihr Vater. Ihre Psychologin hätte einen Fachbegriff für ihre Vergesslichkeit gehabt und einen pubertierenden Kriegsangriff gegen sich selbst diagnostiziert. So was in der Art. Jana hatte ihre Krankheit einmal ignoriert, das war doch nach zehn Jahren auch erlaubt. Jetzt bereute sie es. Ihre nassen Schuhe quietschten bei jedem Schritt. Das mattglänzende Wasser gab ihr Licht, brachte aber feuchte Kühle, die an ihren Beinen hochkroch.

In der rechten Tasche ertastete Jana ein kleines Quadrat. Sie wischte sich die nassen Finger am Shirt ab und zog ein Plättchen Traubenzucker aus der Hosentasche ihrer Jeans, die sie am Morgen von der Wäscheleine genommen hatte.
Die Folie hatte den schnell löslichen Zucker in der Waschmaschine zum größten Teil geschützt. Nur die Ecken hatten sich aufgelöst. Egal. Jana wickelte den roten Faden ab, die Folie löste sich von selbst und fiel ins Wasser. Der Traubenzucker schmeckte schal. Aber er würde dafür sorgen, dass ihr Blutzuckerspiegel nicht unter komatöse Werte sank. Für einen schnellen, kurzen Moment.

Erst einmal musste bisher die Notfallspritze eingesetzt werden. Ihre Eltern wussten davon bis heute nichts, sie hatten sich auf Kreta erholt, während Jana bei ihrer Oma geblieben war. Oma war es auch gewesen, die Jana die Spritze in den Oberschenkel gerammt hatte, nachdem sie aufgrund einer schweren Unterzuckerung ins Koma gefallen war. Jana selbst hatte erst am nächsten Tag gewusst, was geschehen war. Drei Tage hatte sie im Krankenhaus bleiben müssen. Ihre Jeans hatte vom Einstich ein kleines mit Blut umrandetes Loch zurückbehalten, und auf ihrem Oberschenkel hatte sich ein blauer Fleck von der Größe einer 2-Euro-Münze gebildet. Abgesehen von den Kopfschmerzen und der Übelkeit, an denen sie zwei Tage lang gelitten hatte. Keine schöne Erinnerung.

Doch die Notfallspritze lag im Kühlschrank auf ihrem Zimmer, sie nutzte ihr nichts. Und Oma war nicht da. Oma war vor vier Jahren gestorben. Wäre sie selbst auch tot, bräuchte sie nichts mehr von alldem. Dieser Scheiß-Diabetes.

Jana zitterte, drehte sich um die eigene Achse, die hell leuchtende Flüssigkeit spritzte an ihren Armen hoch. Jana zuckte zusammen – kalt – und verschränkte die Arme vor der Brust.

Langsam kämpfte sie sich durch den Fluss. Anstrengend. Jana stieß auf keine Wand, keine Tür, nur auf ein großes dunkles Nichts, in Schemen getaucht, dank der fluoreszierenden Wasseroberfläche. Schatten gab es hier zu viele. Doch keiner ähnelte ihr. Sie zwang sich voran zu gehen und den Verstand auszuschalten, was ihr erstaunlich gut gelang. Denken erzeugte Wahnvorstellungen, und die daraus entstehende Panik wüsste sie nicht nieder zu kämpfen. Ihre Beine schmerzten, und das Wasser klammerte sich an ihre Fersen, durchweichte Stoff und Haut. Jeder Schritt ein Marathon.

Ihre Augenlider fielen zu. Jana schreckte auf.

Nicht einschlafen. Weitergehen!          

Ihr Flüstern hielt sie wach.

Die Gedanken – kaum zu kontrollieren. Die Angst wuchs mit den bunter werdenden Bildern im Kopf. Jana wollte nicht darüber nachdenken, was geschah, wenn Sie keinen Ausgang fand. Und schon war es geschehen. Was wäre wenn?

Sie dachte an ihre Oma und lächelte matt. Die Erinnerung verblasste zu schnell.

Weitergehen. Weitergehen. Augen auf. Nicht einschlafen.

Jana dämmerte vor sich hin, ihr Kopf sank zur Seite.

Und weitergehen. Das Kinn berührte ihre Brust – nicht einschlafen – der Körper zuckte zusammen. Der Adrenalinstoß riss ihre Augen auf. Ihr Herz pochte schmerzhaft.

Geh weiter! In diesen kürzer werdenden Wachzuständen fürchtete sich Jana vor dem Wasser, unter dessen glitzernder Oberfläche sie nichts erkannte. Golden und silbern. Schön. Und furchtbar undurchsichtig.

Ihre Gedanken wanderten in die Tiefe, dorthin wo die Lichttropfen keinen Zugang hatten. Dunkle Ecken und kalte Schluchten. Dort lauerte die Gefahr. In jedem Buch, in jedem Film wartete das Böse im Wasser auf den richtigen Moment, um den Protagonisten anzufallen. Jana war dieser Protagonist. Allein. Und in Gefahr.

Die Oberfläche kräuselte sich und zog Hakennasen, als müsse sie Jana zunächst erschnuppern, bevor die größer werdenden Wellen versuchten, sie zu erschlagen.

Jana rannte, doch die Wassermassen hinderten sie daran, rissen an ihrer Kleidung, ertränkten Hoffnung und Mut.

Schaum auf den Wellen. Tollwütig verschlangen sie Jana. Wassermonster griffen nach ihr, zerrten an Armen und Haaren und Jana in die Tiefe.

Sie schrie, stürzte, kämpfte sich hoch, spuckte Wasser.

Hände, aus Wasser geformt, mit silbergold lackierten Nägeln legten sich über ihren Mund, erstickten ihre Schreie und zogen sie in die Fluten. Ihre Tritte und Hiebe teilten das Wasser, als sei dies nichts weiter als ein elementarer Geist.

Ein Geist!

Ihre Augen, eben noch weit aufgerissen, schlossen sich.

»Nur ein Geist«, dachte sie. »Du bist nicht da, du bist nicht wirklich. Geh weg. Du bist nur ein dummer, nichtsnutziger Wassergeist.«

Nach Luft schnappend tauchte Jana auf.

Hektisch drehte sie sich im Kreis, wischte Leuchttropfen von ihren Armen und ihrem Gesicht. Nur sie selbst war es, die das Wasser in Aufruhr brachte. Stillstehen.

Atmen. Ruhig.

Alles war wie vorher. Keine Gefahr. Nicht mehr. Das Wasser reichte ihr bis zu den Knien. Nicht hoch genug, um zu ertrinken. Alles war gut.

Jana zitterte vor Kälte und Angst – und schlimmer noch, vor Unterzuckerung.

Wie ein bleierner Anzug legte sich die Erschöpfung über Janas Körper. Ihre Beine schmerzten, jeder Schritt war eine Qual. Das Wasser schien mit Treibsand unterlegt zu sein, in dem sie zu versinken drohte. Ihre Tränen wollten nicht enden.

Warum hatten sie ihr das angetan?

 

7. Kapitel lesen…

© Nicole Rensmann 2015

In unregelmäßigen Abständen werde ich den aktuell 300 Seiten starken, noch nicht veröffentlichten Fantasy-Roman »Gewebewelten« kapitelweise veröffentlichen. Wenn dir gefällt, was du liest, freue ich mich über dein positives Feedback und/oder eine Spende. Doch auch Kritik ist erlaubt. Bitte verwende die Kommentarfunktion. Danke. Und viel Spaß beim Lesen.



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