Rezension: »Finderlohn« von Stephen King

Cover: »Finderlohn« von Stephen King / Heyne Verlag

Cover: »Finderlohn« von Stephen King / Heyne Verlag

Mein erstes Buch von Stephen King habe ich mit 15 Jahren gelesen. »The Stand – Das letzte Gefecht« hat mich in seinen Bann gezogen und gehört bis heute zu den wenigen Büchern, die ich mehrfach gelesen habe. 30 Jahre ist das her. In 30 Jahren haben wir uns alle verändert. Das merke ich jedes Mal, wenn ich ein Buch von meinem früheren Lieblingssautor aufschlage. Ich habe mich verändert. Er auch. Sein Stil gefällt mir noch, sofern er nicht – wie sein Revolvermann Roland Deschian sagen würde – ins Palavern verfällt. Doch Stephen Kings Blickwinkel richtet sich mehr und mehr auf die Bösen der Geschichte. Er beschreibt wie sie denken, fühlen, handeln, warum sie so denken, fühlen, handeln, aber dabei fehlt mir dieses meisterliche Feingefühl zwischen Gut und Böse, das ich in seinen älteren Werken liebte.

Buchinhalt

Mit »Finderlohn« greift Stephen King auf mehrere Handlungen seiner älteren Romane zurück.
»Misery« – der wahnsinnige Fan eines Autors, der nicht zufrieden mit der Fortsetzung des Romans ist. Dieser Teil der Handlung beginnt im Jahre 1978. Und dann wären noch seine Gefängnis-Geschichten wie »The Greene Mile« und »Shawshank Redemption«. Doch der Charakter im aktuellen Werk hat nicht annähernd das Rückgrat seiner früheren Protagonisten. An Sympathie fehlt Morris so viel wie einem Frosch das Haar. Und doch wendet King ähnliche Mittel an, wie bei Andy Dufresne aus »Shawshank Redemption«, um Morris im Gefängnis eine Aufgabe zu geben, die ihn unter den Gefangenen beliebt macht. Ansonsten ähneln sich Andy und Morris nicht.

Der nächsten Teil des Romans findet im Jahre 2009 statt und zwar an der Stelle, an der auch »Mr. Mercedes« begann. Exakt zu dem Zeitpunkt, wenn Mr. Mercedes das erste Mal  zuschlägt. Diesmal sehen wir den Anschlag an der Seite von Tom Sauber, der ein Stück weiter hinten in der Reihe stand. Auch alte Bekannte, die jedoch schon bei Mr. Mercedes nicht sehr alt wurden, treffen wir kurz wieder.

Die Charaktere (Achtung Mini-Spoiler!)

Tom Sauber – 2009 – wird Opfer von Mr. Mercedes. Er überlebt und wird uns als Nebenrolle begleiten. Wichtig ist sein Sohn Pete, der sich dummerweise – und ohne es zu ahnen – mit Morris (aka Morrie) einlässt.
Morris ist – das klärt sich auf den ersten Seiten und dürfte nach den obigen Zeilen klar sein – der böse Gegenspieler, der Mörder.

Die Handlungsstränge kreuzen sich, nachdem Morris aus dem Gefängnis entlassen wird. Er hat nur eins im Sinn, seine Beute auszugraben. Doch die hat Pete längst für einen guten Zweck verwendet – zumindest den baren Teil. Das literarische kostbare Werk des ermordeten Autors hat Pete komplett gelesen, eigentlich möchte er es nicht hergeben, aber seine Schwester hat einen Wunsch, den er ihr erfüllen möchte. Er versucht die Ware zu verkaufen, doch niemand darf wissen, dass er das Vermächtnis von John Rothstein gefunden hat.
Pete bietet einem Antiquar die Ware an, der – na, wer hätte das gedacht – ein Bekannter von Morris ist. Dieser Drew ist ebenfalls zwielichtig, klar.

Im zweiten Buch dieses Buches (ab Seite 195) treffen wir auf Hodges – Witwer und ein Cop im Ruhestand, den wir bereits aus »Mr. Mercedes« kennen. Hodges hat eine Firma gegründet und schnappt bei Finders Keepers böse Jungs. Ach, und Mr. Mercedes persönlich taucht auch auf.  Mehrfach. Und ich glaube, das war nicht der letzte Roman, in dem Hodges und er eine Rolle spielen.

Im Laufe der Erzählung finden alle zueinander – diese Charaktere und noch mehr. Aber ich habe schon zu viel palavert.

Langes Fazit

Das Buch an einer Stelle eines bereits erschienenen Romanes neu anzusetzen und aus einer anderen Sicht zu erzählen, finde ich toll. Stephen King ist bekannt für Querverweise zwischen seinen Romanen, doch diese eindeutige Art ist neu. Und damit endet meine Begeisterung auch (fast) schon.

Stephen King wählt keine einheitlichen Zeitformen, was das Lesen erschwert, vielleicht ist diese kurze Passage im Buch auch ein Übersetzungsfehler – ich kann es nicht beurteilen, da mir das Original nicht vorliegt. Außerdem wird Morris im nächsten Satz Morrie genannt und dann wieder Morris. Dieser Namenswechsel zieht sich durchs gesamte Buch. Methode oder Fehler? Ich fand es irreführend, es las sich falsch.

Ob nun Morris oder Morrie – die Geschichte rund um Morris Bellamy (oder Morrie Bellamy) ist langweilig und klischeehaft. Nach 200 Seiten war ich versucht das Buch zur Seite zu legen, und bis dahin hatte ich mich unendlich gequält. Doch ich wollte nicht schon wieder ein King halbgelesen ins Regal stellen. Meine ehemalige King-Fan-Seele sträubte sich dagegen, also gab ich der Geschichte noch eine Chance. Ich interessierte mich für Pete – den Jungen, der aus seinem zufälligen Fund einen eigens bestimmten Finderlohn entnommen hatte. Im zweiten Teil des Buches bekomme ich mehr von Pete und seiner Story.

Stephen King verpasst einigen Nebendarstellern eine größere Bedeutung, die ich nicht nachempfinden kann. Der Roman bietet bei all den vielen Darstellern zu wenige, mit denen ich eine Verbindung eingehen könnte, zumindest bis ungefähr S. 280. DANN nimmt das Buch an Fahrt auf. Bis dahin war es ein Kampf mit den Zeilen.

Fazit

»Finderlohn« ist ein Thriller – und ich habe noch nie gerne Thriller gelesen. Leider finde ich den Stil nicht sehr packend. Mögliche (Lektorats-/Autoren-) Fehler stören den Lesefluss. Erst in der Mitte des Romans wird es spannend und das bedeutet bei 540 Seiten Durchhaltevermögen. Eine Handvoll Zufälle in der Handlung sorgen aber auch auf den letzten Seiten dafür, dass dieses Buch kein Meisterwerk Kings ist. King hat den Sprung zur Mainstream-Literatur geschafft. Ob das gut ist oder schlecht, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Den nächsten King werde ich auch wieder lesen – aus traditionellen Gründen.

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Stephen King
Finderlohn
Roman
Originaltitel: Finders Keepers
Originalverlag: Scribner
Verlag: Heyne, September 2015
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 544 Seiten
ISBN 978-3-453-27009-1
€ 22,99

Das Buch ist auch als » MP3-CD, » Hörbuch Download und » eBook erschienen.

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Webtipps:

 

Vielen Dank an den Heyne Verlag!

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